19. I will love you with every beat of my heart
16.05.2008
Der Hochzeitstag war
herangekommen. Gegen 8 Uhr verlies eine Gruppe Herren in dunklen
Anzügen Andrés Haus.
Alle hatten kleine Reisetaschen
in der Hand, da sie die nächste Nacht in einem Pinneberger Hotel
nahe der Kirche verbringen würden. Das Brautpaar wollte ihren
Gästen eine längere Heimfahrt direkt nach der großen
Feier ersparen.
„Wer uns so sieht, denkt echt die Blues
Brothers sind los.", meinte Jürgen und grinste.
„Hmhm,
oder die Mafia ist auf Betriebsausflug.", antwortete Alessandro,
der neben ihm ging, und setzte sich lässig die Sonnenbrille auf.
Nach und nach stiegen sie in die Autos und fuhren die kurze
Strecke zu Rokkos Apartment um dort „die Mädels einzusammeln",
wie Daniel es lachend nannte.
Vor Rokkos Tür gab es noch ein
kleines Durcheinander betreffs der Frage, wer mit wem fuhr, aber
schlussendlich waren alle auf dem Weg zum Standesamt.
Alle bis
auf das Brautpaar.
Rokko wartete, im Nadelstreifenanzug und der
obligatorischen roten Krawatte unter dem Hemd, am Hauseingang auf
seine Braut.
Als diese schließlich die Tür öffnete,
fehlten ihm die Worte. Er brachte nur ein überraschtes „Whow!"
heraus.
Lisa trug ein cremefarbenes Seidenkostüm, darunter
ein türkisfarbenes Top, gleichfarbige Schuhe und – als wollte
sie alte Zeiten beschwören – ihren türkisfarbenen Schal,
den er so gut kannte. Die blonden Haare waren nicht filigran
hochgesteckt, sondern fielen, zu einem dicken, mit Bändern
geschmückten Zopf geflochten, in ihren Nacken.
Verlegen
hielt Rokko ihr die Hand entgegen.
„Können wir?", fragte
er leise und wurde rot wie ein Schuljunge.
Zwanzig Minuten
später kamen sie bei dem riesigen Hamburger Rathaus an. Die
Eltern und Olga warteten inzwischen auch auf das Paar und so machten
sich alle in der großen Aula bereit für den – ersten –
großen Moment des Tages.
Einige Minuten vor 9 Uhr fragte
der Amtsdiener, ob es losgehen könne und schon öffneten
sich die breiten Flügeltüren zum Trausaal. Die Gäste
strömten in den herrlich dekorierten Raum und nahmen Platz. Nur
Lisa und Rokko blieben noch einen Moment zurück.
Dann war es
soweit:
Eine zarte Schubertmelodie erklang, die beiden atmeten
noch einmal tief durch – und betraten dann Hand in Hand den Saal.
Sie strahlten mit ihren Gästen um die Wette und jeder der
Anwesenden hatte das Gefühl, dass die Liebe zwischen diesen
beiden Menschen fast physisch greifbar war.
Lisas Blick
wanderte zu dem Mann, der neben den Trauzeugen Jürgen und André
vor dem Tisch des Standesbeamten stand. Augenblicklich erstarrte sie
in der Bewegung.
Rokko sah verwundert zu seiner Braut hinüber,
als diese plötzlich stehen blieb.
„Lisa, ist Dir nicht
gut?", wisperte er leise, doch sie reagierte nicht und starrte an
ihm vorbei. Rokko folgte ihrem Blick und sah den Beamten an, der sie
vorne erwartete. Gut, das war nicht der, mit dem sie die Trauung
besprochen hatten, aber das konnte Lisa doch nicht so durcheinander
bringen?
Plötzlich riss sich Lisa mit einem leisen Aufschrei
von ihrem Bräutigam los, rannte durch den Saal und flog dem
fremden Mann freudestrahlend in die Arme.
Die
Hochzeitsgesellschaft wurde unruhig und Rokko stand vollkommen
perplex mitten im Raum. Was war denn nun schon wieder los???
Lisa
lachte nur und wiederholte ständig: „Dass Du gekommen bist,
dass Du wirklich gekommen bist!"
Dann fiel ihr wieder ein, wo
sie sich befand und leicht errötend löste sie sich von dem
Mann – um in eine Reihe äußerst irritierter Gesichter zu
sehen.
