Rokko hatte Katharina und Sasha vom Kindergarten abgeholt und mit zu sich genommen. Lisa hatte bei Kerima viel zu tun gehabt, hatte Max und David beruhigen müssen, die sich um die Präsentation sorgten und hatte Lucie überzeugt, Montag wieder in ihrem Büro zu sein. Allein dieses eine Gespräch hatte sie eine Stunde gekostet.
Lisa
drückte gegen die Tür und lief die Treppen hinauf. Rokko
wohnte ganz oben. Sie hörte Fußgetrappel. Auf halbem Weg
kam ihr Katharina entgegen, dich gefolgt von Sasha.
„Hallo!",
riefen sie und lachten, weil sich das im Treppenhaus komisch anhörte.
Wieder rief Katharina „Hallo!!!" und kicherte.
„Hallo
Maus." Sie nahm Katharina an die Hand. Zusammen stiegen sie die
Treppe hinauf. Rokko wartete an der Wohnungstür, Sasha hüpfte
vor ihm auf und ab und sagte:
„Weiterspielen!"
Lisa lächelte.
„Was
spielt ihr denn?"
„Wister!",
meine Katharina.
„Twister",
sagte Rokko.
„Gut,
dann spielt weiter."
„Spielst
du mit?" Lisa sah Sasha an. Er grinste frech zurück.
„Ok."
Sie zog ihre Schuhe aus und stellte sie neben die Tür. Katharina
zog sie in die Wohnung.
„Wollt
ihr Lisa die Wohnung zeigen?" Die beiden Kinder nickten. Sasha nahm
Lisas linke Hand und führte die durch den Flur gerade aus. Sie
gelangten in einen großen Raum mit großen Fenstern. In
einer Ecke stand ein Fernseher, davor ein Ledersofa. Sasha zog sie zu
einer kleinen Küchezeile in der anderen Ecke des Raumes.
„Hier
kochen ich und Papa", sagte er. Lisa lächelte. Katharina
wollte ihr auch oft beim Kochen helfen. Insgesamt erinnerte sie
dieser Raum sehr an Rokkos alte Wohnung. Katharina, die immer noch
Lisas rechte Hand hielt, zog die aus dem Wohnzimmer hinaus, wieder in
den kleinen Flur. An der Wand hingen ein paar Fotos von Sasha. Lisa
entdeckte auch die Fotos, die sie mit Rokko auf dem Spielplatz
gemacht hatte.
„Ich
musste sie gleich hier aufhängen", meinte Rokko. Lisa drehte
sich zu ihm um, sah ihm in die Augen, lächelte. Sie hatte keine
Zeit, sich über das Kribbeln, dass dieser Blick auslöste,
Gedanken zu machen, denn Sasha und Katharina zogen sie weiter. Sasha
zeigte zu einer Tür.
„Da
ist das Bad." Katharina zeigte in die entgegengesetzte Richtung, zu
einer weißen Tür, auf der in großen Buchstaben SASHA
stand. „Mein Zimmer!" Sasha lies Lisas Hand los und öffnete
die Tür. Lisa setzte einen Fuß in dieses Zimmer und damit
in eine bunte Dschungelwelt. An den Wänden waren Palmen
aufgemalt, auf dem Hochbett, das mit Lianen aus Stoff geschmückt
war, thronten Panther und Tiger aus Plüsch. Sasha krabbelte in
eine Höhle unter seinem Bett und lies Lisa einen Blick
hineinwerfen. Er saß auf bunten Kissen, zwischen
Plüschschlangen und anderen Tieren.
„Das
ist ein wirklich schönes Zimmer." Sasha nickte nur und
krabbelte wieder aus der Höhle heraus.
„Hat
alles Papa gemacht", sagte er stolz.
„Das
sieht man." Sasha grinste noch mehr. Es sah Rokko ähnlich,
dass er einen kleinen Dschungel für seinen Sohn geschaffen
hatte. Sasha führte Lisa zu einem Regal, in dem kleine Figuren
standen. Er zeigte auf einen Tiger.
