Schließlich entschied sie sich für eine schwarze Hose, ein rotes Top und eine weiße Jacke. Ihre Haare fasste sie zu einem lockeren Zopf zusammen und setzte ihre Brille auf. Um kurz vor sieben machte sie sich auf den Weg zur Tikibar.
Als sie in der U-Bahn saß, spürte sie ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch. Sie freute sich, Rokko zu treffen, dieses Mal nicht auf dem Spielplatz oder beim Kindergarten, sondern in der Tikibar. Stopp Lisa!!! Hatte sie irgendwelche Erwartungen an diesen Abend? Sie ging mit einem Freund in die Tikibar, so wie sie mit Jürgen oder Hannah oder Marie zum feiern in die Tikibar ging. Nichts Besonderes. Sie würden reden, lachen… warum war sie so aufgeregt?
Lisa setzte sich an die Bar. Sie hatte einen Platz gewählt, von dem aus sie gut auf die Tür sehen konnte. Immer noch fragte sie sich, was mit ihr los war. Ob sie Hugo oder Rokko hier traf… da war doch kein Unterschied! Genieß einfach den Abend. In den nächsten Wochen wartet viel Arbeit auf dich, Lisa!
Da betrat Rokko die Bar. Lisa spürte, wie sich das Kribbeln schlagartig verstärkte, doch jetzt hatte sie keine Lust, darüber nachzudenken. Rokko entdeckte sie sofort und kam um die Bar herum auf die zu.
„Hi Lisa." Er sah ihr in die Augen und das Kribbeln verstärkte sich noch einmal. Er setzte sich auf einen freien Hocker neben ihr.
„Hi." Sie konnte den Blick nicht von Rokko abwenden.
„Was willst du trinken?" Sie überlegte kurz. Wieder bestellte sie sich den süßen Orangencocktail, den sie mit Marie, Sarah und Moni hier getrunken hatte. Rokko nahm das gleiche. „Wie kommst du darauf, gerade das zu trinken?"
Lisa schaut das Glas an, das vor ihr stand, sonst wäre sie noch in Rokkos wunderschönen braunen Augen versunken.
„Als ich das erste Mal mit Marie hier war und wir Moni und Sarah getroffen haben, hab ich das getrunken." Rokko lächelte.
„Komisch, dass wir die beiden heute nicht hier treffen. Sie würden Marie sofort erzählen, dass wir hier waren. Sie mögen mich nicht mehr, seitdem ich mich von Marie getrennt hab. Dabei hab ich Marie durch sie kennen gelernt, in London."
„In London?"
„Als ich aus Tibet zurück war, bin ich nach London gezogen. In einer Bar hab ich Moni und Sarah kennen gelernt. Nach ein paar Wochen haben sie mich der jungen deutschen Fotografin Marie Kiefer vorgestellt."
„Kurz vor Sashas Geburt, Oktober oder November 2007 war das. Ich hab erst kurz davor erfahren, dass ich Sashas Vater bin, oder besser gesagt, dass Marie schwanger war."
„Verstehst du dich jetzt nicht besser mit ihr?"
„Es geht. Ich glaub, sie ist mir immer noch böse." Lisa nickte,
„das Gespräch mit ihr war komisch. Erst meldet sie sich nicht mehr bei mir, dann wieder nur kurz, um klar zu stellen, dass wir nicht zusammen sind."
„Ich hab mich auch gewundert, dass sie angerufen hat und es zumindest nur indirekt um Sasha ging." Lisa trank einen Schluck von ihrem Cocktail. Wenn Moni und Sarah hier sind und sie Marie erzählen, dass wir hier waren… Dann wird sie glauben, ich hätte sie angelogen… Was sollte für Marie so schlimm sein, dass sie sich mit Rokko traf? Schließlich sind sie seit vier Jahren nicht mehr zusammen!
„Lisa?" Sie zuckte zusammen und sah Rokko an.
„Was?"
„Worüber denkst du nach?"
„Wieso?" Er grinste.
Ich kenn dich doch lang genug, um zu wissen, wie du aussiehst, wenn du angestrengt nachdenkst." Lisa seufzte.
„Wenn Moni und Sarah hier sind und Marie erzählen, das…"
„Stopp!", unterbrach er sie und sah ihr in die Augen. Lisa war, als ob ihr eine Armee Ameisen durch den Bauch marschierten. „Denk nicht an Moni, Sarah oder Marie! Wahrscheinlich denkst du nebenbei auch noch an Kerima! Versuch einfach, einmal nicht dran zu denken. Denk an… deinen Cocktail oder an was weiß ich, nur mach dir keine Sorgen!" Lisa nickte nur, wandte den Blick nicht von seinen Augen ab. Die Ameisen marschierten fröhlich weiter.
Lisa lag in ihrem Bett, doch sie schlief nicht. Sie konnte nicht schlafen. Ihre Gedanken kreisten um die letzten Stunden. Ein großer teil davon kam ihr wie ein Traum vor, ein neuer Traum mit Rokko. Den ganzen Abend hatte er sie zum lachen gebracht, von seiner Zeit in London und von seinen Aufträgen in der ganzen Welt erzählt. Von verrückten Designern, größenwahnsinnigen Plattenfrimbossen, Stylisten, die die unglaublichsten Frisuren zauberten, von Fotografen, die unglaubliche Bilder machten. Von Ausstellungen, Gebäuden, Städten und Ländern, die er gesehen, wichtigen und unwichtigeren Personen, die er getroffen hatte. Von Bars über den Dächern von New York oder unter den Straßen von Madrid. Kurz um: von einem schillernden, bunten Leben, voll Freude du neuer Entdeckungen, so kam es Lisa vor. Sie verglich Rokkos Leben mit ihrem in den letzten sieben Jahren. Wer hatte es besser gemacht? Sie beide hatten gearbeitet, beide hatten ein Kind, doch hatten beide Spaß gehabt? Lisa dachte an die Zeit, die sie mit Katharina in ihrer kleinen Wohnung verbracht hatte. Sie war selten ausgegangen und wenn, dann nur in die Tikibar. Oft hatte sie die Abende bei Kerima oder zu Hause vor dem Fernseher verbracht. Allein. Katharina war oft bei Helga und Bernd oder bei David gewesen.
