Kapitel 8: Halloween I

Die Zeit bis Halloween war so schnell vergangen wie schon lange nicht mehr.

Der Vielsafttrank hatte ihre ganze Konzentration gefordert. Slughorn ging jede Stunde skeptisch zu den drei Tischen und beobachtete das Gebräu, das sich darin befand. Er hatte nicht viel auszusetzen, da er ja sowieso von jedem Schüler erwartet hatte, dass er diesen Trank zustande brachte. In einer UTZ-Klasse musste man genau arbeiten können und Dinge bewerkstelligen, die lange Zeit in Anspruch nahmen und bei nur einem einzige Fehlgriff und einer Sekunde Unaufmerksamkeit, alles ruinieren konnte.

Der Duellierunterricht war das Highlight schlecht hin. Die Schüler der Siebten, waren voll auf begeistert. Sie hatten endlich einen Professor, der etwas von seinem Fach verstand. Und obwohl Frank ihnen auch Hausaufgaben gab, taten sie es ohne zu meckern, weil die Aufgaben, meist eine längere Zeitspanne dauerten, aber dann auch von den Schülern gefordert wurde, dass sie genau und mit Details bestückt waren.

Hagrid hatte die Kürbisse in seinem Garten gezüchtet und sie mit Hilfe seines Schirms mit einem Gesicht versehen. Danach beförderte jeden einzelnen hinauf ins Schloss, wo die Kürbisse dann als Beleuchtung dienten.

Lily hielt es auch für angebracht, dass nicht nur die große Halle geschmückt war, sondern auch die Gänge und Klassenräume. Bei den Gängen ging es noch in Ordnung, aber die Klassenzimmer blieben so, wie sie waren. Damian Turner, der andere Schulsprecher aus Ravenclaw, hielt es anfangs ziemlich übertrieben, auch die Gänge zu dekorieren, aber Lily hatte die Vertrauensschüler dermaßen davon überzeugt, dass die Mehrheit dafür war. Manchmal kam es sogar vor, dass man sich vor Lily Evans fürchtete, wenn sie etwas durchzusetzen versuchte.

Zwar sollte es so wirken, dass sie auch die anderen um ihre Meinung fragte, jedoch war von Anfang an klar, dass ihre Vorschläge angenommen. Verändert wurden sie, damit sie allen entsprachen, aber das Grundprinzip entsprach immer noch Lily.

Die Schüler hatten sich nach Hogsmeade aufgemacht, um den Samstag zu genießen, um von der Schule auszuspannen und sich mit hilfreichen und leckeren Dingen aus Hogsmeade zuzudecken.

Es war ein kalter Morgen. Der Reif hatte sich auf den Bäumen angesiedelt und es hatte leicht zu schneien begonnen. Um nicht zu erfrieren, warfen sich alle ihre Winterumhänge über und gingen dann gemütlich nach Hogsmeade.

Peter hatte sich eine Grippe eingefangen und musste deshalb in Hogwarts bleiben. Also gingen Sirius, James, Remus, Lily und Amy alleine nach Hogsmeade. Sie versprachen ihm aber, dass sie ihm etwas aus dem Honigtopf mitnahmen.

Sogar einige Professoren zog es nach Hogsmeade. Ein Teil blieb in Hogwarts, um auf die Schüler aufzupassen, die dort geblieben waren. Und der restliche Lehrkörper war in Hogsmeade, um auch dort nach dem Rechten zu schauen.

Die Straßen in Hogsmeade waren überfüllt. So viele Hexen und Zauberer waren schon lange nicht mehr hier gewesen. Sie kamen und gingen, wie sie gerade wollten. In Hogsmeade hatte sich seit letztem Jahr sehr viel verändert.

„Ich liebe Hogsmeade", sagte Lily und atmete tief durch.

„Ich liebe Butterbier", fügte Sirius hinzu. „Und Feuerwhiskey."

„Denkst du eigentlich nur ans Trinken?", fragte Remus und zog eine Augebraue hoch.

„Nein, ich denke auch noch an andere Sachen."

„Zum Beispiel?", forderte James grinsend auf.

„Das geht dich überhaupt nichts an." Sirius fuchtelte mit seiner Hand vor James' Gesicht.

