Könnt ihr mir da weiterhelfen? Das wäre wirklich lieb.
Kapitel 16
Verteidigung gegen die Dunklen Künste am nächsten Morgen wurde eine mittlere Katastrophe. Wieder verlangte Neville, dass sie zu zweit Flüche einübten. Eine Stunde lang belegten die Schüler sich gegenseitig mit Zaubern, wobei die Partner immer wieder wechselten. Den Lähmfluch hatte Natalie in Zusammenarbeit mit Emma auf stolze zwei Minuten ausdehnen können – Dennis hatte es bereits auf sieben Minuten gebracht – und selbst Malcolm gegenüber, dem Duellieren wenig Schwierigkeiten bereitete, hatte sie mit dem Beinklammerfluch Erfolg gehabt. Als er einmal unaufmerksam gewesen war und sein Schutzschild nicht rechtzeitig heraufbeschworen hatte, hatte sie seine Beine tatsächlich zusammen schnappen lassen können – dass ihr eigener Schutzschild kein Hindernis für Malcolms Flüche darstellte, vergaß sie wohlweislich.
Alles in allem hatte Natalie die Stunde bis zu diesem Zeitpunkt als einen vollen Erfolg gewertet, sie war heilfroh, dass sie nicht mit Dennis hatte üben müssen. Sein Gesicht war starr und er schien durch sie hindurch zu sehen.
Umso entsetzter war sie, als Neville die Paare erneut anders zusammenstellte und sowohl über ihrem als auch Dennis´ Kopf rote Funken schwebten.
„In Ordnung", sagte Neville, der von Natalies Panik nichts zu bemerken schien, „Für den Rest der Stunde wendet die Flüche an, die ihr bis jetzt hier gelernt habt: Den Lähmfluch Impedimenta, den Schutzzauber Protego und den Beinklammerfluch von eben. Außerdem den Entwaffnungszauber, wenn ihr ihn beherrscht. Sobald euer Partner entweder seinen Zauberstab verloren hat oder mehr als drei Minuten lang keine Flüche mehr benutzt, gewinnt der Sieger einen Punkt und es geht von vorne los. Meldet euch bei mir, falls ihr Hilfe bei der Aufhebung der Flüche braucht. Für den, der am Ende die meisten Punkte hat, gibt es eine Belohnung und er erhält zusätzlich zwanzig Hauspunkte." Er lächelte etwas unsicher. „Also, geht zu eurem Partner. Wenn ich los sage, fangt an."
Mit unbewegtem Gesicht stellte sich Dennis Natalie gegenüber und hob den Zauberstab. Natalies Gedanken rasten. Sie wollte wieder die Freundschaft mit Dennis, aber Sorgen, ihn zu verletzen, brauchte sie sich nicht zu machen. Im Gegenteil. Sie würde keine Chance gegen ihn haben. In einem verkratzen, hässlichen Spiegel in einer Ecke des Klassenzimmers sah sie ihr Gesicht – sie war schrecklich bleich.
„Los!" rief Neville.
Natalie beschwor augenblicklich einen Schutzschild herauf und das war ihr Glück. Der Lähmfluch, den Dennis sofort eingesetzt hatte, sirrte auf sie zu und stieß mit einer solchen Macht auf ihr Schutzschild, dass sie beinahe in die Knie ging. Natalie senkte den Zauberstab, um das nutzlose Schild verschwinden zu lassen, und feuerte einen Beinklammerfluch ab. Er prallte von Dennis´ Schutzschild ab und verpuffte müde in der Luft.
Noch während Natalie das beobachtete, hörte sie ein Zischen, dann sprangen ihre Beine zusammen und sie fiel erschrocken zu Boden. Gerade, als sie den Fluch aufheben wollte – sie schaffte es nicht einmal ganz, „Finite", zu sagen – traf sie der nächste Fluch. Die nächsten drei Minuten verbrachte Natalie bewusstlos auf dem Boden und sie hätte es noch länger getan – der Lähmfluch war außergewöhnlich heftig – wenn Neville sie nicht vom Fluch befreit hätte und gleich danach Dennis einen Punkt anerkannt hätte.
