Ohne viel unnötiges Geschwafel – voilà, Kapitel N°19!
Kapitel 19
Während der nächsten zwei Wochen löcherte Natalie Tonks mit Fragen über das Schicksal der Midgeons, wann immer sie sich sahen. Tonks hatte allerdings anscheinend den Entschluss gefasst, zu schweigen wie ein Grab. Und Natalie musste verstimmt zugeben, dass sie unangenehm gut darin war.
So hatte Natalie das Gefühl, als würde sie nirgendwo weiterkommen. Mit dem Gripsschärfungstrank für Slughorn kam sie zwar recht gut voran, Sprout hatte betrübt verkündet, dass man so mit den Fangzähnigen Geranien nicht weiterkommen würde und ihnen stattdessen Bubotobler präsentiert und Emma war, soweit Natalie es mitbekommen hatte, nicht mehr mitten in der Nacht aus dem Schlafsaal geschlichen.
In Zauberkunst jedoch war niemand mit dem Aufrufezauber weitergekommen, bis Dennis es schließlich mit einem Mal gelungen war, einen quadratischen Steinblock zu sich schweben zu lassen. Seitdem hatten es auch noch Jessica und Malcolm geschafft. Natalie war nur froh, dass Eleanor wenigstens in diesem Fach kein plötzliches Talent zeigte. Anders war es in Verteidigung gegen die Dunklen Künste – Eleanor entwickelte sich langsam zu einem ernstzunehmenden Gegner für Dennis, der zuvor der unangefochtene Duellierkönig gewesen war. Emma und Natalie verließen das Klassenzimmer regelmäßig mit miserabler Laune.
Wenigstens das Quidditchtraining sorgte für Natalies Wohlbefinden. Bisher hatte es zweimal stattgefunden, immer donnerstags direkt nach Pflege Magischer Geschöpfe. Natalie war mehr als stolz darauf, beinahe so viele Tore wie David Sloper gemacht zu haben. Der spielte die Rolle des Torschützenkönigs auf dem Besen perfekt, aber sobald er auf dem Boden ankam, wurde er wieder zu verschüchterten Jungen, der durch seine dicken Brillengläser unsicher in die Welt blickte. Colin, der dritte Jäger, erledigte seine Aufgabe souverän, überließ das Torewerfen aber lieber Natalie und David.
Ginny war nach dem Training stets gut gelaunt und sparte nicht mit Lob. Sie selbst war eine talentierte Sucherin. Padma sagte einmal, sie wäre fast so gut wie Harry Potter, aber daraufhin war Ginny unaufmerksam und wurde zweimal von Klatschern getroffen. Danach erwähnte ihn niemand mehr.
Nach dem Training blieb Natalie mit Jack beim Quidditchfeld und sah der anderen Mannschaft beim Trainieren zu. Zusammen amüsierten sie sich über Eleanors Versuche, beim Fliegen möglichst elegant auszusehen, Roses Talent, ständig den Quaffel zu verlieren, aber auch über Jessicas Unfähigkeit, eine gute Sucherin abzugeben.
Blaise, der Kapitän, wiederholte immer wieder, er würde viel darum geben, nicht mit Hufflepuffs spielen zu müssen. Er selbst war zwar ein recht guter Hüter und besonders Nadine war als Treiberin einfach verblüffend. Sie schlug so fuchsteufelswild auf die Klatscher ein, dass die Bälle fast einen Bogen um sie zu machen schienen. Zwei gute Spieler machten jedoch keine gute Mannschaft aus, wie Natalie genussvoll zu sagen pflegte.
Das nächste Hogsmeade-Wochenende verbrachte Natalie mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Sie hatte fast vergessen, wie schön es dort war. Nach einigen schlechtwettrigen Tagen – das letzte Quidditchtraining war absolut verregnet gewesen – schien wieder die Sonne. Zusammen mit dem bunten Herbstlaub an den Bäumen, die den Weg nach Hogsmeade säumten, sorgte sie für weitgehend gute Laune bei den Schülern.
Natalie, Emma und Jack schlenderten mit Tonks, die gemeinsam mit Lupin wieder den Hogsmaede-Besuch überwachte, am Ende der Schülergruppen. Nach einigen erfolglosen Versuchen von Natalie, Tonks über die Midgeons auszufragen, schwiegen die vier und genossen die Sonnenstrahlen.
Direkt vor ihnen gingen Malcolm und Jessica und unterhielten sich halblaut über das Qudditchspiel, das in einer Woche stattfinden würde. Nach Jessicas Gefühlsausbruch vor zwei Wochen war das Verhältnis zwischen Natalie und Jessica etwas gespannt. Sie sprachen zwar miteinander und tauschten manchmal ein unsicheres Lächeln, aber so wohl wie vorher fühlte Natalie sich in ihrer Gegenwart nicht.
