Ein bisschen eigenartig

Als am nächsten Morgen mein Wecker klingelte, verfluchte ich ihn nicht so wie an den anderen Samstagen, an denen ich vergessen hatte, ihn auszuschalten, sondern nahm ihn jubelnd in die Hand und drückte ihn an mich, weil er mich so einen schönen Tag nicht verschlafen ließ. Ja, ich war richtig guter Laune, was mich zwar ein bisschen ärgerte, dass ich wegen eines Typen der mich als seltsam einstufte, so glückselig war, aber ändern konnte ich es auch nicht. Also hüpfte ich eben ein bisschen in der Wohnung herum, trank meine Frühstücksschokolade und nahm dann eine Dusche. Als ich etwas später mit frischgewaschenem Afro zurück in mein Zimmer kam, machte es mir nicht mal etwas aus, dass ich über meine Lampe stolperte. Dazu war ich einfach zu gut gelaunt.

Natürlich war ich viel zu früh fertig und auch viel zu nervös um mich jetzt einfach hinzusetzen und ein Buch zu lesen. Also beschloss ich anstatt wie ein aufgescheuchtes Huhn in meinem Zimmer herumzurennen, lieber Jools ein wenig zu nerven. Ich tapste also durch die Küche zu ihrem Zimmer und trat ein.

„Guten Morgen", sagte ich aufgeregt und setzte mich an den Fußrand des Bettes, wo Danko mit dem Rücken zu mir schlief und Jools gerade ihre Augen rieb um mich dann durch das dunkle Zimmer fragend anzusehen.

„Morgen Faye", murrte sie und verdeutlichte ihren fragenden Ausdruck, indem sie die Augenbrauen anhob. Ich glaube zumindest, dass sie einen fragenden Ausdruck machen wollte, denn Jools sah eigentlich immer ein bisschen fragend aus, was wohl wegen ihrer hoch angesetzten Augenbrauen und den großen Augen, sowie den hohen Backenknochen, der Fall war.

„Du musst mich beruhigen", erklärte ich und sie setze sich auf.

„Warum das?", fragte sie und gähnte.

„Weil ich nervös bin", sagte ich und lehnte mich ohne zu bedenken, dass ich nicht in meinem Bett war, nach hinten, was wenn ich mich wirklich in meiner Höhle befinden würde, gar kein Problem darstellte, da das Bett in eine Nische stand und somit von drei Seiten mit Mauern umgeben war. Hier war das aber nicht so und da ich ziemlich an der Kante saß, bekam ich Übergewicht und fiel mit einem –RUMPS- auf den Rücken. Mein Kopf machte zwischendurch eine kleine Begegnung mit Jools Klavierhocker, indem er an die Kante knallte und sich dann zu meinem restlichen Körper auf den Boden gesellte.

„Autsch", sagte ich und versuchte mich aufzurappeln, aber irgendwie tat mein Rücken ziemlich weh und auch mein Kopf schmerzte. Ich griff mit der Hand an meinen Hinterkopf und spürte auf einmal etwas Warmes.

„Faye du blutest!", sagte da Jools, die vor mir hockte. War mir zuerst gar nicht aufgefallen, dass sie neben mir war. Mittlerweile war auch Danko auf den Beinen und die beiden halfen mir auf. Danko sah sich die Wunde an und würde sie wohl bald verarzten, da er ja Medizinstudent war, und ich würde schon bald zu meinem Unbekannten kommen. Aber er sah eher hilflos aus und so fuhr ich ihn an:

„Danko, kannst du bitte irgendwas machen, dass mein Kopf aufhört zu bluten. Ich hab heute noch eine Verabredung"

Danko erwiderte nichts, stattdessen erklärte mir Jools:

„Faye. Du kannst da jetzt nicht hin. Wir müssen mit dir ins Krankenhaus"

Sicher nicht. Für was ist denn ein angehender Arzt hier?

„Danko, mach das doch du. Für was studierst du denn schon das 2. Jahr Medizin?", meinte ich schon ziemlich genervt, als denen immer noch nichts besseres einfiel als ein Tuch auf die Wunde zu pressen und mich Richtung Tür zu ziehen. Aber ich ließ mir das nicht gefallen. Schließlich wollte ich meine Verabredung nicht verpassen.