Nachdem Natalie vier Mal hintereinander einige Zeit bewegungslos verbrachte und Dennis so vier weitere Punkte einbrachte, beschloss sie, mit einer anderen Taktik anzufangen. Gewinnen würde sie eh keinen Kampf, also konnte sie genauso gut dauernd ein Schutzschild aufrecht erhalten. Damit würde sie sich ihre ständigen Bewusstlosigkeitszustände ersparen und Gryffindor würde trotzdem zwanzig Punkte erhalten, denn die anderen schienen nicht sehr erfolgreich zu sein. Und die Punkte würde sie ja auch irgendwie mitverdienen.
Gesagt, getan - zu ihrer Überraschung gelang es Natalie tatsächlich, Dennis´ Flüche abzublocken. Sie verteidigte sich die ganze Zeit, ohne auch nur einen Angriff zu unternehmen und unterhielt ihr Schutzschild wirklich eine halbe Stunde lang. Dennis schien immer frustrierter zu werden und gab sich einige Male bewusst unachtsam, um Natalie herauszufordern. Sie ließ sich nicht beirren.
Schließlich war Dennis´ Geduld am Ende. Er sah prüfend zu Neville herüber, der gerade Eleanor unterstütze – auch gegen Emma, die kein großes Genie war, stand sie schlecht da – dann ging er ein paar Schritte auf Natalie zu.
„Hey!" sagte Dennis nur.
Natalie blinzelte verwirrt, gab ihr Schutzschild aber vorsichtigerweise nicht auf.
„Wenn du genauso viele Punkte holst wie ich, dann kriegen wir vielleicht beide zwanzig Punkte."
Natalie runzelte die Stirn. „Dann musst du extra schlecht kämpfen", stellte sie fest.
„Ja."
Sie riss die Augen auf. „Du willst so tun, als wärst du gar nicht so gut, nur damit -"
„Damit Gryffindor aus dem Minus heraus kommt!" knurrte Dennis, was zu seiner recht hohen Stimme gar nicht passen wollte.
„Okay", sagte Natalie langsam und hob ihr Schutzschild auf. „Wirklich?"
„Ja", murrte Dennis widerwillig.
„Wenn du drauf bestehst...", murmelte Natalie und Dennis wich wieder an seinen alten Platz zurück.
„Protego!" rief er laut, aber Natalie sah, wie dünn und schwach das Schutzschild war.
„Impedimenta!" schrie sie und sie bekam einen Eindruck davon, wie Dennis sich ständig fühlen musste. Der Fluch wischte den armseligen Schutz einfach beiseite und traf Dennis mit voller Wucht in die Magengegend. Ein Triumphgefühl erfasste Natalie, obwohl sie ganz genau wusste, dass es nicht ihr Verdienst war. Dennis war auf der Stelle erstarrt, und hätte er nicht vorsorglich sicher gestanden, wäre er gerade umgekippt. Natalies Hochgefühl verschwand, als sie in Dennis´ blicklose Augen sah. Sie war froh, dass er sie in seinem Zustand nicht wahrnehmen konnte.
Hastig drehte sie sich weg und beobachtete Emmas kläglichen Versuch, Eleanors schwachen Schutzschild mit einem nicht minder saftlosen Beinklammerfluch zu durchbrechen. Natalie war froh, doch etwas erfolgreicher zu sein als die beiden. Sie war sich ziemlich sicher, dass Emma und Eleanor als Hausaufgabe nichts als Üben aufbekommen würden. Vielleicht könnte sie Emma ja helfen... Natalie überlegte gerade, ob Emma nicht zu halsstarrig für eine solche Hilfe wäre – aber hatten sie nicht auch den Zaubertränke-Aufsatz zusammen geschrieben, als sie sich kaum kannten? – da hob Neville Natalies Lähmfluch wieder auf. Die drei Minuten waren um und Natalie empfing etwas beschämt ein Lob von Neville. Er hatte den Betrug von Natalie und ihrem Gegner nicht gesehen, war er doch vollauf mit Eleanor und Emma beschäftigt gewesen.
Als Neville sich wiederum den beiden Mädchen zuwandte – und haarscharf einem verirrten Fluch von Emma auswich, der das Fenster zerschlug – nickte Dennis Natalie grimmig zu.
Sie beschloss, den Entwaffnungszauber auszuprobieren, weil sie von Dennis im Moment ohnehin nichts zu befürchten hatte. Natürlich hatte ihre Klasse den Spruch schon längst einmal gelernt, doch Natalie war nie sicher darin gewesen.
„Expelliarmus!" rief sie, doch Dennis´ Zauberstab blieb fest in seiner Hand.
