10. Neue Aufträge und alte Geschichten

September

Rokko stiefelte mit Brötchentüte und Aktentasche bewaffnet fröhlich pfeifend ins Büro. Seine Mitarbeiter waren heilfroh, dass er seine gute Laune wieder gefunden hatte.

In der zweiten Augusthälfte war er nur maulig und wortkarg im Büro aufgekreuzt und blaffte jeden an, der ihm zu nah kam. Rokkos Gedanken waren in dieser Zeit fast ununterbrochen mit dem beschäftigt, was er kurz zuvor von Hannah und Alessandro erfahren hatte.

Er wusste nicht, wie er darauf reagieren solle und fühlte sich vollkommen hilflos.
Am schlimmsten war jedoch der ersten September gewesen – nur André wusste, dass Rokko an diesem Tag eigentlich seinen ersten Hochzeitstag gefeiert hätte.
An diesem Abend saßen die beiden Männer lange zusammen und Rokko war endlich er Lage gewesen, sich alles, was er in den letzten Wochen erfahren hatte, von der Seele zu reden.
Nach diesem Gespräch war ihm klar geworden, dass er nichts unternehmen würde.
Lisa tat ihm unendlich leid und er hätte sie gerne in dieser Situation getröstet, aber er war es seinem Seelenheil auch schuldig, sich nicht gleich wieder in gefährliches Fahrwasser zu manövrieren.
Das Erlebnis in Hannover hatte ihm gezeigt, wie verwundbar er noch in Sachen Lisa war.
Also beschloss er, bis auf weiteres abzuwarten und sein normales Leben wieder aufzunehmen.

„Herr Kowalski?", Andrés Sekretärin kam ihm in der Lobby entgegen, „Herr Feuerbach möchte sie dringend sprechen!"
„Jetzt sofort?"
„Sobald Sie da sind, hat er gesagt!"
„Gut, ich bringe nur noch meine Tasche ins Büro und gehe dann direkt zu ihm rüber."

Kurze Zeit später klopfte Rokko an die Tür seines Freundes und trat nach einem kurzen „Herein!" in das Büro.
André telefonierte noch und so setzte er sich leise auf einen der Besuchersessel vor dem Schreibtisch.

„Ja, Frau Johanson, ich freue mich wirklich sehr über die Zusammenarbeit! – Ja, der ist gerade in mein Büro gekommen. – Nein, das denke ich nicht. – Wie? Ja ich melde mich dann umgehend bei Ihnen, sobald die Entscheidung steht. – Gut, vielen Dank! – Ja, das wünsche ich Ihnen auch! Auf Wiederhören!"

Lächelnd legte André den Hörer auf und strahlte Rokko ins Gesicht.
„Du wirst nicht glauben, was passiert ist!"
„Also, Deinem Grinsen nach zu urteilen, hast Du einen ziemlich fetten Fisch an der Angel!"
„Das, mein lieber Rokko, ist die Untertreibung des Jahrhunderts!"
Er stand auf und zog einige Bücher aus einem Regal.
André besaß eine beeindruckende Sammlung von Büchern – Kinderbücher, wie Freunde oft grinsend bemerkten. „Berufsbedingt.", konterte er darauf meistens.

„Hier! Deine neue Aufgabe!", er drückte Rokko die Bücher in die Hand.
„Was ist das?", er sah auf den obersten Band und las den Titel: „Anna und die Rasselbande".
„Ein Klassiker! Hat mich über zwei Jahre gekostet, diese Ausgaben zu besorgen."

„Und was bitteschön haben diese Kinderbücher jetzt genau mit mir zu tun?"

„Ersten: Das sind nicht irgendwelche Kinderbücher, sondern Legenden! Die haben zwischen den 20er und 50er Jahren in jedem Kinderzimmer gelegen.
Zweitens: Eine ganze Menge! Der Verlag plant, zum 50sten Todestag des Autoren eine Neuauflage herauszugeben – und wir sollen parallel dazu die Hörbücher entwickeln.
Das ist eine Riesengeschichte!
Seit fast 50 Jahren sind die Manuskripte bei den Erben unter Verschluss, keiner hat damit gerechnet, dass sie noch einmal neu verlegt werden.
Und dass der Verlag für die Hörbuch-Version auf uns gekommen ist, ist für uns ein unglaubliches Glück!
Diese Sache, wenn wir sie denn gut hinbekommen, wird uns tonnenweise neue Aufträge bringen!"

„Schön! Aber Du hast mir noch immer nicht gesagt, was ich direkt damit zu tun habe."

