Ich entschuldige mich hiermit an die zehntausend Mal dafür, so lange nicht mehr upgedatet zu haben... Ihr kennt das sicher, wenn ihr auch schreibt. So viel zu tun, keine Motivation - und das, obwohl ich die ganze Handlung eigentlich im Kopf habe.
Verzeiht mir also bitte! Dafür kommt jetzt ein neues Kapitel und die nächsten werden auch bald folgen.
Danke an Schneegestoeber für ihr Review - wie viele Kapitel? Uff, keine Ahnung. Aber um meine ganzen Ideen unterzubringen müssten es verdammt viele sein. ;) - und an Tarisa dafür, dass sie mir endlich den Anstoss gegeben hat, ein neues Kapitel reinzustellen.
Auch an alle anderen Leser - viel Spaß mit Kapitel 21 und zeigt mit in Form von Reviews, dass ihr mich noch nicht ganz vergessen habt:D
Kapitel 21
Natalie betrachtete Tonks´ Miene in der nächsten Zeit so aufmerksam, dass die junge Hexe begann, kehrtzumachen, wann immer Natalie sich näherte. Das machte deren Nachforschungen um einiges schwieriger. Das einzige, was sie feststellen konnte, war die stetige Verschlechterung von Tonks´ Gesichtszügen. Sie wechselten von trotzig über aufgebracht bis zu einer beständigen Besorgnis.
Unter ihren Augen wuchsen die Schatten jeden Morgen und nachts schien sie nie in Hogwarts zu sein. Emma vermutete, Tonks´ Metamorphmagusfähigkeiten würden wegen Stress nachlassen und Natalie dachte ebenso. Ansonsten war mit Emma nicht viel anzufangen und nur zwei Tage nach dem verstörenden Artikel im Tagespropheten wurde Natalie auch klar, warum.
Es war ein Donnerstag, an dem das letzte Training vor dem ersten Quidditchspiel, das für den nächsten Samstag angesetzt war, stattfand. Natalie lieferte ihre beste Leistung überhaupt ab und schoss dreizehn Tore in einer Stunde. Emma dagegen wurde in den ersten Trainingsminuten der Slytherins und Hufflepuffs von einem Klatscher getroffen und stürzte vom Besen.
Sie konnte glücklich sein, dass sie nur aus ungefähr zwei Metern Höhe fiel, aber sie schimpfte zornig vor sich hin, als Natalie sie zum Krankenflügel begleitete.
Madam Pomfrey verband ihr, unablässig die zahlreichen Gefahren von Quidditch betonend, ihren verstauchten Arm und verabreichte ihr einen Heiltrank gegen die zahlreichen Prellungen.
„Sie werden über Nacht hier bleiben und morgen früh wird es Ihnen dann wieder einigermaßen gut gehen", verkündete sie am Ende resolut.
Emma wurde aschfahl. „Quatsch!" rief sie laut, was ihr einen strafenden Blick einbrachte.
„Miss Dobbs, ein Sturz vom Besen ist keine Kleinigkeit!"
„Mir geht´s aber gut, wirklich!"
Madam Pomfrey runzelte erzürnt die Stirn. „Papperlapapp!"
„Ich muss aber gehen!"
Die Krankenschwester schüttelte den Kopf und schien die Angelegenheit damit als erledigt anzusehen.
Emma nicht. Sie stand vom Bett auf und verschränkte die Arme. „Ich muss gehen. Es ist wirklich total dringend. Es... es geht um Leben und Tod!"
Madam Pomfrey schnaubte. "Reden Sie keinen Unsinn, meine Liebe."
„Bitte! Meinetwegen bleibe ich danach tausend Nächte im Krankenflügel, aber nicht diese!"
„Was ist Ihnen denn so wichtig, Miss Dobbs?"
„Es ist wichtig, das muss Ihnen reichen!"
Madam Pomfrey lachte wütend auf, schob Emma zurück zum Bett und drückte auf ihre Schultern, so dass Emma sich auf die Kante setzte. „So! Nun aber genug mit dem Gerede!"
„Poppy, ich glaube, Sie sollten heute eine Ausnahme machen."