Sie suchte Rokkos Blick und winkte ihn heftig heran.
Zögerlich folgte er ihrer Aufforderung, wusste aber immer noch
nicht, was er mit dieser eigenartigen Situation anfangen sollte. Bei
Lisa angekommen, streckte der Fremde ihm freundlich die Hand
entgegen.
„Entschuldigen Sie bitte den kleinen Überfall,
Herr Kowalski! Ich wollte Lisa überraschen. Gestatten, Manuel
Hoffmann."
„Der Botschaftsattaché aus Auckland? Lisa
hat mir von Ihnen erzählt! Herzlich Willkommen!", lächelnd
ergriff Rokko die angebotene Hand.
Dann hielt er einen Moment
inne.
„Sagen Sie, als aktiver Diplomat sind Sie doch
berechtigt, standesamtliche Trauungen vorzunehmen? Ich meine, wenn
das geht? Würden Sie uns die Ehre erweisen..."
„...
Sie zu verheiraten? Junger Mann, Sie können Gedanken lesen! Ich
hatte gehofft, dass Sie mich das fragen würden – und es ist
mir eine Ehre!"
Lisa fiel ihrem Bräutigam vor Begeisterung
um den Hals und drückte dem verblüfften Rokko einen Kuss
auf die Lippen.
In der Hochzeitsgesellschaft hatte es inzwischen
die Runde gemacht, wer der Fremde war und alles lachte, als er das
Paar mit einer freundlichen Ermahnung trennte.
„Na, na,
auseinander, Ihr Zwei! Erst wird geheiratet, dann wird geknutscht!"
Es wurde eine wunderschöne, sehr persönliche
Zeremonie. Manuel Hoffmann sprach von den verschlungenen Pfaden des
Lebens und wie wichtig es war, nie die Hoffnung aufzugeben. Und dass
das Brautpaar der lebende Beweis sei, dass liebende Herzen immer
zueinander finden.
Nach 5 Minuten musste Rokko Lisa ein
Taschentuch reichen – nach 10 Minuten wischten sich Olga, Shannon
und Helga verstohlen die Tränen aus den Augen – und spätestens
als Rokko Lisa den Ring ansteckte, stand auch dem härtesten Kerl
im Saal das Wasser in den Augen. Das fing ja gut an!
Als alle
Unterschriften geleistet waren und Manuel Hoffmann die beiden
offiziell zu Mann und Frau erklärt hatte, bekamen Rokko und Lisa
endlich ihren so lang ersehnten Hochzeitskuss.
Wieder brachen
alle Anwesenden in Gelächter aus, denn in die vorübergehende
Stille hinein bemerkte Jürgen, dass man diese Szene im Kino wohl
als „Überlänge" deklarieren und für den Eintritt
einen Euro mehr verlangen würde.
Rokko und Lisa trennten
sich, leicht errötend und verlegen lächeln.
In das
einsetzende Schweigen hinein verkündete Manuel Hoffmann:
„Meine
Damen und Herren! Ich präsentiere Ihnen voller Freude Frau
Elisabeth Maria und Herrn Robert Konrad Kowalski!"
Die
Anwesenden applaudierten und erhoben sich von ihren Stühlen. Und
dann brach zum ersten Mal an diesem Tag die große
Gratulationswelle über das Paar hinweg.
Lisa wurde von allen
Seiten gebusserlt und umarmt und Rokko bekam in kürzester Zeit
vor lauter Hände schütteln und Auf-die-Schulter-klopfen
lahme Arme. Shannon und Konrad hießen Lisa herzlich in ihrer
Familie willkommen und Helga drückte ihrem verdutzen
Schwiegersohn rechts und links einen dicken Kuss auf die Wangen.
Zuletzt baute sich Bernd vor Rokko auf. Er schaute ihn erst ernst an,
lachte dann laut heraus und riss dann den nun total perplexen Rokko
an die (schwieger-)väterliche Brust.
Es dauerte eine ganze
Weile, bis sich das Knäuel von Familie und Freunden um das
frischgebackene Ehepaar Kowalski wieder entwirrt hatte.
Als
die Unruhe sich etwas gelegt hatte, ergriff Rokkos Vater das Wort.
