Nichts hier gehört mir. Die Charaktere gehören J.K. Rowling, und die Geschichte gehört Jocelyn,
Der Dank gehört meiner wunderbaren Beta Black Zora
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Kapitel 2: Die Zuflucht
Im Gegensatz zu den Basen des Ordens, die Harry bisher besucht hatte, war diese Zuflucht in gutem Zustand. Die Sonnenstrahlen, die sich durch eine Lücke zwischen den Bäumen durchgezwängt hatten, badeten das spitze, dunkle Dach in silbrigen Mustern. Da gab es sogar etwas wie ein Gewächshaus und einen Garten, die denjenigen voller magischer Pflanzen von Mme Sprout in Hogwarts ähnelten.
Doch die größte Überraschung für Harry kam, als sich die Türe öffnete, und eine Elfe, bekleidet mit einem Kissenanzug bestickt mit Moosmuster und Nordmannstannen, sich vor ihnen verbeugte. "Willkommen, Master Snape! Hattie hat sich um das Haus gekümmert, wie es Master Dumbledore für Master Snape gewünscht hatte."
Snape nickte ihr kurz zu: "Wir bleiben auf unbestimmte Zeit."
Die Elfe bekam große Augen, als sie Harry sah: "Hattie wird sofort ein Zimmer vorbereiten für den Sohn des Masters."
Harry versteifte sich, doch Snape kam ihm zuvor: "Dies ist ein Schüler von Hogwarts. Harry Potter." Sein warnendes Zähnefletschen unterband jeden Ausbruch von Begeisterung oder Lob, den Hattie gerne hervorgebracht hätte. "Sieh zu, dass sein Schlafraum weit genug von meinem entfernt ist."
"Ja, Master," quietschte Hattie, und flüchtete.
Zu Harry sagte er kurz angebunden: "Ich hoffe, du wirst dich alleine beschäftigen, jetzt, wo wir hier sind, es sei denn, meine Hilfe wäre dringend nötig."
"Warum sollte ich deine Gesellschaft freiwillig suchen?", erwiderte Harry und betrat das Haus.
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Es war, wie Harry erleichtert feststellte, einfach genug, sich selber zu beschäftigen, ohne zu sehr in Kontakt mit seinem "Gastgeber" zu kommen. So klein und drollig das Landhaus von außen aussah, ihre Quartiere lagen nicht so dicht zusammen, dass er gezwungen gewesen wäre, Snape mehr als wenige Minuten täglich in die Quere zu kommen.
Das Zimmer, welches Hattie für ihn eingerichtet hatte, befand sich an der zu Snapes Zimmer vollkommen entgegengesetzten Seite des Hauses — wofür sie beide unendlich dankbar waren — und im oberen Stock, sogar mit einem kleinen Balkon, von welchem aus er durch die Bäume das Kliff beobachten konnte, hinter dem sich der Große See befand. Zunächst konnte er kaum glauben, dass sie nicht am Meer waren, doch als er den Berg runtergeklettert war bis zur felsigen Küste, merkte er, dass das Wasser tatsächlich Süßwasser war — und ausserordentlich kalt.
Er lief gerne den Strand entlang und hob ab und zu die runden, verschiedenfarbigen Steine auf, um sie sich näher anzuschauen, bis er eines Tages sah, wie Snape dasselbe tat. Seither versuchte er, immer im Haus zu bleiben, wenn Snape draußen war und immer draußen zu sein, wenn Snape im Haus weilte.
Im Haus gab es eine beeindruckende Bibliothek, die im größten Raum untergebracht war. Obwohl Harry nichts sehen wollte, was ihn an Ron oder Hermine erinnerte, war sein eigenes Interesse an den Büchern ausreichend, um den Schmerz zu überwinden, den er jedes Mal fühlte, wenn er sich vorstellte, wie Hermine bei diesem Anblick Freudenschreie ausstoßen würde. Der härteste Teil war immer, wenn er den Raum betrat, und das tat er nur dann, wenn er wusste, dass Snape sicher nicht da war.
