16. Müssen es denn unbedingt die Plenskes sein?

März

Am folgenden Wochenende fuhr Rokko zu seinen Eltern. Es war Zeit, ihnen mitzuteilen, dass er wieder mit Lisa zusammen war – und dass er sie wieder heiraten wollte.
Auf der Fahrt grübelte er darüber, wie seine Familie es wohl aufnehmen würde.
Zwar war nie ein böses Wort über Lisa über ihre Lippen gekommen, aber dass sie sonderlich begeistert sein würden, konnte er sich auch nicht vorstellen.

Als Rokko die Auffahrt hinauffuhr, sah er nur den Wagen seines Vaters vor der Haustür stehen. Er parkte den Mietwagen und ging um das Haus herum zum Wintergarten des Gebäudes, den Konrad Kowalski als Arbeitsraum nutze. Die Tür stand offen und Rokko trat ein.

Sein Vater stand mit dem Rücken zu ihm an einem großen Kartentisch und studierte ein Schriftstück, das vor ihm lag.

„Hallo, Papa!"

Konrad drehte sich um.
„Ah, Junge, schön dass Du da bist! Komm mal her und schau Dir das an!"

Ein Gutes hatte die Tragödie im vorletzten Jahr gehabt:
Vater und Sohn standen sich jetzt so nahe wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Entfremdung, die so lange zwischen ihnen gewachsen war, war wie weggeblasen.
Als er ein Junge war, stand die Karriere des Vaters zwischen ihnen, später war es Rokkos Entscheidung gewesen, das Studium aufzugeben.

Rokko löste sich aus dem Türrahmen und trat zu seinem Vater an den Tisch. Darauf lag eine Din A 3 große Photographie einer antiken Steintafel, die mit kleinen Schriftzeichen übersäht war.

„Sag´ mir, wofür Du das hältst!"
Rokko beugte sich näher über die Abbildung und griff nach der Lupe.
Er besah sich einige der Zeichen genauer und richtete sich dann wieder auf.
„Koptisch, richtig?"
„Richtig. Und wie kommst Du darauf?"
Rokko lachte. „Papa! Das hast Du mir schon in der 5. Klasse beigebracht! Ist doch ganz einfach! Die meisten Zeichen sind eindeutig griechischen Ursprungs. Aber einige," , er wandte sich wieder dem Schriftstück zu und deutete auf einige der Zeichen, „ hier, hier und hier, kommen meiner Meinung nach aus dem Demotischen – ergo, Koptisch!"

Konrad sah seinen Sohn stolz an. Rokko war ein kluger Kopf und sein Vater hätte es gerne gesehen, wenn sein Sohn wie er Wissenschaftler geworden wäre.
Als er dann damals sein Studium schmiss und sich lieber mit Werbung beschäftigte war es zu dem schlimmen Zerwürfnis gekommen, dass die beiden daraufhin so lange trennte.
Inzwischen respektierte Konrad den Beruf seines Sohnes. Er hatte erkannt, dass dieser ihn weder oberflächlich noch arrogant gemacht hatte – und vor allem, dass Rokko mit diesem Beruf glücklich war.

„Und, denkst Du, der Stein ist alt?" Die beiden Männer beugten sich wieder über das Photo und bald entstand zwischen ihnen eine angeregte Unterhaltung über Echtheit und Alter der Tafel.

Nach gut zwei Stunden holte Rokkos Vater seine Pfeife hervor und stopfte sie gemächlich. Dabei beobachtete er seinen Sohn, der sich immer noch scheinbar konzentriert der Photographie widmete.

Nachdem er sich die Pfeife angezündet hatte, sagte er halblaut:
„Soso, Du bist also wieder mit Deiner Lisa zusammen!"
Rokkos Kopf flog hoch. „Woher...?"
Konrad lachte leise.
„Junge, ich weiß, wir hatten viel zu lang kein gutes Verhältnis, aber ich bin schon ein paar Tage länger Dein Vater! Ich habe schon als Du zur Tür hereingekommen bist gesehen, dass Du verliebt bist!
Hättest Du eine neue Frau kennen gelernt, wäre es das Erste gewesen, was Du erzählt hättest. Anstatt dessen kaust Du seit zwei Stunden auf Deiner Unterlippe herum und überlegst, wie Du es mir beibringen sollst."

Rokko starrte seinen Vater verblüfft an. Dieser lachte wieder.
„Na komm, setz Dich und erzähl mir alles, ja?"
Die beiden machten es ist in zwei hohen Ledersesseln neben dem Kartentisch bequem und Rokko begann zu erzählen.
So erfuhr Konrad Kowalski alles über Lisas kurze Nicht-Ehe, ihren Neuanfang in Hannover, die Kooperation mit Olgas Verlag, ihr Wiedersehen und schließlich wie Rokko und Lisa nach der Modemesse wieder endgültig zueinander gefunden hatten.

Nach diesem Bericht versanken Vater und Sohn für eine Weile in Schweigen.