„Liebe Gäste!
Nachdem wir nun den ersten Teil unseres
heutigen Hochzeits-Marathons hinter uns gebracht haben, möchte
ich Sie jetzt erst einmal zu einem Umtrunk und einem stärkenden
Brunch in den Rathaushof einladen. Folgen Sie mir einfach, man wartet
bereits auf uns! Herr Hoffmann, ich hoffe, dass auch Sie für den
Rest des Tages unser Gast sein werden?"
Der Botschaftsattaché
nahm die Einladung mit einer leichten Verbeugung an und schon bewegte
sich die ganze Hochzeitsgesellschaft in Richtung Innenhof.
Dort
hatte Rokkos Vater – oder vielmehr seine Sekretärin an der Uni
– ganze Arbeit geleistet: Überall standen kleine, weiße
Gartentische und -stühle bereit, freundlich lächelnde
Kellnerinnen reichten Gläser mit Sekt und Orangensaft herum und
das Buffet bog sich schier unter den Köstlichkeiten, die darauf
bereit standen.
Binnen kurzer Zeit hatten sich alle Gäste an
der Tafel bedient und saßen nun verteilt an den kleinen
Tischen, lachend und schwatzen.
Rokko zog Lisa auf seinen Schoß
und gemeinsam lauschten sie Manuel Hoffmanns Erzählungen aus dem
Botschaftsalltag.
Bei einem Seitenblick sah Rokko, dass sich die
Eltern gemeinsam an einen Tisch gesetzt hatten und schon wieder in
ein angeregtes Gespräch vertieft waren. Er freute sich unbändig
darüber, wie sehr sich die beiden doch recht unterschiedlichen
Paare in den letzten Tagen angefreundet hatten.
„Lisa, Rokko?
Wir müssen Euch noch was beichten!", die beiden Angesprochenen
blickten hoch und sahen in die betretenen Gesichter von Olga, Hannah
und Alessandro.
„Was gibt es denn? Setzt euch doch!"
Die
drei nahmen an Tisch des Brautpaares platz und schauten sich einen
Moment gegenseitig verlegen an. Olga nahm sich ein Herz und begann zu
erklären: „Also, ihr Beiden! Es ist so, dass Hannah,
Alessandro und ich nicht ganz unbeteiligt daran sind, dass ihr wieder
ein Paar seid. Um ehrlich zu sein – wir haben uns schon vor fast
einem Jahr zusammengetan, um Euch unter die Haube bringen."
Zerknirscht erzählte Olga die ganze Geschichte.
Lisa und
Rokko lauschten fassungslos. Als sie alles gehört hatte,
starrten sie die drei noch einen Moment ungläubig an, dann
brachen sie in schallendes Gelächter aus!
„Ihr
verdammten Halunken!", jappste Rokko und wischte sich eine
Lachträne aus dem Augenwinkel, „Aber Ihr hattet wahrscheinlich
Recht! Wenn Ihr uns damals nicht quasi gezwungen hättet, uns
auszusprechen, vielleicht würden wir uns dann heute immer noch
aus dem Weg gehen.
Und auf alles andere…", er strahlte seine
Frau verliebt an, „…hattet Ihr ja dann keinen Einfluss mehr!"
Lisa sprang auf und fiel Olga um den Hals. Dann wurden Hannah
und Alessandro geknuddelt. Auch Rokko umarmte die drei herzlich.
„Na
dann haben wir ja alle unsere Liebesengel beieinander!", er
lächelte zu Manuel Hoffmann hinüber. Auch der hatte einen
großen Anteil zu ihrem jetzigen Glück beigetragen.
Plötzlich hatte Rokko eine Idee. Er flüsterte Lisa einige Worte ins Ohr. Diese sah ihn daraufhin strahlend an: „Wenn das geht? Das wäre wunderbar!"
„Ich frag´ sie
gleich mal!"
Mit einem „Entschuldigt mich kurz!" und einem
Kuss für seine Liebste löste er sich von der Runde und
schlenderte zu einem der anderen Tische hinüber, an dem Jürgen
und André saßen. Die drei sprachen kurz miteinander und
lachten. Dann verabschiedete er sich mit einem Schulterklopfen von
den beiden Männern und kam zu seiner Frau zurück.