„Ich kann es mir aber denken", spottete James.

„Ach ja?", fragte Sirius.

„Ja."

„Ach ja?"

„Ja."

„Ach …"

„Hört auf damit", unterbrach Amy. Alle sahen sie überrascht an, worauf sie kurz rot anlief.

„Was haltet ihr davon, wenn wir in die ‚Drei Besen' gehen?", schlug James vor und wies die Straße entlang, auf ein altes Gebäude, aus dem man laute Stimmen hörte.

Der Wind hatte langsam angefangen zu wehen und mit dem Schnee kombiniert, war es doch recht kalt geworden. Der Vorschlag sich im Warmen mit einem Butterbier aufzuhalten, war geradezu verlockend.

Als sie die Türe öffneten, schlug ihnen sofort wohlige Wärme entgegen. James konnte nichts sehen, da sich seine Brille beschlagen hatte, aber mit einem kleinen Zauber, hatte sich das schnell wieder behoben.

„Madame Rosmerta", schrie Sirius und eine junge Frau, mit längeren braunen Haaren kam auf sie zu. Sie hatte ein freundliches, warmes Lächeln.

„Das Übliche?", fragte sie nur und die drei Jungs nickten. „Dort hinten ist ein Tisch frei. Ich bringe es euch dann." Danach verschwand sie und die Fünf kämpften sich zu dem Tisch, den ihnen Rosmerta zugewiesen hatte.

Kurz nachdem sie sich gesetzt hatten, kam sie auch schon zu ihnen, mit fünf Butterbier, die vor ihr herschwebten.

„Wie viel macht das?", fragte Sirius und wollte gerade seinen Geldbeutel herausziehen, als Madame Rosmerta abwinkte.

„Das geht auf Kosten des Hauses. Ihr drei seid meine besten Kunden", sagte sie. „Kaum zu glauben, dass das euer letztes Jahr hier ist", seufzte sie.

„Wir kommen dann schon öfters nach Hogsmeade und schauen hier vorbei", sagte James und lächelte verschmitzt. „So schnell werden Sie uns nicht los."

„Und wie oft habe ich euch dreien gesagt, dass ihr mich ‚duzen' sollt?", sagte sie. Es sollte drohend wirken, aber es gelang ihr nicht ganz, dass sie ernst blieb.

„Lily und Amy kennst du?", sagte James und wies auf die weibliche Begleitung.

„Natürlich", sagte Rosmerta und zwinkerte. „Wie geht es euch überhaupt?"

„Es ist Wochenende", sagte Sirius erleichtert.

„Blöde Frage, was?"

Sirius nickte.

„Ich habe gehört, dass ihr einen neuen Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste habt." Alle nickten. „Wie ist der denn so? Hier im Dorf erfährt man nicht immer soviel, außer von den Zuwanderern."

„Zuwanderer?", fragte Lily verblüfft.

„Wusstet ihr das nicht?", fragte Remus. Lily und Amy schüttelten den Kopf. „Viele Hexen und Zauberer sind nach Hogsmeade gezogen. Keiner weiß den genauen Grund. Gerüchte besagen, dass sie hier sind, weil sie sich hier vor Du-weißt-schon-wem sicherer fühlen."

„Heute ist ja nicht viel los", fügte Rosmerta hinzu. „Heute sind viele in die Winkelgasse, weil zu Halloween immer ein Bazar stattfindet. Die Winkelgasse zu Halloween ist einfach nur wunderbar. Müsst ihr euch unbedingt mal anschauen."

„Ich war da mal mit meinen Eltern", sagte James. „Sie haben wirklich alles."

„Es ist ungefähr so wie bei den Muggel die Vorweihnachtszeit", erklärte Remus. „Nicht, dass Weihnachten in der Zauberergemeinschaft nicht wichtig ist, aber Halloween ist eben der Feiertag schlechthin."

„Deshalb steigt in Hogwarts auch immer die riesige Party am Abend?", fragte Amy, die die Antwort aber schon wusste.

„Eigentlich wollte ich nicht die Feierlichkeiten wissen, sonder wie euer neuer Professor ist. Über die Letzten habt ihr nämlich kein gutes Haar gelassen … eigentlich keiner", fügte sie nachdenklich hinzu.

