Aber jetzt stellte sie sich auch selbst Fragen, sich und ihren Träumen: Warum hatte sie gestern auf dem Spielplatz dieses Bild von sich und Rokko vor sich gesehen? Was wäre passiert, wenn sie es nicht sofort wieder verscheucht hätte? Was hätte sie dann geträumt?
‚Das wirst du nie wissen', sagte der Traum. ‚Das wirst du nie wissen, genauso wenig wie du je wissen wirst, ob du je mit Rokko glücklich gewesen wärst. Es ist vorbei Lisa, und das ist deine Schuld. Du hast di dagegen entschieden. Vielleicht wärst du mit Rokko wirklich glücklich geworden…'
„Immer nur vielleicht", flüsterte sie. So viele Fragen und keine passenden Antworten. Lisa setzte sich auf und knipste die Nachttischlampe an. Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer, zu ihrem Laptop, den sie anschaltete. Heute Nachmittag hatte sie die Bilder vom Morgen auf den Laptop geladen. Sie öffnete den Ordner und sah sich die zwei Fotos lange an. Katharina und Sasha im Sandkasten. Die beiden mit Rokko auf der Bank. Katharina und Sasha grinsten frech in die Kamera. Auch Rokko lächelte. Lisa sah in seine Augen. So saß sie vor dem Laptop auf dem Boden und merkte nicht, wie ihr eine Träne über die Wange lief.
In
den nächsten Tagen war Lisa oft unkonzentriert, hörte
selten genau zu und träumte vor sich hin. Sie erwischte sich oft
dabei, wie sie an Rokko dachte, an den letzten Samstag und an die
Zeit vor sieben Jahren. Wieder kamen die Fragen. Konnte sie in
Zukunft wieder ein bisschen mehr Zeit mit Rokko verbringen,
natürlich, ohne dabei mehr zu wollen. Anscheinend war er nicht
böse auf die. Sie nahm nicht an, dass er vergessen hatte, was
sie ihm angetan hatte, aber zumindest konnte er sich mit ihr
unterhalten, ohne sie nach dem Warum zu fragen. Davor hatte sie
Angst, weil sie ihm nicht würde antworten können. Das hatte
ihr Traum ihr beweisen wollen. Sie wollte nicht vor ihm stehen und
„Ich weiß es nicht" stammeln. Sie wollte für sich
selbst eine Antwort. Jedes Mal, wenn sie Rokko vor sich sah oder ihm
wirklich gegenüberstand, drängten sich ihr diese fragen
auf, die Angst, dass er sie ihr stellen würde und die Angst,
dass sie keine Antworten hatte. Und so viel sie auch nachdachte, ihr
fielen keine ein.
Sie
wünschte sich, dass er sie anrufen würde, andererseits
wollte sie ihm nicht mehr gegenüberstehen. Ihre Hochzeit stand
zwischen ihnen. Jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, dachte sie daran,
wie sie ihm weh getan hatte. Und das tat ihr unendlich leid.
Eine Woche war seit dem schönen Vormittag auf dem Spielplatz vergangen. Katharina war bei Helga und Bernd in Göberitz und Lisa wollte sie abholen. Gerade nahm sie ihre Jacke vom Haken im Flur, als ihr Handy klingelte. Sie schaute auf das Display. Eine berliner Nummer, die sie nicht kannte.
„Plenske."
„Hi Rokko" Lisa fing an zu zittern. Er war wieder in Berlin und hatte sie wirklich angerufen!
„Seit wann bist du wieder da?"
„Heute morgen?"
„Ich wollte Katharina grade von ihren Großeltern abholen."
„In einer Stunde?"
„Gut, bis dann." In einer Stunde würden sie sich mit Rokko und Sasha auf dem Spielplatz treffen. Lisa ging noch einmal ins Wohnzimmer und nahm einen Umschlag vom Sofatisch, der dort schon seit Sonntag lang. Die Fotos für Rokko.
