20. ... und Märchen werden doch wahr

Juni

„So, mein Engel, wir sind gleich da!" „Aber wo denn?", Lisa lachte.

Rokko schaute zu seiner Frau hinüber, die neben ihm auf dem Beifahrersitz saß. Seine Frau – das fühlte sich so verdammt gut an!

Rokko hatte von André – quasi als Hochzeitsgeschenk und als Extra-Honorar für den Deal mit Olga – das Angebot bekommen, Partner am Studio zu werden. Er nahm es mit Freuden an.

Das Thema Kerima war für sie abgeschlossen. Lisa hatte ihre Anteile verkauft und sich mit dem Geld an Olga Johansons Verlag beteiligt. Die „Anna"- Bücher und -CDs waren bereits in der Produktion und die Größenordnung, in der sich jetzt schon die Vorverkaufszahlen bewegten, ließen auf einen riesigen Erfolg schließen.
Zum Glück hatte auch die dreiwöchige Abwesenheit der Geschäftsführerin in Hannover und des PR-Leiters in Hamburg dem Erfolg keinen Abbruch getan.
Und auch Lisas Eltern hatten sich endgültig von Kerima und den Seidels verabschiedet. Dank Konrads Unterstützung konnte Bernd kurz nach der Hochzeit einen verwaltenden Hausmeisterposten an der TU Berlin annehmen und Helga würde in wenigen Wochen mit einer Finanzspritze ihrer Tochter eine der Cafeterien der Uni übernehmen.

Einzig das Wohnungsproblem war für Lisa und Rokko noch nicht zufriedenstellend gelöst. Seit zwei Wochen waren sie aus den Flitterwochen zurück und seit dem pendelten sie zwischen Lisas Häuschen in Hannover und Rokkos Apartment in Hamburg hin und her.

Olga hätte sie am liebsten ganz in ihr Haus einziehen lassen, aber das würde den Arbeitsweg für Rokko doch zu lang machen. Als sie das zerknirscht beichteten, war die alte Dame ihnen darüber nicht böse. Es war nur natürlich, dass die beiden sich ihr eigenes Nest bauen wollten.

„Und außerdem,", hatte sie Ihnen an diesem Abend verkündet, „habe ich ja noch Yvonne, Max und die Kinder um mich!"

Schmunzelnd „beichtete" sie dann dem verblüfften Paar, dass sie Max bei ihrer Hochzeitsfeier von Kerima abgeworben hatte und er der neue Personalchef des Verlages sein würde. David Seidel zickte zwar ein wenig herum, aber als Olga Max Schulden bei ihm beglichen hatte, ließ er den ach so guten Freund ziehen.

Rokko grinste wie ein Schuljunge und amüsierte sich darüber, dass Lisa jetzt anfing, unruhig auf ihrem Sitz hin und her rutschte. Er bog von der Autobahn ab und hielt auf einem kleinen Rastplatz.
„Was wird denn das jetzt?", lachte Lisa.
„Vorbereitungen!"
Er fischte im Türfach nach einem türkisfarbenen Seidenschal.
„Hey, den kenne ich doch!"
„Das dachte ich mir.", grinste er.
„Und das kennst Du sicher auch noch...", vorsichtig verband er Lisa mit dem Schal die Augen.
„Rokko, was soll das? Willst Du mich jetzt wieder mit Chili füttern?" „Nicht ganz.", er startete den Motor und bog wieder auf die Autobahn, „Und wage ja nicht, unter dem Schal durchzuschielen!"

Fünfzehn Minuten später hielt der Wagen wieder. Rokko half Lisa aus dem Auto und führte sie einige Meter weiter. Dann trat er hinter sie und befreite sie von dem Schal.
„Das ist es! Unser neues Zuhause!", sagte er leise, „Wenn Du einverstanden bist!"
Lisas Augen mussten sich erst an das Licht gewöhnen, dann blickte sie um sich. Sie standen vor einem wunderschönen zweistöckigen Holzhaus, das direkt aus einem Märchen zu stammen schien.

„Rokko, was...?"

„Lisa, es ist perfekt! Das Haus ist über hundert Jahre alt, aber vor einem Jahr komplett restauriert und modernisiert worden. Drinnen ist alles vom Feinsten – moderne Küche, riesiges Bad, Fußbodenheizung- sogar eine Sauna. Ein richtiges kleines Paradies.
Und die Lage ist ideal! Wenn Du in diese Richtung fährst", er streckte seine eine Hand gen Süden aus, „bist Du in einer Stunde in Hannover. Und in diese Richtung", er deutete mit der anderen Hand nach Norden, „dauert es genauso lange, bis man in Hamburg ist."

