Mit Herzklopfen schloss ich die Haustür auf, nicht weil ich aufgeregt war, was mich drinnen erwarten würde, sondern weil ich immer noch an den spannenden Unbekannten denken musste. Außerdem war ich von der U-bahnstation hergerannt, weil ich unbedingt vor den Jungs da sein wollte. Aber ich will euch jetzt erstmal eine kurze Erläuterung geben, um wen es sich denn handelt wenn ich von den Jungs spreche. Also erstmal Hiram Knightly, von dem ich euch schon mal berichtet habe. Wisst ihr noch? Der Typ mit dem ich mal was hatte, der dann aber fand, dass es besser wäre wenn wir das lassen, der Freundschaft wegen. Hiram war ziemlich groß und dünn, seine schwarzen Haare trug er eher kurz und im Seitenscheitel und ein galantes Lächeln brachte er immer zustande. Jetzt hatte er auch Precious damit betört oder vielleicht auch mit seinem halbitalienischen Charme. Sein Vater war nämlich Italiener, allerdings war Hiram ohne ihn aufgewachsen, weil das wohl eher eine Urlaubsliebe seiner Mutter gewesen war. Hirams bester Freund war Danko Belle, der schon seit deren Schulzeit mit Jools zusammen war. Danko war der kleinste im Bunde, was aber nicht unbedingt hieß, dass er ein Zwerg war, uns Mädls überragte er nämlich schon um einiges. Er hatte dunkelblonde Haare, die er etwas länger trug und moosgrüne Augen, die er hinter einer eckigen Brille versteckte. Außerdem war da natürlich noch Berry Lupin, dessen braune Locken ihm oft die Sicht versperrten, da sie sich geschickt immer den Weg vor seine braunen Rehaugen suchten. In letzter Zeit brachte Berry öfters seinen Cousin Remus mit, der eindeutig der netteste Mensch war, den ich seit langem getroffen hatte. Natürlich mochte ich sie alle gerne, aber Remus hatte einfach so eine treuherzige, absolut nette Art, die sich auf einen eher ruhigen Charakter lehnte. Allerdings war ich mit Remus natürlich noch nicht so vertraut wie mit den anderen drei. Jools Meadows, meine kleine, schwarze, etwas pummelige Freundin, war mit den Jungs in die Schule, ein Internat irgendwo in Schottland gegangen, nur Remus war ein Jahr früher fertig geworden. Aber über ihre Schulzeit redeten sie nicht so gerne und deshalb beließ ich es bei den Informationen, die ich hatte.
Als ich die kleine Wohnung betrat, die Jools und ich uns teilten, hörte ich aus ihrem Zimmer den rasselnden Atem von Cherry, meiner Katze, die dort meistens schlief. Wo die heute Morgen wohl schon wieder gesteckt hatte.
„Cherry!", rief ich sie und ließ meine Tasche auf den Küchentisch fallen zu dem ich mich mittlerweile bewegt hatte. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein, in dem Wissen, dass Hiram, Danko, Berry, Remus und Jools bestimmt einen haben wollten und beugte mich dann hinunter um die kleine dickliche weiße Katze aufzuheben, die bei Jools und mir hauste. Cherry war wirklich schneeweiß und machte so den perfekten Kontrast zu uns beiden, da Jools ja schwarz war und auch ich wegen meiner afrikanischen Mutter eher einen dunkleren Teint hatte. Wir waren eben die zwei Afrika-Mädls mit unserer Schneekirsche.
Cherry schmiegte sich an mich und leckte meine Finger ab, worauf ich diese angeekelt wegzog. Katzensabber war etwas das ich gar nicht leiden konnte. Cherry hatte wohl auch genug gekuschelt und so sprang sie mit einem Satz von meinem Arm und zielsicher auf meine Tasche zu, die neben vielen anderen Dingen Küchentisch schmückte. Die Tasche fiel natürlich hinunter und überall auf dem Boden verteilte sich der Inhalt.
„Ganz toll", murrte ich Cherry nach, die schon wieder in Jools' Zimmer verschwunden war, und machte mich daran, alles aufzuräumen, wobei mir wieder diese Zeitung in die Hände kam, an deren oberen Ende ein kleines Stück fehlte, das ich dem Unbekannten abgerissen hatte. „Snuffles" hatte die Zeitung gekannt, aber woher? Immer noch grübelnd sammelte ich alles auf und wie verabredet läutete es als ich die voll gerammelte Tasche in die Ecke stellte. Ich schlurfte zur Eingangstür und öffnete sie, worauf mir gleich ein bellender Pippin entgegensprang und mich freudig begrüßte. Pippin war Berrys Hund und hatte einen ziemlichen Narren an mir gefressen. Hinter dem schwanzwedelnden Irish Setter kamen Berry und Remus, Hiram und eine ziemlich hübsche rotblonde Frau, und Jools und Danko herein.
Berry umarmte mich stürmisch und hob mich gleich hoch, um mir dann meinen Lockenkopf zu verwuscheln wie er das gerne tat und dann lief er Pippin nach, der schon in die Wohnung gestürmt war. Remus sah ziemlich müde aus, er hatte Augenringe und sagte nur ein kurzes Hallo zur Begrüßung, weil er sich dann gleich mal in der Küche auf einen Stuhl fallen ließ. Hiram umarmte mich kurz und stellte mir mit einer etwas peinlichen Stimmung seine Freundin Precious vor, die mich mit blauen Riesenaugen beglubschte. Hiram war das ganze wohl ein wenig peinlich und so zog er sie an mir vorbei in die Wohnung, sodass nur noch Jools und Danko übrig blieben. Meine beste Freundin lächelte mir entgegen und umarmte mich, wobei sie mir ins Ohr flüsterte:
„Nimm's nicht so schwer, Süße"
Und schließlich umarmte mich auch noch Danko und zu dritt gingen wir zu den anderen in die anschließende Küche, wo Berry schon dabei war an alle Kaffee auszuteilen und Remus beinahe am Küchentisch einschlief, währen Hiram und Precious verschlungen an der Wand lehnten.
