An dieser Stelle noch mal ein riesiges Dankeschön an meine Reviewer! Seid auch weiterhin so lieb. ;)
Kapitel 18
Als die Stunde vorbei war, brummte Natalie der Schädel. Verhalten fluchend wankte sie neben Emma die Treppen zum Gemeinschaftssaal hinauf und hielt sich den Kopf. Nach einer geschlagenen Viertelstunde war es ihr zwar gelungen, Eleanors Verteidigung mit einem gut gezielten Entwaffnungszauber zu durchbrechen. Aber kurz darauf hatte ein starker Beinklammerfluch von Eleanor sie zu Boden kippen lassen. Sie hatte ihren Kopf an einer Tischkante gestoßen und brachte danach noch peinlichere Leistungen – nämlich gar keine. Am Ende der Stunde hatte Neville Eleanor laut gelobt und Natalie hatte sich geschworen, ab jetzt jede Minute mit Lernen zu verbringen.
Im Gemeinschaftsraum ließ sie sich auf eine Couch fallen und schloss entnervt die Augen.
„So ein verdammter Mist", brummelte Emma und setzte sich mit Jessica neben sie. „Wir waren die Schlechtesten von allen, ist dir das klar?"
Natalie schlug die Augen auf, antwortete aber nicht.
Wenig später trat Eleanor ein, immer noch einen Hauch Rosa auf den Wangen.
„Wie lange kann man sich eigentlich über ein bescheuertes Lob freuen?" fragte Emma aggressiv, mit einem deutlich neidischen Unterton.
Falls Eleanor sie gehört hatte, zeigte sie es nicht. Sie strahlte vor Freude und sprach mit Colin Creevey, der mit ihr eingetreten war. Gleich darauf stellten die beiden sich gegenüber auf und duellierten sich.
„Oooh, Madame muss vor aller Augen zeigen, was sie drauf hat!" lästerte Emma weiter.
Und tatsächlich schaffte Eleanor es, Colin zu entwaffnen. Sie lachte und strahlte weiter, als sie ihm den Zauberstab zurückgab.
„Ich wusste doch, dass du es kannst!" sagte Colin laut und wieder lief Eleanor zartrosa an. Sie sah sich hektisch um („Nein, Blaise ist leider nicht da, um dich zu bewundern!" fauchte Emma) und kicherte.
Nachdem diese Prozedur mehrmals wiederholt worden war und Jessica langsam so aussah, als würde sie bald weinen, zerrte Emma sie hoch, wies Natalie an, ihr zu folgen, und stampfte zornig die Treppe zu ihrem Schlafsaal hoch.
Dort angekommen setzte Jessica sich auf Natalies Bett und schlug ihre Hände vor ihr Gesicht.
Emma ging zu ihrem Bett, schnappte sich ein Kissen und schleuderte es mit aller Macht gegen die Wand. „Diese – blöde – Kuh!" stieß sie hervor. „Was denkt sie sich eigentlich?"
„Kann sie denken?" fragte Jessica mit seltsam erstickter Stimme.
„Nein, natürlich nicht!" schrie Emma und stocherte mit ihrem Zauberstab auf ihrem Nachttisch herum, bis er anfing, zu brennen.
Stillschweigend nahm Natalie ein Glas Wasser von ihrem Tisch und löschte das Feuer.
„So", sagte sie fest und setzte sich auf den Boden, den Kopf gegen ihr Bett gelehnt. „Und jetzt könntest du mir vielleicht mal erzählen, wieso du dich so schrecklich aufregst."
Emma lachte ärgerlich. „Weil Eleanor eine hässliche blöde Sabberhexe ist, bei der ich meinen Sommer nie hätte verbringen sollen! Hätte eher ins Waisenhaus gehen sollen als zu ihr. Scheiß Ministerium. Wenn sie Mum nicht diesen dämlichen Auftrag gegeben hätte und sie nicht mit Dad dafür nach Brasilien hätte reisen müssen und die Todesser sie nicht erwischt hätten..."
Natalie schwieg. Emma hatte noch nie vom Tod ihrer Eltern gesprochen. Mehr als das, was sie eben heruntergerattert hatte, wusste Natalie auch nicht darüber. Sie schluckte. „Aber sie war doch mal ganz okay."