Natalie zuckte zusammen. Neben ihr stand Lovegood und lächelte höflich. Sie hatte ihn gar nicht kommen hören, zu sehr hatte sie der Streit fasziniert und verwundert.
„Eine Ausnahme? Bitte, Direktor, das wäre ein unnötiges Risiko und -"
„Nun, manchmal sind Risiken vonnöten, um seine Träume zu verwirklichen...", Lovegood sah Emma milde an, „... oder um zu erkennen, dass sie trügerisch sind."
Madam Pomfrey sog scharf Luft ein, um zu einer langen Rede anzusetzen, dann schien sie es sich anders zu überlegen. „Auf Ihre Verantwortung, Direktor."
Lovegood wirkte amüsiert. „Daran habe ich mich bereits gewöhnt, Poppy."
Emma stand rasch auf, bevor Madam Pomfrey ihre Meinung noch einmal ändern konnte.
„Danke, Sir", murmelte sie halbherzig, dann hastete sie aus dem Krankenflügel.
Natalie blieb verwirrt stehen. „Eh..."
„Einen schönen Abend noch, Miss McDonald", wünschte Lovegood ihr.
„Oh... Ihnen auch, Sir. Das heißt... kann ich Sie vielleicht noch kurz sprechen?"
Lovegood schien nicht im Geringsten überrascht. Einladend wies auf die Tür und Natalie folgte ihm in einen leeren Korridor. Lovegood schloss sorgfältig die Tür und machte den Eindruck, als interessierte ihn nichts mehr als das bevorstehende Gespräch.
„Also... darf ich Ihnen eine Frage stellen?" fragte Natalie verlegen.
„Eine Frage, ja. Nur zu."
Im Gang klapperte eine Rüstung. Natalie biss sich auf die Lippen. „Sind die Midgeons jetzt in Askaban?"
Lovegood strich sich über seine kahlen Schläfen. „In der Tat, ja. Ohne eine Anhörung."
Natalie öffnete entsetzt den Mund, schloss ihn nach einiges Momenten wieder.
„Und... Und wie... also... eh...", stotterte sie verwirrt. Sie schüttelte den Kopf. „Wo ist der ganze Zusammenhang? Das hängt doch alles zusammen, der Mord, von dem die Midgeons nichts mehr wussten, dass sie nach Askaban kommen, ohne Anhörung, dass die Riesen in Askaban sind... Aber wie ist das alles verbunden? Was steckt da hinter?" platzte es dann aus ihr heraus.
Lovegood hob die Augenbrauen. „Das sind vier Fragen mehr als ich dir gestattet habe", stellte er fest. „Um sie zu beantworten, musst du selbst nachdenken. Ich bin überzeugt, dass du über die nötige Intelligenz verfügst."
Mit diesen Worten machte er kehrt, ging den beinahe leeren Gang entlang und um eine Ecke. Die Rüstung ließ ihr Visier zuschnappen, als er an ihr vorbeiging.
Natalie zögerte, dann lief sie ihm hinterher, erst langsam, dann immer gehetzter. Sie blieb wie angewurzelt stehen, als sie um die Ecke gerannt war. Der Korridor ging noch wenige Schritte weiter, dann endete er abrupt vor einer kahlen Wand. Verblüfft tastete Natalie den kalten Stein ab und klopfte dagegen. Nichts geschah.
Enttäuscht kehrte Natalie um. Es hatte keinen Sinn, sie kannte das richtige Passwort nicht. Im Krankenflügel machte Madam Pomfrey ein Bett, ärgerlich vor sich hinmurmelnd.
Emma fiel ihr wieder ein. Was hatte sie noch gesagt? Es geht um Leben und Tod.
Natalie lächelte fast, als sie durch die Flure zum Gemeinschaftsraum lief. Emma hatte eine entsetzliche Angst vor allem, was mit Krankheiten zusammenhing. Sie verabscheute Spritzen und Heiltränke, den sauberen Geruch im Krankenflügel. Sie hatte Natalie anvertraut, dass sie von einem einwöchigen Aufenthalt in St.Mungo als komplettes Nervenbündel zurückgekehrt war. Kein Wunder, dass sie das Blaue vom Himmel herunter gelogen hatte, um einem nächtlichen Aufenthalt im Krankenflügel zu entgehen.