„Der ist super", sagte Sirius. „Der versteht endlich mal etwas von seinem Fach. Bei ihm hat das jetzt auch endlich mit Verteidigung was zu tun, was es vorher nicht war."

„Wir haben soviel gelernt, wie in den letzten Jahren zusammen", erzählte Amy weiter. „Es gab den einen oder anderen Lehrer, der sich zwar auskannte, aber es nie rüberbringen konnte. Manchmal frage ich mich wirklich, wie ich die ZAGs geschafft habe, aber die UTZ, bei diesem Lehrer, die dürften nicht so schwer sein."

„Du bist ein wenig überheblich, oder?", fragte Sirius und hob eine Augebraue.

„Nein, ich sage nur, was Tatsache ist."

„Ich geh dann mal wieder", sagte Rosmerta. Mit Leichtigkeit ging sie durch die Masse hindurch, als wäre es das Normalste der Welt.

„Ich liebe Hogsmeade-Wochenenden", sagte Amy.

„Wissen wir", antworteten alle gleichzeitig und brachen erneut in Gelächter aus. Einige Köpfte wandten sich ihnen zu, aber die ignorierten sie vollkommen.

„Hi", hörten sie plötzlich und sahen auf. Vor ihnen stand Sarah Kent. „Ist bei euch noch ein Platz frei?", fragte sie.

„Sicher", antwortete Lily und rutschte ein Stück weiter zu James, damit sich Sarah setzen konnte.

„Wo sind denn deine Freunde?", fragte Sirius und bekam daraufhin sofort den Ellbogen von James in den Magen. „Spinnst du? Du kannst doch-"

„So was fragt man nicht, zumindest nicht so direkt", zischte James seinem besten Freund zu, so laut, dass es niemand hören konnte.

„Die sind in Hogwarts geblieben um die Aufgaben zu erledigen", sagte sie. „Und da bin ich eben her gegangen. Eigentlich mit Nina, aber die hat sich gerade mit ihrem Freund verschanzt und da wollte ich nicht mehr stören."

„Verstehe", antwortete Sirius. „Auch ein Butterbier?", fragte er.

„Ich krieg gleich eines", sagte sie und genau in diesem Moment tauchte Rosmerta hinter ihr auf und stellte das Butterbier hin.

„Bei euch werden auch immer mehr", stellte sie fest, als sie sah, wo sich Sarah hingesetzt hatte.

Sarah hatte bereits das Geld in der Hand und wollte es Madame Rosmerta geben, als diese resigniert seufzte. Sarah wandte sich zu ihrer Tischgesellschaft um, wo Sirius und James sie nett ansahen.

„Du hast doch selber gesagt, dass wir deine besten Kunden sind", sagte Sirius und zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

„In Ordnung", sagte Rosmerta. „Aber nur dieses eine Mal."

Sarah wusste nicht, was das Ganze zu bedeuten hatte, aber sie hielt immer noch die Hand mit dem Geld so, dass sie Rosmerta es geben konnte.

„Du kannst die Hand wieder runter geben", sagte Sirius. „Und schau nicht so verwirrt."

„Was Sirius sagen will ist, dass dieses Butterbier auf Kosten des Hauses geht", erklärte James.

„Wieso?", fragte sie immer noch ein wenig verwirrt.

„Madame Rosmerta mag uns sooo sehr, dass sie uns immer mal auf eines einlädt und wenn wir Gäste dabeihaben, dann meistens auch", fuhr Sirius fort.

„Vor allem bei den Beiden da", sagte Remus und deutete auf seine Freunde.

„Soll heißen", fragten betroffene Personen.

„Ihr wisst schon was ich meine", sagte Remus verschwörerisch und den Beiden schien endlich ein Licht aufzugehen, denn sie nickten.

„Nichts was euch an geht", sagte James, der bemerkte, dass Lily eine Frage stellen wollte.

„Ist sicher illegal", sagte sie.

„Wie kommst du da drauf?", fragte er unschuldig.

„Weil bei euch nicht immer alles so legal ist", sagte sie und wählte ihre Worte mit bedacht.

„Wenn du meinst", sagte James und nahm noch einen Schluck von seinem Butterbier.