„Schon mitgekriegt, dass Zeller Malcolm einen Liebesbrief geschrieben hat?" fragte Emma, als sie gerade das Tor mit den geflügelten Ebern hinter sich gelassen hatten.
„Im Ernst?" erwiderte Jack grinsend. „Wie kann man so eine deutliche Ablehnung nur missverstehen?"
Emma zuckte gelassen mit den Schultern. „Ich schätze, sie ist einfach zu dämlich", mutmaßte sie.
„Sie muss sich ziemlich allein fühlen, jetzt, wo Eleanor dauernd mit Colin rumhängt", sagte Natalie nachdenklich. „Ich hab gehört, wie sie sich wieder mit Nadine vertragen wollte."
„Und...?"
„Na ja, die wollte eben nicht."
„Recht hat sie", sagte Emma zufrieden. „Zeller ist selbst Schuld. Dein Bruder scheint auch unter ihrem Niveau zu sein, oder, Jack?"
Jack warf einen besorgten Blick auf David, der neben Dennis und Neville, die sich über Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterhielten, ging und recht verloren aussah. „Ja. Dave war schon immer ein ziemlicher Einzelgänger. Aber mit der kleinen Telkens ist er eigentlich ganz gut klargekommen..."
„Und die ist jetzt auch allein", schloss Natalie. „Herrlich, was? Rose Zeller, David und Nadine – die waren untereinander mal ein bisschen befreundet, und jetzt – Ende."
„Wieso eigentlich?" mischte Tonks sich ein. „Nadine scheint doch ein ganz nettes Mädchen zu sein."
Emma strich sich ihre dunklen Haare aus der Stirn. „Ist sie auch. Aber auch aufbrausend und nachtragend. Zeller hat sie hängen lassen, und damit war das aus. Sloper ist wegen dir, Jack, zu den Creeveys und Corner gegangen. Und das war dann das Ende von Nadine und ihm."
Tonks runzelte die Stirn. „Findet ihr nicht, dass ihr da ein bisschen viel Wirbel um eure komischen Gruppen macht?"
„Da können wir doch nichts für!" sagte Natalie sofort. „Ich habe Dennis angeboten, mit dem ganzen Idiotenkram aufzuhören, aber er wollte ja nicht und ist bei seinen Leuten geblieben."
„Ach – und wer sind seine Leute?"
„Er, Michael Corner und Colin Creevey. Der kleine Sloper nicht so richtig, Zeller und Branstone auch nur so halb", zählte Emma auf. „Und jetzt sind Branstone und Colin Creevey auch meistens unter sich. Trotzdem sind die auch noch gegen uns."
„Und wer ist uns?" hakte Tonks neugierig nach.
„Eben die, die gar nichts mit den Anti-Slytherins zu tun haben", erklärte Emma. „Natalie, Jack und ich, wir sind oft zusammen, außerdem Jessica und Malcolm, und dann noch Blaise und Morag."
Tonks grinste schief. „Ja, und das meinte ich mit dem ganzen Wirbel darum. Das ist doch übertrieben, sich in zwei Gruppen zu spalten, weil man nicht so richtig miteinander klarkommt."
Jack lachte. „Auf einmal ein Moralapostel, Tonks?"
Tonks seufzte.
Hogsmeade kam in Sicht, eine kleine Ansammlung von Häusern in einem Tal.
„Wir sind da!" rief Lupin von vorne. „Kommt mal her!"
Die Schüler sammelten sich ungeduldig um ihn.
„Ihr habt sieben Stunden Zeit hier, wie letztes Mal. Um sechs Uhr treffen wir uns hier wieder und gehen zusammen zurück. Denkt dran, bleibt auf jeden Fall im Dorf und geht nicht etwa früher zurück. Wenn etwas ist, findet ihr Tonks und mich wahrscheinlich im Drei Besen."
Emma kicherte. „Ich störe flirtende Erwachsene aber so ungern", murmelte sie Natalie zu. „Da nehme ich es lieber allein mit all den unzähligen Gefahren auf, die hier lauern."
Lupin warf ihr einen warnenden Blick zu, den Emma unbekümmert erwiderte.
In Gruppen von zwei, drei oder vier Schülern zerstreuten die anderen sich langsam. Die meisten machten sich auf den Weg zum Honigtopf, Eleanor erlöste Rose von ihrem einsamen Herumstehen und stürzte sich mit ihr und Colin auf Gladrags.
Bald standen Emma, Jack und Natalie fast alleine da. David Sloper sah sich schüchtern um, aber als er endlich Nadine entdeckte, die ebenfalls niemanden hatte, drehte die sich hoheitsvoll um und stiefelte hoch erhobenen Hauptes auf Weasleys Zauberhafte Zauberscherze zu.
