Verzeiht mir, liebe Leserinnen und Leser. Diese Folge ließ lange auf sich warten, größtenteils durch meine Unfähigkeit, mein E-Mailprogramm funktionsfähig zu halten. Noch einmal zur Erinnerung: Nichts ist mein, ich übersetze nur, und der grosse Dank gilt Black Zora für ihre Leistung als Beta. Und natürlich euch allen, die die Geschichte gelesen und reviewt habt.

Spät, aber hier kommt die nächste Folge:

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Kapitel 3: Narbe

Severus öffnete das Fenster des Labors und schaute hinaus auf die kleine Silhouette, die am Kliff saß, vollkommen unbeweglich. Potter verließ überhaupt nicht mehr die unmittelbare Nähe des Hauses. Manchmal ging er gar nicht nach draußen, was Severus fast genauso erschreckte wie die zunehmende Trägheit des Jungen. Er diskutierte und wehrte sich nicht mehr, wenn ihn Severus für weitere Untersuchungen ins Labor schleppte, obwohl er nach wie vor bissige Bemerkungen machte.

Frustriert ging Severus spazieren, den Strand entlang und durch die Wälder. Er brauchte die stille Einsamkeit, um nachzudenken. Er konnte immer noch keinen Grund finden, warum den Jungen die Kräfte verließen. Nicht, dass ihn Potter irgendwie bei seinen Untersuchungen unterstützte, doch so, wie er die Methoden des Dunklen Lords kannte, war es durchaus möglich, dass der Junge wirklich keine Ahnung hatte, was mit ihm geschehen war.

Und das könnte das Ende für ihn bedeuten, dachte Severus bitter.

Er bemerkte eine Bewegung draußen und gefror, als er eine sehr grosse Schlange sah, die zu Potter hinüberkroch. Nicht wagend, einen Warnruf zu riskieren, ergriff Snape seinen Zauberstab und stürzte zur Tür hinaus.

Er rannte nach draußen, nur um Potter vertieft in ein Gespräch mit der Schlange zu finden. Er hörte sie zischen, auf Parsel, und schaute ihnen fasziniert zu... bis die Schlange ihn bemerkte. Als sich seine Stimme erholt hatte, fragte Severus: "Potter, was zum Teufel tust du da?"

"Ich plaudere ein wenig mit einem Freund, wonach sieht's den aus?", fragte Potter vergnügt.

"Es sieht nach vielem aus, aber deine Beschreibung hätte ich nicht gewählt," murmelte Snape. Potter lächelte spöttisch und zischte der Schlange etwas zu. Sie schien sich zu entspannen, starrte Snape nicht mehr bedrohlich an und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Jungen. "Was sagst du ihr?"

"Was du gesagt hast. Nur höflich."

"Höflich?", fragte Severus zweifelnd.

Die Schlange zischte etwas zu Potter und glitt in Severus' Richtung. Er brauchte seine ganze Selbstbeherrschung, um stehen zu bleiben. Offensichtlich hatte Potter es gemerkt, denn er grinste. "Er möchte wissen, ob du eine Bedrohung für mich bist."

Entschlossen, seine Stimme ruhig zu halten, als er der Schlange in die kalten schwarzen Augen sah, erwiderte Severus: "Sag ihm, dass ich es nicht bin."

"Das habe ich ihm schon gesagt. Er fragt sich bloß, warum nicht." Severus blinzelte. Potter streckte sich faul aus und schaute der Schlange zu, wie sie um den älteren Zauberer glitt. "Ich habe ihm gesagt, dass du versuchst auszugleichen, dass du böse bist. Er versteht das nicht."

"Was?" Snape funkelte Potter an. "Wovon redest du, zum Teufel noch mal?"

Der Junge lächelte spöttisch. "Schlangen haben keinen Begriff von Dingen wie 'Vergebung' oder 'Wiedergutmachung'. Er kann nicht verstehen, warum du mir helfen solltest, wenn für dich nichts dabei herausspringt. Da ist was dran, wirklich. Schlangen sind ziemlich clever."

Severus fühlte, wie er Gänsehaut bekam, als er das leise Geräusch hörte, das die Schuppen der Schlange auf dem Boden verursachten. "Ich frage mich zuweilen selbst, warum ich dir helfe", knurrte er wütend und verzog sich ins Haus.

Potter lachte, als er wegging.

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"Ich dachte schon, du würdest nie mehr in unsere Reihen zurückkehren, Lucius."

" Vergebt mir, mein Herr. Ich bin aus Askaban geflohen und zurückgekehrt, sobald es mir möglich war."

"Vielleicht bist du das. Und doch hast du mir mein Geschenk nicht gebracht."

"...Geschenk, Master?"

"Die Prophezeiung, Lucius. Das Objekt, das du für mich hättest holen sollen, vor über einem Jahr. Erinnerst du dich?"

"Ich... ja, aber... Man hat mir gesagt, die Prophezeiung sei zerstört worden."

"Das stimmt auch. Dachtest du, deine Zeit in Askaban würde dir meine Strafe ersparen?"

"Äh... nein..."

"Mein Herr, bitte-"

"Still, Narcissa. Komm zu mir und gib mir deinen Zauberstab, Lucius."

"Oh Gott..."

"Cissa, schh..."

"Ich schlage vor, du nimmst den Rat deiner Schwester an, Narcissa."