„Was ist denn in dich gefahren?" fragte Emma verblüfft.
„Im Ernst! Letztes Schuljahr noch. Sie war immer total hilfsbereit, freundlich..." Natalie musste sich eingestehen, dass sie auch nicht wusste, was in sie gefahren war. Eleanor Branstone war wirklich einmal eine nette Mitschülerin gewesen, aber in den letzten Tagen hatte sie sich zu einem dämlichen, oberflächlichen Biest entwickelt. Die Stunde Verteidigung gegen die Dunklen Künste hatte ihr allerdings wieder zu denken gegeben. So extrem blöd konnte Eleanor doch nicht geworden sein und so unfreundlich eigentlich auch nicht – Colin war ja eigentlich auch ein netter Kerl. „Ich meine, wenn Colin mit ihr klar kommt..."
Jessica schluchzte auf einmal auf.
Emma runzelte die Stirn, setzte sich zu Jessica und strich ihr vorsichtig über den Rücken. „Colin ist es gar nicht wert, dass du hier -"
Natalie hörte ein undeutliches Schniefen und Jessicas Kopf tauchte zwischen den Kissen auf. Ihre Augen waren rot und geschwollen.
„Natürlich ist er es nicht wert!" schrie sie. „Aber ich kann es doch auch nicht ändern, dass es mich ankotzt, wenn ausgerechnet Eleanor und Colin... wenn ausgerechnet die beiden..."
Sie brach ab und ließ ihren Kopf wieder in die Kissen sinken.
„Sie sind doch gar nicht zusammen", murmelte Natalie kläglich. „Und Eleanor will doch was von Blaise..."
„Das scheint sie aber nicht sehr zu stören", erwiderte Emma leise, aber Jessica hörte sie trotzdem.
„Nein, sieht so aus, als wollten mir andere Leute alles einfach so kaputt machen", rief sie in die Kissen. „Letztes Jahr war ich erst kurz mit Anthony zusammen gewesen und dann ist Morag gekommen -" (Emma sah betreten zu Boden, hatte sie sich doch erst vor einigen Tagen während der Zugfahrt darüber lustig gemacht.) „- und jetzt hat Eleanor auch Spaß daran, sich an Colin ranzuschmeißen, obwohl sie das alles gar nicht ernst meint und all der Kram..."
„Aber Colin mag sie doch auch ganz gern", sagte Natalie. Bevor sie den Satz beendet hatte, wusste sie, dass sie besser ihren Mund gehalten hätte.
Jessica sprang mit einem schrillen Quieken auf und zeigte mit zitterndem Fingern auf Natalie. „Und du hältst auch noch zu ihr!" schrie sie dramatisch, drehte sich um und stolperte heiser schluchzend aus dem Schlafsaal.
Emma ließ sich rücklings auf Natalies Bett fallen und seufzte tief. „Gut gemacht, Natalie. Wirklich."
Natalie sah vorsichtig zu Emma. „Tut mir ja Leid", brummte sie verlegen. „Aber es stimmt doch, oder? Colin ist doch eindeutig in Eleanor verliebt. Und sie hat ihn doch auch geküsst, an dem Abend, als Charlie angekommen ist."
Emma lachte kurz. „Daran kannst du dich noch erinnern?" feixte sie. „Aber das hat sie doch auch nur gemacht, damit du wütend wirst. Und vor allem, damit Blaise eifersüchtig ist."
„Hm", machte Natalie. „Trotzdem."
Emma schloss nachdenklich die Augen. „Aber Recht hast du schon, weißt du. Seit dem Abend ist Creevey jedenfalls ziemlich an Branstone interessiert. Ziemlich kompliziert, was?"
„Wie? Kompliziert? Wieso das?" fragte Natalie überrascht.
Emma grinste. „Na ja, guck mal", begann sie. „Dennis Creevey schien an dem Abend nichts gegen Rose Zeller zu haben – der Feuerwhiskey, schätze ich -, Zeller ist unsterblich in Malcolm verliebt, Malcolm ist zum ersten Mal verliebt – in Jessica. Jessica liebt dummerweise den älteren Creevey, der hat Interesse an Branstone, Branstone liebt Blaise – und Blaise... tja, da hört die Kette wohl auf."