„Hi, Emma", sagte sie grinsend, als sie sich im Gemeinschaftsraum in einen Sessel neben ihr setzte. „Kaum zu glauben, dass du deinem grausamen Schicksal entgangen bist."
Emma sah kaum auf und starrte verbissen in das prasselnde Feuer. „Hm."
Natalie runzelte die Stirn. „Ist was passiert?" Argwöhnisch sah sie sich im Gemeinschaftsraum um, aber bis auf Luna, die in einer Ecke an ihren Hausaufgaben schrieb (wobei ein flacher Tintensee, in den sie ihre Feder immer wieder tupfte, um ihren Kopf schwebte), waren alle Schüler draußen auf dem Quidditchfeld. „Sag schon, was ist los?"
Emma zuckte zusammen und musterte Natalie, als sähen sie einander zum ersten Mal. „Wir könnten Luna doch mal fragen, was sie so über die Sache denkt", schlug sie plötzlich vor.
„Was?" wollte Natalie verdutzt wissen. „Welche Sache meinst du?"
„Na ja, alles", war die rätselhafte Antwort.
Natalie beschloss, Emmas seltsamen Zustand zu ignorieren. „Ich hab Luna doch schon vor ein paar Tagen gefragt, ob sie was zum Thema Askaban weiß", rief sie ihr in Erinnerung. „Und sie weiß eben nichts."
Emma schwieg eine ganze Weile. „Dann fragen wir sie noch mal", platzte sie auf einmal heraus.
Natalie schüttelte verständnislos den Kopf. „Okay, wenn du meinst..."
Sie stand auf. „He, Luna!"
Das Mädchen schrieb hochkonzentriert einen Absatz zuende und hob dann den Kopf. „Ja?"
„Kommst du mal?"
Luna nickte friedlich, saugte die herumschwebende Tinte mit ihrem Zauberstab auf und ließ sich mit ihren Hausaufgaben in einem Sessel vor dem Kamin nieder. „Was willst du denn?"
„Also, hör mal", fing Emma an. „Vielleicht kannst du uns helfen, weiß du, wir rätseln schon die ganze Zeit um die Sache mit den Midgeons rum, was da wohl wirklich passiert ist. Und wir dachten uns, dass du ja vorletztes Jahr mit Harry Potter und so im Ministerium warst, dass du vielleicht etwas mehr Ahnung hast als wir von dem ganzen Kram." Erwartungsvoll beobachteten Natalie und Emma Luna.
Das Mädchen lächelte verträumt. „Ja, die Sache im Ministerium... Das war schon irgendwie schön. Als wäre ich in einer richtigen Gruppe, die etwas wirklich Wichtiges tut."
Emma wedelte mit einer Hand, als wollte sie Lunas Erinnerungen wegwischen. „Ja, genau. Eh. Und da dachten wir... na ja. Was weißt du über die Midgeons? Ich meine, vielleicht von deinem Dad?"
Anders, als Natalie befürchtet hatte, zeigte Luna eine deutliche Reaktion. Ihr Gesicht verdüsterte sich. „Ja, ich weiß schon was drüber."
Aber ich will es euch nicht erzählen, vollendete Natalie ihren Satz im Stillen. Doch sie lag völlig daneben.
„Die Midgeons waren Unsägliche, wusstest ihr das?"
Natalie nickte eifrig. „Ja. Weißt du, wofür sie genau zuständig waren? Hat das was mit ihrem Mord an den Perks zu tun?"
„Wisst ihr... als ich im Ministerium war, in der Mysteriumsabteilung, wo die Unsäglichen arbeiten, habe ich diese Glaskugeln gesehen. Sie liegen da zu Tausenden, und in jeder ist eine Prophezeiung drin. Es gibt da ne Menge unwichtige Sachen, das habe ich gehört, als ein paar zerbrochen sind... Welchen Kuchen jemand am nächsten Wochenende backen wird und so... Und dann gibt es richtig wichtige. Harry hat eine mitgenommen, und die war über ihn. Sie ist zerbrochen, und ich hab keine Ahnung, wie die Prophezeiung also lautete."