„Den
hat Papa mir aus Indien mitgebracht", dann auf eine Miniversion der
Freiheitsstatue. „Die ist aus New York." Lisa sah sich auch die
anderen Figuren an. Mitbringsel aus den verschiedensten Ländern
der Erde. Dazwischen lagen Postkarten, auf denen Strände oder
Städte abgebildet waren. „Jetzt könne wir weiterspielen!"
Lisa sah sich gerade eine Postkarte aus Brasilien an, als Sasha und
Katharina sie wieder ins Wohnzimmer zogen, wo Rokko auf dem Sofa saß.
„Weiterspielen!", rief Sasha wieder. Rokko stand auf.
„Spiel
Lisa auch mit?", fragte er Katharina. Sie nickte.
Lisa
spielte zwei Runden mit Sasha und ihrer Tochter. Rokko sagte die
Farben an. Nach der zweiten Runde meinte er:
„Sasha,
willst du auch mal die Farben sagen?" Er nickte.
„Ich
will auch!", rief Katharina.
„Aber
jemand muss doch mit Lisa spielen."
„Du."
Rokko grinste. Lisa starrte auf die bunten Punkte auf dem Boden. Sie
konnte sich noch genau daran erinnern, wann sie das letzte Mal
Twister gespielt hatte. Vor sieben Jahren…
Sasha
drehte den Pfeil. Kurz darauf verkündete Katharina die Farbe:
„Rechter
Fuß auf rot!" Wieder drehte Sasha. „Linke hand auf grün."
Am
Anfang versuchte Lisa, Abstand zu Rokko zu halten. Immer wieder
dachte sie an ihr letztes Twisterspiel mit Rokko und wurde von
Katharina an die letzte Anweisung erinnert.
„Mama!
Fuß auf gelb!"
„Ach
so…"
„Rechte
Hand auf rot." Rokko und Lisa strecktengleichzeitig die Hand nach
einem roten Kreis zwischen ihnen aus. Als ihre Hände sich auf
dem Kreis berührten, zuckte Lisa zusammen, doch sie lies ihre
Hand neben Rokkos, da auch er seine hand nicht weg zog. Sie schaute
einfach weiter auf den Boden, sah nicht auf, denn sie fühlte,
wie sie rot wurde. „Rechter Fuß auf grün", verkündete
Kathrina. Der einzige grüne Kreis in Lisas Reichweite war hinter
Rokkos linker Hand. Sie zögerte einen Moment. Sollte sie sich
einfach hinfallen lassen? Doch sie entschied sich, weiterzuspielen
und eine weitere Berührung in kauf zu nehmen. Himmel, ich
benehm mich ja wie eine Zwölfjährige! Langsam setzte
sie den rechten Fuß auf den Flecken neben seiner linken Hand,
die auf einem blauen Kreis lag. Dort, wo Rokkos Arm leicht die Haut
an ihrem Knöchel brühte, kribbelte es; ein warmes, leichtes
Prickeln.
„Schnell
weiter, sonst fall ich um!", meinte Rokko grinsend.
„Linke
Hand auf gelb." Lisa und Rokko suchten schnell neue Kreise für
die linke Hand. Lisas Knöchel war auf einmal nicht mehr so warm,
es prickelte nicht mehr so schön. Aber sie spürte ja noch
ein ebensolches Kribbeln in ihrer rechten Hand…
„Hunger,
Papa!"
„Aber
wir spielen doch noch." Nach einer halben Stunde spielten sie immer
noch, dieses Mal Katharina gegen Sasha und Rokko, nachdem Sasha und
Katharina keine Lust mehr gehabt hatten, sie Farben anzusagen.
Sasha
setzte sich auf den Boden.
„Hunger."