„Sasha!",
rief Katharina und rannte auf den Spielplatz. Sasha saß mit
Rokko im Sandkasten. Katharina setzte sich zu ihnen und sah zu, wie
die beiden aus Sand, Blättern und Steinchen kleinen Kuchen
backten. Auch Lisa betrat den Spielplatz und kam zum Sandkasten.
„Hallo."
Rokko schaute auf. Für einen kurzen Moment sahen sie sich in die
Augen, fast so, wie sie sich früher angesehen hatten. Doch Lisa
sah schnell wieder weg, schaute auf die Sandkuchen, Sasha und
Katharina. Wieder einmal wurde sie daran erinnert, wie sehr sie ihm
wehgetan hatte.
„Hallo."
Rokko lächelte und stand auf. „Wir haben Sandkuchen
gebackten."
„Sind
richtig schön geworden." Zusammen gingen sie zur Bank, auf der
sie schon letzten Samstag gesessen hatten und setzten sich. „War
die Ausstellung gut?"
„Auf
jeden Fall."
„Um
was ging es bei der Ausstellung?"
„Skulpturen"
Lisa erinnerte sich an ihen Besuch in der Galerie…
„Lisa?"
„Mmh?"
„Du
träumst doch schon wieder." Sie lächelte.
„Stimmt."
„Verrätst
du mir heute, von was du geträumt hast?" Sie überlegte
kurz, dann nickte sie.
„Ich
hab daran gedacht, dass wir auch mal zusammen in einer
Skulpturengalerie waren", sagte sie leise.
„Daran
musste ich auch denken."
Schweigend
sahen beide den Kindern beim Spielen zu. Jetzt hast du ihn wieder
daran erinnert… Ihr wurde klar, dass sie mit ihm reden musste.
Vielleicht lies sich die Mauer zwischen ihnen so einreißen.
Vielleicht… Aber heute wollte sie noch nicht mir ihm reden. Nicht
hier. Vielleicht nächste Woche. Zuerst musste sie sich etwas
zurechtlegen. Sie wusste nur zu gut, wie das sonst enden könnte.
Es würde schon so schwer genug sein.
„Mama!"
„Papa!"
Lisa sah, wie Katharina und Sasha sie und Rokko zu sich winkten. Sie
standen auf und gingen zum Sandkasten. Auf der Umrandung aus Steinen
und Holzbalken lagen viele kleine Sandkuchen, die mit Blättern,
Steinchen und Stöckchen verziert.
„Die
sind aber schön!" Lisa holte die Kamera aus ihrem Rucksack und
machte ein paar Fotos von Katharina und Sasha neben den Kuchen.
Nachdem sie die Kamera wieder verstaut hatte holte sie den Umschlag
heraus und gab ihn Rokko. „Die Fotos von letzten Samstag." Er
öffnete den Umschlag und sah die zwei Fotos an.
„Kannst
du mir noch mehr Fotos geben? Ich hab nur so wenige von Sasha." Sie
holte die Kamera wieder aus dem Rucksack.
„dann
mach welche." Sie lächelte.
„Setz
dich zu den beiden." Lisa setzte sich auf den Rand des Sandkastens
neben Katharina und Sasha, und Rokko machte ein Foto.
Am
Abend lud Lisa die Fotos aus den Laptop. Sie und Katharina, Sasha und
Rokko, Bilder von den Sandkuchen… Die letzten zwei Fotos hatten
Katharina und Sasha gemacht. Lisa und Rokko auf der Bank, einmal mit
Sasha, einmal mit Katharina. Wie eine Familie… Aber eine
Familie waren sie nicht. Sie hätten eine sein können… Das
Foto auf dem Bildschirm vermischte sich mit einem Bild in ihrem Kopf.
Trauerte
sie der Chance hinterher, eine glückliche kleine Familie zu
haben, oder war es der Gedanke an Rokko, der sie traurig machte?
