13. Stille Nacht

Dezember

Olgas Glück war ihr hold – in den kommenden vier Wochen drang keine Information über Johansons neue Geschäftsführerin nach Hamburg.
Das war die ganze Zeit der gefährliche Abschnitt ihres Plans gewesen. Ihr kam allerdings zu Hilfe, dass Rokko noch seinen Jahresurlaub abfeiern musste und Hannah ihn für 2 ½ Wochen nach Italien einlud.
Dann kam die Weihnachtszeit – eine Zeit, in der ohnehin traditionell die eine oder andere Information unterging.

Die Festtage kamen und gingen.
Olga hatte die Plenskes nach Hannover eingeladen, um Lisa es zu ersparen, sich gerade in diesen besonderen Tagen des Jahres Zuhause mit der Vergangenheit auseinander setzen zu müssen.
Sie verlebten ruhige Tage und am letzten Samstag des Jahres reisten die Eltern wieder ab.

Sonntagmorgen kam Lisa wie gewohnt zu einem späten Frühstück bei Olga ins Haus.
Als sie das Zimmer betrat, saß die alte Dame bereits am Tisch und begrüßte sie freudig.
„Ah, Lisa, schön dass Du da bist! Du musst mir einen Gefallen tun!"
„So, was gibt es denn?", Lisa setzte sich und angelte nach der Kaffeekanne.
„Du müsstest morgen für mich nach Hamburg fahren. Die letzten Graphiken müssen durchgesprochen werden und ich bin hier unabkömmlich."
„An Sylvester? Hat das nicht Zeit bis ins neue Jahr?"
„Nein, leider nicht. Wir haben die ersten Probedrucke für übernächste Woche auf dem Plan und die Zeit ist durch die Feiertage sowieso etwas knapp geworden. Du kannst meinen Wagen nehmen, dann bist Du abends wieder zu Hause!"
„Gut, wenn Du meinst!"

Am nächsten Morgen startete Lisa also in Richtung Hamburg. Während der Fahrt wollte sie sich Durchsicht der Unterlagen auf das Meeting vorbereiten. Olga hatte diese so präpariert, dass nirgends der Name Rokko Kowalski auftauchte. Das war zwar nicht ganz korrekt, musste aber sein.
Beide durften vorher nicht wissen, dass sie sich wiedersehen sollten. Zu groß war die Gefahr, dass sie aus Angst oder falschem Stolz dieser Begegnung auswichen. Sie mussten sich zuerst wieder in die Augen sehen können!

Pünktlich betrat Lisa in Hamburg das Studio und wurde von André Feuerbach freundlich begrüßt.
„Frau Plenske, schön Sie kennen zulernen! Frau Johanson hat mich informiert, dass Sie sie heute vertreten."
André kannte Rokkos große Liebe nur unter dem Namen „Lisa", ihren Nachnamen hatte er nie erfahren.

„Mein PR-Chef wird sicher auch gleich kommen. Hatten sie eine gute Fahrt?", die nächsten Minuten vergingen mit Small Talk.
Dann betrat Rokko geschäftig den Raum: „Entschuldigt die Verspätung, ich habe nur noch kurz die letzten Entwürfe aus Jens´ Büro geho...".

In diesem Moment blickte er hoch und hatte das Gefühl, mit hundert Stundenkilometer ungebremst gegen eine unsichtbare Wand zu prallen. Er sah direkt in Lisas innig geliebte, azurblaue Augen.
Wie betäubt sank er in einen Sessel und starrte in die Luft. Er war zu keinem klaren Gedanken mehr fähig.

Auch Lisa stand unter Schock. Er war hier, nach all der Zeit! Vorsichtig wagte sie einen Seitenblick zu ihm hinüber.
Er sah immer noch so gut aus wie damals – vielleicht sogar noch besser. Er trug wieder Bart. Aber statt dem Schnauzer von damals war es heute ein sorgfältig gestutzter 3-Tage-Bart, der ihm ein verwegenes Aussehen gab.
Sein Gesicht schien kantiger geworden zu sein und seine Kleidung weniger bunt zusammengewürfelt. Mit einem leisen Lächeln entdeckte sie, dass er eine Angewohnheit beibehalten hatte: die schmale Krawatte war wie eh und je unter dem Hemd geknotet.

