Titel: About Business
Teil:2? – Asian Lyrics
Autor: Yusuka
Email: Yusukagmx.de
Rating: PG
Warning: OC, language, het, light sap (gilt für aktuelles Kapitel!)
Pairing: Tohma & Mika (gilt für aktuelles Kapitel!)
Disclaimer: Gravitation ist Eigentum von Murakami Maki, Sony Magazines Inc., Studio Deen und SPE Visual Works. Diese Fan Fiction dient keinerlei kommerziellen Zwecken.
Kommentar: Der zweite Teil ist vollendet und wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet nicht? XD Dennoch, das schreiben hat diesmal Spaß gemacht, erratet ihr was mein Lieblingsabsatz ist? Ich freue mich tierisch auf den dritten Teil! Endlich kann ich Tohma von einer Seite beleuchten, die man im Anime nicht sieht, die aber definitiv vorhanden sein muss! Wahrscheinlich wird der dritte Teil gar nicht so lange auf sich warten lassen, ich bin einfach in totaler Vorfreude diesen zu schreiben. Leider musste ich dieses Kapitel viel früher beenden, als geplant. Dennoch war es denke ich die richtige Entscheidung. Es tut mir also sehr leid, dass die Szenen, auf die ich mich selbst am meisten gefreut habe und die ich meinen Freunden schon vorangekündigt habe, leider erst im dritten Teil mit einbauen werde. Der dritte Teil wird übrigens nicht der Letzte sein! Die Story ist noch sehr ausbaufähig und mein Kopf voller kranker Einfälle, also bleibt mir treu! .
Ich danke ganz besonders Yuyake (inbesonders fürs betan), Chikara, Seiji und demiveemon für die Unterstützung, danke, dass ihr mich in meiner schreibwütigen Phase ertragen habt. ; Ebenso danke ich meiner Umi, die sich immer wieder dazu bereit erklärt hat mit mir verrückte Theorien aufzustellen! Ich hab euch alle lieb.
Über Kommentare würde ich mich natürlich wie immer sehr freuen. KONSTRUKTIVE Kritik ist also jederzeit willkommen.
- About Business -
2. Kapitel: Asian Lyrics
Er hatte nicht das Gefühl sich je daran gewöhnen zu können, wie Eiri immer wieder eine Zigarette nach der anderen rauchte. Schon vor Jahren hatte er sich die Geste, den Qualm mit der Hand wegzuwedeln, abgewöhnt. Eiri nahm keine Rücksicht auf ihn, nie. Es war die vierte Zigarette innerhalb einer halben Stunde, die er sich nun anzündete und mit einem halben Lächeln sah Tohma dem Schriftsteller dabei zu.
„Langsam fühle ich mich beleidigt, weil du immer in meiner Gegenwart so unsinnig viel rauchst."
Eiri hob desinteressiert eine Braue und zuckte die Schultern.
„Du stresst mich ja auch immer! Wenn du da bist rauche ich viel mehr."
Er legte das Feuerzeug beiseite und bedachte Tohma mit einem skeptischen Blick.
„Was willst du eigentlich von mir? Hast du nicht genug damit zu tun Mika zu füttern und deine Firma am laufen zu halten?"
Eiri wirkte genervt wie immer, Tohma störte dies nicht im Geringsten, es wäre unheimlich gewesen, wenn es nicht so gewesen wäre. Er hatte seinen Schwager am späten Abend mit seinem Besuch überrascht. In der Firma war ausnahmsweise so wenig los gewesen, dass er sich diesmal schon gegen 19 Uhr losreißen konnte, etwas, dass viel zu selten vorkam, jedenfalls in Mikas Augen.
„Deine Schwester verträgt den momentanen Zustand außergewöhnlich gut. Bislang hat sie mich erst 23-mal geweckt, um ihr mitten in der Nacht Eiscreme zu besorgen."
„Ein neuer Rekord?"
Tohma lächelte mit geschlossenen Augen und zuckte die Schultern, während er die Teetasse wieder auf den Tisch stellte.
„Sie genießt die Schwangerschaft, wurde auch langsam Zeit, dass sie sich mal Ruhe gönnt. In letzter Zeit liest sie den ganzen Tag irgendwelche Frauenmagazine."
Der werdende Vater setzte ein naiv glückliches Lächeln auf und begann in einer Tüte zu wühlen, die er mitgebracht hatte. Seine Augen hatten jenes Funkeln inne, das normalerweise nur bei einem erfolgreichen Geschäftsabschluss zu sehen war, als er Eiri einen dunkelblauen Strampler entgegen streckte. Dieser verdrehte mit einem genervten Seufzer die Augen. Wieso nur zur Hölle, war er der einzige den Tohma auf diese Art und Weise belästigte? Werdende Eltern hin oder her, aber in letzter Zeit benahm sich der Präsident, einer der einflussreichsten Firmen in der Unterhaltungsbranche, wie ein Dreijähriger.
Dennoch stutzte der Schriftsteller und legte den Kopf in die Hand, den Ellenbogen auf die Lehne seines Sofas gestützt.
„Es ist blau."
Eiri nickte auf das kleine Stück Stoff mit der Ohrenkapuze und zog die Brauen hoch. Alleine Tohma war im Stande ein so hässlich niedliches Kleidungsstück für sein Kind zu kaufen.
„Genau, blau." Tohma nickte mit einem breiten Grinsen, während er den Strampler wieder zusammenfaltete und nach der Tüte griff. Diese erregte Eiris Aufmerksamkeit.
„Du warst nicht bei Kansai Yamamoto?"
Tohma schüttelte beschäftigt den Kopf. Seine schlanken Finger waren grade dabei den dünnen Stoff wieder glatt zu streichen. Eben diese Finger steckten mal wieder in sündhaft teuren Handschuhen, die Eiri gleich ins Auge gefallen waren, sowie Tohma seine Wohnung betreten hatte. Wie alles an Tohma empfand er diese Dinger, als übertrieben elegant.