"J-ja, mein... mein Herr, bitte, erlaubt meinem Sohn sich zu entfernen, bevor Ihr Lucius... bestraft."

"Nein, meine Liebe, Draco muss bleiben. Er wird kommen und seinem Vater entgegentreten."

"Aber-"

"Cissa!"

"Mum, es ist okay!"

"Sehr gut, Draco. Jetzt sieh deinen Sohn an, Lucius, und sag ihm, was du getan hast."

"Ich habe unseren Master enttäuscht."

"Und was bedeutet es, mich zu enttäuschen?"

"Ich muss meine Strafe entgegennehmen."

Gut gesagt, und noch dazu gefasst. Deine überemotionale Frau sollte deinem Vorbild folgen, aber ich werde dir eine Vergünstigung gewähren. Ich werde Draco nicht zwingen, deine Bestrafung mit anzusehen."

Danke, Meister. Ich bitte nicht um Gnade für mich selbst."

"Ich..."

"Tu, was unser Herr sagt, Draco."

"Ja, Sir."

"Sehr gut, junger Draco. Jetzt schließe deine Augen."

"Meine Augen?"

"Es wird deine Eltern beruhigen, glaube ich. Narcissa, du darfst dich ebenfalls abwenden. Wenn du deinem Vater etwas furchtbar Dringendes mitzuteilen hast, Draco, dann würde ich vorschlagen, dass du es jetzt tust."

"Dad!"

"Es ist gut so. Dies ist die Strafe dafür, dass ich unseren Herr enttäuscht habe, und ich muss sie hinnehmen. Es ist mein eigenes Versagen."

"Aber..."

"Kümmere dich um deine Mutter."

"...ja, Sir."

"Na, na, Draco, sei nicht so verzagt. Es wird nicht so hart sein, wie du denkst. Jetzt schließe deine Augen. Aber bleib hier. Ich werde deinem Vater erlauben, dich zu sehen, bevor er bestraft wird. Lucius?"

"Ich bin... bereit, mein Herr."

"Gut. Avada Kedavra."

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Für einige Sekunden hatte Stille geherrscht. Sogar Bella war für dieses eine Mal geschockt gewesen. Severus hatte keinen Atemzug getan, seit der Körper des Opfers des Dunklen Lords auf den Boden aufgeschlagen war. Dann hatte Narcissa ihre Augen geöffnet und Draco tot auf dem Boden liegen sehen, während sein Vater ihn ungläubig anstarrte.

Der Schrei der Mutter des Jungen klang nachts immer noch in Snapes Ohren. Lucius hatte sich nicht bewegt, die Augen unverwandt auf den toten Körper seines einzigen Kindes geheftet. Severus war ebenfalls zu erstaunt gewesen, um überhaupt denken zu können, als Bella versucht hatte, die vor Gram wahnsinnige Narcissa zurückzuhalten. Als sie sich losgerissen hatte, hatten alle erwartet, dass sie zu Draco hasten würde, und so war sogar der Dunkle Lord überrascht gewesen, als sie sich auf ihn stürzte, mit gezücktem Zauberstab, den sie wie einen Dolch hielt.

Erst da hatte Lucius sich aus seiner Trance gelöst und versucht, sie aufzuhalten, aber es war zu spät gewesen.

Ein Blitz aus Voldemorts Zauberstab hatte sie zurückgeworfen, und als sie auf den Boden aufgeschlagen war, hatte Severus gewusst, dass sie nicht mehr zu retten war. Sie hatte gehustet, eine Blutspur an ihrem Mund, ihrem Master und ihrem Mann den Rücken gedreht und war entschlossen zum Körper ihres Sohnes gekrochen, mit einem Ausdruck der Erleichterung im Gesicht. Sie hatte es gerade noch geschafft, Dracos Körper mit einer Hand zu berühren, bevor sie auf seinen Roben zusammengebrochen war und aufgehört hatte zu atmen.

Als Lucius zu ihnen hatte gehen wollen, hatte ihm der Dunkle Lord befohlen, stehen zu bleiben. Alle Todesser hatten feierlich im Kreis gestanden, um goldene Haare, ausgebreitet über schwarze Roben. Der Dunkle Lord hatte Lucius befohlen, wegzugehen und die Körper seiner Frau und seines Sohnes dort zu lassen, wo sie lagen. Bella und Severus hatten zwei Stunden später um Erlaubnis betteln müssen, Draco und Narcissa begraben zu dürfen.

Severus fragte sich häufig, ob Bellatrix Black je fähig gewesen war, irgendwen zu lieben. Sie hatte keine Träne geweint um ihre Schwester oder ihren Neffen, obwohl sie sie zu Lebzeiten zu mögen schien. Während sie und Severus gearbeitet hatten, hatte sie die ganze Zeit auf die Dummheit ihrer Schwester geschimpft, den Dunklen Lord anzugreifen. Snape nahm an, dass dieses Verhalten wohl so nahe an Trauer herankam, wie es Bella möglich war. Kein Todesser hatte ihr auch nur eine Träne nachgeweint, als sie sechs Monate später von einer Aurorin getötet worden war.