Lisa musste lachen. Rokko stand vor ihr wie ein Verkehrspolizist auf einer belebten Kreuzung.

„Und wenn wir in diese Richtung fahren", er ließ mit einer dramatischen Geste die gestreckten Arme vor sich zusammenfahren, „dann sind wir in dreieinhalb Stunden bei Deinen Eltern."
Rokko lachte, kam wieder auf sie zu und nahm sie in den Arm.
„Was denkst Du, Lisa?" Sie kuschelte sich an ihn.
Ihr Blick hatte sich an einen wunderschönen runden Erker geheftet, der sich an die eine Seite des Gebäudes schmiegte und aussah wie ein kleiner Schlossturm, beschirmt von einem runden, spitzen Dach.
Sie flüsterte etwas. Rokko wollte zuhören, wurde aber abgelenkt von einem Wagen, der sich gerade näherte und hielt.
„Das ist der Makler. Wenn Du einverstanden bist, können wir heute noch unterschreiben." Er küsste sie auf die Schläfe und ging dann zu dem Makler, um ihn zu begrüßen.

Lisa sah sich um. Das Haus war eingebettet in eine wunderhübsche Heidelandschaft. In der Nähe sah sie Pferde grasen. Ein paar Bauernhöfe mit hohen, reetbedeckten Scheunen säumten die Straße. Ein Kirchturm ließ darauf schließen, dass sich in der Nähe ein Dorf oder eine kleinere Stadt befand.
Dann wandte sich ihr Blick auf das – ihr – Haus. Ein schmaler Graben trennte das Grundstück von der Straße, darüber gab es kleine Brücke bis zu einem wunderschön geschmiedeten eisernen Tor. Dahinter führte ein mit Kirschbäumen besäumter Weg zur Haustür – einer breiten
Doppeltür aus Holz. Rechts und links davon erstreckte sich eine breite Holzveranda über die ganze Front des Hauses. Das ganze Gebäude war in einem matten Weiß gestrichen, Tür, Fenster und Fensterläden dagegen in einem dunklen Grün. Die Tür war zusätzlich mit kleinen weißen Ornamenten geschmückt.
Neben dem Haus lag ein kleiner Obst- und Gemüsegarten, der von einer hellen Steinmauer umgeben war.

Lisas Augen wanderten wieder zu dem Erker, der sie wie magisch anzog.
Ja, das war ihr Haus.
Sie sah Rokko und sich zärtlich vereint hinter diesen Fenstern, sie sah ihre Kinder in diesem Garten spielen, sie sah sie alle sich streiten, sich versöhnen, miteinander lachen, zusammen am Tisch sitzen.
„Kann das sein, dass ich gerade ein Märchen erlebe?"

Nach einer kurzen Unterhaltung mit dem Makler kehrt Rokko zu Lisa zurück. Der Zurückgebliebene sah zu, wie Herr Kowalski zu seiner Frau ging und sie umarmte.
Er kannte diese Szene von jungen Paaren und wusste sich diskret im Hintergrund zu halten.
Und doch ging von diesen beiden jungen Menschen ein ungewöhnlicher Zauber aus, der ihn dazu brachte, sie weiter mit einem Lächeln zu betrachten.

Rokko war wieder von hinten an Lisa herangetreten, legte sanft seine Arme um ihre Taille und zog sie zu sich heran.
„Was hast Du eigentlich vorhin gemurmelt? Ich habe Dich nicht verstanden."
„Oh, ich habe mich nur an etwas erinnert, was ich mir vor langer Zeit gewünscht habe – bevor ich vom Weg abgekommen bin."
„So, und was war das?", fragte er zärtlich.
Lisa atmete tief durch und setzte dann an:

„In unserem Haus wird es ein kleines Zimmer unter dem
Dach geben für eine kleine Lisa oder einen kleinen
Rokko...",

Rokko zog sie noch etwas enger an sich und streichelte ihren Bauch, der sich in letzter Zeit langsam aber sicher von etwas Konkavem in etwas Konvexes verwandelte,

„... und eins für Lisa und Rokko und ihre große, große
Liebe!"

Für eine Ewigkeit schien die Welt still zu stehen.
Dann senkte Rokko langsam seinen Kopf und schmiegte ihn liebevoll an Lisas.
Und leise wiederholte er ihre Worte:

„... und eins für Lisa und Rokko und ihre große, große
Liebe!"