„Naja schon, aber es ist ein Geschenk von Aoyama-san."
„Der Designer?"
„Hm. Ich war nur in Shibuya wegen ein paar Krawatten."
Schon wieder verdrehte Eiri die Augen, begutachtete aber scheinbar interessiert Tohmas Handschuhe, bis er ihm andeutete seine Hände auszustrecken. Verdutzt leistete Tohma dem Folge und legte blinzelnd den Kopf schief.
„Was soll das denn?"
Doch Eiri stieß nur schnaubend den Rauch seiner Zigarette aus und drehte Tohmas Hand herum, sein Daumen ruhte über Tohmas Puls den er unter dem hauchdünnen Stoff leicht pochen spürte.
„Die sind auch nicht von Kansai oder?"
Tohma schüttelte den Kopf und blickte ihn noch immer fragend an.
„Sonderanfertigung, ein Promo Geschenk für das Shooting eines Magazins. Aber wieso fragst du mich über meine Kleidung aus?"
„Wegen meines neuen Romans, ich brauche visuelle Anregungen. Der Typ den ich beschreibe hat genau so einen kranken Modefimmel wie du."
Noch immer hielt Eiri Tohmas Handgelenk fest und drehte und wendete es, um sich ein haargenaues Bild des Stoffmusters zu machen. Es würde sich in sein von Worten trainiertes Hirn einbrennen, bis er den bordeuxroten Stoff selbst im Traum sehen würde.
„Du hast auch eine Brille von Kansai Yamamoto oder?"
„Mehrere."
„Wie viel haben die gekostet?"
Ratlos zuckte Tohma die Schultern und kräuselte die Lippen.
„Ich weiss nicht. Eine war ein Geschenk von Yamamoto-san und bei den anderen hab ich nicht drauf geachtet. Da guckt man nicht auf den Preis, ich zieh eh immer nur eine an, wenn überhaupt. Soll ich dir eine besorgen?"
„Nicht nötig. Ich brauch es nur fürs Buch."
In dem Moment zuckte Tohma zusammen, verwundert starrte Eiri auf die Stelle hinunter an die er Tohmas Hand festhielt. Er spürte wie sein Schwager, aufgrund leichten Schmerzes versuchte ihm die Hand zu entziehen, doch er hielt ihn fest und schob den Handschuh ein Stück hinunter. Tohmas perlweiße Haut zierte rund um das Handgelenk ein tiefblauer Fleck. Wie ein Ring zeichnet er sich dort ab und störte somit kräftig das Gesamtbild von Tohmas makellosem Körper. Verwundert, fast besorgt strich Eiri vorsichtig über die offensichtliche Druckstelle, noch immer hielt er Tohmas Hand fest damit dieser sie ihm nicht wegziehen konnte. Denn in Tohmas Augen las er bereits, dass er keine vernünftige Erklärung hierzu bekommen würde.
„Wie ist das denn passiert? Wilde Sexspiele mit Mika?"
Nach einem tadelnden Blick, gelang es Tohma Eiri seine Hand zu entziehen, sofort zog er Handschuh und den Ärmel seines Jacketts über die wunde Stelle an seiner Haut. Die ringförmige Verletzung war nicht irgendein blauer Fleck. Tohma konnte sich ganz genau denken, wovon er dieses kleine Andenken zurück behalten hatte. Er erinnerte sich an den Nachmittag in seinem Büro, als K ihn auf eine Art und Weise genommen hatte, die ihn nicht nur schockiert, sondern auch empört hatte. In den Berührungen des Amerikaners, lag weder die Sehnsucht, die er immer an den Tag legte, wenn sie miteinander schliefen, noch das fast romantisch angehauchte Verlangen mit dem er ihn immerzu geküsst hatte, wenn sie sich sahen. Doch dieses Mal in seinem Büro hatte K ihn beherrschen wollen. Tohma hatte es in jeder Sekunde gespürt. Der blaue ringförmige Fleck an seiner Hand war der Beweis, wie brutal sich K diesmal an ihm vergriffen hatte. In gewisser Hinsicht verband er dies sogar mit einem Maß an Ekel, er hatte sich danach schmutzig und benutzt gefühlt, ein Gefühl, das er nie zuvor empfunden hatte. Der Grund war ihm bestens bekannt. K hatte wahrhaftig seinen Stolz angekratzt und vorher war dies keinem anderen gelungen. Er hielt sich selbst für unnahbar, er wusste es, ja er kannte sich selbst so gut wie nichts anderes und er wusste wie er auf die Menschen wirkte, welchen Eindruck er hinterließ, es war immer seine Selbstsicherheit gewesen, die ihn ans Ziel geführt hatte und das in jeder Lebenslage.
„Hat dir jemand wehgetan?"
Eiri sah schon fast besorgt aus, was Tohma ein sehr fremdes Gefühl vermittelte. Diesen Gesichtsausdruck hatte er seit Eiri sechzehn war, nie wieder gesehen. Für einen Moment wand er den Blick ab und zuckte wehmütig die Schultern.
„Wenn es so wäre, würde es dich interessieren?"
Seinem Schwager fiel fast die Zigarette aus dem Mund, legte dann aber den Kopf schief und starrte Tohma unverwandt an.
„Kommt drauf an. Also was ist los? Hast du irgendwelchen Ärger?"
„Iwo, wie kommst du darauf, du lässt dich ja immer noch von mir veralbern, wie früher, als du noch ein kleines niedliches Kind warst und mir grad bis zur Brust gereicht hast."
Tohma wedelt abtuend mit der Hand und machte sich bereit zu gehen, es war bereits spät und Mika wartete auf ihn.
