18. Junggesellenabschied

Mai

Zwei Tage vor der Hochzeit rückten die letzten auswärtigen Gäste an.
Olga war bereits am Vortag angereist und logierte in einem Hamburger Hotel. Lisa und Rokko hatten sie aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Sie hatte, so sagte sie Lisa am Telefon, "Vorbereitungen zu treffen".

Am späten Vormittag hielt der Wagen der Plenskes vor Rokkos Pinneberger Elternhaus und wurde mit lautem Hallo begrüßt. Die Kowalskis hatten es sich nicht nehmen lassen, Lisas Eltern persönlich einzuquartieren und Rokko freute sich insgeheim darüber, dass sich so die Eltern in der Kürze der Zeit noch ein wenig besser kennen lernen konnten. Nach dem gemeinsamen Mittagessen fuhr das Brautpaar zusammen mit Ella und Daniel nach Hamburg. Dort wurden in wenigen Stunden Hannah und Alessandro aus Mailand sowie Jürgen, Max und Yvonne mit den Kindern aus Berlin erwartet.

In Hamburg hatte Ella die Verteilung der Schlafplätze übernommen. Rokko, Daniel, Alessandro, Max und Jürgen wurden in Andrés Haus einquartiert. Lisa, Hannah, sie selbst und Yvonne und ihre Kinder nahmen Rokkos Apartment in Beschlag.

Die beteiligten Gäste amüsierten sich über diese Art der Bettenverteilung. Aber sie hatten auch Freude daran, zwei Tage wie im Jugendferienlager zuzubringen und auch die Paare stimmten der vorübergehenden „Trennung" zu. Sie würden sich zwar so alle erst auf dem Standesamt wiedersehen, aber das war der Spaß wert!

Nur Rokko maulte etwas, als er hörte, dass er mit Max und Jürgen unter einem Dach nächtigen sollte. Er hatte der Einladung der beiden nur Lisa zuliebe zugestimmt und wollte sich lieber soweit es geht von ihnen fernhalten.
Aber Ella hatte die Aufteilung nicht ohne Hintergedanken gewählt und duldete keinen Widerspruch.
Die Männer sollten noch vor der Hochzeit die Gelegenheit haben, sich auszusprechen und Frieden zu schließen. Sie wusste, dass Daniel, André und Alessandro dafür sorgen würden, dass sich die drei sich einander stellen mussten. Und die drei nahmen ihre Aufgabe ernst!
So kam es denn, dass am selben – späten – sehr späten – Abend die 6 Männer bei einem feucht-fröhlichen Herrenabend in Andrés Haus (spätestens, als die Gäste entdeckt hatten, dass André eine riesige Spielzeugeisenbahn und einen Kicker sein eigen nannte, gab es kein Halten mehr) Freundschaft auf Lebenszeit schworen.

Die Frauen hatten den Abend etwas ruhiger zugebracht. Nach einem gemütlichen Abendessen in einem japanischen Restaurant – für Yvonnes Kinder hatte Lisa schon vor Tagen eine Babysitterin engagiert - saßen sie bei einem Glas Wein noch lachend und schwatzend bis tief in die Nacht in Rokkos Wohnecke. Lisa durfte sich viele Ratschläge für eine glückliche Ehe anhören und reihum musste jede Einzelne erzählen, wie sie ihren Partner kennen gelernt und er um ihre Hand gebeten hatte.

Irgendwann fanden dann doch alle Bewohner beider Wohnungen in ihre Betten und schliefen voller Erwartungen den nächsten zwei Tagen entgegen.

Der folgende Tag hatte für alle Beteiligten noch so einige Überraschungen parat.
In Pinneberg waren Kowalskis mit Lisas Eltern zu einer kleinen Tagestour an die Nordsee gestartet. Ella hatte ihren Eltern eingeschärft, an diesem Tag nicht bei den „Hamburgern" vorbeizuschauen. Am Frühstückstisch protestierten Helga und Bernd bei dieser Ankündigung zunächst, aber als Shannon ihnen erklärte, dass in Hamburg für diesen Tag eine Art „Junggesellenabschied" geplant war, waren sie gerührt und freuten sich auf den Ausflug.

Gegen 9 Uhr stand Lisa mit Hannah, Yvonne und Ella in Rokkos Küche und kochte Kaffee als es an der Tür schellte. Lisa, noch im Morgenmantel, öffnete die Tür. Olga stand lächelnd davor, neben ihr Barbara, die Lektorin aus Hannover.
„Guten Morgen", lachten die sie fröhlich, „Frühstück gefällig?"
Die beiden machten an der Tür Platz und sprachlos beobachteten die jungen Frauen wie drei Kellner mit riesigen Tabletts die Wohnung betraten und in Windeseile den Tresen eindeckten. Dann waren die Männer auch wieder verschwunden.
„Ich wünsche Euch guten Appetit!", Olga setzt sich amüsiert an den Tresen und nahm sich ein Glas Orangensaft, „Na, was ist? Habt Ihr keinen Hunger?"
Das ließen sich die Angesprochenen nicht zweimal sagen! Fünf Minuten später saßen die sechs Frauen mit Yvonnes Kinder lachend und schwatzend um den Tresen herum und ließen sich die aufgetischten Köstlichkeiten schmecken.
Als der erste Hunger gestillt war, ergriff Olga wieder das Wort: „So, meine Lieben! Jetzt habe ich noch eine Überraschung für Euch! In,...", sie schaute auf die Uhr,"...in einer Stunde werdet ihr im Spa erwartet. Das volle Programm! Sauna, Kosmetik, Massage, Schwimmen, alles was ihr wollt. Unten wartet ein Wagen, der Euch hinbringt. Und Yvonne, Deine Kinder übernehmen Barbara und ich. Wir gehen zu Hagenbeck! Ich freue mich richtig darauf, einen Tag mal wieder mit ein paar kleinen Kindern zu verbringen."
Lisa fand als erste Ihre Sprache wieder. „Olga, das ist so lieb von Dir!"
Dann umarmten auch Ella, Yvonne und Hannah die alte Dame begeistert. Diese freute sich über so viel Zuneigung, scheuchte aber dann die jungen Frauen an. In Windeseile waren die notwendigen Kleidungssachen und Kosmetika zusammengepackt und die vier Frauen verließen erwartungsfroh die Wohnung.
Olga und Barbara warteten noch im Appartement, bis der Catering-Service die Reste des Frühstücks beseitigt hatte, dann verließen auch sie mit Yvonnes Kindern das Haus in Richtung Hagenbecks.