Bei einer solchen Gelegenheit, als er sah, wie sein ehemaliger Professor sich auf den Weg in den Garten machte, ging er in die Bibliothek, um dort zu verweilen. Wie groß auch Snapes Interesse an den Dunklen Künsten gewesen sein mochte, offensichtlich beschäftigte er sich weiterhin intensiv mit Zaubertränken, und braute regelmäßig neue faulig riechende Mixturen im Keller.
Und Harry war froh zu entdecken, dass diese Bibliothek keine Verbotene Abteilung hatte, obwohl Snape zweifellos eine Erklärung verlangt hätte, wenn die falschen Bände aus den Regalen verschwanden. Die meisten Bände über Zaubertränke ließ Harry gerne in Ruhe, (sogar den eher verlockenden Titel Potente Tränke, die sogar den Meister täuschen könnten), doch er entlieh einige, bei denen er dachte, dass sie Snape nicht sofort vermissen würde. Die Unautorisierte und ausführliche Geschichte und Entwicklung der Dunklen Künste würde Snape wahrscheinlich für eine Weile beschäftigen (nicht, dass Harry diese nicht ebenso gerne gelesen hätte), bevor er sich den eher, sozusagen, speziellen Bänden widmete.
Die Einsamkeit ihres Landhauses auf dem waldbedeckten Berggipfel gefiel Harry, obwohl er manchmal Hedwig vermisste. Er hatte sie vor dem entscheidenden Kampf zu den Weasleys geschickt, mit der Anordnung, dort zu bleiben, bis er sie holte, und es gab keine Möglichkeit, dass sie ihn über den Atlantischen Ozean erreichen könnte.
So war es ein ziemlicher Schock für Harry, als eine Gruppe Muggel sich auf die Lichtung unterhalb des Landhauses verirrt hatte, so laut lärmend, dass Harry sie aus seinem Schlafzimmer hören konnte.
"I cha das doofe Füür nit aamache!"
"Schmeiss Holzkohle dri, Opa, denn brennt's!"
"Wenn mer das Füür nit aachriege, chönne m'r nit ässe!"
Und so ging es weiter. Die halten wohl niemals den Schnabel, dachte sich Harry, besonders, als sie mit Töpfen und Pfannen klapperten, um einen Bären zu verscheuchen, den sie mit den Kochdünsten aus dem Wald gelockt hatten. Verdammte Muggel.
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Severus fand ein grimmiges Vergnügen daran, dass die Muggel sich auf Potters Bergseite niedergelassen hatten. Als er sich vergewissert hatte, dass die Schutzzauber gut funktionierten und die neugierige Gruppe davon abhalten würden, ihnen zu nahe zu kommen, kümmerte er sich um seine Dinge (eher fröhlicher als sonst). Der Junge hielt sich zu seiner großen Erleichterung aus seinem Weg, so dass er einfach Hattie aufforderte nachzuschauen, was Potter brauchte und ihn zu informieren, wenn irgendwelche Probleme auftauchten. Einmal beobachtete er amüsiert, wie Potter den Berg herabstürmte, auf der dem Muggellager abgewandten Seite; seine Gereiztheit stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. So wie er den Lärm selber wahrgenommen hatte, zweifelte er nicht daran, dass die Muggel Potter die ganze Nacht wachhalten würden. Severus vermutete, dass er wohl einen Schalldämpfungszauber hätte um sie herum legen können, doch sah er wirklich keinen Grund, warum er dies hätte tun sollen.
Doch allzu schnell, seiner Meinung nach, packte die kunterbunte Meute ihr Zeug zusammen und ging weg – eher in Eile, da offensichtlich einer von den Idioten es geschafft hatte, sich von einer Schlange beißen zu lassen, als er durchs Gebüsch lief. Jedenfalls kehrte die Ruhe zurück.
Severus beauftragte Hattie, täglich auf diskrete Weise ein Exemplar des Tagespropheten zu besorgen und ihn so liegen zu lassen, dass ihn Potter sehen konnte. Seine Mitteilung zu bekommen, hatte seine Freunde und den Orden wohl kaum beruhigt; wenn überhaupt, dann waren sie noch mehr außer sich als je zuvor. Jedoch musste Snape mit wachsender Empörung feststellen, dass Potter die Zeitung nie in die Hand nahm.