„Du kannst mir doch nichts vormachen Seguchi…"
Eiri war aufgestanden und seinem Schwager bis in den Flur gefolgt, dieser zog sich grade wieder den Mantel an und schlüpfte auf dem Absatz in seine Schuhe. Diese gewohnte Geste trieb Eiri ein Schmunzeln ins Gesicht.
„Du brauchst dir bei mir nicht die Schuhe auszuziehen."
„Ich mach es trotzdem."
Es blieb ihm so genug Zeit Tohma zu betrachten, seine schlanke Gestalt in dem viel zu warmen Mantel, er wirkte, als würde er erdrückt werden von dem schweren Kleidungsstück, die dunkle Farbe ließ ihn noch blasser erscheinen, als sonst und sein Körper schien schmal, fast dürr und ohne jede Kontur. Hier fiel es Eiri zum ersten Mal auf.
„Sag Tohma, hast du abgenommen?"
Tohma schüttelte den Kopf, den Blick desinteressiert auf seine Füße gerichtet, als er würde er in einem Schuhgeschäft stehen und welche anprobieren.
„Nur ein wenig, in letzter Zeit war viel los."
„Du solltest lernen richtig zu essen, du bist viel zu dürr. Was findet meine Schwester bloß an einem Hungerhaken wie dir?"
Am liebsten hätte er laut losgelacht über Eiris Worte, nicht oft erlebte er ihn so voller Humor. Doch er verkniff es sich und lächelte ihn stattdessen scheinbar glücklich an.
„Du hast mich ja bei meinem Vornamen genannt."
Eiri drehte den Kopf weg, um es zu vertuschen, prompt kehrte die alte unnahbare Miene zurück, die seit langem seine gesamte Mimik ausmachte.
„Reiner Zufall, gewöhn dich bloß nicht daran, ich finde nur Mika könnte einen richtigen Mann gebrauchen und keinen der kurz davor ist zusammenzubrechen, weil er nichts mehr isst. Dein niedriges Gewicht war schon immer ein Problem. Du bist ein Idiot, dass du nicht darauf Acht gibst."
Für diese Worte hatte Tohma nur ein unverständliches Kopfschütteln übrig, die Mahnung und versteckte Sorge seines Schwagers hielt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht für berechtigt. Sein Körper würde ihm doch schon sagen, wenn was nicht in Ordnung wäre, zumindest in dieser Hinsicht. Dass er wieder einmal abgenommen hatte, war auch Mika aufgefallen, allerdings war das nichts Ungewöhnliches. Er nahm ständig ab, insbesondere bei Stress. Wer hatte schon Zeit zum essen, wenn man von Termin zu Termin jagen musste und selbst abends zu Hause einen ganzen Ordner voller unerledigter Sachen zu bearbeiten hatte? Es blieb schon viel zu wenig Zeit für Mika oder andere private Dinge. Mittlerweile bezahlte er seine Angestellten auch dafür, um ihm persönliche Gefallen zu erledigen, wie z.B. das abholen irgendwelcher Anzüge für einen Fototermin oder sonstige Erledigungen, die eigentlich in seine Freizeit gehörten, die er allerdings nicht besaß.
„Ich hatte in letzter Zeit viel Stress, bin erst spät in der Nacht nach Hause, da hab ich manchmal vergessen, dass ich hungrig war."
„Das ist doch nur eine Ausrede. Was willst du machen wenn das Kind da ist Seguchi? Dann hast du noch weniger Zeit, glaubt bloß nicht ich pass auf eure Teufelsbrut auf, nur damit ihr nachholen könnt, was ihr im Bett verpasst habt, oder um dich wieder aufzupäppeln."
Tohma strahlte regelrecht.
„Du machst dir ja richtig Sorgen um mich! So rührend hab ich dich schon lange nicht mehr erlebt, das ist ja richtig niedlich!"
Entnervt schloss Eiri die Tür auf und schob Tohma zur Tür raus.
„Ach, mach, dass du wegkommst, ist mir doch egal, wenn du bald aussiehst wie ein Skelett, dann gibst du wenigstens Ruhe!"
„Du soooorgst dich um mich!"
„Gute Nacht!"
„Was macht denn ein Amerikaner hier?"
Die grünen Augen funkelten skeptisch im Schein seines Feuerzeuges. Das gedämmte Licht am Ende der Theke verlieh dem Ambiente eine fast schmutzige Atmosphäre. Das Ikkoku bot seinen Gästen eine Mischung aus westlicher Gelassenheit und japanischem Prunk. Es war eine Bar ohne Besonderheiten, nicht größer und nicht kleiner, als die anderen in diesem Viertel. Ein wenig zurückhaltender wirkte es, wenn auch nicht wirklich billig. Selbst für die Uhrzeit befanden sich nur wenige Gäste hier. Die beiden Männer am Ende der Theke, dort wo sich die Tür zum Hinterausgang befand, waren zwei von ihnen.
„Das ist vielleicht ein Polizist."
Der Mann im schwarzen Designerhemd blies den Rauch seiner Zigarette aus, sein Blick war noch immer auf den langhaarigen Blonden gerichtet, den er nicht aus den Augen ließ. Er war ihm bei weitem nicht geheuer und er würde ihn wahrscheinlich den ganzen Abend beobachten.
„Amerikanische Polizisten reisen nicht extra aus den USA an, um dir in den Arsch zu beißen Jun."
Die Person mit den stechend grünen Augen und den zu einem kurzen Pferdeschwanz gebundenen, dunklen Haar, blickte sich um, bevor er seinen Nebenmann anzischte.
„Halts Maul, so wie der aussieht, haben wir einiges von dem zu befürchten. Also mach, dass du ihn loswirst."
