In der nächsten Woche wollte Lisa sich sofort daran machen, die Strickleiter zu knüpfen. Rokko hatte ihr Samstag erzählt, dass Sasha ab Dienstag bei ihm sein würde, da Marie für ein paar Tage nach Köln musste. Sie wunderte sich, dass sie das nicht von Marie erfahren hatte; sie hatten sich seit ein paar Wochen nicht mehr gesehen. Beide steckten bis über beide Ohren in ihrer Arbeit.

Als Lisa Katharina am Mittwoch vom Kindergarten abholen wollte, traf sie bereits auf der Straße auf Rokko. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie ihm kurz in die Augen sah.
„Hey Lisa!" Das klang nicht so, als ob er ihr böse war. Nein, im Gegenteil, eher klang es so, als freute er sich, ihr zu begegnen.
„Hi Rokko." Zusammen gingen sie das letzte Stück bis zum Kindergarten. Durch eine Tür gelangten sie in einen Innenhof, von dem eine weitere Tür zu den Gruppenräumen und zur Graderobe führte. Im Hof stand das Klettergerüst, auf dem Sasha und Katharina so gerne tobten. Katharina sah die beiden zuerst.
„Mama! Rokko!" Schnell kletterte sie herunter und rannte auf die beiden zu. Lachend warf sie sich in Lisas Arme. Auch Sasha lief auf seinen Vater zu.
„Hallo Papa!"
„Holt ihr eure Sachen? Wir warten hier", meinte Rokko. Sasha und Katharina nickten und hüpften zum anderen Ende des Hofes.
„Was hast du mit ihm noch vor? Wollt ihr mit in den Tiergarten?" Strickleiter ausgeworfen. Rokko überlegte kurz.
„Eigentlich wollte ich mit ihm auf seinen Lieblingsspielplatz, aber Tiergarten ist auch nicht schlecht."
„Und wo ist sein Lieblingsspielplatz?"
„Neben eurer Wohnung." Er grinste.
„Bist du öfter mit ihm da? Ist doch ganz schön weit weg von deiner Wohnung."
„Bisher nur zwei Mal, aber das kann man ja ändern." Wieder sahen sie sich kurz in die Augen und zum ersten Mal seit langer Zeit spürte Lisa wieder ein Kribbeln im Bauch.
„Fertig Mama!" Katharina stellte sich zwischen sie und Rokko und hüpfte auf und ab. Lisa löste ihren Blick von Rokko. Dort, wo bis gerade eben das warme Kribbeln gewesen war, breitete sich Leere aus.
Zu viert machten sie sich auf den Weg zum Spielplatz. Katharina und Sasha sangen ein Lied, dass sie heute morgen im Kindergarten gelernt hatten. Rokko und Lisa gingen schweigend nebeneinander her. Lisa wunderte sich über das Kribbeln, das sie gespürt hatte. So ein bisschen Kribbeln und ich reg mich auf… In den letzten Wochen hatte sie sich oft wegen Rokko aufgeregt. Sie beschloss, dem Kribbeln keine weitere Bedeutung zuzuschreiben und einfach abzuwarten.
Immer wieder wanderte ihr Blick nach rechts, zu Rokko. Er sah geradeaus. Ihr fiel auf, dass er leise vor sich hinsummte. Sie war sich sicher, das Lied zu kennen, doch sie konnte nicht sagen, woher, und schon gar nicht, wie das Lied hieß. Sie dachte angestrengt nach, doch es wollte ihr nicht einfallen.
Auf dem Spielplatz angekommen liefen Sasha und Katharina sofort zum Klettergerüst. Lisa setzte sich auf die Schaukel. Vielleicht konnte sie ihre Gedanken aus dem kopf schaukeln… Wieder einmal hatte sie eine kleine Sache aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie konnte sich nicht erklären, was an diesem kleinen bisschen Kribbeln auszusetzen war. Vielleicht war es mehr die Person und die Ursache des Kribbelns, das sie beunruhigte. Sie fühlte sich sieben Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Hatte sie damals nicht etwas ganz Ähnliches erlebt? Und was war daraus geworden? Als Rokko bei Kerima aufgetaucht war, war sie noch bis über beide Ohren in David Seidel verliebt gewesen, doch nach einigen Wochen hatte Rokko sie von David abgelenkt; aber er hatte sie nie ganz von ihm heilen können. So hatte sie Rokko zum ersten Mal das herz gebrochen. Seinen blick damals hatte sie nicht vergessen können, genauso wenig wie er sie angeschaut hatte, als sie ihm den Ring wieder zurückgegeben hatte… Sie hatte dieses leichte Kribbeln schon einmal gespürt, ausgelöst von der gleichen Person. Das beunruhigte sie.
Plötzlich schaukelte sie schneller. Sie fühlte zwei Hände auf ihrem Rücken, die sie leicht anschubsten. Sie musste sich nicht umdrehen, sie wusste, wer das war. Wieder spürte sie ein Kribbeln, das sich von ihrem Rücken aus ausbreitete, bis zu den Schultern und ihrem Bauch. Sie lächelte.

