„Hallo Papa!" Lachend lief Sasha auf Rokko zu, der im Flur von Lisas Wohnung stand.
„Hey Sasha, gut geschlafen?" Sasha nickte und nahm seine Hand. Rokko wurde von ihm in Katharinas Zimmer gezogen, wo Katharina einen Playmobilponyhof aufbaute.
„Das ist mein Papa!", sagte Sasha zu ihr.
„Hallo Sashas Papa." Rokko setzte sich zu ihr auf den Boden und sah den beiden beim Spielen zu. „Wie heißt du?"
„Rokko und du?" Katharina lachte.
„Lustiger Name. Ich heiße Katharina."
„Na, seid ihr fertig?"
„Ja."
„Und die Schuhe?" Sasha und Katharina standen auf und rannten in den Flur.
„Ich helf dir, Sasha." Rokko stand ebenfalls auf und folgte den beiden. Lisa lächelte.
„Nein, schau." Sie zeigte auf Sasha, der sich voll konzentriert seine Schuhe zuband. Er stand auf, stellte sich vor Rokko und zeigte auf die blauen Schuhe an seinen Füßen.
„Ich kann das jetzt allein. Hat mir Lisa gezeigt."
„Wow, super Sasha! Jetzt bist du schon richtig groß!"
„Ja!" Sasha hüpfte auf und ab.
„Und du hast ihm das beigebracht?", wandte er sich an Lisa. Sie nickte und erzählte:
„Er hat gesehen, wie Katharina sich die Schuhe gebunden hat, da wollte er das auch können und ich habs ihm gezeigt." Rokko lächelte.
„Los Mama!" Lisa öffnete die Wohnungstür, die beiden Kinder liefen heraus und die Treppe hinunter; Lisa und Rokko folgten ihnen.

Bis zum Spielplatz war es nicht weit. Sasha und Katharina hüpften und rannten über den Weg. Rokko sah ihnen zu.
„Ich geh so selten mit Sasha auf den Spielplatz. Jedes Mal freut er sich so. Schön, wenn einen sowas schon glücklich macht." Auch Lisa sah den beiden nach.
„Es ist schön, zu sehen, wenn sie glücklich ist. Dann geht's mir auch immer gleich besser. Rokko nickte. „Da vorne ist der Spielplatz." Eine große Schaukel, ein Häuschen, eine Wippe und ein Klettergerüst, alles bunt angestrichen, und ein Sandkasten waren zu sehen. Rokko und Lisa setzten sich auf die Bank unter dem Ahornbaum. Da erinnerte Lisa sich an ihren Traum von gestern. Sie und Rokko, auf dieser Bank unter dem Ahornbaum… Sie schloss die Augen, das Bild vor ihren Augen verschwamm und formte sich wieder zu dem Bild in der S-Bahn. Dieses Mal verscheuchte sie es nicht. Sie lies es einfach da. Aber mit dem Bild kamen auch die Fragen zurück. Warum hast du ihn so verletzt? Ist er nur so nett zu dir, weil du dich um Sasha kümmerst, wenn Marie und er keine Zeit haben? Hätte er sich dann mit dir die Fotos angeschaut? Wieder hatte sie keine Antworten. Sie war froh, dass Rokko ihr keine Fragen stellte. Für ihn hätte sie auch keine gehabt, so sehr sie sich auch anstrengte, welche zu finden.
„Lisa, schläfst du?" Sie schlug die Augen auf.
„Nein."
„Du hast nur vor dich hin geträumt?" Er lächelte. Er kennt mich immer noch so gut… Sie nickte zerstreut. „Und von was?" Sollte sie ihm die Wahrheit sagen? Doch dann würde er vielleicht wirklich Fragen stellen…
„Nichts."
„Ok." Rokko grinste.
Eine Weile sahen sie den beiden Kindern beim Spielen zu. Sie kletterten, wippten und schaukelten. Lisa holte eine kleine Digitalkamera aus ihrem Rucksack.