„Alles,
klar, sie treten gerne zurück.", Rokko lächelt Lisa an
und nahm sie bei der Hand, „Willst Du sie fragen?" Lisa nickte.
Noch an Rokkos Hand strahlte sie Hannah, Olga, Alessandro und Manuel
an.
„Ihr habt so viel für uns getan und ohne Euch
würden wir sicher heute hier nicht stehen! Ihr könnt Euch
gar nicht vorstellen, wie dankbar wir Euch sind! Deshalb möchten
wir, Rokko und ich, Euch fragen, ob ihr nachher bei der kirchlichen
Trauung unser Trauzeugen sein wollt? Jürgen und André
treten ihre Plätze gern an Euch ab, sie wissen Bescheid!"
Und
ob sie wollten! Hannah flog Lisa jubelnd an den Hals und Olga drückt
Rokko gerührt. Auch die Männer sagten strahlend zu.
Gegen Mittag wurde es Zeit, aufzubrechen. Am Nachmittag stand die kirchliche Trauung in Pinneberg an und neben der Fahrt dorthin würde vor allem Lisa noch eine Weile brauchen, um sich umzukleiden.
Bernd
ließ es sich nicht nehmen, das Paar persönlich zu
chauffieren und so fuhren sie kurze Zeit darauf im Fond des Wagens in
Richtung Pinneberg. Rokko hatte den Arm um seine Frau gelegt und sie
dicht an sich gezogen. Auf Lisas Schoß lag aufgeschlagen ihr
neues Familienbuch. Zärtlich strich sie immer wieder über
die Heiratsurkunde.
„Glücklich, Frau Kowalski?", fragte
er leise.
„Überglücklich, Herr Kowalski!" Sie sah
ihn strahlend an und küsste ihn liebevoll.
„Weißt
Du, noch vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass es noch
mal so schön werden könnte. Ich meine, dass Du mir noch mal
verzeihen konntest und mir eine dritte Chance gegeben hast…"
„Schhh...," Rokko legte beschwichtigend den Zeigefinger auf
ihre Lippen, „Das ist Vergangenheit! Wir haben beide daraus
gelernt. Jetzt zählt nur noch die Zukunft – unsere Zukunft!
Und Du weißt doch – aller guten Dinge sind drei!", sein
liebevolles Lächeln ging in ein schelmisches Grinsen über.
Gerührt hatte Bernd am Lenkrad der Unterhaltung der beiden gelauscht. „Rokko, meen Junge", dachte er bei sich, „ick schwöre, nie wieder werde ik auch nur eenen schlechtn Jedanken über Dich zulassen!"
Eine knappe halbe Stunde später
hielt das Auto vor dem Pinneberger Hotel, in dem Lisas und Rokkos
Gäste die folgende Nacht verbringen sollten. Rokko würde
sich dort in Andrés Zimmer für die kirchliche Trauung
umziehen, während für Lisa alles in Rokkos Elternhaus
bereit lag. Liebevoll verabschiedeten sie sich voneinander.
„Bis
gleich!", sagte er leise und strich ihr noch einmal zärtlich
über die Wange.
„Bis gleich!" antwortete sie, hauchte
ihm noch einen zarten Kuss auf die Lippen und schlüpfte dann
zurück in den Fond des Fahrzeugs.
Einen Moment lang sah er
noch dem davon fahrenden Wagen nach, dann drehte er um und ging er
mit den Händen in den Hosentaschen auf den Eingang des Hotels
zu, wo André und Daniel auf ihn warteten.
Im Haus der Kowalskis ging es kurze Zeit später zu wie in einem Bienenstock – alles wirbelte und wuselte durcheinander. Nur Olga und Herr Hoffmann bildeten in diesem Meer der Hektik eine Insel der Ruhe. Sie hatten sich bei ihrer Ankunft erst einmal einen Kaffee aus der Küche besorgt und saßen nun auf der Terrasse und plauderten angeregt über ferne Länder und exotische Plätze.
Im
ersten Stock saß Lisa in Rokkos Jugendzimmer in ihrem
Morgenrock vor dem Spiegel. Hannah trug Make-up auf, während
Ella Lisas Haare mit Rundbürste und Föhn bearbeitet. Yvonne
war gleichzeitig damit beschäftigt, Lisas Fingernägel zu
lackieren. Ihre Kinder wurden im Erdgeschoss von Barbara betreut und
sie war froh, so die letzten Minuten vor der kirchlichen Trauung mit
ihrer besten Freundin verbringen zu können.
