Am Sonntagnachmittag fuhr Lisa zur Villa Seidel. Sie klingelte und Gabriele öffnete die Tür.
„Guten Tag Gabriele"
„Guten Tag Frau Plenske. Soll ich Herrn Seidel und die Kleine rufen? Sie sind gerade im Garten."
„Ja, danke."
Wenige Minuten später kam David mit Katharina an der hand zur Tür.
„Mama! Wir haben im Garten verstecken gespielt1!"
„Hallo Maus." Lisa ging in die Hocke und gab Katharina einen Kuss auf die Backe. Dann stand sie wieder auf, umarmte David kurz und fragte: "Alles ok?"
„Klar. Soll ich sie nächste Woche nochmal abholen?"
„Mittwoch wär gut, da hab ich eine Besprechung mit Hugo und das kann länger dauern."
„Werd ich machen." ZU Katharina sagte er: „Tschüs Kleine, bis Mittwoch."
„Tschüs Papa", antwortete sie und lief mit Lisa den Weg zur Straße entlang:
„Hast du Papa auch vom Zoo erzählt?"
„Ja, von den Löwen!"

In den nächsten Wochen gab es viel zu tun. Hugo hatte einen großen Teil der Entwürfe für die neue Kollektion fertig und Lisa und David mussten die Präsentation vorbereiten. Lucie, Hugos neue Freundin und PR Chefin, hatte schon einige Locations für die Präsentation ausgesucht. Lisa musste sich alle anschauen und dann mit David, Hugo und Lucie eine Entscheidung treffen. Schließlich entschieden sie sich für eine alte Fabrikhalle. Diese konnte man am besten passend zu Hugos Entwürfen gestalten.

Lisa hatte immer weniger Zeit für Marie, sie sahen sich meist samstags, wenn Lisa nicht auch dann arbeiten musste. Katharina war oft bei Helga und Bernd, denn auch David wurde bei Kerima dringend gebraucht.

Sie genoss die Abende, die sie allein auf ihrem Balkon verbringen konnte. Zuerst brachte sie Katharina ins Bett und las ihr eine Geschichte vorm dann setzte sie sich auf den Balkon und sah der Sonne beim Untergehen zu. Sie brauchte die Ruhe. Doch immer wieder wurde ihre Ruhe gestört. Ihr Tagtraum verfolgte sie. Vielleicht musste sie sich endlich mit ihm auseinandersetzen, dass er verschwand? So saß sie heute, an einem schönen Abend Ende Juni, auf ihrem Balkon und lies sich von ihrem Traum Fragen stellen. Fragen, die sie sich bisher noch nicht gestellt hatte, Fragen, die sie im ersten Moment nicht beantworten konnte. Doch auch sie wollte ihrem Traum Fragen stellen. Warum verfolgte er sie? Damit sie sich endlich –nach sieben Jahren – diesen Fragen stellte? Sie hatte noch mehr Fragen an den Traum. Warum tauchte Katharina in ihm auf? Warum verfolgte er sie gerade jetzt? Warum hatte sie sich so aufgeregt hatte, als sie erfahren hatte, dass Sasha anscheinend Rokkos Sohn war.

Auf die letzte Frage war ihr bereits vor einigen Wochen selbst eine Antwort eingefallen. Weil Sasha auch Rokkos und IHR Kind hätte sein können, wenn sie sich vor sieben Jahren anders entschieden hätte.
Und warum hatte sie sich damals so entschieden? Gegen Rokko, für David, obwohl sie sich erst so sicher gewesen war, mit Rokko glücklich zu werden? Warum hatte sie geglaubt, mit David noch glücklicher werden zu können? Sie überlegte, was sie damals in der Kirche gefühlt hatte. Bis zum Polterabend, eigentlich bis sie in der Kirche gestanden hatte, war sie sich so sicher gewesen Rokko heiraten zu wollen. Doch David, ihren Traumprinzen, hatte sie nie ganz aus ihrem Herzen verbannen können. In der Kirche hatte sie nicht über die möglichen Folgen ihrer Kurzschlussentscheidung nachgedacht. Nur David hatte Platz in ihrem Kopf gehabt. Die Erinnerung an die Zeit, als sie bei Kerima angefangen und sich Hals über Kopf in ihren Chef verliebt hatte, an die Zeit vor seiner Entführung und an den Heiratsantrag, den sie doch abgelehnt hatte, hatten sie in der Kirche eingeholt. Also hatte sie Rokko stehen gelassen und David geheiratet. Sie war mit ihm in die Karibik gesegelt und war glücklich gewesen. Rokko hatte sie vergessen. Bald aber hatte Lisa gemerkt, dass ihre Entscheidung, David zu heiraten, nicht die beste gewesen war. Sie stritten sich immer öfter und lebten mehr nebeneinander als miteinander. Die einzigen Dinge, die sie noch verbanden, waren Kerima und ihre Tochter Katharina. Zwei Jahre nach der Hochzeit war Lisa aus der Villa ausgezogen. Seitdem verstanden sich David und Lisa wieder besser.
Ihr Traum stellte ihr eine neue Frage: Wäre es mit Rokko besser gelaufen?
Er hatte sie nie enttäuscht, war immer für sie da gewesen, auch nachdem sie ihm das Herz gebrochen hatte. Doch war das ein Grund sagen zu könne, dass sie mit ihm glücklicher geworden wäre? Vielleicht hätten sie sich auch immer öfter gestritten, vielleicht wäre sie auch nach zwei Jahren aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen...
Vielleicht war das wirklich ein Grund!
Aber was lies sie sich von einem Traum solche Fragen stellen? Sie würde es nie herausfinden. Sie hatte David geheiratet, Rokko stehen gelassen und ihn so aus ihrem Leben gestrichen… oder?