Ironie des Schicksals war, dass, wie Severus erfahren hatte, die Aurorin, niemand anders als Nymphadora Tonks, tatsächlich geweint hatte, wenn auch nicht um die Frau, die sie getötet hatte, sondern, weil sie die Schwester ihrer Mutter war. Andromeda war wahrscheinlich vollkommen verständnisvoll gewesen, aber Tonks war es übel wegen der Tat und wegen dem, wofür sie stand, und nicht unbedingt wegen des Verlusts der Betroffenen. Sie war damals nicht verwandelt gewesen, dennoch hatte Bella sie erst Sekunden vor dem Augenblick erkannt, in dem ihre Nichte den Fluch auf sie geworfen hatte, der sie gegen die Wand prallen ließ und ihr das Genick brach.

Severus hatte insgeheim schon immer die Meinung von Bella geteilt, dass Narcissas offene und grenzenlose Liebe zu Draco ihr den Tod bringen würde. Der Dunkle Lord erlaubte keinem seiner Diener, irgendetwas höher als seine Ziele zu stellen – besonders nicht die Liebe. Narcissa war für ihn nur so weit nützlich gewesen, wie Lucius es war, und dasselbe galt für Draco. Der Junge war zu unschuldig gewesen, um für den Dunklen Lord zu arbeiten; jeder wusste das. Als Lucius den Dunklen Lord enttäuscht hatte, hatte die Familie ihren Nutzen verloren. Niemand überlebte lange, wenn der Dunkle Lord einmal den Eindruck bekam, dass er entbehrlich war.

Infolge dessen hatte Severus noch bevor ihre nächste Mission bekannt wurde gewusst, dass Lucius nicht lebendig zurückkehren würde. Die Blutlinie des Mannes war sein Stolz gewesen, wie bei allen Reinblutfamilien. Ob er wirklich um seine Frau und seinen Sohn getrauert hatte, wusste niemand ganz genau. Severus war der Meinung, dass er es getan hatte, sehr intensiv sogar. Ironischerweise würden andere ihn für sentimental halten, weil er es glaubte.

Lucius hatte sich in den nächsten Kampf gegen die Auroren ohne jede Rücksicht auf die eigene Sicherheit geworfen und sich geweigert, sich zurückzuziehen, als Severus es befohlen hatte. Die Auroren hatten sie bald vollständig umzingelt, mit der Absicht, sie lebendig zu fassen, doch Lucius hatte offensichtlich dem eigenen Leben ein Ende setzen wollen. Schließlich hatte Severus unter dem Vorwand, dass Lucius auf keinen Fall verhört werden dürfte, den Todesfluch ausgesprochen, der Lucius mitten in die Brust getroffen hatte, und seinen Körper den Auroren überlassen. Der Dunkle Lord war mit seiner Einschätzung einverstanden gewesen, als er ihm von dem Zwischenfall berichtet hatte und hatte Severus dafür gelobt, dass er sich von seiner Freundschaft zu Lucius nicht dazu hatte verleiten lassen, seine Pflichten seinem Herrn gegenüber zu vernachlässigen.

Snape hatte es sich nicht eingebildet: Im grünen Licht des Fluches, der sein Herz traf, hatte Lucius dankbar ausgesehen.

Alle Menschen abgesehen vom Dunklen Lord hatte ihre Schwächen. Obwohl er ein düsterer und oft grausamer Mann gewesen war, war Lucius dennoch ein Mensch gewesen. Nur ein mächtiger Legilimens wäre in der Lage gewesen herauszufinden, wo seine Schwächen lagen. Oder jemand, der begriff, was es bedeutete, eine solche Schwäche wie Liebe zu besitzen.

Nur ein meisterhafter Okklumentor hatte die Chance, den Dunklen Lord daran zu hindern, seine Schwächen herauszufinden. Der Dunkle Lord, immer zu sehr von seinen eigenen Fähigkeiten überzeugt, hatte angenommen, Severus besäße keine. Oder falls er geglaubt hatte, Severus könnte irgendeine Schwäche vor ihm verbergen, dann wäre er niemals darauf gekommen, um was es sich dabei handelte.

Albus... Ich habe es versucht.

Es war leicht genug gewesen, den Dunklen Lord und die anderen Todesser davon zu überzeugen, dass er Dumbledore hasste. In mancher – nein, vielerlei Hinsicht hatte er das auch getan. Und doch, obwohl Albus ihn benutzt, manipuliert, gefordert, überfordert, ihm zugeredet, ihn schikaniert hatte ... er hatte ihn gerettet. Und er hatte ihm vertraut. Und aus Gründen, die weder für Severus, den Ex-Todesser, noch für andere nachvollziehbar waren, hatte ihn Albus Dumbledore gemocht.

Severus hatte ihm nie eine Bitte abgeschlagen. Und, laut Dumbledore, hatte ihn Severus nie enttäuscht.

Streng genommen hatte er Dumbledores letzten Befehl befolgt... er hatte den Schwur erfüllt, den er Narcissa geleistet hatte und Draco davor bewahrt, ein Mörder zu werden, und hatte sich darüber hinaus weiterhin hoch im Kurs gehalten beim Dunklen Lord. Doch Severus hatte nie so schnell vergeben oder etwas entschuldigen können wie Dumbledore es irritierenderweise gekonnt hatte – jedem, ihn selbst eingeschlossen. Wärest du weiterhin so bereitwillig gewesen, mich zu hätscheln und mich meines Wertes zu versichern, wenn du mich gesehen hättest, wie ich dastand und zuschaute, wie Draco und seine Mutter starben?

Wahrscheinlich. Verdammt sei er.

