Nachdem Hiram gegangen war, döste ich leicht ein, da der Schlag auf meinen Kopf nicht nur ein Cut sondern auch eine leichte Gehirnerschütterung, die nur mit Schlaf wegzubekommen war, ausgelöst hatte. Aber in so richtig sorglosen Schlaf konnte ich trotzdem nicht verfallen, denn ich hatte immer wieder die Gedanken an Jools und den Unbekannten im Hinterkopf und konnte immer nur für kurze Zeit wegdösen. Und so schreckte ich jedes Mal, wenn sich die Tür öffnete, auf und fuhr enttäuscht wieder in mein Bett zurück, wenn nur Danko hereinkam und meine Sachen brachte oder Berry mit Blumen.
Irgendwann rechnete ich schon gar nicht mehr mit Jools Rückkehr und versuchte mir vorzustellen, warum sie nicht zurückkam. (--Sie verliebt unsterblich in ihn, betrügt Danko bis aufs Letzte und brennt mit dem Unbekannten durch, um ein berühmt berüchtigtes Verbrecherpäarchen zu werden, das dann mich alte Jungfer in ich weiß nicht wie vielen Jahren heimsucht und auslacht, weil ich so blöd war, meinen Kopf an einem Klavierhocker zu zertrümmern. Dann werden sie mich kaltblütig erdrosseln—Ja ich weiß, meine Fantasie brennt auch manchmal mit mir durch…) Und irgendwann, als ich gerade von einem wilden Fechtkampf um Jools zwischen dem Unbekannten, Hiram und Danko – alle in wundervoller Piratenfechtkleidung –fantasierte und mich selbst bemitleidete, dass ich so wenig begehrt wurde, öffnete sich erneut die Tür und –wer's glaubt- Jools steckte ihren Kopf rein und schnaufte, als sie sich vergewissert hatte, dass ich wach war, zur Tür rein. Offensichtlich war sie also gerannt.
„Hey Faye", sagte sie und setzte sich an meine Bettkante. Aufgeregt setzte ich mich auf.
„Also", schnaufte sie und nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Lass mich kurz durchatmen"
Und so saßen wir beide auf meinem grellweißen Krankenhausbett. Jools schnaufend wie kurz vorm Ersticken – ich rechne ihr das hoch an, dass sie so gerannt ist. Jools ist schließlich der faulste Mensch, den die Menschheit je erlebt hat – und ich herumzappelnd wie ein kleines Kind zu Weihnachten.
„Ich bin zur Uni", schnaufte sie und atmete wieder fleißig durch. „ Und da bin ich eine zeitlang auf und ab gerannt, und hab verschiedene schwarzhaarige Männer umgerempelt" (Atme. Schnauf. Keuch.) „Und irgendwann hat mich jemand von hinten angetippt und schon während ich mich umgedreht hab" (Schnauf) „Gefragt, ob ich zufällig ihn suche" (Keuch) Und dann dreh ich mich um und schau direkt in die Augen von Sirius Black" (Schrei meinerseits.)
„Hey warum sagst du mir wie er heißt?", schnaube (nicht schnaufe – schnaube) ich aufgebracht. Jools aber versucht mich zu ignorieren und atmet kurz durch, um dann weiter zu erzählen.
„Ich kenn ihn von meiner Schule. Er hat ein Jahr vor mir absolviert und war der Mädchenschwarm schlechthin. Vor Danko hatte ich mal was mit ihm"
Für Jools gab es ein vor Danko? Jools und Danko waren doch immer schon zusammen!? Außerdem: Jools hatte was mit meinem Unbekannten? Jools kannte meinen Unbekannten, der jetzt gar nicht mehr so unbekannt war?
„Jedenfalls war er damals der totale Arsch und hat mich betrogen und deshalb – naja, ich kann ihn nicht wirklich leiden. Eigentlich meiden wir ihn alle. Remus ist im Prinzip einer seiner besten Freunde und auch seine anderen Freunde sind ziemlich nett, aber Sirius selbst ist einfach nur arrogant und ein völliger Arsch Frauen gegenüber"
Mein Weltbild war zerstört.
„Jedenfalls hab ich ihm gesagt, dass du hier bist und nicht mehr und nicht weniger. Du kannst echt nicht von mir verlangen, dass ich mehr als zwei Sätze mit Sirius Black wechsle"
Sie verdrehte die Augen und setzte an um weiterzureden:
„Dann bin ich so schnell wie möglich abgehauen, nicht dass ich noch mit ihm zusammen auftauchen muss. Faye, ich sag dir. Halt dich von ihm fern, er wird dir echt nicht gut tun"
Sie stand langsam auf und strich mir über die Wange.
„Du verdienst jemanden besseren"
Dann setzte sie sich wieder und wartete auf meine Reaktion. Doch diese kam nicht. In meinem Hirn ratterte alles was irgendwie mit dem Unbekannten oder Sirius zu tun hatte. Einerseits flogen Wörter wie Prinzessin durch meinen Kopf, sowie sein charmantes Lächeln, andererseits die Erzählungen von Jools. Es tat so weh, das alles zu hören. Ich hatte ihn doch für perfekt gehalten. Oder für annähernd perfekt, schließlich hatte er mich seltsam genannt.
„Achja er hat gesagt, du hast meine Zeitung. Könnte ich die wiederhaben?", fragte Jools mich plötzlich und ich lief so gut rot an wie ein Mensch mit brauner Hautfarbe rot anlaufen kann (ich bekam drei hellrosa Flecken) und stammelte:
„Aber du hast doch gesagt, ich kann sie haben"
Jetzt war es an Jools rot zu werden.
