11. Lancelot & Guinevere oder Benedikt & Beatrice?
Oktober
Im Oktober hielt
Olga die Zeit für gekommen, sich Lisas Rokko näher
anzusehen. Seine Entwürfe und Ideen gefielen Olga ausnehmend
gut. Nun wollte sie sehen, was für ein Mensch hinter diesem
kreativen Kopf steckte.
Und sie wollte sich selbst davon
überzeugen, dass er noch Gefühle für ihre Lisa hatte
und dass ein Wiedersehen ihr nicht nur unnötig Schmerzen
bereiten würde.
Dank Hannah war sie insofern informiert,
dass dieser junge Mann nicht nur in seinen Ideen ungewöhnliche
Wege ging, sondern auch in seinem Erscheinungsbild eher auffällig
war - und dass es auch keine neue Frau in seinem Leben gab.
Laut
Hannahs Aussage schien er zurzeit sogar auf das Thema Frauen und
Beziehungen in Zusammenhang mit seiner Person geradezu allergisch zu
reagieren!
Olga hob den Kopf, denn in diesem Moment hatte
Lisa geklopft und war in ihr Büro gekommen.
„Ah, Lisa!
Schön, dass Du da bist! Du wirst mich morgen in der Sitzung
vertreten müssen – ich muss nach Hamburg!"
„Gut,
welche Unterlagen brauchst Du?" Es gehörte zu Lisas Aufgaben,
Olgas Papiere für wichtige Geschäftstermine
zusammenzustellen.
„Lass nur, das mache ich diesmal selber!"
Nicht auszudenken, wenn Lisa jetzt in den Unterlagen den Namen
Rokko Kowalski entdeckt hätte!
Lisa sah ihre Chefin
verwundert an. „Gut, wenn Du meinst!"
„Ich werde über
Nacht bleiben. Wärst Du so gut, für mich und den Chauffeur
die Hotelzimmer zu buchen?"
„Natürlich!", Lisa verließ
geschäftig das Büro und Olga lachte in sich hinein: Lisa
hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was vorging!
Diesen Robert Konrad Kowalski würde sie auf Herz und Nieren prüfen – schließlich sah sie in Lisa schon längst so etwas wie ihre eigene Enkeltochter!
Die Konferenz war für den
nächsten Morgen um 11 Uhr angesetzt. Das Team sollte seine
bisherigen Ergebnisse präsentieren.
Rokko war verblüfft,
als die Verlegerin den Besprechungsraum betrat. Das sollte die
exzentrische Millionärin Olga Johanson sein?
Die Frau, die
nun reihum die Anwesenden mit einem freundlichen Händedruck
begrüßte und sich es dann in einem der Sessel bequem
machte, erinnerte ihn eher an eine liebe Oma auf dem Weg zu einem
Kaffeekränzchen!
Es dauerte einen Moment, bis er sich gefangen hatte, dann legte er los.
Olga beobachte den jungen
Mann interessiert.
Mit seinem gepflegten Bärtchen und der
bunten Kleidung erinnerte er sie eher an einen Freibeuter als an
einen Geschäftsmann.
Aber seine Ausführungen waren
präzise und auf den Punkt – er wusste, wovon er sprach!
Und
auch wie er sprach, war sehr interessant: Immer wieder lockerte er
die kalte Zahlen, Statistiken und Fakten mit kleinen Anekdoten und
Vergleichen auf, die sein Publikum zum Schmunzeln brachte.
Sein
Vortrag war mitreißend und die dunklen Augen schossen immer
wieder funkelnde Blitze in den Raum – ja, dieser junge Mann
verstand, zu verkaufen!
Nach einer dreiviertel Stunde hatte Rokko seinen Vortrag beendet und ließ sich etwas erschöpft in seinen Sessel fallen. Er grinste übers ganze Gesicht. Er wusste, dass er einen guten Job abgeliefert hatte.
Alles sah
nun auf Olga. Diese lachte, klatschte kurz in die Hände und
wandte sich dann an André.
„Also, Herr Feuerbach, was
Ihre Mitarbeiter in dieser kurzen Zeit auf die Beine gestellt haben –
Respekt!
Was soll ich viele Worte machen – unser Vertrag
steht!"
Sie reichte dem Studioeigner die Hand. Diese
Kooperation war in trockenen Tüchern! Und auch Rokkos Team
atmete erleichtert auf.
Rokko Kowalski war eine Meister
seines Fachs und eine sympathische Erscheinung, soviel wusste Olga
jetzt.
Jetzt galt es, dem Menschen Rokko auf den Zahn zu fühlen.
Dabei kam ihr André Feuerbach unerwartet zur Hilfe.
„Frau
Johanson – ich freue mich von Herzen!