Als jeder sein Butterbier ausgetrunken hatte, machten sich auf den Weg nach draußen. Als sie aufgestanden waren, war ihr Tisch schon von anderen Schülern belagert, die auf einen Sitzplatz gewartet hatten.

Sie verabschiedeten sich von Rosmerta und gingen wieder hinaus, wo es schon Schneebedeckt war. Der Schnee fiel immer dichter, so dass man kaum noch die eigene Hand vor sich sehen konnte.

Plötzlich hörte es auf zu schneien. Wie durch Zauberei! Doch Magie konnte kein Wetter beeinflussen. Es war unmöglich!

Doch am Ende der Straße konnten sie sehen, dass Schüler schreiend davon rannte. Es bewegte sich etwas auf sie zu und verströmte eisige Kälte. Mitten in der Bewegung hielten sie inne.

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Charles Nixon, ein hoch gewachsener, muskulöser Mann schritt die Gänge der AMS entlang, Richtung Aurorenbüro. Er hatte dunkle Augen und ein kantiges Gesicht, das von braunem Haar umgeben war, wenn er es nicht zusammen gebunden hätte.

Mit kräftigen, sicheren Schritten trat er auf die Türe zu und öffnete sie. Es herrschte wie immer das Chaos. Überall flogen Memos umher, die Auroren rannten auf und ab und die Stapeln von Pergamenten schienen auch nicht wenig geworden zu sein.

„Charles", rief Meadows aufgebracht. Sie stürmte mit einem übellaunigen Gesichtsausdruck auf ihn zu. „Benjamin wartet schon lange auf dich. Wo warst du die ganze Zeit?"

„Musste was erledigen", sagte er und blickte ihr in die Augen. „Das werde ich mit ihm selber besprechen."

„Dann beeil dich gefälligst", sagte sie. „Das Meeting beginnt gleich." Dann stürmte sie schon wieder davon. Nixon war dicht hinter ihr.

Das wöchentliche Meeting war ein Muss und wenn ein Auror schon vorher wusste, dass er nicht teilnehmen konnte, dann musste er sich rechtzeitig abmelden.

Als sie den Raum betraten, saßen schon alle bereit dort und blickten nur kurz auf die Neuankömmlinge. Nixon schloss hinter sich die Tür und setzte sich. Benjamin Potter stand vorne und alle Blicke waren auf ihn gerichtet.

„Die Dementoren sind noch aktiver als zuvor. Das Brüten ist das Schlimmste, was wir seit Jahren, seit Jahrhunderten erlebt haben. Die Anzahl der Dementoren des Ministeriums, betrug vor ein paar Jahren noch knappe hundert. Nach dem dichten Nebel zu urteilen, können wir mit fünf Mal soviel rechnen. In den letzten paar Jahren sind immer wieder solche Nebel aufgetreten. Doch dieser hier hält schon seit Wochen und verschwindet nicht. Die Muggel werden schon langsam misstrauisch … und sie haben Recht." Benjamin Potter hielt einen kurzen Moment inne. „Früher hielten sie es für ein natürliches Phänomen, dass der Nebel schlechte Gefühle hervorruft, aber das er so lange andauert, macht alle misstrauisch, wirklich alle", sagte er mit Nachdruck. „Gibt es neue Nester?", fragte Benjamin und sah dabei eine junge Frau, mit blondem Haar an. Sie hatte ein sicheres Auftreten und ihr Körper war gut trainiert. Auch ihr Gesicht wirkte entschlossen. Mit einer etwas tieferen Stimme berichtete sie, was die Beobachtungen ergeben hatten.

Melanie Arnold wirkte, wenn man sie nicht kannte, kühl, aber sie nahm ihren Job ernst und durch diese Ernsthaftigkeit, hatte sie es geschafft, den Respekt zu bekommen, den sie sich lange erarbeitet hatte.