Trotzdem, die erste Woche ihres selbstgewählten Exils verlief ruhig und ohne Zwischenfälle... bis Hattie plötzlich voller Panik in seinem Labor erschien: "Master muss schnell kommen! Der junge Master Harry ist krank!"
Severus ließ sein Buch fallen und rannte los.
Er fand Potter mit dem Gesicht nach unten, gefährlich nahe am Kliffrand über dem Wasser. Noch beunruhigender war das Buch, mit dem der Junge offensichtlich herumgestümpert hatte. Sicher, es gab keine Warnungen, dass manche Sprüche, die in dem Buch beschrieben wurden, dunkel und gefährlich sein könnten —dennoch könnte man erwarten, dass ein Zauberer mit dem Potential eines Harry Potter die Fähigkeiten hätte, dies zu bemerken, nachdem er mit dem Lesen angefangen hätte.
Während er einige Bemerkungen über Potters Herkunft ausstieß, hob Snape ihn auf, stellte zufrieden fest, dass er keine lebensgefährlichen Verletzungen aufwies und schleppte den Jungen zurück ins Haus. Eine genauere Untersuchung zeigte ihm, dass Potter bei sich keinen dauernden Schaden verursacht hatte, außer, dass er sich selber wieder in den magischen Schock versetzt hatte. Als er zufrieden festgestellt hatte, dass der Junge sich erholen würde, kümmerte er sich um das Buch. Womit hatte der kleine Idiot wieder herumgespielt?
Er war sicher, dass er die Flüche nicht beachten musste, die offensichtlich Muggel und anderen gegenüber feindlich gesinnt waren, doch das Buch verwirrte ihn; sogar die übriggebliebenen Sprüche waren offensichtlich viel zu dunkel für Potter. Warum stümperte der Junge überhaupt mit einem solchen Text herum? Mit Sicherheit hätte ein edler Zauberer wie der heilige Harry Potter dieses Ding wie heiße Kohlen fallen gelassen, sobald er merkte, worum es sich handelte? Oder vielleicht hat sich Potter gegen solche Einflüsse immun gefühlt, vermutete Severus, und warf dem Jungen einen angeekelten Blick zu. Arroganter kleiner Bengel.
Unvermeidbar, Potter kam wieder zu sich und Snape stellte ihn ohne Gewissensbisse in den Senkel: "Womit zum Teufel hast du rumgespielt? Du hättest dich fast umgebracht!"
Als Potter endlich die Orientierung wiederfand, zeigte er sich zu Snapes Verwirrung so halsstarrig wie immer: "Versuch nicht, so zu tun, als ob es dich bekümmern würde."
"Welchen Zauber hast du versucht? Du kannst froh sein dass er keine bleibenden Schäden verursacht hatte."
Potter drehte sein Gesicht weg von ihm, doch endlich murmelte er: "Kraftverstärker."
"Ja, so viel hatte ich auch erraten. Welchen?"
Die folgende Stille dauerte so lange, dass Severus kurz glaubte, der Junge sei eingeschlafen. Doch endlich seufzte Potter: "Vis Vires."
Snape schaute ihn finster an, trotzdem fühlte er sich noch verwirrter. Die alte Erdmagie war nicht mehr geläufig in der Zauberergemeinschaft, aber dieser Zauber... Potter hätte fähig sein sollen, ihn mit ziemlicher Leichtigkeit heraufzubeschwören, und trotzdem hatte er offensichtlich grob versagt: Entweder hatte er die Kontrolle verloren, oder die Macht hatte ihn überfordert. Jede dieser Möglichkeiten stand im Widerspruch (mit) zu den magischen Fähigkeiten Potters. Also: Warum war er wieder im Schock? Ein schwächerer Zauberer hätte dies erleiden können, aber sicher nicht... Moment.
Schwächer…
"Potter, setz dich."
Entweder respektierte ihn Potter mehr, als er vermutet hatte, oder der Junge war zu erschöpft zum Streiten, denn er tat wie ihm gesagt wurde und richtete sich mit grauem Gesicht in sitzende Position auf. Severus beobachtete ihn aufmerksam: "Seit wann ist deine Kraft vermindert?"