Rokko setzte sich neben ihn und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er
grinste. „Jaaa!" er stand auf und nahm Rokkos Hand. „Los
Papa!" Lächelnd stand auch Rokko auf und wurde von
seinem Sohn in die Küche gezogen. Sasha öffnete einen
Schrank und zog vier Schürzen heraus. Er hängte sich eine
Winnie Pooh Schürze um, gab Rokko eine gelbe, die Lisa an seine
Schuhe erinnerte. Sasha lief zu Katharina und drückte ihr eine
kleine rote Schürze in die Hand; Lisa gab er eine blaue mit
weißen Punkten.
„Und
was sollen wir machen?", fragte sie, als sie Sasha zur Kochecke
folgte.
„Kochen!",
jubelte er. Rokko holte Spaghettisund ein großes Glas
Tomatensauce aus einem Schrank. Sasha öffnete eine Schublade und
holte mit Rokkos Hilfe zwei Töpfe heraus.
„Los,
ihr müsste mithelfen!", meinte Rokko und drückte
Katharina einen Kochlöffel in die Hand.
„Ok."
Lisa nahm den großen Topf, den Rokko auf die Ablage gestellt
hatte, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf den Herd. Sasha
gab Lisa die zwei Tüten Spaghetti. Als das Wasser kochte, gab
sie die Nudeln ins Wasser. In einem anderen Topf rührte
Katharina, die auf einer Fußbank am Herd stand, in der
Tomatensauce. Rokko deckte in der Zwischenzeit den Tisch. Zwei große,
weiße Teller, zwei kleinere, bunte Teller; zwei große
Gläser und zwei rote Becher; Besteck und Serviette. Aus dem
Kühlschrank holte er eine Flasche Saft und eine Flasche Wasser.
Sasha
und Katharina wechselten sich mit dem Umrühren der Sauce ab.
Lisa lehnte sich an die Arbeitsplatte, behielt die beiden und den
Topf mit den Spaghettis gut im Auge. Immer wieder warf sie einen
Blick zu Rokko und lächelte. Ihr hatte es Spaß gemacht,
mit ihm und den Kindern Twister zu spielen, es machte ihr Spaß,
mit ihnen zu kochen. Wäre es nicht schön, wenn es immer so
wäre? Verstört schob sie diese Frage wieder von sich weg.
Mit David hatte sie nur selten etwas mit Katharina unternommen, aber da war sie auch noch kleiner gewesen… Fing sie etwa an, David und Rokko zu vergleichen? So wie sie das schon einmal, oder sogar mehrmals, getan hatte? Vor sieben Jahren...
„Mama!"
Sie schaute auf. Erst jetzt hörte sie das Piepsen. Gut, dass sie
die kleine Eieruhr gestellt hatte. Sie nahm den Topf vom Herd und
schüttete die Nudeln in ein Sieb.
„Die
Nudeln sind fertig. Die Sause auch?", fragte sie.
„Ja!"
Rokko half Katharina, die Sauce in eine kleine weiße Schüssel
zu schütten. Lisa gab er eine größere Schüssel
für die Nudeln. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch,
Katharina stellte die Sauce daneben. „Fertig!", rief sie.
Kurz
darauf saßen alle am Tisch. Rokko schenkte Katharina und Sasha
Saft ein und Lisa und sich selbst ein wenig Wein. Lisa verteilte die
Spaghetti und die Sauce und schnitt Katharina die Nudeln klein. Auch
Rokko half Sasha beim schneiden. Abwechselnd erzählten Sasha und
Katharina von ihrem Tag im Kindergarten. Rokko und Lisa hörten
ihnen zu, Sie erzählten, wie sie heute Morgen ein Fensterbild
gemacht hatte, dass sie Bilder mit Fingerfarbe gemalt und lustige
Lieder gesungen hatten. Katharina erzählte, wie sie mit Louisa
mit den schönen Puppen gespielt hatte, Sasha berichtete, dass er
und Paul Fußball gespielt hatten.
