Schon zum hundertsten Mal in dieser Woche stand Lisa vor dem Telefon und überlegte, ob sie Rokko anrufen sollte. Und wieder tat sie das, was sie auch schon Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag getan hatte: Sie seufzte und ging wieder vom Telefon weg.
Sollte sie ihn wirklich anrufen und um eine Verabredung bitten? Lächelnd dachte sie daran, wie sich Rokko vor sieben Jahren mit ihr verabreden wollte und sie immer wieder abgeblockt hatte. Ganz erstaunt war er gewesen, als sie sich schließlich doch mit ihm hatte treffen wollen. Sie musste sich nur trauen! Sie wollte die Mauer, die sie zwischen sich und Rokko gebaut hatte, wieder einreißen, wollte sich entschuldigen, wollte ihm erklären, warum sie das getan hatte. Doch das war das Problem: Wie sollte sie ihm etwas erklären, was sie selbst nicht verstand? Aber vielleicht sollte sie ihm einfach das sagen.
Sie drehte sich zum Telefon und wählte seine Nummer. Als Rokko sich mit „Kowalski" meldete, begann sie zu zittern.

„Hi… hi, hier ist Lisa."

„Klar, und dir?"

„Nein, sie ist bei David. Für das ganze Wochenende."

„Ich… wollte fragen, ob du morgen Zeit hast." Als sie Rokko lachen hörte, zitterte sie noch mehr und setzte sich auf den Boden.

„Einfach so… naja… ich wollte mit dir reden."

„Ok."

„Ja, gut."

„Bis morgen." Sie legte auf. Jetzt musste sie sich nur noch überlegen, was genau sie sagen wollte.

Halb sechs… in einer halben Stunde würde Rokko bei ihr sein. Den ganzen Tag hatte Lisa sich überlegt, was sie ihm sagen wollte. Dass sie sich selbst nicht mehr verstand, dass es ihr leid tat, dass sie ihn nie hätte verletzen dürfen.
Sie setzte sich an den Küchentisch. Sie hatte Angst vor diesem Gespräch. Sie wusste nicht, wie Rokko reagieren würde. Doch das machte ihr nicht so viel Angst, wie die Fragen, die er ihr möglicherweise stellen würde. Sie fürchtete, dass sie sie nicht beantworten konnte.

Als es klingelte ging sie mit weichen Knien zur Tür und drückte auf den Türöffner. Sie öffnete die Wohnungstür und hörte Rokko die Treppe heraufkommen. Sie lehnte sich an den Türrahmen und merkte, wie sehr sie zitterte.
„Hi Lisa." Rokko stand neben ihr. Sie sah auf.
„Hi Rokko komm rein." Sie ging vor in die Küche. Rokko folgte ihr. „Setz dich." Rokko setzte sich und sah sie an. „Möchtest du was trinken?"
„Gern." Sie stellte eine Flasche Wasser und zwei Gläser auf den Tisch, dann setzte sie sich ebenfalls. Sie schaute auf den Tisch. Gerade wollte sie anfangen, da sagte er:
„Du wolltest reden? Ich nehm an, ich weiß, worum es geht." Lisa nickte nur. Jetzt würde er ihr Fragen stellen und sie würde keine Antworten haben und zusammenhangloses Zeug reden und… „Gut, dann red, ich hör dir zu." Er sah sie direkt an, aber sie sah weiterhin auf dem Tisch, wollte ihn auf keinen Fall ansehen.
„Ich…", fing sie an, „Ich kann dir nichts erklären, warum ich was gemacht hab, weil… ich versteh mich selbst nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, warum ich das getan hab. Ich hätte gern selbst jemanden, der mir das erklärt, aber das geht ja nicht…" Rokko schwieg. Sie redete weiter. „Ich würd dir gern sagen, warum ich das gemacht hab. Ich will nicht, dass das zwischen uns steht. Ich hätte dir nie so wehtun dürfen. Das tut mir schrecklich leid." Jetzt schwieg auch Lisa. Sie starrte einfach nur auf den Tisch. Warum sagt er nichts? Ob sie ihn jetzt total vor den Kopf gestoßen hatte? War er sauer, weil sie ihn hier her bestellt hatte und ihm nichts erklären konnte? Sie traute sich immer noch nicht, ihn anzuschauen,
„Ok", sagte er endlich. „Da kann man wohl nichts machen." Er stand auf und stellte sich neben sie. „Das ganze ist sieben Jahre her, Lisa. Ich glaube, dass du das langsam… vergessen kannst." Vergessen?! Meinte er das wirklich? So wie er redete schien ihm das also nichts mehr auszumachen. „Klar, ich gebe zu, eine Antwort, warum du das getan hast, wäre gut gewesen, aber ich will und kann dich nicht dazu zwingen, mir eine zu geben." Lisa schaute auf und sah ihm direkt in die Augen. Er lächelte. Lisa hasste sich dafür, dass sie ihm keine Antwort geben konnte. Eigentlich war das Gespräch umsonst gewesen. Sie schaute wieder auf den Tisch und versuchte, die Tränen zurückzuhalten, was ihr aber nicht gelang. „Lisa!" Er legte seinen Arm um sie. „Ich nehm deine Entschuldigung an. Was geschehen ist, kann keiner wieder rückgängig machen."

An diesem Abend saß Lisa noch lange im Wohnzimmer und schaute die Wand an. Sie wusste nicht, ob sie dieses Gespräch als hilfreich oder als schrecklich einstufen sollte. Für die war die Mauer noch lange nicht eingestürzt. Hatten ihr Worte de Mauer nicht sogar ein paar Zentimeter weiter in den Himmel wachsen lassen? Hatte das Gespräch ihm oder ihr in irgendeiner Weise geholfen? Immer wieder ging sie durch, was sie und er gesagt hatten, spulte vor und spulte zurück. An einem seiner Sätze blieb sie hängen. Lies ihn sich noch einmal durch den Kopf gehen. ‚Was geschehen ist, kann keiner Rückgängig machen.' Immer wieder: Er hatte Recht. Auch wenn das, was geschehen war, für immer zwischen ihnen stehen sollte - es war Zeit, eine Strickleiter über die Mauer zu werfen.