Natalie hing an ihren Lippen, während Emma eher skeptisch aussah.
„Und weiter?"
„Die Midgeons waren für diese ganzen Prophezeiungen zuständig."
Natalie leckte sich nervös über die Lippen. „Und was glaubst du, was das heißt?"
Luna sah sich um, als erwartete sie unerwünschte Lauscher, dann beugte sie sich vor. „Ich glaube, dass Ihr-Wisst-Schon-Wer weiß, dass die Midgeons die Prophezeiung von Harry kannten. Also schnappt er sie sich, foltert sie und presst den Wortlaut aus ihnen heraus. Damit sie das niemandem erzählen können, belegt er sie mit dem Imperius-Fluch. Er zwingt sie, irgendjemanden zu ermorden. Das Ministerium hat Angst vor allen, die Todesser sein könnten..."
„Und sie schicken die Midgeons sofort nach Askaban! Weil sie so paranoid sind, dass sie nicht mal eine Anhörung wollen!" rief Natalie.
Luna nickte. „Genau."
Überwältigt lehnte Natalie sich in den Sessel sinken. „Wahnsinn. Hast du dir das alles selbst überlegt?"
„Das meiste", sagte Luna, mit einem Hauch Rosa auf den Wangen. „Ein bisschen wusste ich, weil ich mit Harry und den anderen im Ministerium war. Dass die Midgeons Unsägliche waren, das hat mir mein Dad erzählt. Und den Rest... den hab mir alleine ausgelegt. Und es kann stimmen, oder?"
„Und wie", sagte Natalie. Sie rieb sich die Schläfen. „Und wie."
Spät abends, im Gemeinschaftsraum, saßen Natalie und Emma gemeinsam auf einem Himmelbett und unterhielten sich gedämpft über Lunas Enthüllungen. Eleanor saß zwar unten im Gemeinschaftsraum – alle paar Minuten drang ihre Stimme herauf und ihr künstliches Gelächter veranlasste Emma zu der Vermutung, dass Blaise sich ebenfalls unten befand – aber Rose saß ganz in ihrer Nähe, wedelte mit ihrem Zauberstab herum und warf von Zeit zu Zeit einen unsicheren Blick auf Nadine, die sich auf ihrem Bett in ein Buch vertieft hatte.
Emma war, im Gegensatz zu Natalie, überhaupt nicht von Lunas Idee überzeugt. „Du kennst sie doch ganz genau! Das ist wieder so eine Geschichte, die sie sich ausdenkt. Du glaubst ihr doch auch nur, weil sie diesmal nichts von Fluchfliegen oder der Kobold-Liga für bessere Pasteten oder sonst wem gesagt hat!"
Natalie musste zugeben, dass sie Luna mehr Glauben schenkte, wenn sie ihre fantasievollen Ideen außen vor ließ. Aber trotzdem war da mehr. Luna hatte irgendwie Recht, das wusste sie!
„Wir werden sehen", sagte sie. Emma würde sich sowieso nicht überzeugen lassen.
„Ach ja? Und wie werden wir da bitte sehen? Woher sollen wir irgendwas erfahren?"
„Zum Beispiel, wenn Harry Potter tot ist und die Todesser wieder in Hogwarts stehen!" fauchte Natalie lauter als geplant.
Rose machte ein seltsamen Geräusch, wie eine Mischung zwischen Quieken und Schluchzen, Nadine ließ ihr Buch mit einem Klonk auf den Boden fallen. Die beiden starrten Natalie mit weit aufgerissenen Augen an.
„Harry Potter ist tot?" stammelte Rose entsetzt. „Woher wisst ihr das? Wie ist das passiert? Oh mein Gott!" Über ihr Gesicht rannen plötzliche Tränen. „Heißt das, das alles vorbei ist?"
Nadine war bleich, als sie ihr Buch unendlich langsam wieder aufhob.
„Quatsch!" knurrte Emma. „Gar nichts ist passiert!"
„Jetzt tu doch nichts noch so! Bitte, sag schon, was ist los?" fehlte Rose völlig aufgelöst.