„Darf ich ein Foto machen?" Lisa gab ihm die Kamera. Er machte ein Foto von Sasha und Katharina, die im Sandkasten saßen.
„Sasha, Katharina!" Beide schauten auf. „Kommt mal her und setzt euch zu Rokko auf die Bank!" Sie rannten über den Spielplatz auf Rokko und Lisa zu. Katharina setzte sich zwischen Rokko und Sasha. Lisa ging ein paar Schritte zurück und fotografierte die drei. Sie zeigte Rokko das Foto. Sasha und Katharina drängten sich zu den beiden, auch sie wollten das Foto sehen.
„Ein schönes Foto, oder, Sasha?"
„Schönes Foto!" Er lachte. Katharina lief wieder zum Sandkasten, Sasha rannte hinterher.
„Um zwei muss ich Sasha wieder zu Marie bringen."
„Warum schon so früh?"
„Ich flieg heute Abend nach München, will mir eine Ausstellung ansehen."
„Das ist ein Vorteil, wenn man sich nicht ständig um ein Kind kümmern muss. Aber ich würde sowieso nie weg können, bei Kerima ist Stress genug."
„Ich hab gehört, dass Lucie Lacroix seit zwei Jahren bei euch arbeitet. Sie ist gut. Ich hab mal mit ihr zusammengearbeitet."
„Sie ist mit Hugo zusammen. So hab ich sie kennen gelernt. Bei ihnen fliegen ständig die Fetzen. Und dann schreien sie sich auf Französisch an." Rokko lachte. „Und nach ein paar Stunden vertrage sie sich wieder."
„Wenn Marie und ich uns gestritten haben, war das ganz schön heftig. Sie ist oft einfach abgehauen, zu einer Freundin. Nach ein paar tagen war dann wieder alles in Ordnung." Lisa schaute auf den Boden. Es war ihr nicht recht, dass er von seiner Beziehung mit Marie erzählte. Das würde daraus hinauslaufen, dass er erzählte, warum er Schluss gemacht hatte. Und das wusste sie ja bereits. „Nach Sashas Geburt wurde das auch nicht besser." Immer noch schaute sie auf den Boden. Weiter brauchte er nicht zu erzählen… „Ich glaub, Marie hat die über das schon jede Menge erzählt. Sie redet ziemlich viel, vor allem mit ihren Freundinnen Moni und Sarah."
„Die beiden hab ich kennen gelernt, als ich mit Marie in der Tikibar war. Ziemlich schräge Mädchen." Rokko nickte.
„Moni hat jeden Monat eine andere Haarfarbe. Ich hab sie vor zwei Monaten getroffen, da hatte sie schwarze Haare mit roten Spitzen. Noch richtig normal, wenn ich an die pinken Haare denke.
"Pink?!" Lisa fing an zu lachen. „Als Haarfarbe?" Auch Rokko lachte. Er rief nach Sasha.
„Wir müssen nach Hause, Mama wartet auf dich." Auch Lisa rief Katharina zu sich. Zusammen gingen sie den Weg bis zur Straße entlang. Dort mussten Rokko und Sasha nach rechts, Lisa und Katharina nach links abbiegen.
„Tschüs Sasha, tschüs Rokko", sagte Katharina und lief die Straße entlang. Auch Sasha verabschiedete sich von ihr und Lisa.
„Viel Spaß in München", sagte Lisa.
„Danke. Kannst du mir die Fotos geben, wenn ich zurück bin?"
„Klar, ruf einfach an. Bis bald!"
„Tschüs." Lisa und Rokko liefen weiter. Nach ein paar Metern drehte Lisa sich um und sah Rokko nach, der mit Sasha an der hand zur U-Bahnstation ging. Sie lächelte. Es war wirklich schön gewesen, mal wieder richtig mit ihm zu reden. Sie hatte sich gefreut, ihn heute wiederzusehen.
Wieder hatte ihr Traum eine Frage: Hätten die letzten sieben Jahre nicht auch so schön sein können wie dieser eine Vormittag?