Schon seit zwei Stunden lag Lisa in ihrem Bett und starrte ins Dunkel. Mit der Ruhe kamen die Fragen. Und dann wurde es in ihrem Kopf wieder laut. Die Fragen flogen nur so in ihrem Kopf hinein. ‚Hätten die letzten Jahre auch so schön sein können wie dieser eine Tag, Lisa?' ‚Wie hattest du ihm so weh tun können?' ‚Warum hast du ihm die Liebe nur vorgespielt?' „Hab ich nicht!", schrie sie in Gedanken zurück. „Ich habe ihn geliebt!" ‚Hättest du ihn dann so einfach stehen lassen können?' Sie ließ diese Frage, ebenso wie alle anderen, unbeantwortet. Ob sie verrückt wurde, dass sie schon Stimmen in ihrem Kopf hörte? Vielleicht, diese Fragen konnten einen wirklich verrückt machen.
Aber jetzt stellte sie sich auch selbst Fragen, sich und ihren Träumen: Warum hatte sie gestern auf dem Spielplatz dieses Bild von sich und Rokko vor sich gesehen? Was wäre passiert, wenn sie es nicht sofort wieder verscheucht hätte? Was hätte sie dann geträumt?
‚Das wirst du nie wissen', sagte der Traum. ‚Das wirst du nie wissen, genauso wenig wie du je wissen wirst, ob du je mit Rokko glücklich gewesen wärst. Es ist vorbei Lisa, und das ist deine Schuld. Du hast di dagegen entschieden. Vielleicht wärst du mit Rokko wirklich glücklich geworden…'
„Immer nur vielleicht", flüsterte sie. So viele Fragen und keine passenden Antworten. Lisa setzte sich auf und knipste die Nachttischlampe an. Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer, zu ihrem Laptop, den sie anschaltete. Heute Nachmittag hatte sie die Bilder vom Morgen auf den Laptop geladen. Sie öffnete den Ordner und sah sich die zwei Fotos lange an. Katharina und Sasha im Sandkasten. Die beiden mit Rokko auf der Bank. Katharina und Sasha grinsten frech in die Kamera. Auch Rokko lächelte. Lisa sah in seine Augen. So saß sie vor dem Laptop auf dem Boden und merkte nicht, wie ihr eine Träne über die Wange lief.

In den nächsten Tagen war Lisa oft unkonzentriert, hörte selten genau zu und träumte vor sich hin. Sie erwischte sich oft dabei, wie sie an Rokko dachte, an den letzten Samstag und an die Zeit vor sieben Jahren. Wieder kamen die Fragen. Konnte sie in Zukunft wieder ein bisschen mehr Zeit mit Rokko verbringen, natürlich, ohne dabei mehr zu wollen. Anscheinend war er nicht böse auf die. Sie nahm nicht an, dass er vergessen hatte, was sie ihm angetan hatte, aber zumindest konnte er sich mit ihr unterhalten, ohne sie nach dem Warum zu fragen. Davor hatte sie Angst, weil sie ihm nicht würde antworten können. Das hatte ihr Traum ihr beweisen wollen. Sie wollte nicht vor ihm stehen und „Ich weiß es nicht" stammeln. Sie wollte für sich selbst eine Antwort. Jedes Mal, wenn sie Rokko vor sich sah oder ihm wirklich gegenüberstand, drängten sich ihr diese fragen auf, die Angst, dass er sie ihr stellen würde und die Angst, dass sie keine Antworten hatte. Und so viel sie auch nachdachte, ihr fielen keine ein.
Sie wünschte sich, dass er sie anrufen würde, andererseits wollte sie ihm nicht mehr gegenüberstehen. Ihre Hochzeit stand zwischen ihnen. Jedes Mal, wenn sie an ihn dachte, dachte sie daran, wie sie ihm weh getan hatte. Und das tat ihr unendlich leid.

Eine Woche war seit dem schönen Vormittag auf dem Spielplatz vergangen. Katharina war bei Helga und Bernd in Göberitz und Lisa wollte sie abholen. Gerade nahm sie ihre Jacke vom Haken im Flur, als ihr Handy klingelte. Sie schaute auf das Display. Eine berliner Nummer, die sie nicht kannte.

„Plenske."