Um es völlig klarzumachen; nur Albus zuliebe fand sich Severus mit Potters immer schlimmeren Verhalten ab und versuchte, den Gesundheitsverfall des Jungen aufzuhalten. Severus erwischte ihn mehrere Tagen hintereinander in der Bibliothek, wo er Bücher studierte, in denen er gar nichts zu suchen hatte – extrem dunkle Magie, allesamt –, aber der Junge war nicht einmal stark genug, um ohne Hilfe nach draußen zu gehen. So unterhielt er sich mit Snape-Piesacken. Severus hatte den Eindruck, dass Potter diese Bücher nur aus den Regalen geholt hatte, um ihn zu erschrecken, aber ehe er etwas riskierte, entfernte er die gefährlichsten Bände und schloss sie weg.

So ging Potter dazu über, mehrmals täglich wie zufällig an Snape vorbei zu gehen und nutzte dabei jede Gelegenheit, verschlagene Bemerkungen zu machen. Er suchte nach Schwachstellen. Gut, dass Potter kein Legilimens war.

Severus war vollkommen überzeugt dass es reines Selbstmitleid war, was Potter zu seinem neuen Hobby inspirierte, "Snape ärgern" so häufig wie möglich zu spielen. Wäre sein Versprechen gegen Albus nicht gewesen, Severus hätte ihn verlassen, damit er einging und verrottete.

Und Potter wusste das auch.

"Hat dich Dumbledore irgendwie kontaktiert, nachdem du ihn umgebracht hattest?", fragte der Junge eines Tages, während Severus sich bemühte, an ihm einen modifizierten Suchzauber für Dunkle Flüche anzuwenden.

Snape schoss ihm einen vernichtenden Blick zu: "Wie genau hätte er das tun sollen?"

Potter zuckte mit den Schultern. "Guter Einwand. Ich dachte nur, bei allem, was du für ihn getan hattest und allen Verbindungen und geheimen Kontaktmöglichkeiten, die ihr hattet, würde er irgendeinen Weg gefunden haben, sich bei dir zu bedanken. Da du so wertvoll warst, weißt du."

"Potter, wenn du deine Krankheit loswerden willst, halt den Mund und lass mich arbeiten."

Natürlich tat er das nicht. "Hat er sich jemals bei dir bedankt? Warum zum Kuckuck hast du all diese Dinge für ihn getan, wenn nicht für irgendeine Form von Belohnung?"

Severus erwiderte den spöttischen Blick des Jungen und antwortete voll Sarkasmus:

"Weil es das Richtige war."

Potter lachte laut. "Nicht, weil du diesen verdammten Orden des Merlin haben wolltest, oder? Ich denke, als du den einzigen Menschen der Zaubererwelt getötet hast, der ihn dir je gewährt hätte, hast du dir diesen Traum für immer zerstört. Niemand hat dir wirklich vertraut, außer auf sein Wort hin. Als er dann weg war, war's vorbei. Der einzige Mensch, der jemals nett zu dir war..."

"Sei... still!"

"Nicht einmal deine Eltern mochten dich, oder?"

Severus gab ihm eine harte Ohrfeige. "Wenn du je deine Kraft wiedererlangen willst, Junge, halt den Mund und lass mich arbeiten."

"Als ob du irgendetwas finden würdest..."

"Und wenn es nur darum ginge, deine Wut zu geniessen, weil du endlich zugeben müsstest, dass ich dein Leben gerettet habe, ja, ich werde die Ursache herausfinden." Es befriedigte Severus zu sehen, wie Potter erbleichte.

"Du würdest also die Lebensschuld benützen, um dich aus deinem Versprechen Dumbledore gegenüber herauszuwinden?"

"Der Befehl, ihn zu töten, war weitaus schwieriger zu befolgen als irgendetwas, was dich betrifft", antwortete Severus ohne zu zögern. Dann sah er Potters Gesicht und begriff, was er gesagt hatte. Bevor er seine Äußerung einschränken konnte, zupfte etwas an seinen Sinnen: "Warte..."

"Ha! Zu spät, um das Thema zu wechseln!", triumphierte Potter. "Armer alter Snape – Dumbledore war wirklich der einzige Dummkopf, der sich jemals um dich geschert hat; oh, es hat dich tatsächlich traurig gemacht, ihn zu töten! Nicht, dass es ihm sehr viel ausgemacht hätte, den armen alten einsamen Severus ganz alleine zu lassen!"

"STILL, Potter!", bellte Severus und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was sein Diagnosezauber entdeckt hatte statt auf die Worte, die sich in sein Bewusstsein bohrten.

"Oder ging es dir letztlich doch um den Orden des Merlin? Nein, ich erinnere mich an das, was du in jener Nacht gesagt hast, du wolltest nicht, dass ich dich einen Feigling nenne! Du hast dich wirklich schlecht gefühlt, nicht wahr, als du den einzigen Menschen verloren hattest, der dich nicht laut Original: für einen wertlosen, fettigen Mistkerl hielt!"

"SCHWEIG!" Severus schlug ihn so hart, dass er das Bewusstsein verlor, was zwar seinen verdammten Mund verschloss, aber auch den Zauber unterbrach. "Verdammt!"

Severus ließ Potter auf dem Tisch liegen und schritt aus dem Raum.