André indes begann ein ganz normales Konferenzgespräch – oder er versuchte es zumindest! Aber seine Gesprächspartner schienen sich geistig in einem anderen Universum zu befinden.
Elisabeth Plenske saß in ihrem Sessel zusammengesunken wie ein verschrecktes Kaninchen und knetete ihre Finger.
Sein PR-Chef starrte wortlos das Bild auf der gegenüberliegenden Wand an, als wollte er es hypnotisieren.
Was zum Teufel war hier los? Nachdem André mehrere Versuche gestartet hatte, ein Gespräch zu führen und sowohl von Rokko als auch von Lisa nur tiefes Schweigen erntete, schnappte er sich seinen PR-Chef und zog ihn fast am Kragen aus dem Büro.

Draußen stelle er ihn zur Rede:
„Rokko, was um alles in der Welt war da drinnen los mit Dir? Wir wollen was verkaufen und Du machst einen auf schweigende Auster! Das ist doch sonst nicht Deine Art!"
„Du bist gut – wunderst Du Dich wirklich, dass es mich umhaut, wenn Lisa plötzlich wieder vor mir steht?"
„Lisa, wieso Lisa? Das ist die neue Geschäftsführerin von Olga Johanson, Elisabe…", in diesem Moment ging André ein ganzer Kronleuchter auf und er wurde leichenblass, „DAS ist Lisa?"

„Ja verdammt!," ,Rokko ging unruhig auf und ab und strich sich durchs Haar, „Du, ich kann da jetzt nicht wieder ´rein. Ich muss das erst mal verdauen!"
André überlegte: „Gut, irgendwie kriege ich das hin. Ich werde mir irgendeine Entschuldigung für Dich ausdenken. Ich glaube zwar kaum, dass sie mir glaubt, aber gut. Geh Du nach Hause! Wir telefonieren!"
André ging ins Büro zurück und Rokko zog seine Jacke an und verschwand. Ein Spaziergang würde ihm jetzt gut tun!

Lisa hatte blass und schmal ausgesehen – und traurig! Ob er der Grund dafür war? Rokko zwang sich, diese Überlegungen wegzuschieben, aber es gelang ihm nicht!
So kreisten seine Gedanken in den nächsten Stunden um Lisa und ihre schönen gemeinsamen Tage in Berlin.

Mehr schlecht als recht brachte André die Besprechung mit Lisa über die Bühne. Sie bemerkte dies jedoch nicht einmal – zu sehr war sie in Gedanken mit dem Wiedersehen beschäftigt.

Nach einer Stunde verabschiedeten sie sich. Auch Lisa entschloss sich, einen Spaziergang zu machen um den Kopf freizubekommen. Sie ließ sich vom Fahrer in einen nahen Park fahren. Dann gab sie ihm für die nächsten Stunden frei. Es dauerte Stunden, bis sie wieder einigermaßen klar denken konnte.

Als Olgas Chauffeur sie wieder einsammelte und sie gemeinsam die Rückfahrt antraten, war es bereits früher Abend.
Im Auto holte Lisa ihr Handy heraus und rief Olga an.
„Olga, hast Du gewusst, dass Rokko Kowalski hier ist?"
„Ja, sicher!", antwortete die alte Dame milde.
„Warum hast Du mir nichts gesagt?"
„Wärst Du gefahren, wenn Du es gewusst hättest?"
Lisa hielt einen Moment inne: „Nein."
„Lisa,", Olgas Stimme wurde sanft, „Du wolltest eine Chance, Deinen Rokko um Verzeihung zu bitten. Jetzt hast Du sie! Wann, wenn nicht jetzt?"
„Aber er ist gleich davongelaufen! Er wollte mich nicht sehen!", aufgelöst berichtete Lisa Olga, was sich wenige Stunden zuvor zugetragen hatte.
„Lisa, das war der erste Schreck! Und auch wenn er immer noch böse auf Dich ist: Du musst Dich dem stellen, sonst geht es nie vorbei! Das weißt Du doch auch, oder?"
„Aber ich weiß doch nicht mal, wo er wohnt!", flüsterte sie leise und klammerte sich damit an den letzten Rettungsanker, um der Aussprache aus dem Weg zu gehen.