Schließlich nickte Konrad langsam.
„Vielleicht war es gut so."
„Was meinst Du?"
„Junge, verstehe mich jetzt nicht falsch – ich hätte Dir den Schmerz damals gerne erspart...", er richtete sich auf und sah seinem Sohn ins Gesicht, „... aber stell Dir doch mal vor, ihr hättet damals wirklich geheiratet.
Deine Lisa hatte damals doch immer noch ihr Idealbild von diesem David Seidel im Kopf. Diese Phantasiefigur hätte vielleicht immer zwischen Euch gestanden.
Jetzt, wo sie erkannt hat, dass der Kerl doch nicht der Märchenprinz ist, für den sie ihn gehalten hat, konnte sie sich Dir bewusst zuwenden.
Ja, ich denke, jetzt hat Eure Ehe wirklich eine gute Chance!"

Rokko hatte den Worten seines Vaters lächelnd und dankbar gelauscht, doch jetzt schaute er ihn ungläubig an: „Woher weist Du, dass ich sie gefragt habe?"
Konrad legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter.
„Weil ich Dich kenne, Rokko! So, und nun lass uns mal den Rest der Kowalskis in Deine Pläne einweihen!"

Shannon und Ella waren zunächst wenig begeistert von den Neuigkeiten – zu sehr hatten sie mit dem Sohn und Bruder gelitten.
Doch als Rokko auch ihnen berichtet hatte, wie es Lisa im letzten Jahr ergangen war und wie glücklich sie ihn jetzt machte, waren auch sie bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Lisa hatte ihre Entscheidung von damals bitter bereuen müssen. Aber sie hatte ihre Fehler auch wieder gut gemacht und war daran gewachsen.
Das wichtigste aber war für Rokkos Familie, dass er diese Frau liebte und an sie glaubte. Also taten sie es auch.

Drei Wochen darauf befand sich Rokko wieder auf dem Weg zu seinen Eltern. Diesmal mit Lisa, Helga und Bernd im Schlepptau.
Statt des wendigen Smart, den er normalerweise für die Fahrten zu seinen Eltern auslieh, steuerte er heute einen großen BMW – er hatte es sich nicht verkneifen können, vor den Plenskes ein wenig anzugeben.

Mit einem Lächeln dachte er an das Wiedersehen mit Lisas Eltern vom Vortag zurück.

Verlegen hatten sie ihn in dem Restaurant begrüßt, in das er sie eingeladen hatte. Und auch während des Essens hatte sich die Unterhaltung anfänglich schwierig gestaltet. Lisas Eltern schämten sich für ihr Verhalten in der Vergangenheit Rokko gegenüber, das war nicht zu übersehen.
Lisa fühlte sich während des Abends immer unwohler – er schien zu einem absoluten Desaster zu werden.

Dann hatte Helga sich ein Herz genommen und Rokkos Hand auf dem Tisch ergriffen. Sie schaute ihm offen ins Gesicht.

„Rokko, das was damals geschehen ist, tut uns unendlich leid, bitte glaube mir! Wir haben einen schlimmen Fehler begangen und Dich sehr schlecht behandelt. Wenn ich das irgendwie ungeschehen machen könnte, ich würde es tun, darauf gebe ich Dir mein Wort!"

Rokko hatte ihren Blick erwidert und so etwas wie einen flehenden Ausdruck in ihren Augen gefunden.
Versöhnlich hatte er dann seine zweite Hand auf Helgas gelegt.
„Vergeben und vergessen, Helga! Wichtig ist doch nur, dass jetzt alles in Ordnung ist!
Lass uns die Vergangenheit begraben und uns lieber auf das Schöne konzentrieren, das vor uns liegt."

Dann hatte er sich Bernd zugewandt. Er wusste, dass dieser nicht der Mann vieler Worte war, also hielt er ihm einfach nur seine Rechte hin und fragte: „Freunde?"
Bernd hatte strahlend mit beiden Händen seine ergriffen und sie herzlich gedrückt. Das fühlte sich zwar ein bisschen wie Schraubstock an, war aber die Sache wert.

Den Rest des Abends hatten sie wundervoll harmonisch miteinander verbracht. Rokko erzählte aus seiner Kindheit, von seinen Eltern und seinem neuen Job. Lisa berichtete von Olgas Begeisterung, als diese von der erneuten Verlobung erfahren hatte.
Und Bernd und Helga konterten mit kleinen Geschichten aus Lisas Kindheit und Jugend, die abwechselnd Lisa rot werden und Rokko schmunzeln ließ.

Und schlussendlich ließen Rokko und Bernd an diesem Abend zum höchsten Vergnügen ihrer Frauen auch den „Polnischen Boxer" ins Land der Sagen einkehren.
„Wie war datt jezz nochmal?"
„Also, die Vorfahren von meinem Papa stammen aus Ungarn und meine Mama ist Kanadierin mit irischen Wurzeln.", Rokko grinste.
„Also biste ein irisch-kanadischer Ungar! – Is doch fast dattselbe!"
Unter dem prustenden Gelächter von Helga und Lisa hatte Rokko demütig genickt und seinem Schwiegervater zugeprostet.