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Harry war zunächst froh, Snape endlich von seinem dummen Kreuzzug abgebracht zu haben, da es ihn vor einer Zaubererschuld diesem Bastard gegenüber verschonen würde. Wenn nur dieser dumme Körper lange genug durchhalten würde, war er sich sicher, auch alleine ein Heilmittel finden zu können, gegen was auch immer ihn plagte – nur nicht auf eine Art, die Snape billigen würde. Komisch, wirklich. Man könnte meinen, ausgerechnet Snape sollte nichts gegen den Gebrauch der Dunklen Künste einzuwenden haben, wenn es um Leben oder Tod ging – Gott wusste, Snape hatte genug dunkle Dinge getan, um seine eigene Haut zu retten, "Dumbledores Befehl" hin oder her!

Die einheimischen Schlangen und Harrys eigene Sinne sagten ihm, dass Agawa Bay über starke Erdmagie verfügte. Die alten Eingeborenen hatten dem Ort auch ihre eigene Magie gegeben; Harry konnte sie fühlen, im See, in jedem Stein der Berge, und in allen Lebewesen. Sie wurde immer stärker mit der Zeit, und alle Quellen waren dazu da, um angezapft zu werden. Sogar die Muggel, die hier auf ihren Touristentouren wanderten, konnten ihrer Kraft nichts anhaben. Es war alles voller Erdmagie und alter Zauberkraft, und wenn sie Harry anzapfen könnte... kein Fluch hätte je eine Chance zu widerstehen. Und auch kein Zauberer, der versuchen würde, sich Harry in den Weg zu stellen.

Er hatte jedoch keinerlei Interesse daran, Snape in seine Pläne einzuweihen. Der Ex-Professor würde jede Menge unangenehme Fragen stellen und wahrscheinlich den Orden einschalten. Harry hatte weder Lust auf ihre scheinheiligen Belehrungen noch auf ihre Fürsorge. Er war für sie ihr Schützling. Sie würden ihn nie als Anführer akzeptieren, so wie sie es bei Dumbledore getan hatten. Er mochte jung sein, aber er war mächtiger als sie alle zusammen. Je mehr er sich an ihren Umgang mit ihm erinnerte, desto wütender wurde er.

Wenn er getan hätte, was Snape von ihm wollte, wenn er zu ihnen zurückgekehrt wäre... Möglich, dass sie mein Lob gesungen und mir den Orden des Merlin verliehen hätten, aber sie würden mich nie respektieren. Für die war ich immer der Junge, der Junge, der Glück hatte. Ich bekomme von ihnen, was mir zusteht, eines Tages.

So langweilig es auch war, unfähig zu sein, sich viel zu bewegen, Harry fand, dass es eine nette Unterhaltung war, Snape zu ärgern. Es war eine Art Herausforderung auszuprobieren, wie viele gezielte Beleidigungen er austeilen konnte, und wie subtil sie sein konnten, ohne ihr Ziel zu verfehlen, bis der Mann durchdrehte und zuschlug. Das einzige Problem war, dass seine Reflexe nicht mehr so gut waren wie sie hätten sein können, so dass er manchmal dem Schlag nicht ausweichen konnte. Nun, das war eine eigene Herausforderung.

Und die Sache war es mehr als wert. Das erste Mal, als Harry Snape verfolgt hatte, nachdem dieser aus dem Raum gestürmt war, hatte er gehört, wie ein Glas heftig auf die Küchentheke knallte, und danach das Kling! eines Feuerwhiskey-Dekanters. Harry hatte strahlend festgestellt, dass er Snape dazu gebracht hatte, zu trinken.

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Severus war tief in die Whiskeyflasche vorgedrungen, ehe seine Gedanken ihn dazu brachten, Dumbledore für das elende Leben zu verfluchen, mit dem er zurückgelassen worden war. Es war so leicht für dich, Albus, sich zu verneigen und zu gehen. Mit deinem Schicksal sicherzustellen, dass Harry und ich bis zum Kriegsende zusammenarbeiten konnten. Ich habe irgendwie meine Zweifel, dass du dies hier wolltest.

Er hatte es immer noch nicht geschafft festzustellen, was den Jungen plagte, und jetzt verlor er die Lust, dies zu versuchen. Auch wenn ihn Potters schneidende Bemerkungen aufregten, war Severus rational genug um sich vorstellen zu können, dass die Psyche des Jungen genauso wie seine physische Gesundheit litt. Das würde den Verlust an Interesse an allen Dingen, die Harry Potter hoch und heilig waren – wie seine Freunde – erklären, ebenso wie die Tatsache, dass seine Persönlichkeit, und das Vergnügen, dass er aus Bosheiten gegenüber Snape oder sogar Hattie bezog, immer mehr und nicht mehr nur oberflächlich an den Geschmack des Dunklen Lords in seinen letzten Jahren erinnerten. Vielleicht konnten nur Zauberer, die so mächtig waren wie Potter oder der Dunkle Lord aus solchem Verhalten Vergnügen beziehen.

Na ja, solche Dinge hatten Snape früher auch amüsiert. Irgendwie begann er sich zu wünschen, dass sie es immer noch täten. Es würde ihn aus diesem Schlamassel retten, wenn er sich von seinem Gewissen befreien könnte, das er unter Dumbledores Einfluss entwickelt hatte.

Nein, Albus hatte nur zu gut gewusst, wie man dieses Risiko eliminieren konnte. Er war sich der Schuld bewusst gewesen, die Severus zurück auf die Seite des Lichts gebracht hatte, und hatte sich große Mühe gegeben, eine ähnliche, sogar noch stärkere Schuld auf Snape zu laden, eine, die er eine Lebzeit lang nicht abzahlen konnte.