Lisa hörte Olga durch das Telefon lächeln: „Du hast seine Adresse! Ich habe sie in Dein Handtasche gelegt."
Hektisch riss Lisa ihre Handtasche auf und fand ganz unten einen weißen Zettel, auf dem in Olgas zierlicher Handschrift eine Hamburger Anschrift notiert war.

Sie passierten gerade einen Vorort von Hamburg und Lisa sah in der Nähe eine S-Bahn-Station.
„Halt!" , rief sie laut und der Chauffeur fuhr verwundert an den Straßenrand.
Lisa atmeten tief durch: Ja, sie wusste jetzt, was sie zu tun hatte. Plötzlich war alles klar.
Sie flüsterte noch ein liebevolles „Danke für alles!" ins Telefon, legte auf, griff ihre Handtasche und stieg aus.
Sie beugte sich noch kurz zur Fahrertür hinunter und bat den Chauffeur, die Unterlagen im Fond an Olga Johanson zu übergeben, dann rannte sie in Richtung der S-Bahn, die gerade in die Haltestelle einfuhr.
Noch bevor Lisa den rettenden Unterstand an den Gleisen erreicht hatte, setzte ein schwerer Eisregen ein und durchnässte sie innerhalb von Sekunden bis auf die Knochen. Aber das war ihr gleich!

Eine halbe Stunde darauf erreichte die S-Bahn den Hauptbahnhof.
Lisa hatte Glück – die Touristeninformation war noch geöffnet. Zähneklappernd fragte sie nach der Adresse auf dem Zettel.
Der junge Mann an der Auskunft schaute sie zwar etwas verwundert an, gab ihr aber die entsprechenden Informationen und zeichnete ihr den Weg auf einer Karte ein.
Es war nicht weit und das letzte Stück würde sie laufen können.

Als Lisa an der notierten Haltestelle aus dem Bus stieg orientierte sie sich kurz und begann dann zu laufen.
Sie konnte gar nichts dagegen tun, dass ihre Beine immer schneller wurden. Es war, als könnte sie sie gar nicht mehr kontrollieren.
Wie ein gehetztes Tier jagte sie durch die einsetzende Dunkelheit.

„Lisa, Du musst wahnsinnig sein!", meldete sich ihre Vernunft, als sie die Straßen hinunter rannte, "Er wird sicher schon eine neue Frau an seiner Seite haben!".
Aber ihr Herz war sich gewiss, dass er keine neue Liebe hatte.

Rokko würde sie wegstoßen, davon war sie genauso überzeugt. Zu oft hatte sie ihm weh getan! Aber sie wollte, sie musste ihm Abbitte leisten. Das war sie ihm schon so lange schuldig.

Ihre Absätze hämmerten über den Asphalt und bildeten mit dem Klopfen ihres Herzens ein eigenartiges Stakkato.
Die Straßen waren menschenleer, sie schien die einzige zu sein, die in der Sylvesternacht bei diesem Wetter unterwegs war.
Mehrmals rutschte sie auf dem nassen Untergrund aus und wäre fast gestürzt, während der Eisregen weiter gnadenlos auf sie einprasselte.
Egal! Nur weiter, weiter!

Vollkommen außer Atem erreichte sie seine Straße.
Der unbarmherzige Regen hatte die Schrift auf dem Zettel in ihrer Hand halb verwischt und sie versuchte unter einer Straßenlaterne verzweifelt, die Hausnummer zu entziffern.
Schließlich gab sie auf und rannte von Haustür zu Haustür, um die Klingelschilder zu entziffern.
Da endlich! Am fünften Haus las sie seinen Namen: R. K. Kowalski. Erschöpft lehnte sie sich gegen die Hausmauer und schloss für einen Weile die Augen. Sie fror erbärmlich. „Egal was Du von mir verlangst, Rokko,", dachte sie hilflos, „ich werde es tun – für Dich!"