„Und wo fangen wir an?" fragte Jack.
„Zum Weasley-Shop?" bot Emma gleichgültig an.
Natalie zuckte die Schultern. „Okay."
Sie gingen an den Drei Besen vorbei, warfen einen Blick in den Honigtopf und das Postamt und kamen nach kurzer Zeit am alten Gebäude von Zonkos an.
„Weasleys Zauberhafte Zauberscherze" stand dick und fett an der Front des Hauses geschrieben. Die Buchstaben blinkten, wechselten die Farben und von Zeit zu Zeit schoss eine Rakete heraus, die steil in die Luft aufstieg und dort eine gewaltige Explosion verursachte.
Während Nadine, die vor ihnen gegangen war, sich die Schaufenster ansah, stieß Jack die Tür auf. Natalie wusste nicht genau, was genau geschah, aber im nächsten Moment war Jack von oben bis unten mit einer smaragdgrünen Flüssigkeit besprüht, während irgendjemand im Laden schrill und hässlich lachte.
„Igitt!" brüllte Jack aufgebracht. „Das ist ja widerlich!"
Eine schwarz gekleidete junge Frau zog ihn in den Scherzartikelladen hinein. Irritiert sahen Emma und Natalie sich an, dann folgten sie ihm – sehr vorsichtig.
Die junge Frau zückte ihren Zauberstab und begann, die klebrige Flüssigkeit aufzusaugen.
„War keine Absicht", erklärte sie grummelnd.
Wieder hörte Natalie das schrille Lachen.
„Klappe!" befahl die Frau genervt und prompt war es leise. Relativ leise, denn auf den eng stehenden Regalen, überladen mit knallbunten Artikeln, raschelte es, manche Gegenstände quiekten und kreischten, während andere sich mit einem nervtötenden sonoren Brummen begnügten.
„Ich wollte das Plakat treffen", führte die Frau weiter aus und deutete auf eine Leinwand, die die gesamte, jetzt geschlossene, Eingangstür bedeckte.
Du-scheißt-nie-mehr
Das
Fanmagazin
Diesen Monat: Interview mit den Rohrverstopfern
Extra: Echter glibbergrüner Krötenschleim – schock deine Feinde und genieße ihr Gesicht, wenn ihnen der Schleim aus den Ohren quillt!
„Als Deko, das lockt Kunden an, klar?"
Emma verzog das Gesicht. „Uuärgh", urteilte sie. „Das ist doch absolut geschmacklos. Krötenschleim, Rohrverstopfer..."
„Wenn du hier irgendwo etwas siehst, das irgendwie entfernt geschmackvoll sein könnte, sag Bescheid!" erklang die Stimme von Fred oder George Weasley von irgendwo zwischen den Regalen. „Wir werden es dann sofort aus dem Sortiment nehmen."
Als er so aus dem Nichts auftauchte, wirkte er wie das komplette Gegenteil von der jungen Frau. Mit ihren schwarz gefärbten Haaren, den schwarz umrandeten Augen und den blutrot geschminkten Lippen hätte sie gut und gerne in einen schwarzmagischen Esoterik-Shop in den Nokturngasse gepasst, während Fred oder George (Natalie hatte keine Ahnung, wer es sein könnte) mit seinem immerwährenden Grinsen und seinem giftgrünen Drachenlederumhang schon beinahe zur Ausstattung des Ladens zu gehören schien.
„Wenn du Geschmack suchst, guck mal beim Honigtopf"; empfahl er. „Die haben neue Fledermausköpfe mit Lakritzgeschmack. Wollen einen verrückten alten Muggel nachmachen, der mal einer Fledermaus den Kopf abgebissen hat."
„Pffff", ließ die junge Frau verlauten. „Wie lächerlich."
Fred oder George grinste noch breiter. „Verity ist immer so gut drauf, wundert euch nicht. Ich liebe diese Fröhlichkeit, die sie so pausenlos ausstrahlt."
„Ha, ha", sagte Verity gelangweilt. "Ich schütte mich vor Lachen, Mr Weasley."
Fred oder George verbeugte sich. „Immer wieder gerne." Dann wandte er sich Natalie, Emma und Jack zu. „Schon so erledigt von Hogwarts, dass ihr dem Unterricht irgendwie entkommen wollt? Wir haben den Tagtraumzauber verbessert, man kann sich seinen Traum jetzt selbst aussuchen und das Sabbern ist auch ausgeschaltet. Außerdem ist das Mindestalter auf fünfzehn runtergesetzt, hat ganz schön gedauert, bis das Ministerium überredet war. Kostet nur schlappe drei Galleonen, sechs Sickel und siebzehn Knuts."
„Kann man den mal ausprobieren?" fragte Jack interessiert.