Darf ich Sie im Gegenzug
heute abend im Namen des Studios zum Essen einladen? Ich selber bin
leider verhindert, aber unser PR-Chef Herr Kowalski wird mich sicher
gerne vertreten!", Rokko lächelte sie mit einer kurzen
Verbeugung charmant an.
„Sehr gerne, ich freue mich!", sie
reichte nun auch Rokko erneut freundlich die Hand.
Am Abend
entführte Rokko die alte Dame in ein französisches
Restaurant – er hatte noch keine Ahnung, was ihm bevor stand!
Beim
Essen plauderten sie angeregt. Zunächst über das gemeinsame
Projekt, dann wechselte Olga vorsichtig das Thema und versuchte so,
ihn aus der Reserve zu locken.
Rokko wunderte sich ein wenig
– Klassische Liebespaare in der Literatur!
Nun gut, die alte
Dame schien ein Faible dafür zu haben!
So ließ er sich
auf das Gespräch über Tristan & Isolde, Lancelot &
Guinevere und Romeo & Julia ein.
„Ach wissen Sie, Herr
Kowalski,", meinte Olga nach einer Weile, „so schön diese
tragischen Geschichten in gewisser Weise sind – ich persönlich
ziehe ein Happy End vor!
Wenn zwei Menschen sich lieben, sollten
sie auch zueinander finden!
So wie in Shakespeares „Viel Lärm
um nichts". Benedikt & Beatrice und Claudio & Hero.
Was
meinen Sie?"
Rokko verschluckte sich am Wein und schaffte
es grade noch rechtzeitig, sich die Serviette vor den Mund zu halten,
bevor er husten musste.
Olga beobachtete ihn amüsiert.
Volltreffer! Sie hatte ihn aus dem Konzept gebracht.
„Nun,
äh..., wenn die Gefühle auf Gegenseitigkeit beruht, ist das
wohl die Regel, ja!"
„Und was ist, wenn einer der beiden den
rechten Weg verliert? Von Intrigen verführt wird? Oder sich in
seinen Gefühlen verzettelt?", fragte Olga.
Auf was zum Teufel wollte diese alte Dame hinaus?
„In letzterem Fall ist es dann wohl besser, die ganze Sache sein zu lassen.", antwortete er energisch.
„Herr Kowalski, Sie verwundern mich! Sie scheinen mir nicht der Typ Mann zu sein, der schnell aufgibt!"
Rokko lachte leise, hatte aber einen bitteren Zug
um seinen Mund.
„Nein, das bin ich auch nicht. Aber es gibt
Situationen, in denen es besser ist, das Feld zu räumen um sich
noch mehr Schmerz zu ersparen – auch wenn man dabei auf das große
Glück verzichten muss!"
Olga lehnte sich nun leicht vor und sah dem jungen Mann in die Augen:
„Und? Erspart man sich auf diese Art auch wirklich den Schmerz?"
Er starrte
einen Moment in ihre porzellanblauen Augen.
Wie auch Lisa einige
Monate zuvor hatte er das Gefühl, die alte Dame konnte ihm bis
auf den Grund seiner Seele sehn.
Rokko konnte gar nicht anders,
als ihr eine aufrichtige Antwort zu geben.
„Nein, es zerreißt
einem trotzdem das Herz!", sagte er ernst.
Die nächsten
Minuten verbrachten sie schweigend.
Rokko bemühte sich
angestrengt, seine Fassung wiederzufinden. Er hatte eben mit wenigen
Worten sein Seelenleben dieser doch Unbekannten zu Füßen
gelegt! Das war ihm noch nie passiert!
Er fühlte sich
befangen, aber auch irgendwie erleichtert – es war, als hätte
sie einen Teil seines Kummers von seinen Schultern gewälzt.
Olga lächelte still in sich hinein. Sie konnte Lisas
Gefühle für Rokko nun nur zu gut verstehen.
So
vorwitzig und selbstbewusst er sich während der Sitzung
präsentierte, so verletzbar und menschlich zeigte er sich jetzt.
Sie konnte sich kaum zwei Menschen vorstellen, die besser zueinander passten und sich mehr liebten als ihre Lisa und dieser junge Mann. Wie stark Lisas Liebe zu ihm war, das wusste sie. Und wie sehr auch er diese Liebe erwiderte, hatte die alte Dame eben in seinen Augen gelesen.
Und wenn sie die ganze Welt dafür auf den Kopf stellen müsste, sie, Olga Johanson, würde dafür sorgen, dass diese beiden Menschen eine gemeinsame Zukunft hatten!
Nach einer Weile legte sie ihre Hand beschützend
auf die seine und lächelte ihn großmütterlich an:
„Aber vielleicht ist der Schmerz auch nur eine Prüfung und
das große Glück kommt wieder zurück?"
Rokko
nickte langsam.
„Dann muss man dem Stern wieder folgen, weil es
gar nicht anders geht!" antwortete er ruhig.
