Als ich an diesem Tag in der U-bahn zur Uni saß, musste ich die ganze Zeit an die Zeitung denken, die sich in meiner Tasche befand, aber ich traute mich einfach nicht noch mal reinzuschauen. Unentwegt grübelte ich über die sich bewegenden Bilder und die seltsamen Wörter nach, doch es gab einfach keinen logischen Sinn. Als ich bei der nächsten Station ausstieg, stolperte ich hinaus und ich möchte mir jetzt von keinem anhören, dass das nichts mit dem zu tun hat, dass ich in Gedanken war. Klar hat es das.
Ich verschränkte meine Arme vor der Brust, weil mir der Oktoberwind eisig entgegenschlug und eilte gebückt Richtung Universität. Wo kam nur auf einmal dieser Wind her? Vorher war es doch nur grau. Ich zog meine Jacke enger an mich und eilte den Kopf so weit wie möglich eingezogen und geduckt weiter.
RUMPS.
„Autsch!", maulte mein Gegenüber, das sich mittlerweile so wie ich am Gehsteig liegend befand. Na das war ja mal wieder klar.
„Tschuldige", nuschelte ich in mein Halstuch hinein und stand langsam und ein klein wenig umständlich auf. Erstmals hob ich meinen Blick und begutachtete mein Opfer, das sich mittlerweile auch aufgerichtet hatte. Ich stockte. Meine Herren sah der gut aus!
„Nicht so schlimm, ist ja nichts passiert.", sagte er und lächelte mich charmant an. Innerlich hätte ich in dem Moment Stepptänze aufführen können, aber ich grinste nur verlegen.
„Ich muss jetzt zur Uni ein paar Bücher holen, aber ich könnte dich doch nachher auf eine Schokolade einladen. So als Entschädigung." Waren das eben meine Worte? Oh mein Gott! Faye du kannst doch nicht einfach mit demjenigen flirten, den du eben umgerempelt hast!
„Nur wenn du willst", fügte ich hastig hinzu und lief ein wenig rosa an.
Er grinste schelmisch, hakte sich bei mir ein und zog mich mit Richtung Uni.
„Wo müssen wir hin?" Hallelujah…
Wie in Trance ging ich immer noch eingehakt mit ihm in die Universitätsbibliothek, wo er sich von mir löste und interessiert ein paar Bücher begutachtete. Seine langen tiefschwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht und mit einem Grinsen in meine Richtung strich er sie weg.
Ich brauchte ein paar Minuten bis ich alles beisammen hatte und als ich dann mit den Büchern schon in meiner Tasche zu ihm zurückkam, war er gerade damit beschäftig die Kaffeemaschine von oben bis unten zu betrachten.
Ich lachte und fragte ihn, ob er denn noch nie eine Kaffeemaschine gesehen hätte und zog ihn mit mir.
„Ich kenn ein gutes Lokal gleich einen Block von hier", schlug ich vor und als wir aus dem warmen Universitätsgebäude rauskamen, zogen wir beide wieder unsere Köpfe ein.
„Darf ich eigentlich auch wissen wie die Unbekannte heißt, die mich zuerst umgerempelt und dann entführt hat?", fragte er dicht neben mir und als ich vorsichtig meinen Kopf in seine Richtung drehte, stießen unsere Nasen beinahe zusammen.
„Nein", sagte ich keck und grinste. Hach, das Leben war schön. Ein gutaussehender Typ gleich neben mir, ein paar gute Bücher in der Tasche. Und – Ich stockte. Die Zeitung. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.
„Was ist denn Prinzessin?", fragte er ein wenig besorgt, aber auch verwirrt als ich auf einmal stehen blieb. Aber ich wollte jetzt nicht mehr darüber nachdenken.
„Nichts!", meinte ich und ging auch gleich weiter. Doch lange hatten wir sowieso nicht mehr zu gehen und schon standen wir vor meinem Lieblingslokal, dem „Soulmate".