Die grünen Augen, die ihn erschrocken anschauten, waren stumpf, bei weitem nicht so leuchtend und klar wie in seiner Erinnerung. Er war erstaunt, dass er bisher noch nie an diese Möglichkeit gedacht hatte. Potter hatte schließlich den Dunklen Lord getötet, und er hatte fünf Horkruxe zerstört, während er sich immer wieder mit Voldemorts verschiedenen Speichelleckern hatte herumschlagen müssen, die dieser ihm auf den Hals gehetzt hatte.
Der Junge seufzte, und rieb sich das Gesicht: "Ungefähr seit ich den ersten Horkrux erledigt hatte. Es brauchte viel, um die Flüche, die auf den Horkruxen lasteten, zu überwältigen, und... Ich habe mich einfach nie vollständig erholt."
"Aber du konntest den Dunklen Lord besiegen."
Potter antwortete mit einem Schulterzucken, schaute jedoch weg von Severus. "Vielleicht hat ihn der Verlust der Horkruxe ebenfalls geschwächt. Jedesmal, wenn ich wieder einen zerstörte, wurde es… etwas schlimmer. Es wurde schwerer, weiterzumachen. Ich hatte das Gefühl, es würde... soweit kommen."
Severus verdaute dies, als Potter sich wieder zurücklegte und fast sofort eindöste. Eine stetig fortschreitende magische – und physische – Schwäche nach der Zerstörung schwer verfluchter Objekte, verstärkt durch ständiges Duellieren. Potter aß nicht viel, Hattie zur Folge, und als er jetzt überlegte, musste Severus feststellen, dass seine Gesundheit sich seit der Ankunft nicht verbessert hatte. Und das hätte der Fall sein sollen, wenn er nur magisch erschöpft war.
Einer der Horkruxe musste den Jungen verflucht haben. Vielleicht mehr als einer davon. Der Dunkle Lord bevorzugte mehrere Banne, um seine wertvollsten Objekte zu beschützen — er hätte sowohl mittel- wie auch langfristig wirksame Flüche gegen jeden, der mit seinen wertvollsten Seelenstückchen irgendetwas anstellen wollte, aussprechen können.
"Weiß der Orden etwas von deinem Zustand?", fragte er mehrere Tage später, als er bemerkte, dass Potter sich im Haus weiterhin langsam bewegte.
Potter schüttelte den Kopf: "Es gibt nichts, was sie tun könnten. Ich hatte keine Zeit, die Flüche aufzuheben, bevor ich die Horkruxe zerstörte, und als sie einmal zerstört waren, gab es keinen Weg herauszufinden, womit sie verflucht waren."
"Du bist bemerkenswert schicksalsergeben," sagte Severus mit der Absicht, den Stolz des Jungen anzustacheln.
Potter prustete: "Im Gegensatz zu manchen Leuten versuche ich nicht die ganze Zeit, die Nummer Eins zu werden. Ich wusste, dass die Chancen, daraus unberührt — oder eher unvernarbt— herauszukommen, nicht gerade gut waren. Ich habe getan, was ich tun musste."
Severus schaute ihn vorwurfsvoll an: "Die Tatsache, dass ich überlebt habe besagt nicht, dass ich nur meine eigenen Interessen im Blick hatte. Du weißt das, Junge."
"Ja, aber trotzdem ist jeder, der dir vertraut hat, gestorben" stellte Potter fest und verließ das Haus, bevor Snape darauf antworten konnte.
Allein gelassen, schenkte sich Severus ein Glas Feuerwhiskey ein. Er fragte sich, ob Potter die ganze, vollkommene Wahrheit seiner schneidenden Worte erfasst hatte. Dass Severus manchmal auf Befehl gehandelt und andere Male verzweifelt versucht hatte, die Leben von anderen zu beschützen, jedoch vergebens... Es stimmte: Jeder, der ihm vertraut hatte, war tot.
Er hatte das Versprechen Albus gegenüber eingehalten… Und sein Leben genommen. Er hatte den Unbrechbaren Schwur gegen Narcissa erfüllt, hatte Draco in jeder Hinsicht geholfen… Doch nicht einmal das hatte den Zorn des Dunklen Lords gegen Lucius und seine Familie besänftigen können. Draco war an dem Tag gestorben, als Lucius aus Askaban geflohen war... Von der Hand des Dunklen Lords, während seine Eltern zugeschaut hatten. Narcissa hatte mit einem selbstmörderischen Einsatz versucht, ihren Sohn zu rächen, und Voldemort hatte sie ebenfalls abgeschlachtet. Lucius hatte seine nächste Aufgabe nicht überlebt.