„Ich werfe keine zahlenden Gäste aus meinem Lokal, nur weil du dir vor Angst fast in die Hosen machst."
Der andere hob abwehrend die Hände, während er den Rauch seiner Zigarette erneut ausstieß.
„Ich bin nur vorsichtig, das ist alles."
K hatte in der Zwischenzeit die Gelegenheit genutzt, sich heimlich ein Bild der beiden zu machen. Er kam zu dem Schluss, dass es sich um zwei zwielichtige Gestalten handelte, die nicht verbergen konnten, dass sie entweder was im Schilde führten oder aber auch schon längst etwas getan hatten, dass die örtlichen Polizeibehörden interessieren würde. Er hatte ein Gespür dafür entwickelt. Harmlose Menschen benahmen sich nicht so und diesen beiden leuchtete fast eine Reklame über den Köpfen, dass sie nicht ganz geheuer waren.
Viel mehr interessierte ihn jedoch, wie er Kontakt zu den beiden aufnehmen konnte, ohne Verdacht zu erregen, den die beiden wohl sowieso geschöpft hatten. Wie zur Hölle war er in diese Situation geraten und wie kam er da wieder heraus? Er hatte es schließlich noch nie mit echten Yakuza zu tun gehabt und eigentlich, ganz genau genommen, wusste er sowieso nicht was er hier eigentlich tat.
„Kann ich Ihnen noch etwas zu trinken bringen?"
Cui Hua, die junge chinesische Bedienung, die er als äußerst niedlich empfand, lächelte ihn süffisant an. Mittlerweile schien sie nicht mehr ganz so abgeneigt ein wenig mit ihm zu flirten, denn sie hatte sich galant über die Theke gelehnt so, dass K einen großzügigen Blick in ihren Ausschnitt erhaschen konnte.
„Hmm… ich denke sie können mir noch anders behilflich sein."
Cui Hua blinzelte. „Und wie?"
„Das wissen sie ganz genau."
Die junge Chinesin hob interessiert die Brauen und lehnte sich wieder zurück, mit einem verschmitzen Lächeln, machte sie sich daran ein paar Strohhalme zu sortieren."
„Sie gehören gar nicht in so ein Milieu wie dieses. Vielleicht sollten Sie so schnell wie möglich das Weite suchen."
K riskierte einen Seitenblick zu den beiden Verdächtigen. Sie waren verschwunden. Einen kleinen Seufzer ausstoßend, dankte er Cui Hua mit einem Zwinkern, er zahlte mit einem großzügigen Trinkgeld und verließ das Ikkoku durch den Hinterausgang. Im Schein der mickrigen Gassenbeleuchtung, stand er mit einem Mal genau den besagten zwei Gestalten gegenüber. In diesem schmuddeligen Licht und der ebenso dreckigen Umgebung, wirkten sie nur noch verdächtiger.
Der Mann mit der Gestalt eines Sumoringers, kam auf ihn zu, als er so nah war, dass K seinen stechenden Atem riechen konnte, drückte er neben dem Gesicht des Amerikaners seine Zigarette an der Mauer aus. Ein widerliches Grinsen umspielte seine Lippen.
„Guck mal was man uns schickt, einen pissblonden Amerikaner, der uns aushorchen will. Was halten wir davon?"
Der schmale Kerl von Seguchis Foto machte ebenfalls einen Schritt auf ihn zu, im gehen zertrat er die Zigarette, die er auf den Boden geworfen hatte und blickte K skeptisch an. Er schien sich im Schutz seines Partners zu wiegen, denn er selbst war eher von zierlicher Natur, recht schlank, mittelgroß und hatte das Gesicht einer Frau, das er anhand seiner Kleidung und seines Gesichtsausdrucks zu kaschieren versuchte.
„Wer sind Sie?", lautete seine direkte Frage und K konnte nicht glauben, wie dieser Mensch auf ihn wirkte, wie ähnlich er jemand war.
„Jedenfalls niemand, der sie aushorchen will. Ich bin unabhängig von einem Auftraggeber hier."
K musste sich eingestehen, dass er leicht nervös wurde. In solche Situationen geriet er selten, nicht zuletzt wegen seiner heiß geliebten 44er Magnum. Doch in diesem Moment, so ahnte er, würde auch dies ihm nichts nutzen. Der Mistkerl vor ihm war zwar um einen halben Kopf kleiner als er, doch alleine seine gigantische Statur machte das Unterfangen schwierig ihm auszuweichen. Wahrscheinlich würde er einfach unter seinen fleischigen Armen zerquetscht werden.
„Sollen wir das glauben Jun?"
K wurde hellhörig. Zum ersten Mal wurde ein Name genannt und grade der desjenigen, den er eigentlich beschatten sollte. Nur wie wertvoll war dieses Wissen? Wie wenig wusste er selbst in Wahrheit und wie viel wusste Seguchi Tohma?
„Lass ihn gehen. Was sollen wir schon mit dem? An einem Amerikaner machen wir uns nicht die Finger schmutzig."
Als ob der andere einen Befehl empfangen hätte, ließ der Koloss von K ab und wich zurück. Sichtlich enttäuscht darüber, dass er dem Blonden keine Tracht Prügel verpassen konnte, zog er ab und trottet seinem Partner hinterher. Dieser kehrte K den Rücken und verließ das Geschehen. Der Amerikaner blieb zurück.
„Was soll das, Jun? Der war doch eindeutig hier um zu schnüffeln und wir lassen den laufen? Eben warst du noch anderer Meinung."
Der Jüngere verzog nicht eine Miene, er hatte die Hände in den Taschen seiner weiten Hose vergraben und suchte nach einem Feuerzeug, um sich die nächste Zigarette anzuzünden.