Die Zeit, als sie noch mit David zusammen gewesen war… Nach dem sie aus der Karibik zurück gewesen waren, hatte sie sich in die Arbeit gestürzt, während er sein Leben lockerer genommen hatte. In dieser Zeit hatte sie nicht darüber nachgedacht, ob sie sich ihr Eheleben so vorgestellt hatte, Jetzt war die Antwort klar: nein, hatte sie nicht.
Langsam schlich sich einer ihrer Träume an. ‚Wie wäre dein leben mit Rokko verlaufen?', flüsterte er ihr ins Ohr. Sie schloss die Augen und lies sich auf dem großen Strom der Wünsche und Träume tragen.
Lisa achte auf einer riesigen weißen Wolke auf. Neben ihr saß Rokko und packte einen Rucksack.
„Guten Morgen Dornröschen, warum wachst du schon nach sieben Jahren auf?" Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern nahm sie an den Händen und zog sie hoch. Sie sank ein wenig in der weichen Wolke ein. „Frühstück?" Rokko rupfte ein Stück von der Wolke ab und hielt es ihr hin. Sie probierte. Es schmeckte süß, nach Zucker und Orange, und fühlte sich an wie Zuckerwatte. Kaum hatte sie ihr Frühstück aufgegessen, nahm Rokko sie wieder an den Händen. Er hatte dein Rucksack auf den Rücken. „Los jetzt, wir müssen nachholen, was du verpasst hast." Er zog sie zu einem riesigen gelben Schuh, der am Rand der Wolke stand. „Steig ein." Im Schuh waren zwei Sitze. Lisa und Rokko setzten sich nebeneinander. Der Schuh fuhr auf großen roten Schienen. Jetzt erst sah Lisa, dass sie Schienen zur erde hinunterführten. Sie spürte den Fahrtwind und wie Rokko ihre Hand hielt. Er zeigte nach rechts. Sie sah hinunter. Ein Mann machte Fotos von auffällig frisierten Models, ihre Haare waren feuerrot, giftgrün oder meerblau.
Langsam wurde es dunkel. Der Schuh hielt neben einem Hochhaus, das bis in die Wolken ragte. An der Wand wurde das Stockwerk angezeigt: 2555. Sie gingen durch eine Tür in das Innere des grauen, dreieckigen Hochhauses. Der Raum, in den sie gelangten, hatte lilane Wände. Die Menschen tanzten zu lauter Musik. Rokko winkte Moni, Sarah und Marie zu, die in einer Ecke des Raumes standen. Er ging auf eine grüne Tür am anderen Ende des Raumes zu und öffnete sie. Von dieser Tür aus führte eine lange Treppe abwärts. An den Wänden hingen Fotos. Rokko ging die schnurgerade verlaufende Treppe hinunter und zeigte immer wieder auf die Fotos an den schwarzen Wänden. Lisa folgte ihm und sah sich die Fotos an. Fotos von ihr und David auf dem Segelboot, auf den Inseln in der Karibik, Fotos von Lisa bei Kerima, David und Lisa, die nebeneinander auf einem Sofa in der Halle der Villa saßen. An einem Foto hing eine Zahl. 365. Nun sah Lisa Fotos von ihr, David und Katharina. Immer noch lief sie die Treppe hinunter. Auf einer Stufe stand 730. Es folgten Fotos von Lisa und Katharina in ihrer kleinen Wohnung. 1095. Die Fotos wurden immer weniger, hingen in größeren Abständen an der schwarzen, trostlos aussehenden Wand. 1460 stand in weißen Zahlen auf der Wand, an der jetzt Fotos von Katharina im Kindergarten und Lisa, gebeugt über ihrem Schreibtisch bei Kerima, hingen. 1825. Täuschte sie sich oder wurde die Wand langsam heller? Gräulicher? 2190. Immer noch lief sie Rokko hinterher, die Treppe hinunter, sah sie die Fotos an. Jetzt war die Wand fast weiß. Vor sich sah sie licht, hörte Musik.
Die Treppe war zu ende. Die standen vor einer weißen Tür, auf der 2555 stand.
„Bereit, die Tür zu öffnen, Lisa?" Sie nickte und legte sie Hand auf den Türgriff. „mach dir keine Sorgen." Langsam öffnete sie die Tür. Die Musik wurde lauter. Sie gelangten in einen Raum mit bunten Wänden. Die Menschen tanzten, tranken bunte Cocktails. Lisa blieb stehen. Am anderen Ende des Raumes sah sie eine Tür, die alle paar Sekunden die Farbe wechselte. Rokko nahm ihre Hand und führte sie langsam zu der Tür. Lisas Schritte wurden immer kleiner. Die Tür zog sie an und stieß sie gleichzeitig auch ab, wie in Magnet, der ständig die Pole wechselt. Vor der Tür blieben sie stehen. „Bereit, auch diese Tür zu öffnen, Lisa?" Lisa sah Rokko an. Ihr Blick wanderte zum Türgriff. Zu den wechselnden Farben. Langsam schüttelte sie den Kopf. „Ich lass dir alle Zeit der Welt."