„Reicht mir auch schon", erwiderte Natalie erschöpft. „Ist ja nicht zum Aushalten."
Sie hörte Schritte auf der Treppe und im nächsten Moment standen Eleanor und Rose im Schlafsaal.
„Eh... hi", sagte Eleanor unsicher.
Emma drehte demonstrativ den Kopf weg, Natalie blinzelte erstaunt.
„Na ja – was ist denn mit Jessica Dinns los?" fragte Eleanor. „Sie ist eben an mir vorbei gerannt. Hat sie geweint? War sie nicht gut in Verteidigung gegen die Dunklen Künste?"
Emma lachte kalt. „Ja, weißt du, sie war schlecht, weil sie was gegen Doping hat – im Gegensatz zu dir, Branstone."
„Doping?" wiederholten Eleanor und Natalie gleichzeitig verblüfft. „Was ist denn das?" setzte Eleanor hinzu.
„Ach, komm schon, deine Mutter ist ein Muggel, oder?" spottete Emma. „Das habe ich im Sommer ja gut genug gesehen. Sie kreischt ja los, sobald eine Eule die Post bringt. Da weißt du jawohl, was Doping ist."
Eleanor lief rosa an. "Sie hat eine Eulenallergie", sagte sie mit hoher Stimme. „Aber sie interessiert sich nicht für die Muggelwelt. Also, was ist Doping?"
Rose sprang helfend ein. „Das sind Drogen, die manche Sportler nehmen, um besser zu sein. Das ist aber verboten."
Eleanor runzelte die Stirn. „Und du denkst, ich nehme Drogen, um besser zu zaubern? Bis du vollkommen durchgedreht?"
Emma schnaubte und sah aus dem Fenster.
Eleanor trat ein paar vorsichtige Schritte auf sie zu. „Hör mal, ich kann verstehen, dass du traurig und so bist. Ich meine, wegen deinen Eltern. Du weißt schon... Aber im Sommer -"
„Verschwinde", zischte Emma leise und drehte sich langsam zu Eleanor um. „Halt dein dreckiges Maul und verschwinde."
Eleanor wurde bleich und wich wieder zurück. „Tut mir Leid, aber -"
„Halt die Klappe!" schrie Emma schrill.
Im Schlafsaal wurde es still. Eleanors Lippen zitterten, aber sie brachte kein Wort heraus.
„El!" Colins Stimme drang von unten in Natalies taube Ohren. „El!"
Eleanor blieb einen Moment stehen und sah Emma wortlos an. Dann wandte sie sich um und ging mit schweren Schritten zur Treppe. „Ich komme!" rief sie, drehte sich noch einmal zu Emma um und verschwand.
Rose hatte sich die ganze Zeit über kaum bewegt. Jetzt, so plötzlich von ihrer Freundin verlassen, ging sie langsam zu ihrem Bett, setzte sich darauf und schwieg.
„El", ahmte Emma Colin nach. „Die wundervolle, dämliche El Branstone. Sind bescheuerte, oberflächliche Blödkinder jetzt bei Gryffindorjungs angesagt?"
„Ich glaube, David, Jack und Neville sind da dann Ausnahmen", sagte Natalie schwach lächelnd.
„Neville will was von Morag McDougal", mischte Rose sich auf einmal mit ihrem dünnen Stimmchen ein.
„Bitte was?" prustete Natalie amüsiert, aber Emma warf Rose einen kalten Blick zu. „Wer hat dich denn gefragt?" fauchte sie. „Mich interessieren deine lächerlichen erfundenen Geschichten nicht."
Rose zuckte zusammen. „Das ist aber wahr!" protestierte sie.
„Halt die Klappe!" knurrte Emma.
„Wirklich! Ich hab gehört, wie Michael und Padma darüber gesprochen haben und -"
„Ich hab gesagt, du sollst die Klappe halten!"
Rose senkte eingeschüchtert den Blick und war ruhig.
Eine ganze Zeit lang war es still im Schlafsaal. Mit düsterem Blick schnappte Emma sich Handspiegel und Lippenstift aus ihrer Nachttischschublade und pinselte in ihrem Gesicht herum.
A/N: So, das nächste Kapitel folgt sofort.