Nach einem nervösen Blick auf die Uhr hielt er ihn jedoch deutlich lockerer, so dass Natalie ihn mit dem nächsten Versuch entwaffnen konnte.
Überrascht drehte Neville sich um. „Gut gemacht, Natalie", sagte er und runzelte die Stirn, „aber du solltest es ihr nicht zu leicht machen, Dennis. Streng dich auch ein bisschen an!"
Dennis lief scharlachrot an, aber er blieb bei seinem Plan. Natalie lähmte ihn noch zwei weitere Male – sie achtete darauf, dass Neville gerade anderswo hinsah – und so standen schließlich beide mit vier Punkten an der Spitze.
Gerade in dem Moment, als Malcolm Jessica lähmte und damit ebenfalls vier Punkte erzielte, hob Neville die Hand. Die Auswirkungen der bestehenden Fluche verschwanden.
„Wie es aussieht, haben wir hier drei Gewinner", sagte Neville nachdenklich. „Das war eigentlich nicht ganz so geplant. Ich kann nicht auf einmal sechzig Punkte vergeben, das wäre zuviel des Guten. Tut mir Leid."
Natalie hörte, wie Dennis nach Luft schnappte.
„Wir haben uns angestrengt", erklärte sie sofort. „Wir haben die Punkte verdient."
Nevilles Wangen röteten sich leicht. „Ja, ich weiß. Aber es würde nach Bevorzugung aussehen, wenn ich Gryffindor vierzig Punkte gebe, glaubst du nicht auch? Immerhin bin ich auch ein Gryffindor..."
„Ich habe für Slytherin zwanzig Punkte verdient, und das sieht wohl niemand als Bevorzugung, Longbottom – Professor Longbottom", schaltete sich Malcolm ein und grinste schief. „Du – oder Sie – egal, man kann nicht erst Punkte versprechen und sie dann nicht vergeben."
Neville sah seine Autorität als Lehrer in Gefahr, und Natalie konnte ihn nur verstehen. Sie konnte ihn recht gut leiden und er tat ihr ein bisschen Leid, wie er da so unsicher stand und nicht wusste, was er tun sollte.
„Na, schön. Vierzig Punkte an Gryffindor und zwanzig an Slytherin."
Auf Dennis´ Gesicht stahl sich ein merkwürdiger Ausdruck von Erleichterung und Frustration und Natalie spürte, wie sie selbst lächelte.
„Ich hätte euch drei einen Entscheidungskampf austragen lassen, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten. Aber jetzt müsst ihr euch beeilen, damit ihr zur nächsten Stunde nicht zu spät kommt."
Die Erleichterung verschwand aus Dennis´ Gesicht und Natalie dachte das gleiche wie er – nächstes Mal würden sie nicht mehr auf diese leichte Art Punkte ergaunern können.
Flitwick war nicht sehr glücklich, als sämtliche Schüler der vierten und fünften Klasse zu spät kamen.
„Tut uns Leid", sagte Jessica als Vertrauensschülerin der Hufflepuffs stellvertretend für alle. „Wir hatten noch in Verteidigung gegen die Dunklen Künste viel zu tun."
Flitwicks Gesicht hellte sich augenblicklich auf. „Nun, das darf entschuldigt werden", stellte er munter fest. „Mr Longbottom macht seine Sache wirklich gut, nicht wahr?"
Die Schüler murmelten zustimmend. Natalie setzte sich wieder zu Emma und fragte sich, ob sie den Betrug von Dennis und ihr wohl mitbekommen hatte. Zeit zum Reden hatten sie nicht, denn sie mussten weiter den Aufrufezauber üben.
Da die meisten es bereits schafften, Federn oder Tintengläser schweben zu lassen, führte Flitwick in dieser Stunde eine neue Disziplin ein.
„Nun, Sie alle kennen jetzt die Grundlagen dieses Zaubers", sagte er strahlend. „Aber es gibt einen großen Unterschied, eine Feder aufzurufen oder aber einen kompakten Felsblock. Worin, Glauben Sie, liegt dieser Unterschied?"
Natalie erinnerte sich an ihr Versprechen, sich besser anzustrengen, und überlegte fieberhaft.
„Die Entfernung, Sir?" riet Emma neben ihr ins Blaue.
„Nein, das ist das geringste Problem", sagte Flitwick bedauernd. „Es ist in der Tat leichter, eine Feder beispielsweise vom Quidditchspielfeld hierher zu holen als ein großes Buch, das sich hier im Raum befindet."