„Nichts! Natalie hat von ner Möglichkeit geredet. Das ist keine Tatsache. Geht das in dein Hirn, du Schnepfe?"
Rose schniefte, aber wenigstens sagte sie nichts mehr. Nadine beobachtete Natalie und Emma eine Weile argwöhnisch, dann wandte sie sich wieder ihrem Wälzer zu.
„Reg dich nicht so auf!" flüsterte Emma. „Das ist ja schlimm!"
„Was ist schlimm?" fragte Rose sofort. Anscheinend hatte sie ihre Ohren gespitzt. „Ist doch irgendwas passiert?"
Emma schnaubte und warf sich auf ihr eigenes Bett. Sie zog die Vorhänge zu. „Ich schlafe!" drang ihre Stimme durch den dicken Stoff.
„In deinem Umhang?" fragte Natalie verwirrt.
„Ja, verdammt!"
Natalie runzelte die Stirn, dann tat sie die Sache mit einem Schulterzucken ab. Emma mit ihrem ständigen Rumgezicke konnte wirklich manchmal nerven.
Eine Stunde lang las Natalie Kapitel drei in ihrem Zauberkunstbuch (Der Verscheuchezauber – historische und theoretische Aspekte), doch als sie müde wurde, schlüpfte sie in ihr Nachthemd und legte sich schlafen.
Warum sie aufgewacht war, wusste Natalie nicht, aber sie wusste ganz genau, dass sie hellwach in ihrem Bett lag und bestimmt nicht mehr schlief.
„Verdammt", hörte sie dann jemanden unterdrückt fluchen und etwas bewegte sich auf dem Fußboden.
„Emma?" flüsterte Natalie verblüfft. „Bist du das?"
Die Frage erübrigte sich, als die Gestalt aufstand und Natalie im einfallenden Mondlicht das Gesicht ihrer Freundin erkannte.
„Was machst du da?"
„Ich bin über meinen Koffer gestolpert", knurrte Emma.
„Ja... Nein, ich meine – warum schläfst du nicht?"
Einen kurzen Moment war Stille. „Hör mal...", sagte Emma dann leise, aber bestimmt. „Schlaf einfach wieder ein und alles ist gut, ja?"
Natalie dachte nicht daran. Sie wühlte sich aus ihrer Bettdecke und setzte sich auf die Bettkante.. „Du willst irgendwohin abhauen! Bist du verrückt?"
„Kann sein. Ich bin bald wieder zurück. Das ist total wichtig und ich kann nicht hier bleiben!"
Natalie zog sich eine Jeans unter ihr Nachthemd.
„Was wird das?" zischte Emma.
Natalie warf ihren Umhang über. „Wonach sieht´s denn aus?" Sie schlüpfte in ihre Turnschuhe. „Ich komm mit."
Zuerst sah Emma aus, als wollte sie protestieren, dann drehte sich Rose plötzlich in ihrem Bett um und murmelte etwas im Schlaf. „Na schön. Bevor hier noch jemand aufwacht."
Natalie schnappte sich rasch ihren Zauberstab vom Nachttisch und folgte Emma die Treppe in den Gemeinschaftsraum hinunter. Das Feuer im Kamin war fast ausgebrannt und der Raum war fast ganz in Dunkelheit getaucht. Durch die schweren Vorhänge vor den Fenstern fiel kaum Licht.
„Lumos!" flüsterte Emma und ein dünner Lichtstrahl erhellte den Weg zur Tür.
„Wohin willst du?" wollte Natalie mit gedämpfter Stimme wissen, als sie einige Male in Korridore eingebogen waren, von denen Natalie nicht glaubte, sie schon einmal betreten zu haben.
Emma antwortete nicht, sondern blieb urplötzlich stehen und malte mit dem Licht aus ihrem Zauberstab ein Kreuz auf eine Stelle der Wand, die Natalie nicht anders erschien als der Rest der Wände. Hier verschwammen die Konturen der Wand allerdings und bald sah sie so aus, als würde man sie durch eine Schicht Wasser sehen.