„Ich hab die Jungs unten getroffen", meinte Jools fröhlich und streichelte Pippin, der an ihr hochsprang. „War aber zu faul meine Schlüssel herauszukramen"
„Schon okay", sagte ich und wurde in meinem Plan nicht zu Hiram und Precious zu schauen unterbrochen, indem das rotblonde Mädchen direkt vor mir stand. Sie begutachtete mich zuerst mit blauen Glubschaugen und lächelte dann ein wundervolles Zahnpastalächeln. Mir wurde schlecht.
„Faye, richtig?", sagte sie mit zuckersüßer Stimme und meine Übelkeit wurde noch ein wenig schlimmer. Musste er sich denn gerade die allergrößte Tusse aussuchen?
Ich nickte kurz und lächelte verkrampft während die anderen sich über irgendetwas anderes unterhielten.
„Hiram hat mir schon so viel von dir erzählt" Mein Herz verkrampfte sich. "Und deshalb hab ich geschlossen, dass du wohl ein ganz besonderer Mensch sein musst" Genau… „Und weil er auch so viel von deiner Schokoladenliebe erzählt hat, dachte ich mir, ich bring dir welche mit" Waaas?
Feierlich überreichte sie mir meine Lieblingsschoko: Nougatschokolade!!! Völlig verdutzt nahm ich sie entgegen und brachte sogar ein verblüfftes „Danke" zustande. Allerdings hatte Precious nicht vor, es jetzt gut sein zu lassen, sondern lächelte mich wieder mit ihrem Zahnpastalächeln an.
„Meine Lieblingssorte ist ja Zartbitterschokolade, aber Hiram sagte, dass du besonders gerne Nougat magst" Blöde Schleimerin.
Ich lächelte gequält und schielte zu Berry, Danko und Jools hinüber.
„Wollen wir uns nicht hinsetzen?", fragte Precious und strich sich ihre rotblonden glatten Haare hinters Ohr, während sie sich einen der Stühle herzog. Oh mein Gott? Ich dachte, ich würde gerettet werden und wir bewegten uns endlich wieder zu den anderen, aber Precious hatte wohl vor noch länger mit mir alleine zu reden. Wo war denn bloß Hiram?
Mittlerweile hatte Precious auch für mich einen Stuhl organisiert und so musste ich mich jetzt zwei Meter von meinen Freunden mit ihr herumquälen.
„Faye, ich bin ja so gespannt. Hiram hat gesagt du studierst Kunst?" Sie schaute mich interessiert an und ich nickte.
„Angewandte Kunst", fügte ich hinzu.
„Oh, ich muss unbedingt mal was von dir sehen!", meinte sie begeistert und ihre blauen Augen begannen vor Enthusiasmus zu leuchten. „Ich wollte zuerst nämlich Kunstgeschichte studieren, weil ich mich ziemlich dafür interessiere, aber ich mach jetzt doch Medizin. Irgendwie hat dieses Interessengebiet gesiegt"
Sie lächelte und ich legte die Stirn in Falten. Precious interessierte sich für Kunst und studierte Medizin? Was sollte denn das?
„Du studierst echt Medizin?", fragte ich ungläubig und sie bejahte freudig:
„Ich habe gerade angefangen"
Plötzlich stand ich auf und eilte weg. Das musste ich erst verdauen. Precious und Medizin? Precious und Kunst? Precious und Schokolade? Meine Gedanken flogen durcheinander und ich sputete in Jools' Zimmer um mir ein Stück Schoko zu genehmigen, denn die von Precious hatte ich bei ihr liegen lassen. Als das braune Gut langsam auf meiner Zunge zerschmolz, konnte ich meine Gedanken wieder ordnen. Hatte mich vielleicht Precious Aussehen und die Tonlage ihrer Stimme darauf schließen lassen, dass sie eine Tussi war? Und eigentlich war sie ein netter Mensch, der mir Schoko brachte, sich für Kunst interessierte und Medizin studierte, wofür es ja schon Intelligenz verlangte und also für eine Tussi so gut wie ausgeschlossen war. Und klang das vielleicht auch noch der Schmerz mit, dass sie jetzt mit Hiram zusammen war? Wo war Hiram überhaupt? Und warum ließ er seine Freundin mit mir allein, wo er doch wusste, dass ich manchmal komisch werden konnte und einfach abhaute?
„Faye? Alles in Ordnung?", hörte ich aus der anschließenden Küche die Stimme von Precious rufen. Oh mein Gott! Sie durfte mich auf keinen Fall hier so vorfinden! Was würde sie denken! Ich rannte auf Jools' Kasten zu und verfluchte dieses rammelvolle Ding gleich wieder, da es mir einfach keinen Einlass gewährte und so stürzte ich mich auf die nächste Gelegenheit mich zu verstecken und schmiss mich aufs Bett, um ganz mir dann gleich die Decke über den Kopf zu ziehen und mich dünn zu machen. Ich weiß, das war bescheuert. Aber manchmal krieg ich einfach so seltsame Anwandlungen. Auf einmal rührte sich etwas neben mir.
„Was zum Teufel machst du hier, Faye?"