„Das Gewicht", sagte Dennis selbstsicher. „Ein Buch ist doch viel schwerer als eine Feder."
Flitwicks Augen funkelten. „Nein, ich bedaure! Das erscheint durchaus logisch, nicht? Aber so ist es nicht, das ist nur ein kleiner Teil des ganzen Prinzips. Nun, hat keiner eine Idee?"
Natalie meldete sich zögernd und wurde aufgerufen. „Die Angriffsfläche vielleicht?" fragte sie. „Ich meine, eine Feder hat viele einzelne, kleine Federn, aber ein Stein oder ein Buch hat nur eine große Fläche."
Flitwick nickte. „Hervorragend! Ja, sehr gut, Miss McDonald. Genauso ist es nämlich. Nun, fünf Punkte für Gryffindor."
Natalie grinste triumphierend. Sie würde den Rückstand, den sie verursacht hatte, schon irgendwie aufholen.
Während Flitwick die Gründe für diese Eigenschaft erläuterte, ließ Natalie zur Übung Kreidestücke in ihre Hand fliegen. Sie wollte es gleich in dieser Stunde schaffen, den schweren Wälzer, den Flitwick zu ihrem Ziel erklärte, zu ihr schweben zu lassen. Dafür würde sie sicher noch mehr Punkte bekommen...
Aber das schaffte weder sie noch sonst jemand, nicht in dieser Stunde und nicht in der nächsten nach dem Mittagessen (wo seltsamerweise einiges an Essen durch die Luft geschwebt und ständig abgestürzt war). Die Schüler verließen den Klassenraum ziemlich frustriert. Niemand hatte das Buch auch nur annähernd bewegen können.
McGonnagal war nicht sonderlich erfreut, ihre Schüler eine Doppelstunde lang lustlos in den Stühlen hängen zu sehen. Keiner, auch nicht Natalie, strengte sich sehr an. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sie am Ende er Stunden einen Berg Hausaufgaben aufbekamen. Als sie sich halbherzig beschwerten, sagte McGonnagal nur kühl, dass sie damit schließlich bis zum Dienstag Zeit hätten.
„Und außerdem", fügte sie hinzu, „werden Sie in diesem Schuljahr – die Fünftklässler, natürlich – ihre ZAGs ablegen. Das ist aber kein Grund, für Sie, die Viertklässler, Ihre Hausaufgaben weniger sorgfältig zu machen. In diesen Zeiten muss jeder sein Bestes geben. Und ich kann nur hoffen, dass das, was Sie alle heute gezeigt haben, nicht Ihr Bestes gewesen ist!"
Diese Anschuldigung rüttelte sie alle ein wenig auf und besonders Natalie war aufmerksamer und arbeitswilliger, als Slughorn in der nächsten Stunde ihre Aufsätze über das Skele-Wachs einsammelte und dabei ihren Aussatz überflog. Sie setzte sich sogar ein bisschen gerader hin, als Slughorn anerkennend nickte.
Trotzdem war sie – genauso wie die anderen – erleichtert, als die Stunde vorbei war und das Wochenende beginnen sollte. Ihre Laune stieg noch mehr, als sie auf dem Weg aus den Kerkern am Gryffindor-Stundenglas vorbeikamen und der Pegel bereits wieder auf – 95 zeigte. Sie und Dennis waren offensichtlich nicht die einziges Gryffindors gewesen, die heute besonders auf Punkte aus gewesen waren.
Erst als sie Ginny und Padma, die vor den Viert- und Fünftklässlern die Marmortreppe zum ersten Stock hinaufgingen, von Hogsmeade reden hörte, sank ihre Laune wieder auf den Nullpunkt. Das hatte sie ganz vergessen.
Emma sah sie aufmunternd an. „Komm schon, das kriegen wir hin!" sagte sie. „Nadine hat gesagt, es gäbe da so einen Geheimgang zum Honigtopf..."
Natalie schüttelte missmutig den Kopf. „Ganz bestimmt nicht", grummelte sie. „Ich habe eben das Verbot, da dieses Wochenende hinzugehen. Und ich will auf keinen Fall geschnappt werden, damit Gryffindor noch mehr Punkte verliert."
„Dann wirst du eben nicht geschnappt!" sagte Emma leichtsinnig. „Aach, stell dich nicht so an."