„Jetzt halt
doch mal still!", schimpfte sie liebevoll.
„Wie soll ich denn
still halten, wenn ihr alle an mir herumzerrt!" Lisa versuchte, ein
Lachen zu unterdrücken. Das Gewirbel um sie herum schien sie gar
nicht zu erreichen – sie saß entspannt und selig lächelnd
auf dem Stuhl und sah ihr Spiegelbild an.
„Oh Gott, hoffentlich
bin ich bei meiner eigenen Hochzeit genauso ruhig!", knurrte Hannah
hektisch.
Lisa versuchte, weiter still zu sitzen und schielte über den Spiegel zu Olgas – ihrem – Brautkleid hinüber. Sie konnte es kaum erwarten, in diesem Kleid mit Rokko vor dem Altar zu stehen.
15 Minuten später stand sie in ihrem Kleid
vor dem Spiegel und betrachtete sich lächelnd. Rokko würde
Augen machen! Der hohe Stehkragen der kurzen hellbeigen Jacke passte
wunderbar zu der weichen 50er-Jahre Hochfrisur, die Ella gezaubert
hatte. Und das gleichfarbige, enge, trägerlose Kleid darunter
saß perfekt!
Auf einen Schleier hatte sie verzichtet –
nur ein zarter Blütenkranz schmückte diesmal ihr Haar. Sie
sah verändert aus - aber bei Weitem nicht so mondän und
aufgedonnert wie damals, als sie Hugo in die Hände geraten war.
Ein letztes Mal sah sie prüfend in den Spiegel, dann verließ
sie das Zimmer und ging nach unten.
Am Treppenabsatz warteten
die Eltern und Olga auf sie. Die anderen waren bereits die wenigen
Schritte zur Kirche vorausgegangen. Olga schlug bei Lisas Anblick vor
Freude die Hände vor dem Gesicht zusammen und Bernd streckte
stolz seiner Tochter den Arm entgegen.
Auch Helga strahlte übers
ganze Gesicht.
Gemeinsam machten sie sich zu Fuß auf den
Weg zur Kirche. Kurz davor gingen Helga und Olga voran und scheuchten
auch die letzten Gäste in die Kirche.
Als Lisa und ihr Vater
den Vorplatz der Kirche erreichten, stand nur noch Rokko davor.
Atemlos sah er seine Braut an. Bernd legte liebevoll Lisas Hand in
Rokkos und tätschelte seinem Schwiegersohn freundschaftlich die
Schulter.
„Ihr macht datt schon!", sagte er leise und
verschwand dann in der Kirche.
„Lisa, Du bist wunderschön!"
murmelte Rokko ergriffen. „Du auch!", antwortete sie leise und
strich über seinen dunklen Anzug, „Wollen wir?"
„Wir
wollen!", Rokko nahm ihren Arm, legten ihn über seinen und
gemeinsam schritten sie in die Kirche. Eine weiche Stimme erklang,
als sie den Kirchenraum betraten.
"I just swear that I'll
aways be there.
I'd give anything and everything and I will
always care.
Through weakness and strength, happiness and sorrow,
for better or worse, I will love you with
every beat of my
heart."
Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Neben Freunden und Verwandten hatten sich auch viele Kollegen von Lisa und Rokko auf den Weg nach Pinneberg gemacht, um dort den schönsten Tag ihres Lebens mitzuerleben.
Ihre vier Engel standen als Zeugen am Altar bereit. Hanna und Alessandro auf der einen, Olga und Manuel auf der anderen Seite.
Rokko lächelte
Lisa noch einmal aufmuntern an, dann gingen sie zusammen auf den
Altar zu.
Lisa lauschte der Musik, als sie langsam das
Kirchenschiff durchquerten.
"I give my hand to you with all
my heart
Can't wait to live my life with you, can't wait to start
You and I will never be apart
My dreams came true because of
you"
Vor dem Altar drehten sie sich noch einmal kurz zu
ihren Eltern um. Konrad nickte seinem Sohn lächelnd zu und Helga
drückte die Hand ihres Mannes so fest, dass ein leicht
schmerzverzerrtes Zucken in seinem Mundwinkel lag.