„Lass ihn, ich glaub ich kenne den Kerl. Sein Gesicht kommt mir mehr als nur bekannt vor und wenn es der ist, den ich meine, dann lassen wir besser die Finger von ihm, wenn wir nicht die Bullen bei uns rumschnüffeln haben wollen."
„Woher kennst du ihn?"
Sie verließen die hintere Gasse und kehrten auf Shinjukus belebte Straßen zurück. Der jüngere blickte sich kurz um, lehnte sich an die Mauer eines Nachtclubs und aschte seine Zigarette ab.
„Du solltest den Burschen nicht unterschätzen Shuntarô und besonders nicht seinen Auftraggeber."
Der Koloss blinzelte verwirrt, seine Augen waren in dem dickschwülstigen Gesicht nicht mehr als zwei schwarze kleine Punkte, die verwirrt und doch neugierig seinen weitaus jüngeren Partner anblickten.
„Sein Auftraggeber? Was meinst du verdammt noch mal?"
Ein kleines Grinsen breitete sich auf den Lippen des anderen aus.
„Warte es ab. Die Sache mit Morita letztens ist ziemlich schief gelaufen und wenn wir Pech haben, kriegen wir noch richtig einen aufs Maul.
„Morita, dieser Dreckskerl, der macht nur Schwierigkeiten, auch jetzt noch."
„Genau." Der andere nickte.
„Und deswegen ist uns jede Hilfe recht hörst du? Erst recht finanzielle, du weißt doch, dass Geld diese Welt regiert oder? Wir werden diesen Ami also schön in Ruhe lassen und wenn er das nächste Mal vorbeikommt, dann vermutlich mit einem anderen Blondschopf."
„Ein anderer Amerikaner?" Shuntarô zog seine wulstartigen Lippen zusammen und blickte den Kleineren immer noch reichlich verwirrt an, dieser schüttelte den Kopf und streifte die Asche seiner Zigarette an der Mauerkante ab.
„Warte es nur ab. Du wirst ihn schon sehen und dann fallen dir die Augen aus dem Kopf."
K war es ebenfalls. Verwirrt. Was zur Hölle war da passiert? Warum hatte er das überlebt? Wie konnte es sein, dass er mitten zwischen ein paar sicherlich nicht sehr harmlosen Yakuza gelandet war und ihm nicht die Kehle aufgeschlitzt worden war? Wie kam es, dass er unbeschadet aus dieser Sache herausgekommen war?
Jedoch schien Sakano dies nun nachholen zu wollen, jedenfalls glaubte er, dass ihm bald die Ohren von dessen Gejammer bluten würden.
„Das ist schrecklich, absolut zum fürchten! Wie kann es sein, dass Seguchi-sama etwas mit solchen Kerlen zu schaffen hat?"
„Ach, jetzt mach dich nicht lächerlich, der hat mit denen gar nix zu schaffen, unser werter Seguchi macht sich an so was nicht die Finger schmutzig, der schlürft weiter seinen Champagner während diese Kerle elendig in der Gosse krepieren, da verlass dich drauf."
Entsetzt beugte sich Sakano über seinen viel zu beladenen Schreibtisch und kreischte den Amerikaner regelrecht an.
„WAS? Wie kannst du so nur über den Chef reden? Wenn der das mitbekommt, der hat sicherlich überall Wanzen hier installiert!"
Panisch begann er sich umzusehen und war kurz davor unter den Tisch zu krabbeln, als ihn K's Worte zurückhielten.
„Würde mich nicht wundern. Aber hör mal, du musst mich decken."
„Wieso?"
„Ich mache blau, ich muss etwas rauskriegen und dafür muss ich bis ans andere Ende von Tokyo. Das schaffe ich nicht, wenn ich mit der Band noch zum Fernsehsender muss."
Abwehrend hob Sakano die Hände und begann damit herumzuwedeln.
„K-saaan, das geht nicht! Was wenn der Chef wieder auf der Matte steht, wie soll ich dem das erklären? Ich hab doch schon genug hiermit zu tun!"
Emotional völlig am Ende nickte er auf die Stapel von Papieren, die sich auf seinem Schreibtisch türmten und von Stunde zu Stunde mehr wurden.
„Ich muss noch die verschiedensten Dinge machen!"
„Danke, ich wusste auf dich ist Verlass!"
K stand an der Türe und hob grinsend den Daumen in die Höhe.
Sakano stieß einen entsetzten Schrei aus.
„Aber K-san!"
„No Problem!"
Und somit verließ er Sakanos Büro auf direktem Weg und ließ den völlig überarbeiteten Producer alleine mit seinen Sorgen.
„Du siehst nicht gut aus Tohma."
Die seltenen Momente wenn sie es schaffte, sich schon so früh am Morgen aus dem Bett zu bewegen
, verbrachte sie für gewöhnlich alleine mit der Haushälterin. Am Morgen war sie schlapp, immer noch müde und reichlich träge und das lag mit Sicherheit nicht nur an der Kugel, die sie seit Monaten mit sich herumtrug und die immer größer wurde. Obwohl es eigentlich doch nur ihr eigener Bauch war, empfand sie es noch immer als fremd, manchmal jedenfalls. Doch die Veränderungen, die sie unweigerlich durchmachte, hatten auch etwas Positives an sich. Sie fühlte sich ausgelastet, beflügelt von dem Glück was ihr bevorstehen würde. Sie liebte es die Hände auf ihren kugelrunden Bauch zu legen und zu fühlen, zu spüren wie das kleine Wesen gegen ihre Bauchdecke trat, es sich bewegte, drehte, schlief und Schluckauf hatte. Eigentlich hätte sie glücklicher nicht sein können und doch empfand sie diesen Morgen, den sie ausnahmsweise gemeinsam mit ihrem Ehemann verbrachte, als sehr besorgniserregend.