Verdammt seist du, Albus.

Hatte er wirklich geglaubt, dass ihm Severus ewig dankbar sein würde? Sicherlich würde jeder Mensch mit Verstand erkannt haben, dass jemand, der mit unauflösbarer Schuld beladen wurde, eines Tages seinen Wohltäter verfluchen würde. Wie Severus es getan hatte.

Als er in einen vom Alkohol verursachten Schlaf fiel, lag tatsächlich ein Fluch gegen Dumbledore auf seinen Lippen. Nicht gegen Harry Potter.

"Es wird besser ausgehen, als du befürchtest, Severus. Ich verspreche es dir."

"Es ist leicht für dich, so etwas zu sagen, wenn du am Ende nicht dabei sein wirst! Du nimmst zu viel für selbstverständlich, Albus"

"Severus, das reicht! Du hast dich dazu bereit erklärt!"

"Ja, aber..."

"Ich habe dich damit beauftragt, weil du der Einzige warst, dem ich genügend vertraue. Jetzt vertraue du mir. Bitte. Mein Vertrauen in dich und Harry ist gerechtfertigt."

"Harry Potter ist sechzehn. Du bist bereit zu sterben, um zu verhindern, dass Draco Malfoy seine Unschuld dadurch verliert, dass er dich in diesem Alter ermordet – wie kannst du erwarten, dass Potter dazu in der Lage sein wird, den Dunklen Lord zu töten?"

"Mit deiner Hilfe, Severus. Mit deiner Hilfe."

"Wie um Gottes Willen soll ich ihm helfen können, nachdem ich dich getötet habe? Wenn der Junge nach deinem Tod wild darauf sein wird, jemanden zu töten, dann werde ich dieser jemand sein! Und ich kann nicht behaupten, dass ich ihm das übel nehmen würde!"

"Also wirklich - "

"Und ist dir vielleicht einmal in den Sinn gekommen, dass ich nicht weiß, wie ich Potter helfen soll? Geschweige denn, wie ich ihn überzeugen kann, mir zu vertrauen, ohne dass meine Tarnung auffliegt."

"Du verfügst über wunderbare Instinkte, mein Junge. Stärker als meine. Vertraue dir. Du und Harry, ihr seid euch in dieser Hinsicht sehr ähnlich; ihr beide seht tiefer, als das Auge reicht. Ich glaube, Harry wird anerkennen, was du getan hast, wenn die Zeit reif ist. Und er wird wissen, dass er dir trauen kann."

"Der Junge hasst mich, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Er wird mir den Tod wünschen, wenn du gestorben bist."

"Er wird dir leichter vergeben können, wenn du in der Lage bist, ihm zu vergeben,, Severus."

Vergeben? Was denn vergeben?"

"Dass er ist, wer er ist, natürlich. Dass er den Ruhm und die Anerkennung als Held bekommt, die du zweifellos für deine Taten für unsere Seite verdient hättest, jedoch nie erhalten hast. Dass er der "Auserwählte" ist, habe ich Recht?"

"Die Gründe spielen keine Rolle."

"Aber die, die ich genannt habe, sind nicht die Einzigen, oder? Ich mag ein dummer alter Mann sein, aber ich bin nicht vollkommen blind, Severus. Ich bin mir der Gründe sehr wohl bewusst, aus denen du so entschlossen bist, Harry zu hassen."

"Und trotzdem vertraust du mir."

"Ja. Weil ich glaube, dass du eines Tages deinen Frieden mit (sich) dir selber schließen wirst, sobald du ihm vergeben kannst."

"So sehr mich dein Vertrauen rührt, es erstaunt mich, dass du bereit bist, die Zukunft der Zaubererwelt darauf aufzubauen."

"Immer so melodramatisch..."

"Albus-"

"Das reicht. Wir können hier im Dunklen stehen und die ganze Nacht lang, aber ich bezweifle, dass einer von uns von seinem Standpunkt abrücken wir.) Jedenfalls wird es für meine alten Knochen langsam zu kalt. Wir sollten ins Schloss zurückkehren."

"Ja, Herr Direktor."

"Schmoll nicht, Severus, das steht dir nicht. Und denke an das, was ich über deine Intuition gesagt habe. Sie wird dich nicht irreleiten."

"Wenn du das sagst."

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Severus erwachte, sein Kopf schwirrte, neblig vom Whiskey, seine Zunge war dick und er versuchte erneut, Dumbledore dafür zu verfluchen, dass er ihn nicht einmal in seinen Träumen in Ruhe ließ. Er hatte keine Lust, wieder einzuschlafen und dem alten Mann in seinen Erinnerungen erneut zu begegnen, darum lief er aus dem Haus in die Kälte der Morgendämmerung hinaus. Potter, danke Gott für kleine Gnaden, schlief in seinem Zimmer.

Es begann als einfacher Spaziergang, um den Kopf frei zu bekommen. doch der Nebel und die kalte Luft brachten die alten Instinkte des Zaubertrankmeisters zurück und er erforschte die magischen Pflanzen und Pilze, welche in den Wäldern wuchsen, während er den Hang hinunter wanderte. Im Gegensatz zu Potter, der sich stets nah am Wasser hielt, blieb Severus am liebsten zwischen den Bäumen, sowohl, weil er sich dort nicht so angreifbar fühlte, als auch wegen der Zutaten für Zaubertränke, die man dort finden konnte.