„Eine Schülerzeitung von unserem Internat", nuschelte sie.
„Hat er mich deshalb seltsam genannt?", fragte ich mit großen Augen und visierte sie an. Jetzt kam ich endlich hinter das seltsame Seltsam.
„Er hat sich gewundert wie du an die Zeitung kommst, weil er dich eben nicht kannte", antwortete Jools und wirkte immer noch verlegen.
„Du hast ja ganz schön ausgiebig mit ihm geplaudert für das, dass du ihn nicht leiden kannst", sagte ich ein klein wenig beleidigt.
„Er hat mit mir geplaudert, nicht umgekehrt. Das ist ein großer Unterschied"
Ich nickte zustimmend, war in Gedanken aber schon wieder weit weg von unserem Gespräch. Nämlich bei gewissen Überlegungen, was ich jetzt tun sollte. Auf Jools hören und ihn vergessen, weil ich jemanden besseren verdiente? Nicht auf Jools hören? Mir selbst ein Bild von ihm machen und dann vielleicht bitterlich enttäuscht werden? Und was sollte das überhaupt mit dieser Schülerzeitung? Irgendwie klang das ja nicht so realistisch…Außerdem nervte es mich, dass Jools und Sirius, so wie mein Unbekannter ja hieß, über mich geredet hatten.
„Was hat er denn gesagt? Kommt er her? Oder hat er dir eine Nummer gegeben, an die ich anrufen kann?", fragte ich Jools und diese zog die Augenbrauen hoch.
„Du willst ihn also nicht vergessen, nehm ich an"
„Ich will zumindest die Möglichkeit haben, ihn nicht zu vergessen", antwortete ich und sah sie herausfordernd an. Irgendwas musste sie doch noch mitzuteilen zu haben.
„Er hat gesagt, er schaut vorbei", sagte Jools und wirkte nicht allzu glücklich. In mir hingegen breitete sich Erleichterung aus. Ich hatte schon gedacht, Jools würde ihn vergraulen. Aber so hatte ich zumindest die Möglichkeit darüber nachzudenken, wie ich weiter vorgehen wollte.
Als Jools allerdings das glückliche Lächeln auf meinem Gesicht sah, bekam sie ihren besorgten Gesichtsausdruck.
„Ich will nicht, dass er dich verletzt, Faye", sagte sie und durchwuschelte vorsichtig den vorderen Teil meiner braunen Locken. Plötzlich verzog sich ihre Miene zu einem gehässigen Grinsen
„Und wenn, bring ich ihn höchstpersönlich um"
„Wen bringst du um, Jools Meadows? Doch nicht etwa mich?"
Jools wirbelte um und ich hob meinen Blick um meinen Unbekannten in der Tür stehen zu sehen. Er lächelte mir zu und kam zu meinem Bett herüber, während Jools ihn bitterböse anfunkelte.
„Könntest du uns alleine lassen, Meadows?", fragte er sie und wandte sich dann wieder mir zu, indem er sich herunterbeugte und mir einen kleinen Kuss auf die Wange gab. Aus Reflex griff ich sofort auf die Stelle, die wohl ziemlich rosa leuchtete und auch ziemlich heiß war. Glücklich grinsend strich ich darüber, während Jools maulend hinausging und der Unbekannte oder einfach Sirius ihren Platz auf meiner Bettkante einnahm.
„Sag mal was ist passiert, Prinzessin?", fragte er und schaute mich mit großen grauen Augen an, worauf ich mir zureden musste, mich nicht darin zu verlieren. Wäre ein bisschen peinlich. Und so erzählte ich ihm lieber, was passiert war und hörte mir dann seine Version der Geschichte an. Nämlich dass er eine Weile gewartet hatte und sich dann gedacht hatte, dass es seltsam war, dass diese Frau auf der anderen Straßenseite so viele dunkelhaarige Männer umrannte. Und dass er sie dann angesprochen und wiedererkannt hatte und dass sie ihn dann sofort angeschrieen hatte, er solle die Finger von mir lassen. Aber er wollte doch die Finger gar nicht von seiner Feenprinzessin lassen.
Feenprinzessin? Hatte Jools etwa erwähnt, dass ich Faye hieß? Oder hatte er das selbst erdichtet?
Sirius hatte aufgehört zu reden und sah mich durchdringend an. Und plötzlich wurde mir bewusst, dass es mir egal war, was Jools über ihn gesagt hatte. Er war mein Unbekannter. Er sah mich mit diesen wundervollen grauen Augen an und machte sich Sorgen. Ich war seine Prinzessin. Und was störte es mich, was er während seiner Schulzeit falsch gemacht hatte? Sollte ich mich davon beeinflussen lassen? Sicher nicht.
Ein glückliches Lächeln kam über mein Gesicht und ich wünschte mir nur noch eines: Ihn zu küssen! Aber eine Prinzessin küsst nicht, sie wird geküsst.
Und als ob Sirius Gedanken lesen könnte, beugte er sich schließlich vor, bis unsere Nasenspitzen fast aneinander anstießen, was ein behagliches Kribbeln in mir auslöste und küsste mich schließlich mit diesen unendlich weichen, sanften Lippen direkt auf dem Mund. Und ich erwiderte es, so glücklich wie selten zuvor.