„In letzter Zeit bist bekommst du kaum Schlaf, meinst du nicht, dass du es mit der Arbeit übertreibst?"
Ihr Ehemann schüttelte beschäftigt den Kopf. Tohmas Augen ruhten auf dem Monitor seines Laptops, der auf dem Küchentisch stand, daneben lag die Zeitung, die Seite der Musikcharts wie immer aufgeschlagen. In der Hand hielt er die Tasse mit seinem morgendlichen Kaffee, ohne den er sich wahrscheinlich schon vor die nächste U-Bahn geworfen hätte. Normalerweise wäre er um die Zeit schon lange weg gewesen, nur heute stand er vor dem Tisch in ihrer modernen, amerikanisch eingerichteten Küche und wartete, dass das Update seiner Software zu Ende geladen wurde.
„Heute ist gar nicht so viel zu tun. Ich sollte nur zusehen, dass ich nicht allzu viel Zeit in der Firma verplempere, ich hab einen wichtigen Termin in Harajuku."
Mika zog skeptisch die Brauen hoch und starrte ihren Mann verständnislos an.
„In Harajuku? Was zur Hölle ist das denn für einen Termin?"
Lächelnd hob Tohma den Kopf.
„Es geht um einen Anzug für ein Fotoshooting, es ist ein Jugendmagazin und man hat Noriko-san und mich für ein extravagantes Ensemble vorgeschlagen."
Mika blieb verwundert, sie wusste, dass ihr Mann für gewöhnlich keine Zeit für solche Sperenzien hatte, grade jetzt nicht wo er eigentlich nur von Termin zu Termin hetzte, da eine Newcomerband ihr Debüt bei N-G feierte, „Bad Luck" auf Japan Tournee waren und „ASK" ihr drittes Album veröffentlichten. Zu allen Terminen war Tohma höchstpersönlich eingeladen worden. Die Veranstalter sahen es gerne, wenn der charismatische und jung gebliebene Firmenpräsident persönlich bei ihnen zu Gast war. Seguchi Tohma war das Vorzeigebild des erfolgreichen Geschäftmannes. Ihn an seiner Seite zu haben und sei es nur für ein Foto, bedeutete Popularität. Er war eine Seltenheit, einer derjenigen die es im jungen Alter bis ganz nach oben geschafft hatten und es verstanden sich dort zu halten. Die Geschäftspartner schätzten seine Professionalität, die Presse liebte sein jugendliches Aussehen, dass er ein Gesicht hatte, das auch die Jugend von Japan interessierte, die für gewöhnlich nicht hinter die Kulissen der Musik blickten, sich nicht dafür interessierten wie die Macher eines Plattenlabels hießen. Doch bei Seguchi war das anders. Man hatte hiermit einen Star von internationalem Rang, er hatte eine Karriere gemeistert, die es so nie wieder geben würde, er hatte nicht nur den Idealismus, sondern auch das hübsche Aussehen, das sich bestens vermarkten ließ. Und so hetzte er nicht nur von Geschäftstermin zu Geschäftstermin, um dringende finanzielle Angelegenheiten zu erledigen, sondern wurde auch von einem Fotoshooting zum anderen geschickt, bald würde er seinen eigenen Manager brauchen, so fürchtete er.
„Also wirklich Tohma, du bist doch keine zwanzig mehr und jetzt willst du dich in irgendeiner Teeniezeitschrift als Friedhofsgärtner ablichten lassen? In diesen unmöglichen Klamotten, die sie beim Cosplay in Harajuku tragen?"
Er nahm den letzten Schluck seines Kaffees und klappte den Laptop zu, die Datei hatte fertig geladen, jetzt war das gute Ding wieder gerüstet für den üblichen Gebrauch in seinem stressigen Alltag.
„Mach dir keine Sorgen, es sind nur zwei Seiten und es mir wurde versichert, dass die ausgesuchten Kleidungsstücke kein eindeutiges Image prägen."
Sie schüttelte unmissverständlich den Kopf, während die fleißige ausländische Haushälterin um sie herumflatterte, stets darum bemüht ihren Vorgesetzten einen stressfreien Morgen zu bescheren.
„Wann kommst du denn dieses Mal heim?"
Tohma raffte die letzten Unterlagen zusammen, verstaute den Laptop und nahm sich die Zeitung mit.
„Ich hoffe so gegen 20:00 Uhr, wenn nichts dazwischen kommt."
Er versuchte ein beruhigendes Lächeln, dann beugte er sich leicht über die Durchreiche der Küche und strich Mika eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie schien leicht beleidigt.
„Das hast du die letzten Wochen dauernd gesagt und es wurde immer später, letztens hat mich sogar dein Hündchen Sakano-san angerufen, um mir zu sagen, dass du mit einer Wolldecke zugedeckt auf der Couch im Büro übernachtet hast, da hatte ich noch nicht mal bemerkt, dass du gar nicht nach Hause gekommen bist!"
Sie stieß einen Seufzer aus und blickte ihrem Mann in die tiefgrünen und doch übermüdeten Augen, sie waren noch etwas gerötet vom einlegen der Kontaktlinsen, aber sie wusste auch so, dass er wieder viel zu wenig geschlafen hatte. Wie so üblich.
„Ich hab mich schon gewundert, dass du beim letzten Arzttermin dabei warst.
Tohma schien entsetzt. „Das hab ich dir doch auch versprochen!"
Mika seufzte und fuhr sich ebenfalls müde durchs Haar. Sie wusste schon gar nicht mehr ihn zur Vernunft zu bringen.
„Ich weiß, das ist eigentlich nicht das Problem Tohma. Ich hab nur das Gefühl du entschwindest mir, uns…"
Sie legte die Hand auf ihren Bauch und Tohma folgte ihrem Blick, ein gewisses Schuldgefühl stieg in ihm auf, er senkte den Kopf und nickte, ehe er ihn wieder hob.