Die meisten der üblichen Gewächse hatte er schon bei vorhergegangenen Expeditionen entdeckt und die Mistelzweige, obwohl voll und gesund, verfügten um diese Jahreszeit (, wo sie) noch nicht über ihre vollen magischen Fähigkeiten. Dennoch war es eine beruhigende Erfahrung, die verschiedenen ihm vertrauten Pflanzen auszumachen und über ihr Potenzial für Zaubertränke zu sinnieren.

Der interessanteste Fund dieses Ausflugs war ein Exemplar der Braunen Schmarotzerwinde, die in einem Astloch einer alten Eiche verwurzelt war. Die Ranke war zu jung, um überhaupt genützt werden zu können, dennoch war Severus sich sicher, dass die Überlebenschancen der Eiche bereits sehr klein waren. Die Schmarotzerwinden waren vollständig mit winzigen Samen bedeckt, und sogar wenn man die Ranke verbrennen und weghacken würde, ein winziges Bisschen der bösartigen Pflanze, das mit irgendeiner anderen Pflanze in Berührung kam, und die Ranke würde Nährstoffe und Wasser aus dem neuen Wirt saugen, bis er starb. Es war verdammt schwierig, der Plage Herr zu werden, wenn die Ranke in irgendeinem Gewächshaus Einzug hielt, denn die sicherste Maßnahme war es, alle benachbarten Pflanzen einfach zu entfernen und abzuwarten, bis die befallene Pflanze starb, eher als zu versuchen, die Schmarotzerwinde abzutöten und das Risiko einzugehen, den gesamten Bestand zu infizieren. Ironischerweise wurden die Samen erst befruchtet, wenn die Mutterranke starb.

Zum Glück war dieses Exemplar weit genug von seinem Zauberpflanzengarten entfernt, um keine Bedrohung darzustellen. Der Eichenbaum war groß und stark, aber er würde der schnellwachsenden Ranke innerhalb von sechs Monaten unterliegen: Kaum ein Atemzug, gemessen an der Lebenserwartung eines Baumes. Severus kannte mehrere Methoden, wie man Schmarotzerwinden-Infektionen behandeln konnte, jedoch war dies eine anspruchsvolle Aufgabe, und das Leben aller Bäume in der Umgebung wäre in Gefahr gewesen, wenn die Ranke einmal ihren Samen gestreut hätte. Sogar der kleinste Kratzer in der Rinde eines Baumes oder eine Narbe auf der Haut einer gesunden Pflanze genügte dem Samen, um anzuwachsen und das Leben aus dem Wirt herauszusaugen, sogar, wenn dieser dabei immer noch normal aussah.

Opportunistisch wie ein durchschnittlicher Schwarzmagier, dachte Severus. Es gab Möglichkeiten, die Zeichen der Verseuchung zu sehen und sie zu vernichten, bevor die Wirtspflanze starb, doch diese Zeichen waren für das bloße Auge kaum erkennbar. Wie so viele Zeichen der Verderbtheit. Die Gefahr umgibt und bedroht uns, und sie wird immer stärker, auch wenn wir uns weigern, an ihre Existenz zu glauben, wie Fudges Ministerium sich weigerte, an die Rückkehr des Dunklen Lords zu glauben, selbst als sie sahen, dass das Dunkle Mal auf meinem Arm schwarz war.

Er schaute kummervoll seinen linken Unterarm an. Der Tod des Dunklen Lords hatte das Zeichen auf dem Fleisch seines ehemaligen Dieners nicht vollständig verblassen lassen. Es war jetzt blasser, als es je gewesen war seit Ende des ersten Krieges, aber es war nicht vollständig verschwunden. Ein Zeichen mehr, dass Severus' Schuld nicht vollkommen vergeben werden konnte, wie es schien. Das Zeichen, das er freiwillig angenommen hatte, würde niemals verschwinden. Andererseits, sogar Potters Narbe war immer noch da.

Vielleicht würde der Nachhall des Dunklen Lords niemals aus der Welt verschwinden, und das Fleisch und den Geist seiner Diener und Opfer bis ans Ende ihrer Tage heimsuchen.

Was gab es sonst für eine Erklärung?

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Als er nach Sonnenaufgang wieder zum Landhaus zurückkehrte, übernahm Severus schweren Herzens erneut die Aufgabe, den Verdammten Harry Potter zu untersuchen. Der Junge schlief immer noch ganz tief und als Severus in sein Zimmer hereinschaute, bewegte er sich nicht einmal. Es wurde immer schlimmer. Frustriert und mit beginnender Verzweiflung, änderte Severus seine Taktik. Statt weiterhin seinen Körper und seine Magie zu untersuchen begann er, Potters Handlungen seit dem Kriegsende in seinem Geist nachzuvollziehen. Zum Glück machte es Potters Entscheidung, Severus in sein selbstgewähltes Exil zu folgen, einfacher, seine Schritte zu rekonstruieren.

Konnte irgendein Zauber, mit dem Potter herumgemurkst hatte, die Wirkung der Flüche beschleunigt haben? Mit Hilfe von Hattie sammelte Severus alle Bücher aus der Bibliothek, die Potter gelesen hatte, und während nur wenige Flüche beinhalteten, die tatsächlich eine schädliche Auswirkung hätten haben können, passte ihre Wirkung nicht mit Potters Symptomen zusammen. Außerdem glaubte er nicht, dass Potter ernsthaft mit Dunkler Magie herumstümpern würde, jenseits des kindischen Spiels, sich mit Dunklen Büchern erwischen zu lassen, um Severus zu ärgern.