„Faye, jetzt sei doch nicht so stur", meckerte Jools, während sie mir eine Jacke um die Schultern legte und ich mich immer noch wehrte.

Die verstanden das nicht. Ich konnte jetzt nicht einfach ins Krankenhaus, damit würde ich Snuffles ja versetzen. Langsam nervte mich Danko immer mehr, der immer noch etwas hilflos das Tuch auf meinen Hinterkopf hielt. Was war denn das für ein Medizinstudent?

„Danko, du bist angehender Arzt, verdammt. Flick mich doch endlich zusammen!", jammerte ich, doch er erbarmte sich nicht, sondern hob mich nur auf, um mich nach unten zum Auto zu tragen.

Mit brummendem Kopf und schmerzendem Rücken schlug ich die Augen auf und sah ein grellweißes Zimmer vor mir. Ein Krankenhauszimmer? Ich blickte mich weiter um und sah Jools neben mir sitzen.

„Geht's dir wieder besser, du stures Kind?", fragte sie liebevoll lächelte mir zu.

Oh mein Gott.

„Oh mein Gott. Wie spät ist es?"

Jools tat einen Blick auf ihre Uhr und sagte dann:

„Halb zwei. Warum?"

Ich zuckte zusammen.

„Ich muss hier weg", sprudelte aus mir heraus und ich sprang aufgeregt auf. Wenn ich mich beeilte würde ich ihn noch erwischen. Gestern war es ungefähr Zehn vor Zwei gewesen, als ich ihn getroffen hatte, und die Uni war nicht weit vom Krankenhaus. Wenn ich in dem Krankenhaus war, von dem ich es erhoffte, zu sein.

Allerdings machte mir Jools wiedermal einen Strich durch die Rechnung und sprang ebenfalls auf, um mich wieder in mein Bett zu befördern.

„Jools, du verstehst das nicht", jammerte ich und versuchte ihren Griff zu lockern.

„Faye, du verstehst das nicht. Es ist immer das gleiche. In Stresssituationen wirst du absolut stur. Noch sturer als sonst. Und drehst dann zusätzlich auch noch durch", erklärte Jools mit ruhiger Stimme „Bleib liegen. Bitte."

Erst als beim letzten Wort, hörte ich auf herumzuzappeln und verdrehte genervt die Augen.

„Dann geh wenigstens du für mich hin. Sonst denkt er ich habe ihn versetzt und ruft mich nie wieder an. Und dabei mag ich doch dieses „Prinzessin" so gerne", jammerte ich und sie willigte ein, worauf ich sie jubelnd umarmte.

„Ich hol Danko herein, damit er auf dich aufpasst", meinte sie und zwinkerte mir zu. Dann ging sie hinaus.

Erleichtert seufzte ich. Hoffentlich schaffte Jools es rechtzeitig. Da fiel mir erst ein, dass ich ihr nicht weder gesagt hatte, wo sie hinmusste, noch wer der Unbekannte war. Genau in dem Moment öffnete sich die Tür und Jools kam noch mal herein.

„Habe wohl was Wichtiges vergessen", schmunzelte sie und ich bekam mal wieder die Panik. Was wenn sich das nicht ausging? Warum trödelte sie denn so?

„Darf man reinkommen?", fragte Hiram, der seinen Kopf zur Tür reinsteckte.

Ich bejahte und sagte Jools schnell alles Wichtige.

Dann war ich mit Hiram alleine. Er setzte sich neben mich aufs Bett und sah mich besorgt an.

„Wie geht's deinem Kopf?", fragte er, aber ich hatte jetzt keine Lust darüber zu reden, schließlich hatte diese bescheuerte Wunde mir das alles eingebrockt. Deshalb antwortete ich einfach nicht, sondern knackte nervös mit meinen Fingern. Jetzt lag es an Jools.

„Du willst wohl nicht mit mir reden?", stellte Hiram fest und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Weil ich gestern deine Versteckpläne gestört habe?" Er sah mich fragend an und hob die linke Augenbraue. „War Precious so schlimm?"

Beim Wort Precious musste ich einfach herhören. Er hatte mich also durchschaut? Ich grinste verlegen und schüttelte den Kopf.