„Die Dementoren haben viele Nester", sagte sie. „Wir haben gerade mal ein Drittel, wenn es gut geht, von ihnen gefunden. Die meisten Nester sind gut versteckt und kaum aufzuspüren. Jemand verhindert, dass wir ihnen zunahe kommen. Das Nest in London, wurde aufgespürt und die Dementoren wurden in Gewahrsam genommen." Alle Augenpaare waren auf sie gerichtet. „Wir haben die letzten Wochen wirklich damit verbracht, neue Nester aufzuspüren, aber wir haben nicht einmal einen einzigen Hinweis oder eine Ahnung wo sie sich überhaupt befinden könnten. In diesem gesamten Jahr, haben wir gerade vier Nester gefunden und wenn wir von einem Drittel ausgehen, dass wir entdeckt haben, bleiben immer noch acht übrig. Wenn man dann weiter bedenkt, dass bei einem Nest immer acht bis zehn Dementoren brüten und zwischen zwei und vier jungen Dementoren entstehen, dann sind es pro Nest durchschnittlich siebenundzwanzig bis dreißig Dementoren die uns erwarten. Und wenn man das auch noch auf die acht verbliebenen Nester bezieht, erwarten uns noch insgesamt zweihundertvierzig Dementoren."

Alle anwesenden Auroren waren während ihrer Rede sehr aufmerksam gewesen und hatten ihr genau zugehört. Gewöhnlich waren nur hundert Dementoren. Es kam auch vor, dass zweihundert waren, aber mehr waren nie und das über Jahre. Und jetzt, innerhalb von einem Jahr, sollte es noch acht Nester geben, die beinahe zweihundertfünfzig Dementoren beinhalteten? Es kam ihrer Vermutung schon ziemlich nahe. Sie hatten mit durchschnittlich fünfhundert Dementoren gerechtet, aber das es tatsächlich so viele waren, dass dachten sie nicht.

Das Schlimmste war aber, dass sie nicht wussten, wo sich die Dementoren befanden und somit auch keine Warnungen rausschicken konnten, damit man sich von diesen Gegenden fernhielt. Es war reinste Spekulation!

Es war normal, dass Dementoren brüteten, aber man wusste, wo sie sich befanden und sie waren unter Kontrolle des Ministeriums, dass sie sich nicht selbstständig machten. Aber das Ministerium hatte keine Ahnung, wo sie sich befanden. Ein eigenes Team aus Auroren wurde für diese Aufspürung zusammengestellt. Gefunden hatten sie bisher nur ein Drittel, was auf die Menge betrachtet, sehr wenig war.

„Aber so viele alte Dementoren gibt es doch nicht", warf ein Mann mit Glatze ein. „Wie können dann soviel Jung-Dementoren existieren?"

„Es ist an sich nicht logisch, was sich da abspielt", erklärte Melanie. „Aber anscheinend haben die Todesser einen Weg gefunden, die Dementoren nach ihrem Belieben zu vermehren. Und haben sie deshalb auch unter Schutz gesetzt. Wir können zwar den Nebel sehen, aber nicht das Nest der Dementoren. Diese Nester werden erst dann sichtbar, wenn alle Stadien vollkommen abgeschlossen sind."

„Fidelius-Zauber?", fragte Nixon.

„Gut möglich", sagte Melanie. „Es können anscheinend nur bestimmte Personen die Nester betreten. An den vier Nestern die wir gefunden haben, waren auch Todesser, also gehe ist stark davon aus, dass dieser Zauber im Spiel ist."

„Der Fidelius-Zauber verbirgt zwar was unter ihm liegt, aber könnten die Dementoren nicht frei herumlaufen?", warf Nixon gleich als Bedenken ein.

Melanie starrte ihn kurz an. Daran hatte sie gar nicht gedacht, aber daran hätte sie denken müssen. „Vielleicht gibt es noch einen Hausarrest-Zauber, der die Dementoren davon abhält, ihre Nester zu verlassen?"

„Aber soweit ich weiß, verlassen Dementoren ihre Nester sowieso nicht", sagte Charles. „Das ist das Prinzip der fünf Stadien. Sie werden den jungen Dementoren beigebracht."

„Aber eins finde ich immer noch komisch", meinte eine weitere Frau. Sie hatte kurze, vom Kopf abstehende, braune Haare. Ihr Auftreten wirkte ein wenig kindlich. „Es sind so viele Jung-Dementoren, aber anscheinend scheint niemand Familienangehörige zu vermissen. Bei den Menschen, die alleine in diesem Jahr verschwunden sind, müsste es doch Meldungen geben."

