9. Amors Erben – Neue Verbündete

August

Die Sonne zauberte ein herrliches Abendrot in den Himmel über Hamburg, als sie einige Tage später das kleine Restaurant in der Hamburger Innenstadt erreichten. Hannah hatte am Morgen vom Hotel aus mit Rokko telefoniert und mit ihm diesen Treffpunkt ausgemacht.
Einerseits freute sie sich auf das Wiedersehen – andererseits fühlte sie sich jetzt, so kurz davor, doch etwas befangen.
Wie würde Rokko wohl auf sie reagieren, wenn sie sich Angesicht zu Angesicht gegenüber standen? Würde das nicht viel zu viele traurige Erinnerungen in ihm wecken? Und würde er es vor diesem Hintergrund ertragen, sie und Alessandro als glückliches Paar zu sehen?
Sie zweifelte plötzlich daran, dass das Wiedersehen eine so gute Idee war.

Doch nun war es zu spät: Rokko bog in diesem Moment um die Straßenecke. Lachend kam er auf sie zu.
„Hannah!", er umarmte sie herzlich. Dann schob er sie einige Zentimeter von sich weg.
„Großartig siehst Du aus! Die italienische Sonne scheint Dir gut zu tun!"
Hinter Hannah räusperte sich Alessandro.
„Und Du musst Alessandro sein! Freut mich!" Rokko begrüßte den Italiener mir Handschlag.
„So, und nun lasst uns ´reingehen. Ich bin den ganzen Tag noch nicht zum Essen gekommen und habe einen Bärenhunger!"
Rokko wirkte aufgekratzt.

Er war es auch – oder vielmehr, er überspielte damit seine Unsicherheit.
Es war das erste Mal, dass es jemanden aus seinen Berliner Tagen wiedersah und Vorstellung daran hatte ihm zuvor einige schlaflose Nächte gekostet.
Bei Tisch entstand schnell eine angeregte Unterhaltung. Sie erzählten sich gegenseitig von ihren Jobs und ihrer Anfängen in der jeweils neuen Stadt.
Danach veranstaltete Rokko für seinen Besuch eine kleine Stadtführung, die er mit lustigen kleine Geschichten und Anekdoten würzte. Er schien ganz in seinem Element, aber Alessandro ließ sich nicht so leicht täuschen – er hatte vom ersten Moment an den melancholischen Unterton in Rokkos Augen gesehen.

Am Ende eines langen Abends lud Rokko das Paar noch auf einen Espresso in seine nahe Wohnung ein.
Nachdem die beiden sein Reich gebührend bestaunt hatten, machten sie sich es zu dritt in seiner Sofaecke bequem.

„Und, hast Du in der Zwischenzeit mal was von Kerima gehört?"
Hannah zog vorsichtig die Luft ein – ab jetzt bewegten sie sich auf dünnem Eis.
Sie überlegte einen Moment, bevor sie antwortete.
„Wenig, Hugo hat mir ab und zu geschrieben."
Rokko nickte. „Sind noch viele der alten Kollegen da?"
Hannah wurde unruhig. Rokko schien direkt auf einen Abgrund zusteuern zu wollen, wirkte dabei aber völlig arg- und ahnungslos!

„N-n-nein! Inka hat die Firma zusammen mit mir verlassen, Max sucht derzeit was Neues, Timo ist nach Südafrika gegangen und Sabrina nach Dubai...", Hannah holte noch mal tief Luft. Jetzt galt´s!

„...und Helga hat im Frühjahr gekündigt, gleich nachdem das mit Lisa..."

„Hannah! Ich will nichts hören von Lisa Seidel! Nicht von ihr, nicht von David, nichts von ihrer wundervollen Ehe, nichts von irgendwelchen Kindern! Du hast mir Dein Wort gegeben!"
Rokko war auf einmal erregt aufgesprungen und wandte den beiden den Rücken zu.
„Aber die beiden sind doch gar nicht verheiratet!", brach es aus Alessandro heraus. Er ärgerte sich über den unfreundlichen Tonfall gegenüber seiner Freundin und hatte darüber den eigentlichen Plan für einen Moment vergessen.

„Was?", Rokko fuhr herum.
Er sah zuerst zu Alessandro, dann starrte er Hannah mit großen Augen und offenem Mund fragend an. Konnte es stimmen, was er da eben gehört hatte? Nein, seine Sinne mussten sich täuschen.

