Lisa hatte gehofft, dass der Traum sie ihn Ruhe lassen würde, wenn sie sich mit ihm auseinandergesetzt hatte, doch es wurde nur noch schlimmer. Jetzt verfolgten sie auch die Fragen. Bisher hatte sie mit niemandem darüber geredet. Marie wollte sie sich nicht anvertrauen, Yvonne hatte wie so oft Sorgen um das Geld und ihre drei Kinder und mit David konnte sie nicht darüber reden. Obwohl Jürgen auch kaum Zeit hatte, wollte sie heute in der Mittagspause zu ihm in den Kiosk. Vielleicht würde er ihr helfen können.
Ihr Handy klingelte.
„Plenske."
„Hi Marie."
„Ja."
„Klar, kein Problem."
„Gut, bis übermorgen, ciao."
Lisa stand auf. Jetzt wollte sie sich auf den Weg zu Jürgen machen.
„Hallo Jürgen", sagte sie, als sie den Kiosk betrat.
„Hallo Lisa."
„Kannst du mir einen Kaffee machen bitte?"
„Klar." Er stellte einen Becher unter die Maschine und drücke einen Knopf. „Du warst lange nicht mehr hier, ist was passiert?" Lisa stellte sich an den Stehtisch und stützte den Kopf in die Hände.
„Erzähl, Lisa." Sie seufzte.
„Ich hab dir doch mal erzählt, dass ich mit Katharina im Zoo war."
„Ja, vor zwei Monaten."
„Und da haben wir einen Jungen aus dem Kindergarten und seine Mutter getroffn, Sasha und Marie."
„Ja."
„Sasha ist Rokkos Sohn."
„Echt? Ist er mit Marie verheiratet?"
„Nein, sie sind schon lang getrennt."
„Und wo ist das Problem?"
„Ich weiß es nicht, aber ich muss ständig an Rokko denken, an die Hochzeit…" Jürgen nickte.
„Und ich frag mich die ganze Zeit, ob ich glücklicher geworden wäre, wenn…2 Sie stockte. „Wenn ich Rokko geheiratet hätte." Jürgen legte ihr den Arm um die Schultern.
„Und, was meinst du?"br
„Ich weiß es nicht."
„Hast du ihn mal wieder gesehen?"
„Nein, aber Marie hat gesagt, dass er in Berlin wohnt."
„Weiß Marie, was…"
„Nein." Lisa schüttelte den Kopf. „Und ich werds ihr auch nicht erzählen."
Am Samstagmorgen brachte Marie Sasha zu Lisa. Sie hatte einen wichtigen Auftrag und musste auch samstags arbeiten.
„Ausgerechnet jetzt hat Rokko auch keine Zeit. Nur morgen, aber da arbeite ich nicht. Ich ho Sasha um halb acht, ich hoff nicht, dass es später wird. Tschüs Kleiner."
„Tschüs Mama." Schon waren Sasha und Katharina im Kinderzimmer verschwunden. Lisa hatte ihnen eine Kassette angestellt.
„Wenns später wird, ruf ich an."
„Gut. Bis heute Abend."
Marie lief die Treppe herunter und Lisa schloss die Wohnungstür. Sie war froh, dass sie heute nicht arbeiten musste. Sie setzte sich ins Wohnzimmer und begann, ein Buch zu lesen, das gleiche, das se schon vor zwei Monaten im Zoo hatte lesen wollen. In der letzten Zeit hatte sie so viel zu tun gehabt, dass sie kaum weitergelesen hatte.
Nach kurzer Zeit legte Lisa das Buch wieder auf die Seite. Sie konnte sich einfach nicht darauf konzentrieren. Sie sah Rokko vor sich, wie er sie angeschaut hatte, als sie ihm den Ring zurückgegeben hatte. Sie hatte nie darüber nachgedacht, wie er sich gefühlt haben musste. Sie versuchte sich vorzustellen, er hätte das mit ihr gemacht, doch das funktionierte nicht. Zum einen war das viel zu schlimm, um es sich vorzustellen, zum anderen wurde ihr bewusst, dass er das nie getan hätte. Und sie hatte ihm nicht nur einmal wehgetan. Schon einmal davor hatte sie ihm das Herz gebrochen, als sie ihn zum ersten Mal für David verlassen hatte.
Lisa stand auf und ging auf den Balkon. Sie setzte sich hin und sah auf den Park, der gleich neben dem Haus lag. Sie hatte ihm zweimal unendlich wehgetan. Wieder stellte ihr Traum eine Frage. „Wie konntest du das tun?" Er war immer freundlich zu ihr gewesen, hatte sie unterstützt und sie so geliebt wie sie war. Obwohl sie ihm wehgetan hatte, obwohl sie manchmal unausstehlich gewesen war. Er hatte ihr eine zweite Chance gegeben, obwohl sie ihn für David verlassen hatte. Sie waren glücklich gewesen, hatten heiraten wollen. Und an dem tag, der eigentlich der schönste ihn ihrem – ihrem und seinem – Leben hätte werden sollen, war für ihm wohl eher einem Albtraum gleichgekommen.
Sie verstand sich selbst nicht mehr. Wie konnte ich das tun? Und warum fragte sie sich das erst jetzt? Warum nicht in den vergangenen sieben Jahren? Hatte sie ihn wirklich vergessen?
Ja, sie hatte nicht mehr oft an ihn gedacht. Sie wollte nicht an ihn denken. Sie war glücklich mit David gewesen und nach der Scheidung hatte sie Katharina gehabt.
Ihr Traum hatte noch eine Frage: Hast du ihn überhaupt geliebt? Oder ihm nur etwas vorgespielt? Damals war sie der Meinung gewesen, ihn wirklich zu lieben. Doch konnte man einen Menschen, den man liebte, so leicht aus seinem Leben streichen?