Fred oder George nickte. „Klar, kommt mit."
Jack folgte dem rothaarigen Wesaley um einige Regale herum.
„Schaut euch nur um!" sagte Verity zu Natalie und Emma in einem betont fröhlichen Tonfall und strahlte dabei, während ihre Augen immer noch einen höchst entnervten Ausdruck innehatten.
„Eh... gerne", erwiderte Natalie. Sie fragte sich, ob irgendjemand Verity nicht Folge leisten würde, wenn sie einen so seltsam anstarrte. Sie packte Emma am Arm und zog sie in die nächste Regalreihe.
„Die ist unheimlich", murmelte sie dort.
„Eher komisch, finde ich", sagte Emma schulternzuckend und befingerte ein merkwürdiges kleines Objekt, das so verdrechselt und unlogisch gebaut war, dass Natalie fast schwindelig wurde. „Sag mal, welcher von den Zwillingen ist das eigentlich?"
„Keine Ahnung", meinte Natalie und schlenderte an einer Reihe von ähnlich unwirklichen Figürchen vorbei wie die, die Emma fasziniert betrachtete.
Auf einem Wühltisch etwas entfernt entdeckte sie Kopflosenhüte mit kitschigen rosa und hellgrünen Bommeln und Drachenlederhandschuhe, die mit einem Zauber belegt waren, die der Werbung nach „beim Tragen der Handschuhe jeden Zaubertrank von alleine" mischten.
An Langziehohren und Tragbaren Sümpfen (sie grinste beim Gedanken an Filchs Fährdienste in ihrem zweiten Schuljahr) vorbei gelangte Natalie zu einer Art sanft blau schimmerndem Teppich in einem Glasgefäß. In der silbrigen Flüssigkeit schwebte die flache Decke und manchmal hoben sich die Ecken leicht an.
Vorsichtig stupste Natalie mit einem Finger gegen das Glas und die Flüssigkeit schlug leichte Wellen. Langsam tauchte sie ihren Finger in das Gefäß. Die Flüssigkeit fühlte sich kühl und angenehm an. Doch als Natalie gegen den blauschimmernden Teppich stieß, hatte sie nur noch gerade genügend Zeit, um festzustellen, dass er sich wirklich wie Stoff anfasste.
Dann legte sich der Stoff mit einem leisen Zischeln eng an ihren Finger. Erschrocken zog Natalie ihn zurück, aber der Teppich begann sich an den Rändern aufzufasern. Kleine blaue Fäden zogen sich über ihre Hand und an ihren Armen hoch.
„Hilfe!" schrie Natalie entsetzt, als sich die Fäden mit rasender Geschwindigkeit ihrem Gesicht näherten. „Hey! Fred -"
Im nächsten Moment legten sich die Schnüre fest über ihren Mund, ihre Nase, ihren ganzen Kopf. Sie konnte nicht mehr sprechen, das Atmen wurde schwer und sie sah ihre Umgebung durch ein blaues Netz. Sekunden später schnürten die Fäden ihre Beine zusammen und sie kippte gegen ein Regal. Glitzernde Fläschchen und Dosen fielen heraus, manche zersprangen oder kullerten mit lautem Scheppern über den Boden.
Sie hörte dumpfe Schritte, als die Fäden ihr vollends die Sicht verdeckten.
Jemand rief irgendetwas und sofort zogen die Schnüre sich zurück, aus ihrem Gesicht, von ihren Beinen, liefen über ihren Arm zurück und wurden urplötzlich wieder zum schimmernden Teppich, so groß, dass er gerade in ihre Handfläche passte.
„Ich bin übrigens George", sagte der Weasley-Zwilling, als er einen Handschuh anzog, den Teppich aufnahm und zurück in sein Gefäß warf. „Und das war ein Magisches Fangnetz. Überzieht bei Kontakt mit lebendigem Material seine Umgebung mit einem Netz, das um die sieben Quadratmeter groß werden kann. Nicht lebendiges Material greift das Fangnetz nicht an."
Natalie richtete sich stöhnend auf.
„Und wozu die Flüssigkeit?" fragte Emma, die nach Natalies Geschrei angestürmt gekommen war.
„Lädt das Fangnetz wieder auf", erklärte George. „Wenn man es einmal benutzt hat, ist es wirkungslos, bis man es wieder in die Lösung legt. Elf Sickel, drei Knut."
Natalie grinste schwach. „Ich nehme eins", beschloss sie.
George kippte Fangnetz und Flüssigkeit aus dem Glas in einen elastischen Gummibehälter und reichte ihn Natalie. Während sie bezahlte, beseitigte Verity mit ihrem Zauberstab – und einem ärgerlichen Schnauben – die Bescherung auf dem Boden.