Nun stand also der nächste große Schritt auf dem Weg zu ihrer Hochzeit an – die Eltern Plenske und Kowalski sollten sich in Kürze zum ersten Mal begegnen.
Und auch für Lisa kam der Moment heran, an dem sie ihren zukünftigen Schwiegereltern das erste Mal gegenübertrat. Nervös knetete sie ihre Finger und sah immer wieder unsicher zu Rokko hinüber.
Der erwiderte ihren Blick kurz und sagte dann leise beruhigend: „Mach Dir keine Sorgen! Das haben wir doch alles schon besprochen! Meine Eltern freuen sich auf Euch!"

In diesem Moment bog er in die Straße ein, in der er aufgewachsen war. Und einen Augenblick später rollte der Wagen die Auffahrt seines Elternhauses hinauf.
„So, wir sind da!" sagte Rokko und stieg aus.
Im selben Moment öffnete sich die Haustür und Rokkos Eltern traten gut gelaunt auf die Auffahrt. Fröhlich begrüßten sie die Ankömmlinge, so dass kein Platz für irgendwelche Unsicherheiten blieb.
Rokko hatte seinen Eltern bei einem Telefonat am Vortag eingeschärft, die „Berliner Hochzeit" bis auf weiteres unerwähnt zu lassen und Shannon und Konrad hielten sich an ihr Versprechen.

Rokko übernahm die Aufgabe, Gäste und Gastgeber einander vorzustellen. Als letztes zog er seine Verlobte an sich, die bis zu diesem Zeitpunkt unsicher im Hintergrund gestanden hatte.

„... und das, Mama, Papa, das ist meine Lisa!"

Herzlich umarmte Shannon die junge Frau. Gleich, was sie in der Vergangenheit angestellt hatte – jetzt machte sie ihren Sohn glücklich, das war alles, was zählte.
Dann begrüßte Konrad seine zukünftige Schwiegertochter. Er nahm sie bei den Händen und schaute in ihr Gesicht, als sie ihn schüchtern anlächelte.
Ja, er verstand jetzt, warum Rokko nicht von ihr lassen konnte.

„Willkommen,", sagte er leise, „Willkommen, Lisa! In unserm Haus, in unserer Familie und in unseren Herzen!"

Nur Lisa und Rokko konnten Konrads Worte hören und Rokko war seinem Vater unendlich dankbar für so viel Warmherzigkeit.

Shannon führte derweil Lisas Eltern in den Garten. Rokko, Lisa und Konrad folgten ihnen. Das Wetter war ihnen hold – dieser Märztag glänzte mit Frühlingstemperaturen!
Im Garten wartete eine neue Überraschung auf die Besucher und Rokko. Den angenehmen Temperaturen entsprechend hatten die Kowalskis einen gemütlichen Grillabend für ihre Gäste vorbereitet. Bernds Augen leuchteten auf.
Er hatte befürchtet, ein förmliches und steifes Dinner bei den „Studierten" vorzufinden. Aber das, ein zünftiger Grillabend im Garten das war ganz nach seinem Geschmack!

Schnell kam eine entspannte, zwanglose Atmosphäre zustande. Konrad und Bernd hantierten am Grill und diskutierten angeregt die uralte Frage aus: Elektro oder Kohle?
Shannon hatte es sich mit Helga in den Gartenstühlen bequem gemacht und tauschte mit ihr vergnügt Geschichten aus der Kindheit von Lisa und Rokko aus.
Grinsend beobachtete Rokko die Szenerie. Er freute sich unbändig darüber, wie gut sich die Eltern verstanden.

„Rokko?", sein Vater holte ihn aus den Gedanken, „Mach Dich mal nützlich und bring Deinem alten Herren und Deinem Schwiegervater mal ein Bier. Der heiße Grill trocknet einem wirklich schnell die Kehle aus!"
Rokko stand auf und ging ins Haus. Lisa ließ er bei Helga und seiner Mutter zurück. Bernd strahlte noch mehr: Grillen und dazu ein anständiges Bier! Wer so zu feiern versteht, kriegt auch seinen Sohn anständig großgezogen!

In dem Moment, in dem Rokko wieder aus dem Haus kam, bogen auch seine Schwester und ihr Mann um die Ecke. Fröhlich begrüßten sie die Anwesenden, als würden sie die Plenskes schon seit Jahren kennen.
„Auf den letzten Drücker, typisch für Euch!", lachte Konrad und küsste seine Tochter auf die Wange.
„Wieso? Wir sind doch immer rechtzeitig da, wenn das Essen fertig ist!", grinste Daniel zurück und verputzte genüsslich das Stück Knoblauchbrot, das er zuvor vom Tisch gemopst hatte.