Als er sich an den Spruch erinnerte, der den Jungen in den magischen Schock geworfen hatte, zog Severus das Buch heraus und blätterte durch das Kapitel über Erdmagie, zum Vis-Vires-Zauber. Potter war noch nicht so krank gewesen, als er den Zauber versucht hatte, dennoch schien es seltsam, dass ein so harmloser Spruch solche schwerwiegenden Auswirkungen haben konnte.

Während er sich die Schläfen rieb, bestellte Severus ein Frühstück bei Hattie und beugte sich dann wieder über die Seite mit dem Spruch. Nichts, was mit Harry Potter zu tun hatte, schien irgendeinen verfluchten Sinn zu machen. Der Zauber auf der gegenüberliegenden Seite war ebenfalls erdmagisch, und ein Kraftverstärker, der Potter auf diese Art hätte verletzen können, wenn er ihn in seinem Zustand versucht hätte, doch war er sehr schwarzmagisch, viel zu dunkel für jemanden wie Potter, um nur daran zu denken, ihn zu versuchen. Und sicherlich hätte Severus es gemerkt, wenn Potter einen Adficio in seiner Nähe versucht hätte –andererseits, vielleicht auch nicht, da seine primäre Wirkung sich auf Individuen richtete, die keine starke Magie besaßen, wie Muggel, welche nicht einmal ihre beschränkte magische Kraft vermissen würden, nachdem sie ihnen ausgesaugt worden war.

Hmmm... Adficio war die Art von Spruch, die der Dunklen Lord geschätzt hätte...

Severus Hand gefror mit der Teetasse auf halbem Weg zu seinem Mund.

Moment mal...

"Vertraue deinen Instinkten, Severus..."

Er musste nachdenken... doch Tatsachen und Erinnerungsbruchstücke begannen, ein deutliches Bild in seinem Kopf zu formen.

Adficio... ein alter erdmagischer Kraftverstärker, um die magische Energie der Schwachen zu gewinnen. Aber riskant für einen schwachen Zauberer, diesen alleine zu versuchen...

Dunkle Sprüche. Potters Triezen... das Desinteresse am Befinden seiner Freunde...

Der Selbst-Exorzismus... vielleicht der schwierigste und gefährlichste Zauber, den es gab... die Chancen, die erfolgreiche Durchführung zu überleben, waren äußerst gering...

Doch wie waren die Chancen, einen erfolglosen Versuch zu überleben?

Der Horkrux... der Tod des Dunklen Lords... der Selbst-Exorzismus muss wenigstens zum Teil erfolgreich gewesen sein, ausreichend, um das Seelenteil daran zu hindern, den Dunklen Lord selbst am Leben zu erhalten...

Dunkle Sprüche... das plötzliche Interesse an Dunkler Macht... die Veränderung in Potters Wesen... der Horkrux, vielleicht nicht vollständig zerstört...

Verflucht.

Die Schmarotzerwinde. Der Samen der Schmarotzerwinde, tief in einer gesunden Pflanze, der sich nährt, die Kraft nimmt...

"Vertraue deinen Instinkten, Severus..."

Er saß sehr lange still in seinem Labor, dann stieg er langsam wieder die Treppe hoch, durch die Halle und zu Potters Zimmer, wo der Junge immer noch schlief. So still, so friedlich, so unschuldig aussehend. Wer würde jemals auf die Idee kommen, sich vorzustellen ...

Das Licht, das durch die Vorhänge drang, warf eben genug Licht auf Potters Gesicht, dass Severus die Narbe sehen konnte, immer noch in seine Stirn geätzt, Erinnerung an die Wunde, die es vor vielen Jahren einem Stückchen von Voldemorts Seele ermöglicht hatte, sich dort einzubetten.

Ein Ort, um Wurzeln zu fassen...

Der Wirt lag im Sterben. Konnte ein Teil eines Horkruxes ohne den Wirt überleben?

Warum nicht? Wenn die Seele zerstückelt werden konnte, um einen Horkrux herzustellen, warum konnte nicht ein Horkrux noch weiter geteilt werden? Ein Stück, das zu wenig Kraft hatte, um den Besitzer der Seele am Leben zu erhalten, jedoch...

Wie Samen. Sich in der neuen Seele verwurzeln, sich davon ernähren, das Leben aus dem Wirt heraussaugen und das Böse stärken, das den Samen hervorgebracht hat...

Zum ersten Mal sah Severus das Gesicht von Harry Potter ohne Zorn an. Er hatte Schrecken erlebt, die, wie es Albus häufig ausgedrückt hatte, den mutigsten Auror dazu gebracht hätten, vor Entsetzen zurückzuscheuen, und doch erschauderte er jetzt zum ersten Mal, als er den Anblick, der sich ihm bot, betrachtete. Die Last des Versprechens und der unbezahlbaren Schuld lastete auf seinen Schultern, und jetzt zog es ihn in zwei Richtungen – das Versprechen, alles zu tun, was in seiner Macht stand, um das Übel des Dunklen Lords ein für allemal zu vernichten... und sein Versprechen, das Leben von Harry Potter zu beschützen, den Albus so viel mehr geliebt hatte als Severus (wofür ihn Severus schon immer gehasst hatte).

"Albus... Ich weiß nicht, was ich tun soll."

tbc...