Ich zog den Fremden hinter mir nach zu meinem Lieblingstisch, der mit bequemen ledernen Couchsesseln ausgestattet war und ganz hinten im Lokal stand.
„Also erzähl mal, wer bist du?", fragte er, als wir unsere Jacken abgelegt und es uns in den Sesseln gemütlich gemacht hatten. „Und warum rennst du wildfremde Männer um?"
Ich musste unwillkürlich lachen. Er hatte das doch wirklich für eine Methode gehalten ihn anzumachen.
„Ich bin der größte Schussel der Welt", sagte ich mit einem Engelslächeln. „Und ich hab nichts gesehen, weil's so kalt war. Außerdem bist du doch auch nicht ausgewichen" Ich lächelte siegessicher.
„Ich persönlich lass mich gerne von schönen Frauen anrempeln", konterte er und lehnte sich lässig zurück, während mein Herz einen Rückwärtssalto machte. Inzwischen kam Latisha zu unserem Tisch und begrüßte mich herzlich. Sie war eine gute Freundin von mir.
„Was darf ich euch denn bringen?", fragte sie, grinste mir zu und ließ ihre Augenbrauen immer wieder in ihren blonden Stirnfransen verschwinden, in dem sie sie auf und ab bewegte.
„Also die nette Dame mit der ich hier bin, hat zwar gesagt, dass ich Schokolade kriege, aber ich würde doch lieber einen Kaffee bestellen. Einen Cappuccino bitte", sagte der fremde Typ und schenkte mir wieder eines seiner charmanten Lächeln.
„Und für dich heiße Schokolade, nehm ich an?", meinte Latisha.
Ich nickte und grinste sie an.
Latisha drehte sich um und verschwand um die Ecke, durch die der Tisch vom restlichen Lokal abgetrennt war. Eine richtig nette kleine Nische.
„Das war Latisha. Eine Freundin von mir. Sie jobbt hier neben dem Studium.", teilte ich ihm mit und er nickte.
„Latisha…", murmelte er. „Und wie ist dein Name, Prinzessin?", fügte er hinzu und lächelte wieder sein charmantes Lächeln.
Ich spielte mit einer Locke und schmunzelte.
„Ist doch so viel spannender", grinste ich und lehnte mich zurück in den warmen Sessel.
„Frag lieber etwas anderes, wenn du schon so neugierig bist"
"Gut, dann frage ich dich, warum du mich vorher zu Schokolade nötigen wolltest."
„Weil Schokolade nun mal das beste ist", antwortete ich.
„ Nein, Kaffee", sagte er.
„Schokolade", sagte ich empört. Kaffee besser als Schokolade? Der spinnt doch…
„Kaffee", beharrte er.
„SCHOKO", verteidigte ich meine heißgeliebte braune Freundin und ich meinte nicht Jools mit ihrem schokobraunen Hautton.
„Kaffee", trotzte er.
„Woll'n wir wetten?"
„Wie willst du bei sowas wetten?"
Die Situation erinnerte mich ziemlich an Jools und mich, wenn wir unsere Kaffee-Schoko-Streitgespräche führen. Wir lieben zwar beide Schoko und Kaffee, aber für mich war Schoko eben um Welten besser und für sie Kaffee. Und genau deshalb wusste ich schon, was ich zu tun hatte, denn das tat ich immer, wenn ich dieses Gespräch mit Jools im Soulmate führte.
„WAS IST BESSER: KAFFEE ODER SCHOKO?", rief ich so laut, dass mich alle im Lokal hörten. Und weil im Soulmate meistens nur dieselben Leute waren, wussten sie schon was sie zu tun hatten und riefen allesamt:
„SCHOOOOKOOOO"
Ich lächelte ihn gespielt arrogant an und sagte:
„Siehst du?"
Er maulte und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.