Natalie starrte auf ihre Füße. „Nein, echt nicht. Und überhaupt – ich meine, wenn ich das machen würde, dann würde Dennis nie wieder mit mir reden und ich könnte die ganze Sache vergessen."
Emma lachte spöttisch. „Du machst das nicht wegen dem? Das ist doch kein Grund, dich einengen zu lassen!"
Natalie antwortete nicht und konzentrierte sich auf ein paar Gesprächsfetzen von Portraits, an denen sie gerade vorbeigingen.
„... eine Unverschämtheit, Gnädigste, ich kann das nur immerzu wiederholen!" polterte ein walrossschnäuziger Zauberer und eine spindeldürre, wachsgesichtige Hexe antwortete: „Nie, in meinem ganzen Leben! Nein, wirklich, die Sicherheit, Mr Simmons, die Sicherheit ist nicht mehr gegeben!"
Trotz der schrillen, aufgeregten Stimmen konnte Natalie Emmas nächste Bemerkung nicht überhören. „Im Ernst, Natalie – Regeln sind da, um gebrochen zu werden!" Sie sagte das mit der Unbekümmertheit einer Fünfjährigen.
Natalie blieb entnervt stehen. „Weißt du eigentlich, wie unreif du dich anhörst?" fragte sie müde.
„Ich bin vierzehn", stellte Emma nicht im geringsten beleidigt fest. „Da muss ich noch nicht reif sein, oder? Damit habe ich Zeit, bis ich so alt bin wie die McGonnagal. Reif und ohne jeden Spaß."
Natalie schwieg.
„Du sagst das doch auch nur, weil es sich gut anhört, stimmt´s?" fragte Emma. „Du bist genauso unreif wie ich. Versuch doch nicht, wie jemand zu sein, der du nicht bist."
Sie gingen weiter, Natalie mit verbissener, Emma mit lockerer Miene. Als sie vor dem Gemeinschaftssaal ankamen, sah Emma sie prüfend an.
„Überleg es dir. Und sag morgen früh Nadine Bescheid, wenn du mitkommen willst."
Sie nickte.
Natalie lag ein paar Stunden wach in ihrem Bett und lauschte auf das leise Atmen der Mädchen. Emma wälzte sich in ihrem Bett und schien schlecht zu träumen. Sie murmelte unverständliche Wörter vor sich hin, aber Natalie hörte nicht zu.
Natürlich würde sie nur zu gerne nach Hogsmeade gehen. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, war es sowieso erstaunlich, dass die Schüler das Dorf noch besuchen gehen durften, wenn die Sicherheitsvorkehrungen so streng waren. Vielleicht würde es in der übernächsten Woche gar kein weiteres Mal möglich sein, dorthin zu gehen. Andererseits würden Tonks und Remus die Schüler bestimmt zum Schutz begleiten – und das bedeutete, dass die beiden die ganze Zeit in Hogsmeade sein würden. Wahrscheinlich wusste man sowieso von dem Geheimgang, den sie benutzen sollte. Bestimmt würde er bewacht werden. Natalie beschloss, am nächsten Tag auf jeden Fall in Hogwarts zu bleiben. Sie würde in die Bibliothek gehen und lernen, oder den Aufrufezauber weiter üben, bis sie ihn beherrschte. Schließlich schlief sie unruhig ein.
Es schien ihr, als hätte sie nur wenige Sekunden geschlafen, als sie wieder aufwachte. Hinter den Vorhängen war es dunkel, es war mitten in der Nacht – warum war sie aufgewacht? Plötzlich hörte sie ein Scharren links von ihr.
Dort stand jemand, in einem dunklen Umhang oder einem Mantel, drohend über Emmas Bett gebeugt. Natalie quietschte entsetzt auf und die Gestalt fuhr herum.
„Ich bin´s, sei leise!" hörte sie Emmas erschrockene Stimme. Natalie tastete mit einer Hand auf ihrem Nachttisch herum und fand ihren Zauberstab. „Lumos!" zischte sie.
Der Lichtkegel fiel auf Emmas Gesicht und Natalie atmete auf.
„Was machst du da?" fragte sie und betrachtete den grünseidenen Morgenmantel, den Emma über ihrem Nachthemd trug.
„Ich war nur kurz im Gemeinschaftsraum", erklärte Emma hastig. „Alles in Ordnung. Und jetzt lösch das Licht, bevor die anderen aufwachen."
Zögern murmelte Natalie „Nox" und legte ihren Zauberstab zurück.