„Los, komm schon!" riss Emma Natalie aus ihrer Verwunderung und ging durch die zerfaserte Wand, als wäre sie nicht vorhanden. Natalie streckte vorsichtig ihre Hände aus, aber da war nicht, was sie berühren könnte. Sie atmete tief durch und trat mit einem Schritt durch die Wand. Auf der anderen Seite war es bis auf den feinen Lichtstrahl, der aus Emmas Zauberstab fiel, stockfinster. Natalie fischte ihren aus einer Innentasche ihres Umhangs heraus.
„Lumos!" Einen Moment gönnte sie sich, um den kräftigen Lichtstrahl zu bewundern, dann hastete sie Emma hinterher, eine enge, unregelmäßige Wendeltreppe hinunter.
„Woher kennst du diesen Weg?" fragte sie aufgeregt.
„Von Nadines Karte", antwortete Emma kurz. „Vorsicht, Trickstufe."
Natalie übersprang die Stufe, aber ließ sich ansonsten nicht beirren. „Und wohin führt diese Treppe?"
„Kerker."
„Und was willst du im -"
„Natalie!" fauchte Emma und drehte sich zu ihr um. „Kannst du mal die Klappe halten – bitte? Filch geistert hier bestimmt irgendwo rum, und seine Mistkatze auch. Also..." Sie strich sich über ihre Lippen, als würde sie einen Reißverschluss zuziehen.
Natalie schwieg beleidigt, aber lange hielt sie es nicht aus. Die Wendeltreppe war entnervend lang, sie schraubte sich immer wieder noch eine Runde weiter in die Tiefe.
„Bist du öfters hier?" flüsterte sie.
„Jeden Tag... das heißt, jede Nacht."
„Und warum?"
Emma antwortete nicht.
Plötzlich endete die Treppe vor einer Wand. Emma lief durch die hindurch, als wäre sie nicht vorhanden und Natalie folgte ihr zögernd. Sie standen auf einem düsteren Gang, in dem es nach Feuchtigkeit und Moder roch. Natalie kannte ihn, hier in der Nähe musste sich der alte Slytherin-Gemeinschaftsraum befinden.
Sie zuckte zusammen. „Der Spiegel?" fragte sie und achtete nicht mehr auf ihre Lautstärke.
„Psssst!" zischte Emma.
„Der Spiegel?" hauchte Natalie mit weit aufgerissenen Augen.
Emma nickte.
Sie huschte den Gang entlang und Natalie rannte ihr fassungslos hinterher.
Sie kamen vor einem weiteren feuchten Stück Wand zum Stehen.
„Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore", murmelte Emma und die Wand glitt beiseite.
Natalie war kaum ganz eingetreten, da raste Emma schon zum Spiegel, der unverändert in einer Ecke stand. Obwohl... so unverändert war er überhaupt nicht, merkte Natalie, als sie näher trat. Seine Oberfläche war milchig weiß – er spiegelte nicht mehr.
Emma fuhr mit der flachen Hand hastig über einen Fleck in der Mitte des Spiegels. Dann drehte sie sich abrupt um.
„Gestern war da noch eine spiegelnde Stelle, genau hier", sagte sie verzweifelt. „Und jetzt ist sie weg!"
Natalie stellte sich neben sie und musterte den blinden Spiegel. „Letztes Mal war er doch noch heil", stellte sie verblüfft fest. „Hast du ihn kaputt gemacht?"
„Blödsinn!" rief Emma heftig.
„Vielleicht darf man ja nicht reinsehen?" schätzte Natalie. „Weil er sonst blind wird?"
Wortlos deutete Emma auf die Schrift über der glatten, milchigen Oberfläche. NERHEGEB Z REH NIE DREBAZ TILT NANIEDTH CIN.
„Ja und, was heißt das?"
„Lies es rückwärts", meinte Emma, als wäre das vollkommen selbstverständlich.
„Nicht dein Antlitz aber dein Herzbegehren", las Natalie langsam. „Was soll das denn heißen?"
Emma rollte ihre Augen. „Man sieht nicht sich selbst, sondern das, was man sich wünscht, was man unbedingt haben will – sein Herzbegehren eben."