„Das ist ja eben das Komische", sagte Melanie. „Ich weiß nicht, woher sie soviel potentielle Jung-Dementoren herhaben."

„Vielleicht haben sie sie aus dem Nichts erschaffen", schlug Nixon vor. Seine Mimik wirkte ernst.

„Ernsthaft?", fragte Melanie. „Dementoren entstehen, wenn man einem Muggel, der von der Art her …"

„Danke, ich weiß wie Dementoren entstehen", würgte Charles sie ab. „Aber das so eine große Zahl verschwundener Muggel nicht auffällt, kann ich mir beim besten Willen nicht anders vorstellen, als das sie sie aus dem Nichts erschaffen."

„Und wie wenn ich fragen darf?", fragte sie und blickte ihn skeptisch an.

„Keine Ahnung", sagte er. „Ist nur meine Meinung."

„Die sogar stimmen könnte", mischte sich O'Malley mit ins Gespräch. Seine strenge Stimme war unverkennbar. „Holen sie sich die Muggel vielleicht schon von den anderen Kontinenten damit es nicht so auffällt, dass sie verschwunden sind?"

„Das würde ich aber eher in Betracht ziehen", sagte Melanie.

„Dann hätten wir das einmal", mischte sich Benjamin ein, bevor diese Diskussion noch ausartete. Er hatte die Erfahrung damit gemacht, dass einige Theorien absolut irrsinnig waren, aber der Auror sich nicht davon abbringen ließ, bis sich das Gegenteil bewiesen hatte. Meist kam es zu heftigen Wortgefechten.

„Collin", forderte Benjamin seinen Stellvertreter auf. Mittlerweile hatte sich auch Potter hingesetzt und folgte den Berichten, obwohl er sie schon gelesen hatte und mit den betroffenen Personen besprochen hatte, sehr genau.

Ein dunkelhaariger Mann übernahm das Wort. „Jones und Williams sind immer noch verschwunden. Wir wissen nur, dass Voldemort sie in seinem Hauptquartier gefangen hält und etwas über ein längst vergessenes Geheimnis herausbekommen möchte. Auch sind einige Bücher aus dem Archiv verschwunden, die damit zu tun hatten. Die Vermutung liegt nahe, dass die Beiden schon längere Zeit beobachtet wurden und dann, als sich die beste Gelegenheit bot, zuzuschlagen." Franks machte eine kurze Pause, ehe er weiter erzählte. „Dass sie verschwunden sind, haben wir sogar recht schnell erfahren. Vielleicht ist es ihre Absicht, dass wir es wissen und uns einen Fehler erlauben. Es gibt etwas, dass Voldemort und die Todesser verzweifelt suchen, nur weiß niemand, was sich wirklich dahinter verbirgt. Viele Rätsel und Geheimnisse, soweit uns bekannt ist, benötigen sie das Wissen, was Jones und Williams verbergen."

„Und was ist dieses Wissen?", fragte Reynolds.

„Das weiß niemand", mischte sich nun Gideon Prewett ein. Gideon hielt es für angebracht, dass seine Rekrutin bei den wöchentlichen Meetings anwesend war, um sich bei Notfall auch alleine zurechtzufinden. „Es gibt nur viele Vermutungen, was die Beiden wissen. Vielleicht nutzt es Voldemort etwas, vielleicht aber auch nicht."

Claudia nickte verstehend.

„Deshalb …", wollte Franks fortfahren, als die Türe zum Meetingraum aufgerissen wurde und Susan Potter schwer atmend darin stand.

„Dementoren in Hogsmeade … Frank hat sich gerade gemeldet", brachte sie hervor und schon waren alle Auroren im Raum auf den Beinen.

Sie rannten Richtung Apparationsräume so schnell sie konnten.

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Frank Longbottom kam sofort herbei geeilt, um den Ursprung des Lärms herauszufinden. Er brauchte nicht lange, denn dann so er schon die Dementoren, die auf sie zu schwebten. Es waren viele, kaum zu zählen.