„Du hast Recht, ich bin um 18:00 Uhr zu Hause, mach dir keinen Sorgen."
Er musste sich auf Zehenspitzen stellen, um die Theke als Barriere zu überwinden. Seine Lippen streiften flüchtig ihre Wange und hauchten einen sanften Kuss auf diese. Dann verabschiedete er sich und ging in die Diele, um sich die Schuhe anzuziehen.
„Tohma! Hast du was gegessen?", fiel ihr grade noch ein und folgte sie ihm auf trippelnden Hausschuhen.
Ihr Mann jedoch hob noch nicht einmal den Blick, sondern verneinte die Frage mit einem Kopfschütteln.
„Schon gut, ich kauf mir zwischendurch etwas in Harajuku, da gibt's ein gutes Sushi Restaurant."
„Soll ich dir noch schnell etwas machen?"
Besorgt musterte sie ihn. „Ich finde du siehst blass aus."
„Sehe ich das nicht immer?"
Mika schmollte. „Ja, aber momentan sieht das nicht grad sexy aus, sondern eher krank."
Er kam hoch und drückte kurz ihre Hand, beruhigend strich er ihr über die Wange.
„Jetzt mach dir keine Sorgen, mir geht's gut, nur etwas überarbeitet. In Harajuku werde ich etwas essen, ja?"
Er strich noch einmal in zärtlicher Geste über den Arm und verließ dann das Haus, Mika blieb alleine im Flur zurück. Plötzlich fühlte sie sich nicht nur unförmig, sondern auch weniger attraktiv. Sie konnte sich selbst nicht erklären warum ausgerechnet jetzt dieses Gefühl in ihr hochstieg, doch es war nahezu erdrückend.
Sie kehrte in die Küche zurück und löffelte brav etwas Miso-Suppe und Reis, als sie ihren Blick hob, entdeckte sie auf dem Küchentisch immer noch Tohmas Kaffeetasse, was wieder leichten Ärger in ihr hervorrief. Manchmal konnte ihr Mann ganz schön rücksichtslos sein, zumindest wenn es um seine eigene Person ging.
Hinter sich hörte sie die Haushälterin mit dem unaussprechlichen Namen, rufen und als sie sich umdrehte, reichte diese ihr das schnurlose Haustelefon. Mit ihren paar Brocken japanisch versuchte das Mädchen ihr klarzumachen, dass es plötzlich einen eigenartigen Ton von sich gegeben hatte, die junge Iranerin war noch nicht lange genug in Japan, um zu wissen, dass die dortigen Festnetztelefone auch in der Lage waren Kurznachrichten zu empfangen. Als Mika auf das Display blickte, blinkte die Anzeige für eine neue Nachricht. Nachdem sie den Annahmeknopf gedrückt hatte, erschien Tohmas Mobilfunknummer als Absender. Ein Lächeln hellte ihr bis vor ein paar Sekunden noch vor Ärger verzerrtes Gesicht auf, als sie seine SMS las:
Und sonst sieht es sexy aus?
Unwillkürlich musste sie lachen, solche Scherze waren selten bei Tohma, zumindest in ihrer Gegenwart.
„Dieser Spinner, " flüsterte sie und verkniff sich ein leises Lachen.
Inzwischen war er so gelangweilt, dass er die aktuelle Tageszeitung las, obwohl er sich so gut wie nie der japanischen Zeitung widmete, da er noch immer nicht alle Kanji kannte. Hinter sich hörte er Ray Fellows auf seinem Laptop tippen. Seit Stunden vergeudete er vermutlich seine Zeit bei dem einzigen anderen Amerikaner in Tokyo, den er näher kannte. Dabei hatte er einen langen Weg zurücklegen müssen und auf Anhieb hatte er Rays schäbiges Appartement auch nicht gefunden. Bis hinunter nach Naka-Meguro war er gefahren, da er sich Hilfe von dem Computerspezialisten erhofft hatte, der zwar in Harvard studiert hatte, aber einen typischen Karriereabsturz hinter sich hatte. Irgendwann, als er noch ein junger Enthusiast mit Potenzial war, was auch die angestrebten Firmen ihm zu Gute hielten, war Fellows in Tokyo gelandet. Von KAWASHIMA abgeworben, stand ihm eine glänzende Laufbahn als Programmierer bevor und das in einem Land, in dem es alles andere als selbstverständlich war Ausländern eine solche Spitzenposition zu offenbaren. Doch Fellows Aus kam so schnell wie das Angebot aus Japan gekommen war und schon bald war er den eifrigen Inselbewohnern nicht mehr gut genugK behauptete bis heute steif und fest, dass Rays Trinkerei daran schuld war, irgendwann war der Job zu stressig geworden und die Anforderungen zu hoch. Schon bald kam die Kündigung und genau aus dem Grund, weil er bei einer so chancenreichen und bekannten Firma wie KAWASHIMA rausgeflogen war, blieben die Türen zu anderen einflussreichen Firmen verschlossen. Seitdem hielt sich Fellows als Freiberufler über Wasser und schrieb vereinzelte kleine Programme, die nie einem wirklich großen Zweck dienten. Wenn er am Ende des Monats die Miete für sein kleines Zimmer in Naka-Meguro nicht begleichen konnte, lieh er sich meistens etwas von K, ansonsten klagte er sein Leid bis nach Lakewood in Ohio, damit seine Schwester ihm etwas schickte. K war nicht grade neidisch auf sein momentanes Leben, aber er schätzte sein Können, auch wenn er bis heute nicht verstand, warum Fellows nicht in die USA zurückkehrte.
