17. Ein Brief, ein Kleid und ein Ring

April

Sechs Wochen vor der Trauung begannen die Hochzeitsvorbereitungen. Das Fest musste geplant werden, die Ringe und Blumen ausgewählt, die Einladungen verschickt.

Eine Einladungskarte schickten Lisa und Rokko auch in das weit entfernte Neuseeland. Lisa glaubte zwar nicht, dass Manuel Hoffmann an der Feier teilnehmen konnte, aber sie wollte, dass er einen sichtbaren Beweis in Händen hielt, dass alles gut geworden war – so wie er es vor mehr als einem Jahr vorausgesehen hatte.
Von allen anderen Vorbereitungen waren sie - bis auf die Auswahl der Kleidung, der Ringe und der Blumen – weitgehend ausgeschlossen. Zu viel Spaß hatten ihre Familien und Freunde dabei, ihnen eine große Überraschung zu bereiten – und Lisa und Rokko fügten sich mit einem Lächeln.
Den wichtigsten Teil der Vorbereitung hatten sie bereits Anfang April hinter sich gebracht – das Gespräch mit dem Pinneberger Pastor. Sie erzählten ihm ihre Liebesgeschichte von Anfang bis Ende und er lauschte ihnen gespannt. Er fand keinen Hinderungsgrund für eine kirchliche Trauung – im Gegenteil! „Ihre Hochzeit ist doch ein wunderschönes Symbol dafür, dass die wahre Liebe immer einen Weg findet!", gab er ihnen nach dem Gespräch zum Abschied mit.

Freunde und Familie organisierten derweil jede Menge schöne Highlights für den Hochzeitstag.
André fand durch seine Kontakte eine wunderbare Sängerin, die den Einzug des Brautpaares in die Kirche musikalisch untermalen würde.
Konrad kümmerte sich um die standesamtliche Hochzeit und schaffte es, dass diese im Festsaal des Hamburger Rathauses stattfinden konnte.
Shannon bereitete die Feierlichkeiten nach der Kirche vor: ein fröhliches Fest im Freien auf der Gemeindewiese sollte es werden – inklusive einem weißen Festzelt, Liveband und einer großen Tanzfläche.
Olga stellte ihre Limousine mit Fahrer zu Verfügung und kümmerte sich um Lisas Junggesellinnen-Abschied.
Jürgen hatte Daniel kontaktiert und zu zweit knobelten sie ein Programm für Rokkos letzten Tag als Junggeselle aus. Der Berliner wollte sich aufrichtig mit Rokko versöhnen und die alte Freundschaft wieder aufleben lassen.

Ella schließlich hatte die Aufgabe übernommen, vor Ort alles zu koordinierten und die kleinen Überraschungen, die die Freunde für das Paar in petto hatte, in die Feierlichkeiten einzubauen.

Nun fehlte nur noch das Brautkleid. Lisa empfand ohne zu wissen warum eine gewisse Scheu vor dieser Entscheidung – schon einmal hatte sie ein Brautkleid getragen und dafür Rokkos bewundernde Blicke geerntet.
„Lisa, könntest Du heute abend noch einmal kurz zu mir herüberkommen?", fragte Olga, als sie eine Woche vor der Hochzeit gemeinsam vom Verlag nach Hause fuhren.
„Ja sicher, gibt es etwas Bestimmtes?"
„Oh nein, ich möchte nur etwas mit Dir besprechen."
Gegen acht betrat Lisa Olgas Wohnzimmer. Die alte Dame saß im Sofa und hatte eine große weiße Schachtel vor sich stehen.
„Ah Lisa, bitte setze Dich!"
Lisa ließ sich neben Olga nieder.
„Das möchte ich Dir schenken!", Lisa schaute ihre Freundin und Mentorin irritiert an und diese deutete auf die Schachtel, „Mache sie auf!"
Lisa folgte der Aufforderung und hielt die Luft an. Vor ihr lag ein wunderschönes schulterfreies Kleid aus beigefarbener Spitze. Unter dem Stoff blitzte die lachsfarbene Seide des Unterkleides hervor. Neben dem Kleid lag eine beige, taillenlange Jacke mit einem hohen Stehkragen. Kragen und Revers waren ebenfalls mit Spitze verziert.

„Aber – das ist ja ein Brautkleid!", sagte Lisa atemlos.
„Ja, mein Brautkleid.", antwortete Olga versonnen und strich vorsichtig über den Stoff.
Lisa sah die alte Dame verwundert an: „Dein...? Aber ich dachte, Du warst nie verheiratet?"
„War ich auch nicht. Aber ich wollte es!"
„Was ist geschehen?"
„Ein dummer Streit. Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging. Aber ich weiß noch, dass ich meinen Fehler sehr schnell einsah. Allerdings war ich zu feige, zu meinem Bräutigam zu gehen und mich zu entschuldigen. Und er war zu verletzt, um den Kontakt zu mir zu suchen.
Nach einigen Monaten des Wartens ist er dann von hier fortgegangen."
Lisa hatte Olga mitfühlend in den Arm genommen.
„Und Du hast ihn nie wiedergesehen?"
Die alte Dame schüttelte den Kopf. „Nein. Lange Jahre habe ich gehofft, ihn einmal wieder zu sehen und zumindest den alten Streit beizulegen.
Dann, vor ein paar Jahren habe ich durch Zufall erfahren, dass er schon seit langer Zeit tot ist – wir konnten uns nicht mehr aussöhnen!"
Olga atmete tief durch, ergriff Lisas Hände und sah ihr tief in die Augen: „Verstehst Du jetzt, warum ich Dich gedrängt habe, Dich mit Rokko auszusprechen? Man weiß nie, wann es vielleicht zu spät ist!"
Lisa nickte und lächelte sie dankbar an.

„So,", Olga lächelte nun auch wieder, „und nun lass uns mal sehen, ob
Dir das Kleid passt!"

Zum selben Zeitpunkt saß Rokko in einem Restaurant in der Hamburger Innenstadt und stärkte sich. Lächelnd zog er eine kleine Samtschachtel aus der Jackettasche und stellte sie vor sich auf den Tisch.
Die Eheringe - flache, schlichte Goldreifen – hatten sie bereits zusammen ausgesucht. Dies war ein kleines Extrapräsent für Lisa. Rokko hatte es mit Jens Hilfe entworfen und der Juwelier umgesetzt. Er öffnete die Schachtel. Darin lag, auf ein kleines Samtkissen gebettet, ein goldener Beisteckring, der perfekt zu Lisas Ehering passen würde. Filigran hatte der Goldschmied die verschlungenen Buchstaben „L" und „R" geformt und mit Diamanten besetzt. Diese Buchstaben dienten als Verzierung des Ringes und würden später an Lisas Hand auch halb über ihren Ehering ragen.

„Aber den bekommst Du erst im Flieger nach London, Lisa!", lächelte Rokko und schloss die Schachtel wieder.