Er hatte das ungute Gefühl, dass hier irgendwo ein Nest war oder sogar mehrere. Sofort holte er einen merkwürdigen Gegenstand heraus und machte irgendetwas, dann steckte er es wieder weg und richtete seinen Blick auf die Dementoren vor ihm.

Frank hatte nicht bemerkt, dass James ihn beobachtet hatte. Dieses Gerät kam James bekannt vor. Sein Vater hatte so etwas auch. Er verwendete es meist, wenn es eine Notsituation war und er schnell jemanden benachrichtigen musste.

Jetzt viel es James wie Schuppen von den Augen. Frank Longbottom war eigentlich ein Auror, den das Ministerium geschickt hatte. Deshalb kannte er sich auch bestens mit den dunklen Künsten aus. War nicht gerade vorteilhaft, wenn ein Auror vor dunklen Gestalten und Todessern stand, und nicht wusste, was er zu tun hatte.

Longbottom gab es sicher nicht freiwillig zu, dass er ein Auror war, also musste James ihn mal darauf ansprechen. So beiläufig wie möglich eben!

Frank entdeckte seine Schüler und rannte zu ihnen. „Ihr seht schon ein wenig mitgenommen aus", bemerkte Frank, als er die bleichen Gesichter von Amy, Remus und Lily sah. „Ihr solltet alle am Besten wohin, wo ihr sicher seid."

„Und was ist mit Ihnen?", fragte Amy.

„Ich komm schon zurecht", meinte er.

„Wir helfen Ihnen", sagten Sirius und James entschlossen.

„Ich auch", sagte Sarah.

‚Schüler können so stur sein', dachte sich Frank und seufzte. Er konnte sie schlecht zwingen zu gehen, aber sie mussten hier weg, denn die Dementoren schienen immer mehr und mehr zu werden.

Die Kälte war schon spürbar. Das Atmen viel ihnen schwerer. Erinnerungen, die sie verdrängt hatte, strömten auf sie ein.

Amy wankte gefährlich und hätte sie Remus nicht rechtzeitig aufgefangen, dann wäre sie auf den Boden geknallt.

„Amy?", fragte Remus hektisch. Ihre Augenlider flackerten, aber sie öffnete ihre Augen nicht.

„Bring sie weg", forderte Frank. „So schnell wie möglich. Es kann noch schlimmer werden, als nur diese Reaktion."

„Noch schlimmer?", fragte Lily und blickte ihren Professor an.

Nicht einmal, als sie mit James in diesem Wald stand, hatte sie ein so schlechtes Gefühl. Sie fühlte sich zwar so, als könnte sie nie mehr glücklich werden, aber diese Dementoren schienen eine noch gewaltigere Aura zu haben.

Plötzlich schossen Lily Erinnerungen durch den Kopf. Die Todesser, die James mit dem Cruciatus belegten. Sie als kleines Kind, als sie mit ihren Eltern in einen Autounfall verwickelt war. Sie und ihre Schwester, die in einem brennenden Haus festsaßen … Ihr Vater, wie er zu ihnen hinein rannte, um sie zu retten … Wie er die Beiden schützend nach draußen brachte … Wie er ihnen etwas vor den Mund hielt … Wie er dann draußen vor dem Haus zusammen brach … Der im Koma liegende Vater, angeschlossen an alle möglichen Geräte … Ihre Mutter, die weinend dasaß und betete, dass er wieder gesund wurde …

Alle Erinnerungen strömten so auf Lily ein, dass sie dachte, dass sie alles wieder erleben musste. Es war so real, so nahe, so schmerzhaft alles noch einmal durchleben zu müssen.

Sie hatte ihre Hände fest auf ihre Ohren gedrückt und immer wieder geflüstert: „Nein! Nein! Aufhören! Bitte … aufhören." Sie begann zu schluchzen und spürte, wie jemand sie in die Arme nahm. Von weit weg hörte sie jemanden zu ihr sprechen: „Es wird alles gut. Es wird alles gut."

James hatte sie in die Arme genommen, er wollte ihr zeigen, dass sie nicht alleine war.

Sirius und James schienen die Einzigen zu sein, die noch nicht von ihren Erinnerungen heimgesucht wurden. Sarah wirkte zwar auch ein wenig blass, aber sie sagte: „Ich bringe Lily zurück in die ‚Drei Besen'."