Severus war zur rechten Hand von Voldemort erkoren worden, hatte den von Lucius Malfoy hinterlassenen leeren Platz ausgefüllt, der ihm sogar noch besser ermöglicht hatte, an Informationen heranzukommen, den Samen von Voldemorts Zerstörung zu sähen. Aber der Preis…
Verdammter Harry Potter. Severus fühlte, wie sein Hass auf den heldenhaften, selbstopfernden Bengel wuchs. Solltest du eines Tages gezwungen sein, zu wählen zwischen dem Leben aller, die dir am Herzen liegen und dem Allgemeinwohl. Wo wäre dann dein gryffindor'scher Adel?
Wäre nicht der letzte Schwur, den er Albus geleistet hatte, gewesen, hätte Severus seelenruhig zuschauen können, wie Potter an den Folgen der Flüche der Horkruxe einging. Doch die Versprechen dem Toten gegenüber verunmöglichten ihm solche Vergnügen, weshalb er sich seinen Forschungen widmete, um eine Möglichkeit, ein Heilmittel zu finden, den Zustand des Jungen zu verbessern.
Potter selber war weniger als hilfsbereit.
"Wir sollten mit dem Orden in Kontakt kommen. Ob du deine Freunde sehen willst oder nicht, ich habe hier nicht die Ressourcen, um dir helfen zu können," sagte er an einem Nachmittag, als er Potter im Garten abgefangen hatte.
"Zum zwölften Mal, die Antwort ist nein", sagte Potter einfach. "Ich möchte nichts mehr mit dem Orden zu tun haben."
"Deine Selbstsucht erstaunt mich, Potter", rief Snape endlich aus. "Du kümmerst dich überhaupt nicht um dein eigenes Leben oder um den Kummer deiner treuen Freunde. Die Flüche der Horkruxe sind nichts im Vergleich zu deinem überwältigenden Selbstmitleid!"
"Da spricht der Meister des Faches!", spuckte der Junge aus. "Du bist mir gerade der Richtige, so was zu sagen."
Snape hielt ihn am Arm fest. als er weggehen wollte. "Ich habe Dumbledore geschworen, dein Leben zu retten, ungeachtet dessen, wieviel Wert ich darauf lege." Sowohl er als auch Potter wussten, was er mit diesem Stachel meinte. "Und wenn ich zu wählen habe zwischen dem Erhalt deiner erbärmlichen Existenz und dem Befolgen deiner Wünsche, ich werde das Erstere wählen."
"Als ob du dich um mich oder meine Freunde sorgen würdest!", erwiderte Potter. "Denkst du, dass du das, was du getan hast, irgendwie wiedergutmachen könntest, indem du mir hilfst? Wach auf, Snape; du kannst niemanden täuschen! Du bist ein verdammter selbstsüchtiger, mörderischer Bastard und das wirst du immer sein, egal was du erzählst über Befehle, die du befolgt hast!"
"HÖR AUF!", brüllte Severus.
"UND du weißt das!"
Severus schlug auf den Jungen ein, so fest wie er nur konnte. Potter duckte sich und rammte seine Faust in Snapes Eingeweide und ließ ihn zusammensacken, jedoch griff er sich Potters Arm und riss ihn mit sich runter, während er mit einem Schlag ins Gesicht nachdoppelte. Er schaffte es, den schwächeren Zauberer von sich abzuwerfen, beugte sich über ihn und boxte dem verdorbenen kleinen Bengel so hart ins Gesicht, wie er konnte.
Potter warf eine Hand voll Dreck in sein Gesicht und rappelte sich hoch; während Severus zur Seite rollte, fluchte und versuchte, seine Augen sauber zu bekommen, kickte er ihn in die Rippen um sein Werk zu vollenden, bevor er davontaumelte.
"Bleib mir gefälligst vom Leib, Snape. Wenn du den Orden informierst, verschwinde ich und nicht einmal ein Spion deines Kalibers wird mich aufspüren können!" Severus hätte ihn vielleicht einholen können, wenn Potter nicht einen Incendio in den Garten geworfen hätte und so den Tränkemeisters lange genug ablenkte, um dem jungen Zauberer die Flucht zu ermöglichen.