Lisa, Ella, Yvonne und Hannah genossen den Tag in vollen Zügen. Sie wurden nach allen Regeln der Kunst massiert, gebadet, gepeelt und ausgerenkt.
„Ich wusste gar nicht, dass man so entspannen kann!", brummte Yvonne relaxt und naschte aus einer Schale mit Erdbeeren neben ihrem Liegestuhl. Die Frauen lagen im Kreis in einem kleinen Ruheraum zusammen. Alle mit Schönheitsmasken im Gesicht und einem wohligen grinsen im Gesicht. Der Duft von ätherischen Ölen lag in der Luft.
„Also Lisa, diesen Programmpunkt werde ich auf jeden Fall in meine Hochzeit auch einbauen!", kam es jetzt von Hannah, „das ist einfach phantastisch!"
„Ich frage mich nur, wie wir es nachher schaffen sollen, wieder aufzustehen!", kam es gemächlich von Lisa zurück.
„Und ich frage mich, was unsere Männer denken würden, wenn sie uns jetzt so sehen könnten!", schaltete sich Ella ein. Die Frauen fingen prustend an zu lachen.

Als die vier am frühen Abend in Rokkos Appartement zurückkehrten, gähnten sie ohne Pause. Wie müde doch Entspannung machen konnte!
Nachdem Olga und Barbara die Kinder abgegeben hatten aßen sie noch schnell zu Abend und sanken dann todmüde in die Betten.

Jürgen und Daniel hatten für Rokkos letzten Tag als Junggeselle etwas Ähnliches geplant wie Olga.
Allerdings begann der Tag der Männer wesentlich später als der der Frauen. Gegen halb eins hatte sich auch der letzte von ihnen aus seinem Bett gepellt und nun saßen sie reichlich wortkarg vor ihren Kaffeebechern rund um den Küchentisch und waren froh, dass André eine Schachtel mit Aspirin ins Bad gestellt hatte.
Lustlos nagten sie an ihren Marmeladen-Brötchen.
Die fröhliche Spontanfeier am Vorabend war nur an Jürgen und Daniel einigermaßen spurlos vorüber gegangen.
Die beiden grinsten sich an. Ihr Tagesprogramm würde diesen müden Haufen schon wieder in Gang bringen!
Nach dem Frühstück trieben sie ihre temporären Mitbewohner an. Kurz vor drei waren dann alle soweit fit und angezogen, dass sie sich auf die Straße trauten.
Daniel führte sie in ein nahegelegenes Hamam. Die Männer schauten sich erst verwundert an, nickten dann aber.
Das war vielleicht genau das Richtige, um sich die vergangene Nacht aus dem Leib zu schmoren.
Nach mehreren Stunden schwitzen und Massage fühlten sie sich wieder wie Menschen.
And die türkischen Sauna angeschlossen fanden sie einen kleinen Frisiersalon. Spontan beschlossen die Freunde, sich auch optisch auf Vordermann zu bringen.
Der Friseur war ein für einen Moment baff, als auf einmal sechs Männer seinen Laden stürmten, machte sich aber dann diensteifrig ans Werk.
Zwei Stunden später verließen die Männer den Salon wieder – mit neuem Haarschnitt und frisch rasiert. Nur Rokko hatte sich geweigert, sich den Bart abnehmen zu lassen und ließ nur ein vorsichtiges Stutzen zu.

Gemächlich gestalteten sie auch den Rest des Tages. Nach einigem Suchen fanden sie ein gemütliches Gartenlokal in dem sie sich niederließen.
„Also, nun ´rück schon raus mit der Sprache: Wohin geht die Hochzeitsreise? Ihr macht ja ein Riesengeheimnis darum! Karibik?", sprach Daniel seinen Schwager an nachdem sie das Essen bestellt hatten.
Rokko grinste: „Nee. Alles, nur das nicht – das waren Lisas exakte Worte, als ich sie gefragt habe. Sie hat irgendwie eine Allergie gegen Sandstrand und Palmen entwickelt!"
Rokko hatte seit dem Vorfall auf der Modemesse ein entspanntes Verhältnis zum Thema David Seidel entwickelt. Alles was mit diesem Mann zusammenhing, war in Lisas Erinnerung zu einem traurigen Alptraum zusammengeschrumpft und Rokko wusste das.

„Morgen Abend um halb elf geht unser Flieger nach London. Da bleiben wir ein paar Tage und danach fahren wir kreuz und quer durch den Süden. Kent, Sussex, vielleicht sogar runter bis Cornwall. Wir halten da, wo es uns gefällt. Das wird sicher großartig: Altehrwürdige Schlösser, wunderbare Landschaften..."
„...kuschelige Landgasthöfe, prasselnde Kaminfeuer – das volle Romantik-Programm!", führte Alessandro augenzwinkernd Rokkos Aufzählung weiter.

„Ja, genau so!", gab Rokko mit einem vergnügten Grinsen in die schmunzelnde Runde zurück.