Nach der
Begrüßung erzählte der Pastor der Gemeinde die
Liebesgeschichte von Lisa und Rokko. Nicht so, wie die beiden es ihm
erzählt hatten, sondern gestaltet in einem wunderschönen
Gleichnis.
Die Geschichte handelte von richtigen und falschen
Pfaden, von Angst und Gottvertrauen und der Erkenntnis, dass, wenn
man die Hoffnung nicht verliert, die wahre Liebe immer zu einem
zurückfinden wird.
Lisa kullerten die ersten Tränen über die Wangen und auch Rokko hatte einen leicht wässrigen Blick bekommen.
Dann war der große Moment gekommen:
Rokko sprach dem Pastor sein Ehegelübde nach und steckte
seiner Lisa den Ehering an den Finger.
Als ihre Hand ihm nun zum
zweiten Mal an diesem Tag den Ring überstreifte erinnerte er
sich plötzlich ganz genau, was er in den Nächten nach ihrem
ersten Kennenlernen am Empfang von Kerima geträumt hatte.
Es
war genau dieser Moment! Und ihre leise Stimme im Hintergrund: „In
guten wie in schlechten Zeiten, in Krankheit wie Gesundheit..."
Nachdem auch Lisa ihren Schwur geleistet hatte, nahmen die beiden
sich an den Händen und strahlten sich an. Der Pastor segnete das
Paar und nach einem zärtlichen Kuss präsentierten sie sich
lachend der Gemeinde als Ehepaar.
Auf dem Weg aus der Kirche
wurden sie wieder von allen Seiten umarmt und beglückwünscht.
Nach einer Weile hatten sie das Kirchenportal erreicht und traten
hinaus in den strahlenden Sonnenschein.
Rokko nahm seine Frau
liebevoll in den Arm und küsste sie auf die Nasenspitze während
hinter ihnen die Gäste die Kirche verließen.
„Überglücklich, Frau Kowalski?", fragte er sie mit
einem Augenzwinkern.
„Noch viel mehr glücklich, Herr
Kowalski!", gab sie mit leuchtenden Augen zurück.
Kurze
Zeit später machte sich die gesamte Hochzeitsgesellschaft auf
den Weg zu Festwiese, wo sie bereits erwartet wurden. Dort angelangt,
stießen einige Gäste Laute des Erstaunens aus. Lisa und
Rokko sahen strahlend auf die Szenerie:
Auf einer kleinen Bühne
spielte eine Folk-Band irische Weisen, davor war eine Tanzfläche
aus Holz aufgebaut, die von weißen Gartenbänken umgeben
war. Zwischen den Bänken standen hohe Bodenvasen mit Feldblumen.
An dem großen Festzelt hatte man, als Tribut an das wunderbare
Sommerwetter, die weiße Seitenplanen an drei Seiten
herausgenommen, so dass der Blick ungehindert ins Innere dringen
konnte. Im Zelt standen ein Dutzend große, kreisrunde Tische,
die in beige, türkis und einem hellen rosé eingedeckt
waren. Neben dem ersten stand ein zweites, kleineres Zelt. Dort
werkelten mehrere Köche an Pfannen und Töpfen und dort
stand auch das Service-Personal bereit.
Rokko ergriff die Hand
seiner Mutter, die neben ihm stand: „Danke, Mama!" Shannon
strahlte.
„Jetzt kommt!", sagte sie lachend und zog ihren
Sohn und an seiner Hand ihre Schwiegertochter zum Zelt. Die Gäste
folgten ihnen.
Bald hatte jeder seinen Platz gefunden und die
Kellner trugen den ersten Gang auf.
Zwischen Vor- und Hauptspeise
musste das Brautpaar den ersten Redner über sich ergehen lassen
– der Vater der Braut sprach!
Und wie er sprach! Er erzählte
in launiger Weise, wie der ehemalige „polnische Boxer" und
jetzige „irisch-kanadischer Ungar" in das Leben seiner Tochter
getreten war und ihr Herz erobert hatte – und wie er selbst sich
mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte.
Er
erzählte das auf so liebenswerte und drollige Weise, dass bald
alle Anwesenden lachten und sogar Rokko sich die eine oder andere
Lachträne aus den Augen wischte.