Severus sah ihn während des restlichen Tages nicht mehr, doch Hattie fand ihn früh genug, um Severus zu bestätigen, dass es dem Jungen noch gut ging, darum ließ er ihn gewähren. Er war besorgt, als die Muggelzeitungen berichteten, dass die lokalen Behörden versuchen, eine Schlangenplage in den Griff zu bekommen, doch da war Potter schon zurück und Severus nahm an, dass der Junge als Parselmund wohl nicht Gefahr lief, gebissen zu werden.
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Severus hegte die Hoffnung, dass, wenn er es schaffen konnte, den Orden zu verständigen, Potters Freunde den dummen Jungen überzeugen würden, nach England zurückzukehren, um eine bessere Behandlung zu bekommen als diejenige, die Snape im Exil gewährleisten konnte. Doch der Kampf im Garten hatte ihm vollkommen klargemacht, dass Potter dem Orden um jeden Preis ausweichen würde, sogar wenn er dafür auf seine Magie verzichten müsste oder seine Gesundheit noch gründlicher ruinieren würde.
Er wich Severus mehr denn je aus, was für ihn persönlich noch in Ordnung gewesen wäre – doch da war die nagende Sorge, dass sich Potters Wohlbefinden kein bisschen verbesserte. Genauso wenig wie sein geistiger Zustand, seinem Verhalten nach zu urteilen. Der Junge hatte jede Menge riskiert und geopfert für das Wohl der anderen, warum also war er so unwillig, die Dankbarkeit der Geretteten zu ertragen? Das war nicht im Einklang mit dem Verhalten des „Jedermanns Liebling" der Zaubererwelt, das Severus in Hogwarts erfahren hatte. Nein, jener Harry Potter hätte tapfer gelächelt, hätte die Augen gesenkt, errötend vor den Kameras, und hätte bescheiden darauf bestanden, dass er alle die Ehrerbietungen nicht verdient hätte — auch wenn er sie akzeptiert hätte.
Potters eigenen Halbempfehlungen folgend, verwendete Severus seine beachtenswerte Erfahrung als Spion, um den Jungen besser verfolgen zu können. Seine Unternehmungen waren größtenteils uninteressant… Er wanderte an den Ufern des Großen Sees entlang, gelegentlich probierte er Zaubersprüche an den Küstensteinen aus, jedoch nichts Besorgniserregendes. Falls der Junge beabsichtigte, irgendwelche gefährlichen Zauber durchzuführen, hinderte ihn seine magische und körperliche Schwäche erfolgreich daran.
Selten führten ihn seine Wanderungen in die Nähe der Muggel, doch wenn dies gelegentlich der Fall war, kräuselte er seine Lippen auf eine Art, die Severus vage vertraut vorkam, und er drehte auf der Stelle um und lief in die entgegengesetzte Richtung, ohne einen Versuch zu unternehmen, irgendwie mit ihnen in Kontakt zu kommen. Severus erging es ähnlich mit den Muggeln, aber... es sah Potter nicht ähnlich, so abweisend ihnen gegenüber zu sein... oder? Er hätte gerne mehr gewusst über das Verhältnis des Jungen zu seinen Muggelverwandten und den anderen Muggelkindern, mit welchen er zweifellos aufgewachsen war.
Er konnte sich vage daran erinnern, dass Albus gesagt hatte, Harrys Familienleben sei nicht glücklich gewesen — er hatte es als Teenager-Gejammer abgetan, aber… würde dies die Verbitterung und Feindseeligkeit von jetzt erklären? Oder seinen gesundheitlichen Verfall?
Schon das alleine machte Severus immer mehr Sorgen; Potters Gesundheitszustand verschlimmerte sich zusehends. Seine Wanderungen, die seine Laune und seine Magie durch die frische Luft und Ruhe jeweils günstig beeinflussten, wurden immer seltener, bis sie am Ende vollkommen aufhörten; Potter begab sich nicht mehr außer Sichtweite des Landhauses, auch nicht bis zur Küste in der unmittelbaren Nähe. Er blieb stundenlang am Kliffrand sitzen und schaute in die Wellen, ohne einen einzigen Muskel zu bewegen. Severus sah sogar ein- oder zweimal, wie er mit einer Schlange redete.