Hannah hatte sich bei Rokkos plötzlichem Ausbruch doch ein wenig erschrocken und konnte nun nur mühsam seinem Blick standhalten.
Sie sah kurz zu Alessandro hinüber.
Ok, der Plan, Rokko vorsichtig auszuhorchen, war gescheitert – die Reaktion aber war wohl eindeutig. Also weiter zu Plan B?

„Soll – soll ich Dir die ganze Geschichte erzählen?"
Rokko ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. Er war immer noch fassungslos. Ein stummes, langsames Nicken war seine ganze Antwort.

„Also. Ich kenne keine Details, aber soweit ich weis, hat es sich wohl folgendermaßen abgespielt: Irgendwo in der Südsee – ich glaube auf Tahiti – hatte David nichts besseres zu tun als sich irgend so ein Strandhäschen mit aufs Boot zu nehmen und zu vernaschen. Lisa hat ihn dabei erwischt und ist daraufhin für Wochen spurlos verschwunden gewesen. Das war, glaube ich, im Dezember."
Rokko stöhnte leise und schloss die Augen.
„Hat er Dir also doch wieder Dein Herz gebrochen, kleine Lisa?"

„Im Frühjahr ist sie dann wieder für ein paar Wochen in Berlin aufgetaucht. In der Zeit stellte sich dann auch heraus, dass sie und David nie rechtmäßig verheiratet waren, weil sie sich nie standesamtlich haben trauen lassen."
Die standesamtliche Trauung? Rokko erinnerte sich. Es hatte ihn damals Tage gekostet, den Pfarrer zu überreden. Erst als er ihm alle Schreiben und Bestätigungen aus Kanada vorgelegt hatte, war dieser einverstanden, die kirchliche Trauung auch ohne die standesamtliche Urkunde vorzunehmen.
„Die standesamtliche Hochzeit nicht nachzuholen – so blöd kann auch nur ein David Seidel sein!", dachte er bei sich, "Aber wer weiß, vielleicht hat David dieses „Detail" auch absichtlich vergessen – zuzutrauen wäre es ihm!"

„Und kurz danach hat Lisa Berlin verlassen – wohin, wissen wahrscheinlich nur die Plenskes und die sagen nichts!"
Hannah verschwieg instinktiv, dass auch sie und Alessandro in Besitz von Lisas Adresse waren – irgendwie hatte sie das Gefühl, das es dafür noch zu früh war.

Kurze Zeit später schlenderten Hannah und Alessandro zu Fuß zum Hotel zurück. Sie waren bald nach ihrem Bericht bei Rokko aufgebrochen, da dieser in ein tiefes Schweigen gefallen war.
Jetzt berieten sie, was als nächstes zu tun war.
„Er liebt sie immer noch – das ist wohl offensichtlich!"
Hannah nickte. „Und Lisas Gefühle für ihn haben sich auch nicht verändert – sonst würde sie sich doch nicht so verkriechen."
„Ich habe morgen ein paar Seminare – was hältst Du davon, wenn Du morgen nach Hannover fährst und ihr ein bisschen auf den Zahn fühlst?"
„Und wie erkläre ich ihr, woher ich ihre Adresse habe?"
„Keine Ahnung, Dir wird schon was einfallen!"

Hannah dachte nach und nickte dann langsam. „Ok, ich mach's!"

Am nächsten Morgen nahm sie den Bummelzug nach Hannover. Dort angekommen nannte sie die Adresse einem Taxifahrer und staunte nicht schlecht, als dieser kurze Zeit darauf vor einer herrschaftlichen Villa hielt. Hannah bezahlte und blieb erstmal unschlüssig vor diesem riesigen Anwesen stehen.

„Zu wem möchten Sie?"
Eine alte Dame war aus dem Garten getreten und sah sie freundlich an.
„Ich, äh... Mein Name ist Hannah Reffrath. Ich bin eine alte Arbeitskollegin von Lisa Plenske aus Berlin und wollte sie besuchen."
„Oh, das tut mir leid, Lisa ist auf Geschäftsreise und wird nicht vor morgen zurückerwartet."
Olga wühlte derweil in ihrem Gedächtnis, um den Namen zuzuordnen. Hannah Reffrath, natürlich! Die Auszubildende von Kerima! Sie sah sich die junge Frau näher an. Sie schien freundlich und offen zu sein und so entschloss sich Olga, sie etwas näher kennen zu lernen.

„Aber wo Sie jetzt schon den weiten Weg hier hinaus hatten – was halten Sie davon, mit mir eine Tasse Tee zu trinken?
Mein Name ist übrigens Olga Johanson – ich bin so was wie Lisas Herbergsmutter."
Hannah nahm die Einladung etwas verwirrt an, beschloss aber, die Sache einfach auf sich zukommen zu lassen.