Emma warf den Morgenmantel über einen Stuhl und schlüpfte unter ihre Bettdecke. „Gute Nacht", sagte sie leise, bevor Natalie weitere Fragen stellen konnte.
Nachdenklich lehnte Natalie sich zurück in die Kissen. Was wollte Emma mitten in der Nacht im Gemeinschaftsraum? Was war es, das nicht bis zum nächsten Morgen warten konnte?
In der Großen Halle waren die meisten Schüler bestens gelaunt. Eleanor, Rose und seltsamerweise mit ihnen auch Ginny und Luna sprachen über Hogsmeade und ihre geplanten Einkäufe. Colin, der einige Plätze von ihnen entfernt saß, zählte lautstark auf, was er alles in der neuen Filiale von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze besorgen wollte und David Sloper war fest entschlossen, sich bei Derwisch & Banges einen besseren Besen als seinen alten Komet Drei Neunzig zu kaufen.
Natalie saß niedergeschlagen unter all den schnatternden Mitschülern und hörte mit halbem Ohr, in welcher Reihenfolge Emma, Malcolm, Jessica und Jack Hogsmeade unsicher machen wollten. Im Moment fühlte sie sich von allen Freuden den Schülerlebens ausgeschlossen und starrte Flitwick, der sich am Lehrertisch mit Charlie Weasley unterhielt, frustriert an.
„Ach, komm schon, Natalie", sagte Emma, als hätte sie Natalies Gedanken gelesen – was wegen Natalies wütendem Gesichtsausdruck auch nicht allzu schwer war. „Morgen bleibe ich hier und wir üben zusammen den Aufrufezauber bis zum Umkippen."
„Wie aufmunternd", bemerkte Jessica grinsend.
„Ist es", beharrte Emma. „Unsere gute Natalie will doch jetzt ein Streberchen werden und in jedem Fach die Perfektion in Person sein."
„Ha, ha", grummelte Natalie. "So was kennst du eben nicht."
Emma zuckte die Schultern. „Bingo. Aber morgen lasse ich mich ausnahmsweise mal anstecken."
Malcolm beugte sich vor. „Wieso fragst du eigentlich nicht Flitwick, ob er dir helfen kann?"
Natalie verzog das Gesicht. „Ha, ha", wiederholte sie monoton.
„Ich mein das ernst", sagte Malcolm.
Natalie lachte bitter. „Ja, weil er mir bestimmt auch hilft, was?"
„Warum sollte er denn nicht?" fragte Jessica verwundert.
Das fragte Natalie sich gerade auch. „Ja, aber...", suchte sie nach Ausflüchten, „na ja, ich meine, er hat mir das doch eingebrockt, dass ich dieses Wochenende hier versauern darf."
Malcolm hob die Augenbrauen. „Tatsächlich? Irgendwie sagt mir mein Gedächtnis, dass du einen Fluch auf ihn abgefeuert hast. Wieso ist er dann schuld – weil er nicht ausgewichen ist?"
Natalie kniff die Augen zusammen. „Ja!" fauchte sie.
„Lass sie in Ruhe, Baddock", mischte Jack sich ein.
„Oooh, Sloper, der edle Ritter, rettet die holde Natalie – wie immer", spottete Malcolm.
Jack war sich offenbar zu gut für jedwede Antwort.
Als die Posteulen – deutlich weniger als noch im letzten Jahr – in die Große Halle einflogen, duckte Natalie sich automatisch über ihre Müslischüssel. Sie erwartete einen Brief von ihren Eltern, schließlich hatte Lovegood ihnen vorgestern geschrieben.
Da erkannte sie auch schon den grauen Steinkauz ihrer Mutter. Sie war ein Stück weit erleichtert, als sie den Brief, den er trug, sah – zumindest war der Umschlag nicht rot, also blieb ich die Peinlichkeit eines Heulers erspart.
„Hi, Flavius", murmelte Natalie matt, als der Kauz auf dem Tisch landete und den Brief vorwurfsvoll mit dem Schnabel klackernd in ihr Müsli fallen ließ.
Der Kauz hob wieder ab und Natalie steckte den Brief in ihre Umhangtasche. Sie würde ihn später lesen.
A/N: Ein schöner Cliffhanger, hm? Dann bringt mich mal zum schnellen Weiterschreiben. Das ist ganz einfach - reviewt! Danke schön ;) +wink+