Sobald klar wurde, dass weitere Untersuchungen unausweichlich waren, stellte Severus sich ihm entgegen und belästigte und tyrannisierte ihn solange, bis er bereit war, dafür im Labor still zu sitzen. "Vielleicht, wenn du etwas zuvorkommender wärst, könnte ich mehr Anhaltspunkte haben", sagte er, als er einen anderen Diagnosezauber vollführte.
"Ich habe dir alles gesagt, woran ich mich erinnern konnte", sagte Potter schnippisch, mit den Beinen schwingend, da er auf einem der Tische saß. "Da gab es keine Zeit zum Überlegen; ich benützte einfach irgendeinen Spruch, um die Dinger in die Luft zu sprengen."
"Trotzdem, ich brauche mehr Details. Wo warst du, als du den Becher von Hufflepuff zerstört hattest?", fragte Severus, ohne sich durch sein Gemecker einschüchtern zu lassen.
Potter seufzte schwer. "Auf dem Friedhof von Little Hangleton. Es war im Haus der alten Riddles. Ich bin durch die Schutzbanne eingebrochen — ich glaube, du warst der Grund, warum kein Alarm ausgelöst wurde." Severus widersprach nicht. "Ich stahl ihn und lief weg. Ich schmolz ihn auf dem Friedhof ein, bevor ich disapparierte."
"Und du hast ihn da gelassen?" Potter nickte. Severus schaute ihn stirnrunzelnd an. "Was, wenn die Zerstörung des Becher nicht genügt hätte, um das Seelenteil zu zerstören?"
"Doch, es war zerstört", sagte Potter vollkommen überzeugt. "Glaub mir, OK? Es war zerstört."
Severus beäugte den Jungen für eine Weile, und entschloss sich endlich, dies zu akzeptieren. "Was hast du gefühlt?"
"Bevor ich apparierte? Etwas… in meiner Narbe. Und in der Brust. Druck, und Ziehen. Vorwärts und rückwärts. Es war unheimlich." Potters Blick wurde etwas glasig, er verlor sich in Erinnerungen. "Und dann war es wie ein Knacken, und der Becher schmolz. Ich wusste, dass ich's geschafft hatte."
"Wie schnell hast du die Auswirkungen des Fluches gemerkt?"
"Ich konnte zuerst nicht atmen. Apparierte weg, damit mich die Todesser nicht erwischen, in den Fuchsbau. Ich erinnere mich, wie ich Frau Weasley sagen hörte, meine Lippen seien blau, und dann wurde ich ohnmächtig." Potters Stimme war gleichgültig, als ob er sich über das Wetter unterhalten würde. "Sie riefen Madam Pomfrey herbei. Zwei Tage später bin ich erwacht. Fühlte mich ein paar Tage geschwächt, aber ich musste weitermachen, die anderen suchen."
"Und der Nächste war der Spiegel von Rowena Ravenclaw?", fragte Severus.
Harry nickte. "Ich benützte einen Festen Schild zwischen uns, als ich darauf einschlug — es war in diesem alten Waisenhaus, wo Riddle aufgewachsen war. Ich fühlte, wie der Fluch draufschlug… Ich denke, es war wieder so ein brennender Fluch von der Art wie derjenige, der D… der Dumbledore erwischte." Er blickte finster. "Man könnte meinen, er hätte ebenfalls einen Schild benützt."
"Das hat er", erwiderte Severus verärgert. "Wie lange hat es gedauert, bis dein Schild zusammengebrochen ist? "
"Ungefähr zwei Minuten. Ich sah keine anderen Flüche, denke jedoch, da muss noch was gewesen sein. Oder vielleicht hat mich der doch nicht erwischt."
Der Rest der Geschichte war im Prinzip dasselbe. Severus konnte sich jede Menge Flüche vorstellen, die der Dunkle Lord benützt haben könnte, um die Horkruxe zu beschützen, doch keiner hätte die Symptome verursachen können, die Potter zeigte. Lord Voldemort hatte es gerne dramatisch… er hätte Potter Schlimmeres erleiden lassen als einfachen Verfall durch Schwäche und wachsende Müdigkeit. Irgend etwas passte nicht.