„Was ja gar nicht wegen Precious", murmelte ich. Die Röte stieg mir ins Gesicht. Verdammt, lügen muss man eben können.

„Sondern?", fragte er in einem Ich-hab-dich-schon-lange-durchschaut-du-brauchst-gar-nicht-leugnen-Tonfall. Da fiel mir eine kluge Taktik ein. Die Aber-ich-lieg-doch-im-Krankenhaus-Taktik.

„Können wir bitte ein anderes Mal darüber reden. Vielleicht wenn ich nicht mit Verband um den Kopf im Krankenhaus liege?", fauchte ich ihn an und verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

„Du weißt dass das bei mir nicht zieht oder?", sagte er „Warum magst du Precious nicht?"

Verdammt.

„Nicht etwa, weil sie meine neue Freundin ist und du ein klein wenig eifersüchtig bist?", fügte er hinzu.

Ich antwortete nicht.

„Faye?" Gut. Neue Taktik…Die Unschuldstaktik. Hach, Faye, du bist genial.

„Was?", fragte ich unschuldig und klimperte mit den Äuglein.

„Faye", meinte er aber nur in einem nicht so unschuldigen Ton.

Ich hüstelte und lächelte mein tollstes Engelslächeln. Wie wär's mit der Ablenkungstaktik?

„Schönes Wetter heute, oder?", sagte ich strahlend und deutete zum Fenster. Verdammt. Es regnete in Strömen.

Ich grinste verlegen und sagte:

„Naja vorher war's noch schön"

Schon wieder eine Lüge. Es regnete schon den ganzen Tag.

„Faye, könntest du jetzt endlich zur Sache kommen", sagte er genervt. „Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein auf Precious. Schließlich waren wir uns mit der Trennung einig." Verdammt, jetzt hatte er einen wunden Punkt erwischt. Half, nur mehr eins. Abstreiten.

„Ich bin nicht eifersüchtig", maulte ich.

„Sondern?"

„Verdammt, wie kommst du auf die Idee, dass ich auf Precious eifersüchtig bin? Oder dass ich Precious nicht mag. Ich hab mich nicht vor Precious versteckt. Das ist alles ein blödes Hirngespinnst von dir", fuhr ich ihn an und im nächsten Moment tat es mir schon wieder Leid. „Ich wollte dich nicht anfahren. Tschuldige", murmelte ich und schielte zu ihm.

Er hatte seine linke Augenbraue hinaufgezogen.

„Du musst nicht immer gleich aus der Haut fahren, wie ein Teenager", sagte er und sah zur Seite. Mann, jetzt schämte ich mich.

„Ich weiß", sagte ich. „Aber in Stresssituationen dreh ich durch. Frag doch Jools. Die kann ein Lied davon singen"

„Das war eben eine Stresssituation?"

„Freunde anlügen zählt für mich als Stress, ja. Einen Unfall haben auch"

Ich hatte eben zugegeben, dass ich ihn angelogen hatte. Jetzt musste wohl die Wahrheit raus…

„Ich dachte sie wäre die Obertusse und dann erzählt sie mir, sie würde Medizin studieren und sich für Kunst interessieren und bringt mir meine Lieblingsschoko mit. Das musste ich erst verdauen, dass sie eben so ganz anderes war, als ich sie eingeschätzt hatte. Und weil ich eben manchmal ein bisschen eigenartig bin, vor allem in Stresssituationen, bin ich durchgedreht und hab mich in meiner Panik versteckt", erklärte ich langsam und immer noch ein wenig widerwillig. Aber es musste sein. Mit Hiram Streit zu haben wollte ich nicht und dafür musste ich wohl meinen Stolz ein wenig beschmutzen.

Ganz anders als ich es erwartet hatte, grinste mich Hiram jetzt wieder an.

„Ein bisschen eigenartig?", grinste er und ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er war mir nicht böse. Ich könnte jubeln. Er war mir nicht böse.

„Wer rennt schon in Panik weg, nur weil ein Mensch ein bisschen anders ist als er gedacht hat?", bemerkte Hiram und wir beide mussten lachen. Ja, ein bisschen eigenartig war vielleicht wirklich untertrieben.