Nach
dem Essen halfen Katharina und Sasha, den Tisch abzuräumen und
brachten ihre Becher in die Küche. Danach verschwanden sie in
Sashas Zimmer. Lisa hörte, wie die beiden lachten, kicherten und
riefen:" Auf in die Dschungelhöhle!"
Lisa
half Rokko, den Tisch fertig abzuräumen. Sie setzten sich
wieder. Lisa seufzte.
„Der
Nachmittag hier hat mir gut getan."
„Probleme?"
Lisa stütze den Kopf in die Hände und schaute rokko an.
„Bei
Kerima gibt's doch immer Probleme. In ein paar Wochen ist die
Präsentation, Ende August, und für die PR steht noch
nichts… Lucie ist plötzlich nach Paris gefahren, weil sie sich
mit Hugo verkracht hat und ist noch nicht zurück. Ich hab heute
über eine Stunde mit ihr telefoniert, um sie zu überreden,
Montag wieder hier zu sein. Ich hoffe, sie kriegen sich dann nicht
mehr wegen jeder Kleinigkeit in die Haare. Ich weiß nicht, wie
wir die Präsentation sonst hinkriegen sollen…"
„Hat
Hugo seine Entwürfe fertig?"
„Ja,
klar, die meisten sind schon fertig. Hannah hat auch einige Entwürfe
beigesteuert. Gestern waren die ersten Models da. Aber das ist ja
auch nicht das Problem. Das Problem ist die Location und die PR."
„Warum?
„Lucie
und Hugo sind sich nicht einig, was das Konzept angeht. Lucie will
alles in weiß halten, nur ganz wenig Dekoelemente verwenden,
Hugo will alles in schwarz, mit viel Licht, einem aufwendig
dekoriertem Laufsteg…"
„Und
was willst du?" Darauf wusste Lisa nicht sofort eine Antwort. Bei
jeder Besprechung war es nur darum gegangen, was Hugo wollte, was
Lucie nicht wollte und was Lucie wollte und Hugo nicht. Sie hatte nie
darüber nachgedacht. Sie hatte andere Dinge im Kopf gehabt,
besser gesagt, eine andere Person. Schließlich zuckte sie mit
den Schultern. Rokko sah sie ungläubig an.
„Du
weißt nicht was du willst? Dann solltest du mal anfange, zu
überlegen!" Dass sie nicht wusste, was sie wollte, war ihr
schon öfter vorgeworfen worden, vor allem kurz nach ihrer
Hochzeit mit David… und das auch noch von ihrem besten Freund
Jürgen!
Damals, als sie von ihrer Hochzeitsreise zurückgekommen waren und sie eines Morgens wieder in Jürgens Kiosk gekommen war, glücklich, ihm von ihren Erlebnissen in der Karibik erzählen zu können. Doch Jürgen hatte ihr von Rokko erzählt, wie unglücklich er gewesen war und dann er noch am selben Tag Berlin verlassen hatte. Jürgen hatte sie gefragt, wie sie ihn so hatte stehen lassen können. Er hatte ihr vorgeworfen, dass sie sich noch nie hatte entscheiden können.
„Aber
sonst hat sich Lucie immer etwas ausgedacht, wir haben zwei oder drei
kleine Sachen geändert. Ich kann doch kein ganzes PR Konzept und
die Deko für die Halle bestimmen!"
„Dann
nimm Lucies Programm."
„Aber
dann ist Hugo wieder eingeschnappt."
„Und
wenn du zu viel an Lucies Ideen änderst, ist sie auch nicht
zufrieden. Ja, das kenn ich von ihr."
„Ich
werd Montag mit ihr reden." Lisa seufzte. „Vielleicht find ich
einen Mittelweg."
Bald darauf machten Lisa und Katharina sich auf den Weg nach Hause. Rokko hatte ihr versprochen, sie Montagabend anzurufen und, falls es nötig sein würde, einmal mit Lucie zu reden.