„Nimm Remus und Amy auch gleich mit", sagte James. Sarah legte sich einen Arm um Lily, um sie ein wenig zu stützen und redete beruhigend auf sie ein. Remus hatte Amy auf die Arme genommen und folgte Sarah wieder in die ‚Drei Besen'.

James fiel es schwer Lily einfach in einer so schlechten Verfassung zu sehen, aber er musste helfen. Alleine konnte man mit so vielen Dementoren nicht fertig werden.

Lehrer kamen auch noch schnell angerannt. Genau in dem Moment, als aus James' Zauberstab der Hirsch hervorkam und aus Sirius' ein Hund, kamen noch mehrere silberne Patroni.

James blickte sich um und konnte viele Personen in scharlachroten Umhängen ausmachen – Auroren!

Sie hatten ihre Zauberstäbe direkt auf die Dementoren gerichtet und gingen langsam auf sie zu. Die Dementoren wichen zurück, konnten es aber nicht, denn weitere Auroren waren hinter ihnen und hatten ebenfalls Patroni beschworen. Die Dementoren waren eingekesselt.

James' und Sirius' Patroni hielten auch noch immer auf die Dementoren zu.

Ein paar Auroren hatten sich zu den Dementoren aufgemacht und sie mit irgendeinem Zauber bewegungsunfähig gemacht. Andere wandten sich nachher James und Sirius zu, die die einzigen Schüler hier draußen waren.

„Was macht ihr noch hier?", fragte einer von ihnen.

„Wir dachten wir helfen", sagte Sirius. Seine Stimme klang fest und er sah dem Auroren direkt in die Augen. Es zeigte, dass Sirius keine Angst vor ihm hatte. „Es konnte ja niemand ahnen, dass jemand auftaucht."

Der Auror vor ihm schnaubte gefährlich. Vor ihm stand Donald O'Malley.

James wusste, dass noch Auroren kommen würden, aber wenn er jetzt etwas gesagt hätte, dann hätte er unangenehme Fragen stellen müssen. Unter anderem, woher er das genau wusste.

„Schokolade", sagte O'Malley und hielt Sirius ein Stück hin.

„Nein danke", sagte Sirius. „Ich mag keine Schokolade."

James musste sich wirklich das Grinsen verkneifen, als er den Gesichtsausdruck von O'Malley sah. Frank Longbottom ließ ein Husten hören, dass sein Lachen nicht erkennbar machen sollte.

„Dann eben nicht", sagte O'Malley. Er sah sie noch einmal an, danach tauschte er einen kurzen Blick mit Frank aus und ging dann auf die ‚Drei Besen' zu.

„Gehört Schokolade eigentlich zur Grundausstattung eines Auroren dazu?", fragte Sirius skeptisch an James gewandt, der jetzt tatsächlich grinsen musste.

„Sieht wohl so aus", antwortete er.

„Was meinen Sie?", fragte Sirius Frank und James lachte. Von beiden bekam er einen verwirrten Blick. Sirius hatte sich gerade die beste Person ausgesucht, die ihm diese Frage beantworten konnte, aber er wusste nicht, dass Frank ein Auror war.

„Gut möglich", antwortete Frank mit Bedacht. Er hielt einen Moment inne, bevor er sich den beiden Jungen neben sich wieder zuwandte. „Wir sollten wieder zurück nach Hogwarts. Hier scheinen sie alles unter Kontrolle zu haben."

James und Sirius folgten ihrem Professor stillschweigend. Aber James konnte sich die Frage nicht länger verkneifen.

„Was machen sie jetzt mit den Dementoren?", fragte James.

„Wer?"

„Die Auroren."

„Woher soll ich das wissen?", fragte Frank und hob belustigt eine Augenbraue.

„Ich habe Sie gesehen, wie Sie irgendetwas in ein Gerät eingegeben haben. Danach sind die Auroren gekommen", erklärte er.

„Meinst du nicht, dass es Zufall ist?" Frank schien ein wenig unbehaglich zu sein.

„Nein."

„Nein?"

„Nein", antwortete James bestimmend. Sirius sah ihn verwirrt an. Was wollte sein Freund damit eigentlich erreichen?