Zum Beispiel, die Zahl.
"Also: der Becher von Hufflepuff, das Medaillon von Gaunt, der Spiegel von Ravenclaw, der Ring, das Tagebuch… das sind nur fünf. Was war der Sechste?" Sein Patient zögerte. "Potter?"
Der Junge seufzte bedrückt. "Und jetzt kommt das, was du endlich in deinen dicken Schädel bekommen solltest, was ich dir die ganze Zeit zu erklären versuche. Warum es keinen Sinn macht, irgendjemanden zu kontaktieren oder mich zum Orden zurückzuschicken." Er schaute Snape in die Augen, mit einem Gesichtsausdruck, der seinen ehemaligen Professor tief bestürzte. Seine Augen, kummervoll, stumpf und resigniert, beobachteten Snape unter seiner blitzförmigen Narbe…
Die Narbe…
"Das warst du", sagte Severus sanft. "Du warst der sechste Horkrux." Potter senkte den Blick und nickte. "Das war die Natur deiner Narbe, deine Visionen. Deine Verbindung mit ihm. Die Nacht, als er dich töten wollte…"
"Ich weiß nicht, wie ich gemerkt habe, dass es das war", seufzte Harry und schloss die Augen. "Aber als ich es merkte – ich… wusste, was ich zu tun hatte."
"Wie hast du überlebt?", fragte Severus.
"Selbst-Exorzismus, wenn du es glauben kannst." Ein Anflug von Stolz huschte endlich über Potters Gesicht, als er Snape wieder anschaute. Severus musste zugeben, dass er beeindruckt war; jeder Versuch, sich von äußerlicher Beeinflussung der Seele zu befreien, war schwierig und gefährlich. Selbst-Exorzismen wurden in der Geschichte fast nie versucht.
"Ich nehme an, es hat funktioniert?"
"Gut genug. Ich habe den Horkrux rausgekriegt."
"Womit hast du es durchgeführt?"
Potter schnaubte abfällig: "Du würdest es nicht verstehen."
"Versuch's."
"Liebe. Meine Freunde, wie du es gerne sagst. Voldemort hatte keine Freunde; er konnte keine Freunde haben. Dieses Gefühl hat das Seelenstück umschlossen und hinausgedrängt."
Severus dachte nach. Dass der Versuch Erfolg gehabt hatte, war offensichtlich: Der Dunkle Lord war tot. Es war jedoch schon ein Wunder, dass es Potter nicht geschafft hatte, sich dabei umzubringen. Es war zu wahrscheinlich, dass er dabei seinen Körper und seine Magie schwer verletzt hatte. Ob er sich je davon erholen würde, musste man abwarten.
"Und das war der Grund, aus dem du dich vom Orden abgesondert hattest?"
Harry hob seine Augenbrauen. "Was schlägst du vor? 'Oh, hallo Jungs, ich lief die ganze Zeit mit einem Stück von Voldemorts Seele in mir rum!' Es wäre herausgekommen. Die verdammte Rita Skeeter oder sonst irgendwer hätte es herausgefunden. Erst recht, wenn es bekannt geworden wäre, dass ich... krank geworden bin. Wie lange hätte es wohl gedauert, bis sie sich gegen mich gewendet hätten?"
Die Bitterkeit in der Stimme des Jungen war tief. Severus konnte dem nichts entgegensetzen. Die magische Öffentlichkeit war launisch; es reichte eine falsche Aussage in der Presse und schon würden sie Potters Kopf fordern. Sie wollten einen Helden, einen Retter. Nicht einen seelisch beschädigten jungen Mann mit wahrscheinlich dauerhaft beschädigten Kräften.
"Und so hast du dich entschlossen, aufzugeben?"
"Ich möchte nur in Ruhe gelassen werden!", sagte Potter, und sprang wütend vom Tisch runter. "Warum ist es so schwer zu verstehen — du wolltest es doch auch!"
"Es gibt niemanden in England, der auf meine Rückkehr gewartet hätte", betonte Severus.
Ein rachsüchtiges Lächeln umspielte Potters Lippen. "Gut gemerkt."