Die alte Dame führte sie auf eine Terrasse hinter dem Haus und kurz danach servierte eine junge Frau Tee und Gebäck.
„Sie kennen Lisa also aus Berlin?"
Hannah nickte.
„Und waren Sie auch bei ihrer Hochzeit mit David Seidel dabei?"
Jetzt starrte sie die alte Dame verblüfft an! Wie viel wusste sie?
Olga lachte leise, sie schien Hannahs Gedanken gelesen zu haben.
„Wir können ganz offen sprechen, Frau Reffrath, ich kenne Lisas Geschichte – die ganze Geschichte!
Und lassen Sie mich raten. Sie sind gekommen um herauszufinden, ob Lisa David noch hinterher trauert – oder einem anderen Mann…?"
Hannah sah ihr Gegenüber einen Moment lang verwundert an, dann nickt sie. Sie beschloss, offen zu sein.

„Ich war eine von Lisas Brautjungfern für die Hochzeit mit Rokko Kowalski – und ich bin auch mit in der Kirche gewesen, als sie David geheiratet hat. Heute weiß ich, dass das falsch war.
Ich hätte wenigstens versuchen sollen, Lisa aufzuhalten – nur damals habe ich mich nicht getraut.
Zumindest hätte ich mich um Rokko kümmern sollen, aber ich habe mich einfach von den anderen mitziehen lassen.
Zum Glück hat Rokko meine Entschuldigung jetzt angenommen und...", weiter kam sie nicht. Olga hatte sich vorgebeugt und war ihr ins Wort gefallen: „Was? Sie haben Kontakt mit ihm?"

„Ja! Ich habe ihn gestern getroffen. Er lebt jetzt in Hamburg – und wie ich ihn erlebt habe, vermisst er Lisa schrecklich. Als ich ihm erzählt habe, was in der Zwischenzeit in Berlin passiert ist, war er vollkommen schockiert!"
„So nah ist er? Und ich habe Gott weiß wo nach dem jungen Mann gesucht! Bitte erzählen Sie mir alles!", Olga klatschte entzückt in die Hände.
Also berichtete Hannah von dem Besuch von Alessandro und ihr bei Rokko. Seiner neuen Arbeit, seiner Einsamkeit und seiner heftigen Reaktion auf die Neuigkeiten aus Berlin.
Und auch vom gemeinsamen Plan von Alessandro und ihr, die beiden wieder zusammenzubringen. Olga nickte.
„Gut, dann haben sie jetzt eine dritte Mitkämpferin in dieser Sache.
Ich beobachte Lisa nun schon seit Monaten und ich bin mir sicher, dass sie ihren Rokko immer noch nicht vergessen hat.
Aber sie schämt sich viel zu sehr, um den ersten Schritt zu machen!
Und dieser Rokko Kowalski wird nach dem Erlebnis im September zu stolz sein, sich Lisa noch mal zu nähern!
Nun gut, dann werden wir den beiden wohl auf die Sprünge helfen müssen!"

Olgas Augen funkelten. „Ich habe da auch schon einen Plan!" Sie grinste verschwörerisch.
„Wenn Sie einverstanden sind, werde ich an dieser Stelle – wie sagt man so schön – „Den Ball aufnehmen!""
Dann steckten die beiden Frauen die Köpfe zusammen und Olga unterbreitete Hannah ihre Idee. Hannah war hellauf begeistert!

Sie verabredeten, dass Hannah den Kontakt zu Rokko aufrechterhalten und Olga regelmäßig Bericht erstatten sollte.
Damit Lisa nicht zufällig auf den Umschlägen Hannahs Namen finden würde, machten sie aus, Alessandros Namen anzugeben – dieser war Lisa unbekannt.
Und während Hannah Rokko im Auge behielt, wollte Olga von Hannover aus „den Köder auswerfen"!

Nach zwei Stunden verabschiedeten sich die beiden Frauen herzlich. „Und nicht vergessen, wir können zu diesem Zeitpunkt nur Ihren Alessandro einweihen! Sonst zu keinem ein Wort!", schärfte Olga ihrer jungen Mitverschwörerin ein, als sie sie zum Wagen begleitete. Hannah nickte – diese Geschichte machte ihr Spaß!

Als der Wagen abgefahren war ging Olga in ihr Büro. Aus einem Fach in ihrem Sekretär zog sie ein paar vergilbte Manuskripte.

Sie strich zärtlich über die leicht verblasste Schrift und lächelte. Ihr Vater hätte an dieser kleinen Verschwörung sicher seine helle Freude gehabt.