„Und was hast du da gesehen?" fragte Natalie verständnislos. „Die neue Kollektion von Gladrags oder wie?"
Emmas Gesicht schien plötzlich wie versteinert. „Meine Eltern", sagte sie kalt.
Es dauerte, bis Natalie es endlich verstand. Emmas Eltern waren gestorben und der Spiegel zeigte sie, weil Emma sie sich am meisten wünschte.
„Deshalb bist du jede Nacht hierher gegangen?" wollte Natalie wissen. Gleichzeitig schalt sie sich für eine so dämliche Frage – warum sonst sollte Emma das wohl auch tun.
„Ja."
„Und jetzt kannst du sie nicht mehr sehen", murmelte Natalie.
Emma nickte und plötzlich schniefte sie. „Ich bin noch mal hier gewesen, nachdem wir den Spiegel das erste Mal gesehen hatten, vor drei Wochen, weißt du? Und da war eine Ecke blind und ich konnte da nichts mehr sehen." Ihre Stimme klang dünn, weinerlich, völlig ungewohnt. „Da bin ich bald wieder gekommen und diese Blindheit hat sich bei jedem Mal noch weiter verbreitet, immer weiter zur Mitte, und gestern war da nur noch ein kleiner Fleck, und Mum und Dad sahen so verzweifelt aus. Ich dachte, heute könnte ich sie vielleicht noch einmal sehen, noch einmal..." Jetzt schluchzte sie ganz offen.
Natalie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hob ihre Hände und ließ sie wieder sinken, plötzlich schien jede Bewegung falsch zu sein. „Und deshalb wolltest du heute auf keinen Fall im Krankenflügel bleiben?"
Wieder nickte Emma und wischte sich mit ihrem Ärmel über die Augen.
„Lovegood hat irgendwas gesagt, oder?" fiel Natalie auf einmal ein. „Als du dich mit Pomfrey gezofft hast... Irgendwas mit Träumen und dass sie trügerisch sind."
Emma schwieg.
„Ich meine, vielleicht sollst du nicht so viel dran denken, das ist doch vorbei und..." Emmas Gesichtsausdruck wechselte von bestürzt zu bitterböse. Natalie bemerkte plötzlich, dass sie Blödsinn redete. „Das heißt, natürlich vermisst du sie und so, aber Lovegood hat doch Recht, das Leben geht weiter und dass du ständig vorm Spiegel hängst, das bringt deine Eltern nicht zurück... Das tut mir echt total Leid für dich, aber..."
„Deshalb wollte ich nicht, dass irgendjemand mitkommt!" fiel Emma ihr gereizt ins Wort. „Weil ich genau das geahnt habe! Dass niemand versteht, wie ich mich da fühle. Und du erst recht nicht. Du hast doch keine Ahnung!"
Natalie spürte, wie ihre Wangen sich erhitzten. „Natürlich weiß ich nicht, was das für ein Gefühl ist. Ich versuch doch nur, dir zu helfen!"
„Ach ja? Weißt du was, Natalie? Ich verzichte auf deine Hilfe!"
Emma drehte sich brüsk um und stürzte aus dem Kerker. Natalie blieb wie betäubt stehen. Eine Weile lag sah sie den Spiegel an, der auf seinen Krallenfüßen unerschütterlich dastand, als könnte niemand ihn zu Fall bringen, obwohl er blind war. Aber Natalie nahm ihn gar nicht wahr. Sie fragte sich nur, ob Emma wirklich ihre Freundin war, und ob ihre wackelige Freundschaft es wert war, Emmas ständige Launen zu ertragen.
Schließlich verließ sie stumm den Kerker und schlich sich durch die Geheimtreppe nach oben. Adonis auf seinem Portrait blinzelte verschlafen, als sie ihm das Passwort nannte und den Gemeinschaftsraum betrat. Er war dunkel und leer, und in ihrem Schlafsaal war es still. Emma lag in ihrem Bett, als hätte sie es nie verlassen. Aber Natalie bemerkte ihr unregelmäßiges Atmen – Emma schlief nicht.
Natalie seufzte, schlüpfte aus Schuhen, Jeans und Umhang und kroch zurück unter ihre kalte Decke.