Bernd schloss mit den
Worten: „Rokko, ick habs Dir oft nich leicht jemacht! Aber lass Dir
eins jesacht sein: Du bist datt Beste, was meinem Schnattchen hätte
passieren können! Das hab ich alter Dickschädel jezz ooch
kapiert!"
Rokko und Lisa applaudierten dem Vater und Lisa warf
ihm eine liebevolle Kusshand zu.
Auch Konrad und Jürgen als
„Abgesandter" der Trauzeugen (die sechs hatten sich auf einen
Sprecher verständigt), ergriffen im Laufe des Essens noch das
Wort. Beide Reden waren launig, liebevoll und herzlich, aber Bernds
letzte Worte hatten Rokko am Meisten gerührt.
Nach dem Essen zog es die Hochzeitsgesellschaft nach draußen. Die Band stimmte noch einmal das Lied ein, dass bei Lisas und Rokkos Einzug in die Kirche erklungen war. Die beiden gingen in die Mitte der Tanzfläche und begannen, sich leicht im Rhythmus der Musik zu bewegen.
„From this moment as long as I live
I will
love you, I promise you this
There is nothing I wouldn't give
From this moment on
You're the reason I believe in love
And you're the answer to my prayers from up above
All we need
is just the two of us
My dreams came true because of you"
Hannah und Alessandro standen zusammen mit den anderen am
Rand der Tanzfläche und beobachteten das Brautpaar verträumt.
Sie waren die nächsten!
Nachdem Lisa und Rokko zunächst
allein auf der Tanzfläche waren, forderten sie nun ihre Eltern
und ihre Engel auf, ihnen Gesellschaft zu leisten.
Als die
Melodie verklungen war, setzten die Musiker gleich mit dem nächsten
Stück an. Die Tanzfläche füllte sich. Lisa lag nun in
Konrads Armen und Rokko tanzte mit Helga.
Auch bei den folgenden
Musikstücken schaffte es das Brautpaar nicht, die Tanzfläche
zu verlassen – reihum wollten alle Gäste mit einem der beiden
tanzen.
Gegen acht sah Rokko auf die Uhr: Wenn sie ihren
Flieger nach London noch erreichen wollten, war es jetzt Zeit, sich
umzuziehen und loszufahren. Er gab Lisa ein Zeichen. Ohne dass die
Gäste dies zu bemerken schienen, gingen sie in Rokkos nahes
Elternhaus und zogen sich um. Doch als sie wieder aus der Haustür
traten, standen davor all ihre Gäste und applaudierten zum
Abschied.
Als dann ein wahrer Regen aus Reiskörnern und
Rosenblättern auf sie einprasselte, nahm Rokko seine Liebste
schützend in den Arm und rannte mit ihr zu Olgas Limousine, die
mit offenem Wagenschlag bereit stand. Die Tür schlug hinter
ihnen zu und der Wagen setzte sich in Bewegung.
Nach wenigen
Minuten in der fahrenden Limousine war Lisa in Rokkos Arm erschöpft
eingeschlafen. Er küsste seine schlafende Frau auf die Stirn und
sah sie zärtlich an.
Sie waren einen weiten Weg gegangen.
Aber für das, was an diesem Tag geschehen war und das, was nun
vor ihnen lag, war es jede Sekunde wert gewesen.
Rokko zog Lisa
fester an sich, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Der
Chauffeur hatte das Radio leise angestellt und eine zarte
Piano-Melodie erfüllte das Innere des Wagens:
„Du
guckst mich an, und ich geh mit,
Und der ist ewig, dieser
Augenblick.
Da scheint die Sonne, da lacht das Leben,
Da geht
mein Herz auf, ich will's dir geben.
Ich will dich tragen, ich
will dich lieben,
Denn die Liebe ist geblieben.
Hat nicht
gefragt, ist einfach da,
Weglaufen geht nicht, das ist mir klar.
Du und ich, das ist ganz sicher
Wie ein schöner
tiefer Rausch
Von der ganz besonderen Sorte
Und wir haben ein
Recht darauf
Uns immer wieder zu begegnen,
immer wieder
anzusehen.
Wenn die große weite Welt ruft,
werde ich
sicher mit Dir gehen!"