Auch Donnerstag und Freitag waren Katharina, Sasha, Rokko und Lisa zusammen auf dem Spielplatz gewesen. Lisa hatte diese zwei Nachmittage genossen, die sie mit Menschen verbringen konnte, die sie mochte und nicht an Arbeit denken musste. Immer wieder hatte sie ein feines Kribbeln gespürt, wenn sie in Rokkos Dunkelbraune Augen geschaut hatte. Das hatte sie nicht mehr beunruhigt, nein, sie hatte dieses sanfte Prickeln genossen, das sie so lange nicht mehr gespürt hatte. Umso trauriger war sie, dass Rokko mit Sasha über das Wochenende zu seinen Eltern nach Pinneberg gefahren war. Katharina verbrachte das Wochenende mit David, also hatte Lisa viel Zeit zum Nachdenken.
Nachdem sie Katharina zu David gebrachte hatte, machte sie sich auf den Weg zu Kerima, um ein paar Sachen zu holen. Sie stieg gerade aus der S-Bahn, als ihr Handy klingelte.

„Hi Marie! Wie geht's?"

„Ok." Sie war erstaunt, dass Marie heute nicht so fröhlich klang. Es klang eher so, als würde sie ein geschäftliches Gespräch führen.

„Ja, gut."

„Bis dann." Verwirrt legte sie auf. Was mit ihr wohl los war? Sofort machte sie sich auf den weg zum vereinbarten Treffpunkt, einem Café ganz in der Nähe.

Als sie die Tür zum Café aufstieß, sah sie Marie bereits an einem der hinteren Tische sitzen, vor ihr stand ein Glas Wasser. Lisa ging auf den Tisch zu. Marie sah sie an, aber sie lächelte nicht. Lisa setzte sich ihr gegenüber auf einen schwarzen Stuhl.
„Hi Marie."
„Hi Lisa." Dann schwiegen beide. Lisa bestellte bei der Kellnerin einen Kaffee.
Marie holte tief Luft und sagte: „Sasha hat mir erzählt, dass du mit ihm und Rokko auf dem Spielplatz warst." Lisa nickte nur. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. „Jeden Nachmittag?" Wieder nickte sie. Glaubt sie ihrem Sohn nicht oder was ist los?! „Mit Rokko?"
„Ja."
„Und warum?"
„Wie warum? Weil Sasha und Katharina gern auf den Spielplatz gehen."
„Das mein ich nicht." Marie spielte mit ihrem Schlüssel. „Warum mit Rokko?" Lisa starrte sie an. Was war so schlimm daran, dass Rokko mit ihr und den beiden auf dem Spielplatz war?
„Einfach so", sagte sie. Marie sah auf, sah Lisa direkt in die Augen.
„Einfach so?", fragte sie. Lisa nickte zaghaft. Sie wollte Marie nicht mehr erzählen, nichts von ihrer Hochzeit, nichts von ihrer Beziehung mit Rokko. Gar nicht. „Lisa, wenn was zwischen dir und Rokko ist, dann kannst du mir das sagen." Ihre Stimme klang auf einmal sanfter. Lisa konnte sich nicht erklären, warum. „Schließlich bin ich seit vier Jahren nicht mehr mit ihm zusammen." Ungläubig schaute Lisa Marie an.
„Zwischen uns läuft nichts, Marie. Ich kann mich mit ihm nur gut unterhalten, denn wie du weißt, muss ich mich auch oft mit Werbung beschäftigen. Ich kann dir versichern, dass von meiner Seite keine größeren Gefühle im Spiel sind." Doch eigentlich war sich Lisa dabei gar nicht mehr so sicher. Das Kribbeln hatte sie stark verunsichert, und auch die Tatsache, dass sie sich in Rokkos Nähe so unglaublich wohl fühlte, konnte sie nicht leugnen. Außerdem rätselte sie immer noch herum, was ihre merkwürdigen, ständig wiederkehrenden Tagträume zu bedeuten hatten. Sie schaute in ihre noch ganz volle Kaffeetasse. Wie so oft erschienen ihr ihre Gefühle undurchsichtig, so undurchsichtig wie Kaffee.