„Hi Rokko" Lisa fing an zu zittern. Er war wieder in Berlin und hatte sie wirklich angerufen!

„Seit wann bist du wieder da?"

„Heute morgen?"

„Ich wollte Katharina grade von ihren Großeltern abholen."

„In einer Stunde?"

„Gut, bis dann." In einer Stunde würden sie sich mit Rokko und Sasha auf dem Spielplatz treffen. Lisa ging noch einmal ins Wohnzimmer und nahm einen Umschlag vom Sofatisch, der dort schon seit Sonntag lang. Die Fotos für Rokko.

„Sasha!", rief Katharina und rannte auf den Spielplatz. Sasha saß mit Rokko im Sandkasten. Katharina setzte sich zu ihnen und sah zu, wie die beiden aus Sand, Blättern und Steinchen kleinen Kuchen backten. Auch Lisa betrat den Spielplatz und kam zum Sandkasten.
„Hallo." Rokko schaute auf. Für einen kurzen Moment sahen sie sich in die Augen, fast so, wie sie sich früher angesehen hatten. Doch Lisa sah schnell wieder weg, schaute auf die Sandkuchen, Sasha und Katharina. Wieder einmal wurde sie daran erinnert, wie sehr sie ihm wehgetan hatte.
„Hallo." Rokko lächelte und stand auf. „Wir haben Sandkuchen gebackten."
„Sind richtig schön geworden." Zusammen gingen sie zur Bank, auf der sie schon letzten Samstag gesessen hatten und setzten sich. „War die Ausstellung gut?"
„Auf jeden Fall."
„Um was ging es bei der Ausstellung?"
„Skulpturen" Lisa erinnerte sich an ihen Besuch in der Galerie…
„Lisa?"
„Mmh?"
„Du träumst doch schon wieder." Sie lächelte.
„Stimmt."
„Verrätst du mir heute, von was du geträumt hast?" Sie überlegte kurz, dann nickte sie.
„Ich hab daran gedacht, dass wir auch mal zusammen in einer Skulpturengalerie waren", sagte sie leise.
„Daran musste ich auch denken."
Schweigend sahen beide den Kindern beim Spielen zu. Jetzt hast du ihn wieder daran erinnert… Ihr wurde klar, dass sie mit ihm reden musste. Vielleicht lies sich die Mauer zwischen ihnen so einreißen. Vielleicht… Aber heute wollte sie noch nicht mir ihm reden. Nicht hier. Vielleicht nächste Woche. Zuerst musste sie sich etwas zurechtlegen. Sie wusste nur zu gut, wie das sonst enden könnte. Es würde schon so schwer genug sein.
„Mama!"
„Papa!" Lisa sah, wie Katharina und Sasha sie und Rokko zu sich winkten. Sie standen auf und gingen zum Sandkasten. Auf der Umrandung aus Steinen und Holzbalken lagen viele kleine Sandkuchen, die mit Blättern, Steinchen und Stöckchen verziert.
„Die sind aber schön!" Lisa holte die Kamera aus ihrem Rucksack und machte ein paar Fotos von Katharina und Sasha neben den Kuchen. Nachdem sie die Kamera wieder verstaut hatte holte sie den Umschlag heraus und gab ihn Rokko. „Die Fotos von letzten Samstag." Er öffnete den Umschlag und sah die zwei Fotos an.
„Kannst du mir noch mehr Fotos geben? Ich hab nur so wenige von Sasha." Sie holte die Kamera wieder aus dem Rucksack.
„dann mach welche." Sie lächelte.
„Setz dich zu den beiden." Lisa setzte sich auf den Rand des Sandkastens neben Katharina und Sasha, und Rokko machte ein Foto.

Am Abend lud Lisa die Fotos aus den Laptop. Sie und Katharina, Sasha und Rokko, Bilder von den Sandkuchen… Die letzten zwei Fotos hatten Katharina und Sasha gemacht. Lisa und Rokko auf der Bank, einmal mit Sasha, einmal mit Katharina. Wie eine Familie… Aber eine Familie waren sie nicht. Sie hätten eine sein können… Das Foto auf dem Bildschirm vermischte sich mit einem Bild in ihrem Kopf.
Trauerte sie der Chance hinterher, eine glückliche kleine Familie zu haben, oder war es der Gedanke an Rokko, der sie traurig machte?