In dem Moment öffnete sich die Haustür. Ein junger Mann trat heraus und öffnete seinen Regenschirm. Er lächelte Lisa freundlich an.
„Wollen Sie hinein?" Lisa nickte nur kurz und schlüpfte in den Hauseingang. Dann lief sie wie gehetzt die Treppenstufen hoch.
Nach vier Treppenstiegen fand sie endlich erneut sein Namensschild.
Bevor sie die Klingel betätigte, atmete Lisa noch einmal tief durch, dann drückte sie den Knopf.

Im zweiten Stock stand Rokko bewegungslos am Küchenfenster.
Seit er vor Stunden die Wohnung betreten hatte, war er unruhig hin und her gewandert. Er wusste nicht, ob sein Verhalten am Vormittag richtig gewesen war, aber er konnte Lisa in dem Moment einfach nicht länger in die Augen sehen. Ihm war irgendwie immer noch nicht ganz klar, dass es sich nicht um eine Fata Morgana gehandelt hatte.

Am Abend hatte er sich eigentlich mit ein paar Freunden zu einer Silvesterparty verabredet – aber die sagte er ab. Er war nach diesem Erlebnis nicht in der Lage, unter Menschen zu gehen.

Draußen war es inzwischen dunkel und still geworden, aber er hatte noch kein Licht gemacht. Der strömende Regen hatte die Feiernden dazu gebracht, Lokale und Wohnungen aufzusuchen.
Irgendwann drang ein klapperndes Geräusch zu seinem Küchenfenster hinauf.
Er konnte später nie sagen, warum er diesem Klang nachgegangen war – es zog ihn in diesem Moment wie magisch zum Fenster.
Eine junge Frau kam die Straße hinauf gelaufen. Sie strauchelte, fing sich wieder. Dann hielt sie unter einer Laterne und studierte etwas Weißes zwischen ihren Fingern.

Er erkannte er sie: Lisa!

In seinem Kopf begannen, die Gedanken zu rasen. Was machte sie hier? Wollte Sie zu ihm? Und wenn ja, woher hatte sie seine Adresse?
Dann lief sie weiter und hielt schließlich vor seiner Haustür – sie wollte also wirklich zu ihm!
In seiner Wohnung hätte man in diesen Minuten eine Stecknadel fallen hören. Einzig das Rauschen des Regens unterbrach die Stille.
Rokko blieb stocksteif am Fenster stehen –erst das Schrillen der Türglocke erweckte ihn aus seiner Betäubung.

Er ging zur Tür und öffnete sie. Vor ihm stand Lisa. Vom Regen bis auf die Knochen durchweicht.

Sie sagten nichts, sahen sie sich nur in die Augen.
Nach einer Weile – es schien eine halbe Ewigkeit zu sein – bedeutete er ihr einzutreten – wortlos.
Dann ging er ins Bad, holte ein Handtuch und reichte es Ihr – wortlos. Als er sich auf die Couch setzt stand sie immer noch an derselben Stelle, zitterte vor Kälte und traute sich nicht, sich zu rühren.

Rokko vergrub sein Gesicht in den Händen.
„Verdammt Lisa, warum jetzt?
Jetzt, wo ich endlich kapiert habe, dass ich mein Leben ohne Dich verbringen muss! Und ich wenigstens einigermaßen einen Weg gefunden habe, mit der Erinnerung an Dich zu leben?", dachte er hilflos.

Er fasste einen Entschluss - stand auf und ging auf sie zu.
Als er nur noch Millimeter von ihr entfernt stand, nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Mechanisch. Leidenschaftslos.
Er wollte sich selbst endgültig beweisen, dass er sie nicht mehr liebte – sie keinen Platz mehr in seinem Herzen hatte. Dass das einzige, was er noch für sie empfand, Mitleid war.