„Tja, das ist allerdings etwas merkwürdig!", André rieb sich das Kinn und setzte sich wieder, „Die Verlagschefin Olga Johanson, die gleichzeitig die Erbin des Autoren ist, bestand darauf, dass unser PR-Chef, also Du, die komplette PR für Bücher und CDs entwickelt und koordiniert. Sie scheint Dich irgendwo her zu kennen.
Jedenfalls: ohne Deine Zusage gibt es keinen Deal!"
André sah seinen Freund erwartungsvoll an.
„Ich würde Dich natürlich von allen andern Projekten abziehen, damit Du genug Luft hast! Also, was sagst Du?"

Rokko dachte einen Moment nach. Er nahm das oberste Buch zur Hand, blätterte ein wenig darin, las hier und da ein paar Zeilen.
Er merkte, wie ihm die ersten Ideen für die Kampagne durchs Gehirn schossen.
Er hob den Kopf.
„Wie viel Zeit?"
„Bis Ende des Jahres muss das Konzept stehen. Erscheinungsdatum ist September nächsten Jahres, kurz vor der Buchmesse."
Rokko dachte noch einen Moment nach und grinste dann: „Ok. Ich wüsste zwar nicht, woher mich diese Johanson kennt – aber ich mache es!"
Irgendwie freute er sich auf diese Aufgabe. Sicher, es kam eine Menge Arbeit auf ihn zu, aber das würde ihm vielleicht dabei helfen, nicht an Lisa zu denken.

Im Verlag war die Entscheidung der „Generalin" wie ein Lauffeuer herumgegangen. Die Bücher ihres Vaters hatten den Grundstein des Erfolges des Unternehmens gebildet und waren so etwas wie die „Heilige Kuh" der Firma.
Alles rätselte, was die alte Dame wohl dazu gebracht hatte, die Neuauflage zu veranlassen.
Noch mehr verwunderte allerdings, dass der kreative Teil nicht von einer Agentur vor Ort, sondern von einem Studio in Hamburg übernommen werden sollte.
Aber Olga ließ sich von niemandem, auch von Lisa nicht, in die Karten schauen. Sie kümmerte sich ganz allein um dieses Projekt.
Lisa deckte sie mit anderen Aufgaben ein.
Es musste auf jeden Fall vermieden werden, dass sie oder Rokko zu diesem Zeitpunkt herausbekamen, wer hinter dem Firmennamen des jeweils anderen Vertragspartners verborgen war.

Rokko wunderte sich derweil darüber, welche Schreibwut bei Hannah zu Tage trat. Fast jeden dritten Tag hatte er eine Mail von ihr auf dem Rechner, in der sie sich nach seinem Job und seinem Leben erkundigte. Er kam zwar kaum mit dem Schreiben hinterher, berichtete ihr aber artig regelmäßig aus seinem Leben.
Hannah in Mailand filterte die Informationen und leitete alles Wissenswerte nach Hannover weiter. So kannte Olga bereits lange vor ihrem Kennenlernen Rokkos Tagesablauf und Arbeitsweise.

Rokko ahnte von alle dem nichts.
Von morgens bis abends saß er in seinem Büro und arbeitete an seinem neuen Projekt.
Aus seiner Abteilung stellte er ein Team von vier Personen zusammen, das mit ihm die Pläne ausarbeitete.
Zu der Mannschaft gehörte auch der junge Hannoveraner Grafiker Jens Böttcher, den er im Juni angeworben hatte.
Von ihm erfuhr Rokko so einiges vom Traditionsunternehmen Johanson und die „Generalin".

Bei ihren Mitarbeitern war sie sehr beliebt und da sie bereits Mitte 70 war, machten sich viele ihrer Angestellten in letzter Zeit Sorgen, wie es weitergehen würde, wenn sie sich aus dem Geschäft zurückziehen sollte. Einen direkten Erben gab es nicht.
In Hannover gehörte Olga Johanson zu den Honoratioren der Stadt und galt als leicht exzentrisch.
Zu dieser Information passte die Art, wie Rokko der alten Dame die Fortschritte seiner Arbeit meldete:
Zwei Mal in der Woche fuhr der Fahrer der Verlegerin in einer dunklen Limousine vor und holte die Graphiken und schriftlichen Erläuterungen des PR-Teams ab.
Rokko kannte den Wagen von irgendwo her, konnte ihn aber trotz Kopfzerbrechen nicht einordnen.

Wie konnte er auch erahnen, dass Olga hier ein kleiner Fehler unterlaufen war, da sie von dem Wiedersehen von Lisa und Rokko in Hannover nie etwas erfahren hatte.