Rokko lächelte.
„Meinen Sohn abholen."
„Klar." Was auch sonst?! „Komm rein." Lisa ging ein paar Schritte zurück Auf dieses Zusammentreffen war sie nicht vorbereitet gewesen.
„Die beiden schlafen schon. Sie waren ziemlich müde vom Spielen." Lisa ging voraus ins Wohnzimmer. „Ich hab grade die zweite Matratze in Katharinas Zimmer gelegt. Ich hab nicht mehr damit gerechnet, dass Sasha heute noch abgeholt wird."
„Marie hat mich auch erst vor einer halben Stunde angerufen: Ich bin heute Mittag aus Köln zurückgekommen." Er lief durch das Wohnzimmer, direkt auf die Fensterbank zu. Lange schaute er schweigend auf die Fotos.
Wieder sah Lisa sich mit Rokko, Sasha und Katharina in der S-Bahn. Warum hatte Marie sie nicht angerufen und erzählt, dass Rokko Sasha abholen würde? Sie sah Rokko an, wie er vor den Fotos stand. Mittlerweile hatte sie auch ein paar Fotos von Sasha und Katharina aufgestellt. Die beiden bei Marie, im Freibad, auf dem Spielplatz, in Lisas Wohnung… Rokko zeigte auf ein Foto in einem roten Rahmen. Lisa mit Katharina und Sasha an den Händen. Die beiden Kinder grinsten in die Kamera.
„Das gefällt mir." Lisa lächelte.
„Das ist mein Lieblingsfoto."
„Sasha erzählt mir viel von euch, wenn ich ihn sehe. Er ist oft hier, oder? Ich hab in letzter Zeit leider nicht so viel Zeit für ihn. Ich krieg in Berlin kaum noch Aufträge." Lisa nickte.
„Manchmal sind die beiden auch bei Marie und tagsüber im Kindergarten." Sie zeigte auf ein Gruppenfoto, Katharina und Sasha saßen in der ersten Reihe und winkten. „Das ist vom Sommerfest vor ein paar Wochen." Rokko sah sich das Foto an.
„Die beiden scheinen sich wirklich gut zu verstehen."
„Ich hab noch nicht mitbekommen, dass sie sich gestritten haben. Sie sind wirklich ein gutes Team." In Gedanken fügte sie hinzu ‚so wie wir früher', sagte es aber nicht. Auch wenn er sie immer wieder von seinen verrückten Ideen überzeugen musste. „Ich hab noch mehr Fotos." Lisa holte ein dickes Fotoalbum aus einem Regal. Sie setzten sich aufs Sofa und Lisa schlug das Album auf.
Zuerst kamen Babyfotos von Katharina: Katharina im Planschbecken bei Helga und Bernd, mit Laura und Friedrich, mit David auf Sylt, in der Villa. Dann neuere Fotos, die in Lisas Wohnung gemacht worden waren. Katharina, wie sie einen großen Teddy im Arm hielt, in ihrem Zimmer und in der Küche, als sie mit Lisa Plätzchen gebacken hatte. Rokko lachte, als er ein Foto sah, auf dem Katharina sich Plätzchenteig auf die Backe schmierte und grinste. Zuletzt hatte Lisa die neusten Fotos eingeklebt. Katharina und Sasha im Zoo, in Lisas und in Maries Wohnung, auf dem Spielplatz, im Kindergarten…
„Fast wie Bruder und Schwester", meinte Rokko und Lisa dachte wieder einmal an ihren Traum. „Ich hab kaum Fotos von Sasha. Wie viele Marie hat, weiß ich nicht. Wir reden nicht viel miteinander. Sie wo ich sie kenne hat sie dir bestimmt schon jede Einzelheit über unsere Beziehung erzählt." Lisa schluckte. Das hatte sie. Am schwersten war der Teil gewesen, warum sie sich getrennt hatten. Ob Rokko immer noch sauer war wegen damals? Würde er dann so normal mit ihr reden? Allerdings wäre alles andere nicht seine Art. Er war immer freundlich, außer er war eifersüchtig, und bemühte sich um ein gutes Gespräch.
„naja, nicht wirklich. Möchtest du noch was trinken?" Rokko schaute auf die Uhr.
„Ich würd gern noch bleiben, aber Sasha muss ins Bett und wenn wir später gehen darf ich ihn nach Hause tragen."
„Lass ihn heute Nacht hier. Er hat schon ein paar mal hier übernachtet. Ihn jetzt zu wecken wäre nicht gut." Rokko nickte. „Ich muss nur Katharina ihren Pyjama anziehen."
„Gut, kann ich mir ein Glas Wasser aus der Küche holen?" Lisa nickte und zeigte ihm die Küche, dann ging sie ins Kinderzimmer. Mittlerweile war es draußen fast dunkel. Lisa zog die Vorhänge zu. Sie hob Katharina hoch und zog ihr vorsichtig ihr Shirt über den Kopf. Sie nahm das Schlafanzugoberteil vom Sofa und zog es ihr an, ebenso die Hose. Sie legte Katharina auf die Matratze und deckte sie zu. Sasha, der in Katharinas Bett schlief, decke sie ebenfalls zu. Sie drehte sich zur Tür. Dort stand Rokko und sah ihr lächelnd zu.
„Sasha hat mir erzählt, dass er dich mag und gern hier ist", flüsterte er.
„Wirklich?" Lisa lächelte ebenfalls.
„Katharina kann froh sein, dass sie dich hat.
„Meinst du?" Sie gingen wieder ins Wohnzimmer.
„Ich weiß nicht, ob sich Marie so gut um Sasha kümmert. Er erzählt nur noch von dir und Katharina."
„Hör auf, natürlich kümmert sich Marie gut um Sasha und auch um Katharina, wenn sie bei ihr ist. Beklagt hat sie sich noch nie."
„Dann ist gut. Ich hätte gerne einen Job in Berlin oder in der nahen Umgebung, damit ich mehr Zeit für Sasha hab." Job in Berlin? Will er zurück zu Kerima oder warum hat er das gesagt? Aber Lucie kann ich nicht einfach rausschmeißen… Stelle besetzt, tut mir Leid. Rokko schaute auf die Uhr. „Weißt du, wann abends die U-Bahn fährt?" Lisa nickte.
„Die nächste fährt in fünf Minuten."
„Gut, dann wird ich jetzt gehen. Ich weiß ja, dass Sasha bei dir gut aufgehoben ist. Wann soll ich ihn morgen abholen?"
„Komm um elf her. Willst du noch mit uns auf den Spielplatz?"
„Ok." Lisa ging mit Rokko zur Tür. „Bis morgen." Rokko ging die Treppe hinunter. Lächelnd lehnte sich Lisa in den Türrahmen und sah ihm nach. Sie hätte nicht erwartet, dass er so freundlich zu ihr war. Sie hatte sich gefreut, ihn zu sehen, und sie freute sich auf morgen.