„Das ist unfair"
Ich zuckte mit den Schultern und betrachtete ihn. Seine grauen Augen waren nach unten gerichtet, aber ich merkte, dass er hinaufschielte um mich zu beobachten. Dann sah er auf, weil Latisha mit unseren Getränken kam.
„Sooo! Einmal Heiße Schokolade für die liebe F-"
„Danke!", unterbrach ich sie, bevor sie „Faye" sagen konnte. Man will ja dem Typen nicht die Spannung verderben.
„Und für den Unbekannten", fuhr sie fort, „einen Cappuccino."
Latisha rückte ihre Brille zurecht. „Darf man fragen, wie der Unbekannte heißt, den die liebe F-"
„Den ich umgerempelt habe.", sagte ich hastig. „Du musst nicht noch extra drauf herumreiten"
Latisha konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als sie hörte wie ich ihn kennengelernt hatte und beruhigte sich erst wieder als sie von ihrem Chef gerufen wurde.
„Also, Prinzessin. Ich kann raten oder bei Prinzessin bleiben. Was allerdings noch einfacher wäre: Du sagst es mir einfach."
Ich schüttelte den Kopf. Ich weiß auch nicht warum ich dieses Spiel fortsetzte. Es war ja nicht so, dass ich nicht wollte, dass er wusste wie ich hieß. Aber irgendwie fand ich das ganze so viel spannender. Und ich genoss es, wenn er Prinzessin sagte.
„Du hast Latishas Frage nicht beantwortet: Wie heißt denn eigentlich der Unbekannte?", fragte ich.
„Snuffles", sagte er mit völlig ernster Miene und fiel dann aber in mein Lachen ein.
Ich nahm einen Schluck von meiner Schokolade und schielte auf meine Uhr. Verdammt schon so spät. Die Jungs würden bald da sein und Jools hatte gesagt, dass ich sie reinlassen sollte, weil sie sich verspäten würde.
„Ich muss leider schon wieder los", sagte ich mit leicht schlechtem Gewissen. Wir waren vielleicht eine Viertelstunde da.
„Tut mir Leid, ich hab nicht dran gedacht.", entschuldigte ich mich und kramte in meiner Tasche nach einem Fetzchen Papier, wo ich ihm meine Telefonnummer aufschreiben konnte.
Aber das einzige, was ich fand war diese Zeitung. Ich riss ihm trotzdem ein Stück davon runter und krakelte schnell meine Nummer drauf. Dann leerte ich meine Tasse, stellte sie ab, kramte mein Geld aus der Tasche und verabschiedete mich eilig von ihm. Wenn ich mich beeilte, würde ich noch die nächste U-bahn erreichen.
Ich war gerade um die Ecke, da rief er mir nach:
„Prinzessin, warte!"
Ich eilte die paar Schritte zurück.
„Was ist das für eine Zeitung?"
Oh mein Gott. Ich konnte ihm jetzt unmöglich die ganze Geschichte erzählen. Er würde mich ja für verrückt erklären.
„Ähm", stotterte ich. „Ich weiß nicht. Lag bei uns herum", antwortete ich halb wahrheitsgemäß und wollte mich gerade wieder umdrehen, aber „Snuffles" war aufgesprungen und hielt mich am Arm zurück.
Durchdringend schaute er mich an und musterte mich von oben bis unten.
„Warum kenn ich dich dann nicht?", fragte er und ich riss mich verwirrt los. Was war denn mit ihm los?
Aber er ließ sich nicht abschütteln und hielt mich noch mal zurück und sah mir genau in die Augen. Seine grauen Augen waren genau vor meinen braunen und fixierten mich.
„Seltsam", sagte er schließlich. Wer war da seltsam?
„Können wir ein anderes Mal drüber reden, wie seltsam ich doch bin? Ich muss jetzt wirklich los!", meinte ich ein wenig genervt und riss mich endgültig von ihm los um zur U-bahn zu eilen. Warum zum Teufel müssen immer die gutaussehenden Männer die Komischen sein?