Doch es war nicht Mitleid, das sein Herz in diesem Moment beherrschte, sondern eine verzweifelte, eine bedingungslose Liebe.
Denn schon in dem Moment, in dem sich seine Lippen auf die ihren legten, wusste er, dass all seine Versuche, sich Lisa für alle Zeit aus dem Kopf zu schlagen, bedeutungslos waren.
Er liebte sie noch immer – und er wollte mit ihr zusammen sein.
Sein Kuss wurde zärtlicher, weicher und – sie erwiderte ihn.
Legte in diesen Kuss alle Liebe und Wärme, die sie in sich hatte – nur für ihn, das fühlte er.
Rokko strich Lisa behutsam über den Rücken und sog ihren wundervollen Duft in sich ein.
Es war ihnen, als würde in diesem einzigen Kuss ihre ganze gemeinsame Geschichte liegen: Die glücklichen, verliebten Tage von Berlin, aber auch die Verzweiflung und die Sehnsucht nacheinander, die darauf folgten – und am Ende die Erkenntnis, dass sie nicht voneinander lassen konnten, sosehr sie es auch versuchen würden.
Die Zeit schien still zu stehen.

Nach einer Unendlichkeit lösten sich ihre Lippen wieder und Rokko zog Lisa fest an sich.
Noch immer hatten sie kein Wort gesagt. Lisa schmiegte ihren Kopf an seine Brust und er vergrub sein Gesicht in ihren nassen Haaren.
Nur noch für einen Moment wollten sie die Realität außen vor lassen.

Und doch, in ihren Gedanken hielt die Realität schon wieder Einzug:
Wie würde es weitergehen? Hatten sie eine gemeinsame Zukunft? Oder würden die Verletzungen der Vergangenheit ihre Liebe für alle Zeit vergiften?
Gleichzeitig gaben ihrer Herzen ihren Köpfen zu verstehen, dass sie zusammen sein wollten und so sehr sie es noch vor einigen Stunden verneint hätten, jetzt glaubten sie wieder an ihre Liebe!
So standen sie eine lange Zeit dich aneinander geschmiegt mitten im Raum. Rokko bemerkte nicht, dass die Nässe in Lisas Kleidung langsam auf seine überging und Lisa nahm das Gefühl der Geborgenheit, das Rokko ihr vermittelte, begierig in sich auf.

Rokko löste als erster die Starre. Er schob Lisa einige Zentimeter von sich weg und schaute ihr in die Augen.
„Wir müssen reden. Komm!", und zog sie Richtung Couch.
Lisa nickte zustimmend, zögerte dann aber einen Moment.
„Ich – äh. Hättest Du vielleicht ein paar trockene Sachen für mich?" Rokko sah sie erstaunt an. Erst jetzt bemerkte er wieder, dass sie komplett durchnässt war.
Er lachte auf. „Sicher, einen Moment!"
Rokko lief wieder die Wendeltreppe hinauf, holte für sie eine alte Trainingshose, ein Shirt, eine Strickjacke, ein paar dicke Socken hervor. Die Treppe wieder hinunter. Er gab ihr die Sachen.
„Danke! ...wo. ?"
„Oben, neben dem Schlafzimmer."

Als sie verschwunden war, zog auch er sich schnell um und ging danach unruhig durch die Wohnung. Ein leises Rauschen ertönte – sie duschte. Um sich zu beschäftigen, machte Rokko Tee. Nachdem er den Wasserkocher angestellt hatte stütze er seine Hände gegen den Küchentresen und schloss die Augen; versuchte, in die Realität zurückzufinden.

„Ok, Kowalski, jetzt noch mal zum Mitschreiben: Die Frau, die Du versuchst, seit mehr als einem Jahr zu vergessen, steht plötzlich klatschnass vor Deiner Tür (verdammtes Deja-vú!) – und Du kommst auf die brillante Idee, sie zu küssen. Na toll! Aber Du liebst Sie! Vielleicht mehr als je zuvor. Und wie jetzt weiter?"

Rokko machte den Tee fertig und stellte die beiden Becher auf den Couchtisch. Dann setzte er sich, schloss wieder die Augen und lehnte sich zurück.
Er hatte keine Wahl – er musste sich dem stellen, was jetzt auf ihn zukam. Es gab keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen. Vielleicht waren die Qualen danach endlich vorbei!

„Rokko?"