Sie stand auf. Ihr waren das zu viele Fragen, auf die sie keine Antwort wusste.
Lisa stand in der Küche und spülte ab. Sie hatte Nudeln mit Tomatensauce gekocht, Katharinas und Sashas Lieblingsessen. Das Wasser im Spülbecken war rot von der Sauce. Während sie die Löffel schrubbte, dachte sie an die Fragen des Traums. Hatte sie Rokko wirklich geliebt? Hätte sie ihn dann wirklich so einfach aus ihrem Leben streichen können? Während sie die Teller abtrocknete, dachte sie an die Antwortmöglichkeiten: Ja oder nein. Aber diese Möglichkeiten reichten ihr nicht. Sie stellte die Teller auf den Tisch und hängte das Tuch über einen Stuhl. Sie setzte sich und schaute aus dem Fenster auf die Straße. Sie brauchte mehr Antworten. Ein einfaches Ha und Nein genügte nicht. Das wäre keine gute Antwort auf solche Fragen. Außerdem konnte sie nicht beide Fragen auf einmal beantworten. Habe ich ihn wirklich geliebt? Ja? Nein? Vielleicht? Vielleicht war eine gute Antwort. „Aber vielleicht beantwortet die Frage nicht!", sagte der Traum. Ist ja gut…
Sie saß am Küchentisch und reiste sieben Jahre in die Vergangenheit. Sie versuchte, sich an ihre Gefühle zu erinnern. Doch das war gar nicht so leicht. Hatte sie wirklich vergessen, was sie gefühlt hatte? Wie sie sich gefühlt hatte, wenn sie in Rokkos Nähe gewesen war? War das wirklich so unbedeutend gewesen? Es geht nicht, ich kann mich nicht entscheiden. Ich weiß es nicht!
Am Nachmittag wollte Lisa mit Katharina und Sasha auf den Spielplatz. Katharina saß im Flur auf dem Boden und band sich ihre rosanen Schuhe zu. Sie war voll konzentriert. Sasha setzte sich neben sie und schaute zu. Dann nahm er seinen dunkelblauen Schuh, zog ihn sich an und versuchte, sie Schnürsenkel so wie Katharina zuzubinden. Lächelnd sah Lisa den beiden zu. Katharina stand auf.
„Fertig Mama!" Stolz schaute se auf ihre Schuhe. Sasha saß noch auf dem Boden und sah traurig zu Lisa und ihrer Tochter.
„Soll ich dir zeigen, wie man sich die Schuhe bindet?" Sasha nickte. Lisa setzte sich neben ihn und zeigte es ihm ganz langsam. Er versuchte es nochmal. Als er seinen linken Schuh gebunden hatte strahlte er.
„Gut gemacht. Dann können wir jetzt auf den Spielplatz zum klettern."
Auf dem Spielplatz angekommen rannten Katharina und Sasha sofort zum Klettergerüst. Lisa setzte sich auf eine Bank unter einem Ahornbaum. Eine ganze Weile sah sie den beiden zu, wie sie über den Spielplatz rannten, Sandkuchen backten, schaukelten, rutschten, lachten und natürlich kletterten.
Ihr Tagtraum war auch mit auf den Spielplatz gekommen. Hier verwandelte er sich. Lisa schloss die Augen. Sie sah sich auf einer Bank sitzen, die unter einem Ahornbaum stand. Neben ihr saß Rokko und… Schnell schlug sie die Augen wieder auf. Was sollte der Traum von ihr?
Sie sah noch ein drittes Kind über den Spielplatz laufen, das deutlich jünger als Katharina war. Eine ältere Frau setzte sich neben Lisa auf die Bank.
„Sind das Ihre Kinder?"
„Ja." Was sag ich da? Katharina ist mein Kind, aber Sasha nicht. „Also…"
„Wirklich süß die beiden, aber vollkommen unterschiedlich. Der Junge kommt ganz nach dem Vater, oder?" Lisa nickte. Das stimmte ja auch. Sasha sah Rokko wirklich ähnlich. Marie hatte viel hellere Haare, nur die Augenfarbe hatte er von ihr.
„Meine beiden Kinder sehen sich auch nicht ähnlich", erzählte die Frau. „Meine ältere Tochter ist blond und meine jüngere hat fast schwarze Haare." Lisa nickte wieder. Noch ein paar Minuten redete sie mit der Frau, bis sich diese verabschiedete und mit ihrem Enkelkind den Weg zur Straße entlanglief. Auch Lisa machte sich mit Katharina und Sasha bald auf den Weg nach Hause.
Um kurz nach acht schaute Lisa in Katharinas Kinderzimmer. Sasha lag auf ihrem Bett, Katharina selbst auf dem kleinen Sofa. Beide schliefen, obwohl eine Kassette lief. Kein Wunder, so viel, wie die beiden heute getobt haben… Marie hatte noch nicht angerufen und ihr Handy war aus. Lisa holte eine zusammenklappbare Matratze aus ihrem Schlafzimmer und legte sie auf den Boden. Sie holte auch ein Kopfkissen und eine Decke und nahm einen Schlafanzug für Katharina aus dem Schrank. Da klingelte es. Erleichtert ging Lisa zur Tür und drücke auf den Türöffner. Sie öffnete die Wohnungstür und wartete, dass Marie die Treppe hinaufkam. Doch als sie sah, wer dort wirklich die Treppe hochlief, hätte sie am liebsten die Tür wieder zugeschlagen, aber sie zwang sich, das nicht zu tun.
Für einen kurzen Moment sah sie in ihr wohlbekannte braune Augen.
„Rokko… was machst du denn hier?"