Er öffnete die Augen und sah Lisa mit einem scheuen Lächeln vor sich stehen. Mit einer Geste bedeutete er ihr, neben ihm Platz zu nehmen.
„Du wirst Dir eine Grippe holen! Moment!", er griff nach einer dicken Wolldecke und wickelte sie liebevoll fest darin ein.
Dann saßen sie eine Weile wie Fremde nebeneinander und starrten in die Luft. Er hatte ihr den Teebecher hingeschoben, was sie mit einem leisen „Danke" quittierte.

Irgendwann unterbrach er das Schweigen.
„Warum?", fragte er kaum hörbar.
„Weil ich eine Närrin war!", antwortete sie leise.
„Ich weiß, Du kannst mir nicht vergeben und das verlange ich auch gar nicht. Aber ich wollte, dass Du weist, dass ich seit damals an jedem Tag bereue, was ich Dir angetan habe.
Verstehe mich nicht falsch. Ich will Dein Mitleid nicht – das habe ich nicht verdient. Ich habe einen grauenvollen Fehler begangen und es ist nur gerecht, wenn ich dafür bestraft werde!"
Diese Worte waren fast tonlos von ihren Lippen gekommen, aber er spürte die tiefe Verzweiflung, die aus ihren Worten sprach.

„Ich weiß, was passiert ist." Lisa sah ihn scheu an. Er grinste sie schief und gleichzeitig unendlich traurig an.
„Hannah hat mir vor ein paar Monaten alles erzählt. Ich wollte im ersten Moment zu Dir und Dich trösten - aber ich konnte nicht – es war - alles noch zu frisch!"
Lisa nickte. „Das verstehe ich."

„Und wie geht es jetzt weiter?"
„Was meinst Du?"
Rokko seufzte und starrte wieder in die Luft.
„Das, was damals passiert ist, war das Schlimmste für mich, das ich jemals erlebt habe.
Aber ich weiß auch, dass meine Gefühle für Dich sich trotzdem nicht geändert haben. Und Du wärst jetzt nicht hier, nach all der Zeit, wenn ich Dir gleichgültig geworden wäre."

Lisa Augen weiteten sich ungläubig. Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Konnte ihr schönster Traum – vielleicht, nur vielleicht - doch noch wahr werden? Trotz alle dem, was sie angerichtet hatte?
Rokko dachte einen Moment nach, bevor er weiter sprach. Die alte Kraft, die ihn schon einmal durchflutet hatte - damals, nach Davids Entführung - war plötzlich wieder da.

Er wählte seine Worte vorsichtig und nahm seinen ganzen Mut zusammen. Dann wagte er den Sprung.
„Weißt Du, ich fühle, wir sollten es versuchen. Vielleicht schaffen wir es nicht, dass es auch nur ansatzweise so wird wie früher.
Aber wenn wir es nicht versuchen, wir es uns sicher eines Tages leid tun.
- Und vielleicht wird alles auch viel schöner als früher!"

Langsam legte er den Arm um Lisa und langsam zog er sie an sich heran. Dann lehnten sie sich zusammen zurück und starrten durch die großen Fenster in die Nacht hinaus. Der Regen hatte sich verzogen und einem sternenklaren Himmel Platz gemacht.

Sie redeten noch lange in dieser Nacht. Ehrlich und offen.
Über all das, was geschehen war.
Aber auch über das, was vor ihnen lag. Und sie entschlossen sich, ihrer Liebe eine neue Chance zu geben.
Aber sie wollten es langsam angehen lassen und sich die Zeit geben, einander wieder näher zu kommen.
Kein Weitermachen-wo-man-aufgehört-hat sondern ein echter Neuanfang.
Rokko war fest davon überzeugt, Lisa wieder vertrauen zu wollen. Zu stark waren seine Gefühle für sie.
Und Lisas einziger Wunsch war es, sich dieses Vertrauen wieder zu verdienen. Sie hatte in den letzten Monaten endlich erkannt, dass er es war, den sie in ihrem Leben brauchte und begehrte.

Vielleicht würden sie einfach nur Zeit brauchen?

Am Ende dieses Abends schliefen sie auf der Couch zufrieden und voller Zuversicht Arm in Arm in das Neue Jahr hinein ein.