Im Augenblick jedoch, wartete er seiner Meinung nach schon viel zu lange auf das, was er sich erhofft hatte. Mittlerweile lag er der Länge nach ausgestreckt auf Fellows Couch und rauchte eine Zigarette nach der anderen, obwohl Ray immer noch über den blauen Dunst meckerte, der sich nun in seinen vier Wänden einlagerte.
„Ach, jetzt sei doch still, als ob es für gewöhnlich hier besser riechen würde."
„Dann hör wenigstens auf mein armes Laufwerk als Aschenbecher zu missbrauchen! Das will ich noch verkaufen!"
Genervt fuhr K ihn an, kam dabei wieder in die Horizontale und schnaubte wütend den Rauch aus.
„Als ob! Das ganze Zeug was hier herumfliegt taugt doch eh zu nichts mehr!"
Kopfschüttelnd hackte Ray immer noch auf die Tastatur seines Laptops ein. Neben ihm blinkten verschiedene Geräte und auf dem Schreibtisch verstreut lagen Disketten und irgendwelche Notizen, auf die Ray ab und an zurückgriff. Im Moment war er allerdings eher damit beschäftigt ein weiteres Glas Scotch in sich zu kippen, um den nervösen K über seiner Schulter ertragen zu können.
„Ich hab dich um diese Scheiße gebeten, weil ich keinen anderen Typen kenne, der mir sonst den Gefallen tun würde, sich in die Polizeiakten zu hacken, also enttäusch mich jetzt nicht, weil dann werde ich dir wohl oder übel eine Kugel in den Kopf jagen müssen."
Ray verdrehte lediglich die Augen. Eigentlich war er kein Hacker. Er verstand etwas davon, es half ihm zu überleben. Mittlerweile waren die lukrativsten Geschäfte leider auch die illegalsten, grade in seiner Branche wo es von Raubkopien nur so wimmelte, vermochte man diese Wirtschaftslage nur zu überstehen, wenn man Kompromisse einging. Mit wem man diese letztendlich ausmachte, spielte keine gewichtige Rolle, auch die Umstände waren nicht wichtig. Das einzige was zählte war Geld, nur damit konnte man eine Miete zahlen, nur damit konnte man etwas zu essen kaufen und somit in dieser Welt überleben.
Und Ray wusste das.
„Sag mir noch mal warum ich das für dich tue Crawd?"
K zuckte die Schultern und starrte gebannt auf den Monitor, auf dem nun endlich das Logo der Polizeiwache von Shinjuku erschien.
„Weil ich dir Geld dafür gebe, dass du weiter saufen und hier wohnen kannst."
„Aha, stimmt, das ist ein Grund mich wegen dir strafbar zu machen."
„Ganz genau."
Der Laptop surrte und das Gerät, das Ray vorhin Eingangsleitungsschleife genannt hatte, blinkte wild vor sich hin. K spürte sein Herz schneller schlagen, als Ray den Mauszeiger zu einem freien Feld lotste und ihn erwartend ansah.
„Wie hast du gesagt heißt der Typ? Dann kann ich in der Datenbank nach ihm suchen."
Ungläubig blickte K den Älteren an. Ray Fellows war zwar schon neununddreißig Jahre alt, wirkte aber manchmal wesentlich jünger als K. Er hatte braune lange Haare, die ihm offen über die Schultern fielen und trug, seit er nicht mehr fest bei irgendeiner Firma arbeitete, ausschließlich T-Shirts von irgendwelchen Hardrock Bands. Durch seine schwarz umrandete Brille, erkannte man seine blauen Augen, die die meiste Zeit müde vor sich hin blickten. K war es bis heute ein Rätsel wie dieser Mensch überhaupt noch irgendeinen Job fand.
„Soll das jetzt heißen du hast dich schon da hineingehackt?"
Genervt seufzte Ray. „Weißte Crawd, wenn du mir nicht vertraust, dann frag mich doch nicht."
„Jetzt sei nicht gleich beleidigt, deswegen bin ich doch zu dir gekommen, es gibt keinen besseren!"
„Du kennst doch auch nur mich, der so was kann, also sag mir jetzt den Namen von dem Kerl, ich hab auch noch anderes vor."
„Jun. Mehr weiß ich nicht. Ich denke es ist die Kurzform für „Junichi"."
Ray war nahe einem Zusammenbruch.
„Nur das? Das ist ja mehr als wage, wie soll ich danach suchen?"
K tippte mit dem Finger auf den Monitor.
„Gib „Junichi" als Vornamen ein, wenn er in Shinjuku registriert ist, finden wir ihn auch so. Ich brauche seinen vollständigen Namen und das Foto dazu."
Ray nickte und widmete sich seinem Auftrag.
„Ich werde sehen was ich rausbekommen kann."
Das Ikkuko war weder recht bekannt, noch verrufen. Es war ein einfaches Lokal, das an manchen Abenden recht gut besucht war und mittags gähnend leer war. Deshalb eignete es sich bestens dazu, um einen Nachmittag damit zu verbringen den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachzugehen.
Er verstand etwas davon.
Er wusste wo und wann er nicht gestört werden würde. Heute war nur Cui Hua da, die grade damit beschäftigt war ein paar Gläser zu polieren. Sie würde ihn nicht stören und bis sein kolossartiger Freund von seinem üblichen Rundgang durch Shinjuku zurückkehrte, blieben ihm noch ein paar Stunden Zeit.
Die Zeitung hatte er sich aus Ushidas Appartement, das eher einer Müllhalde glich, besorgt. Er nannte es allerdings bis heute liebevoll sein „Archiv". Die Zeitungen von Wochen und möglicherweise sogar Jahren, stapelten sich dort in einem Chaos von ungespültem Geschirr und sonstigem Müll. In der ganzen Wohnung roch es nach Katzendreck, was weniger beunruhigend wäre, wenn Ushida wirklich eine Katze gehabt hätte.
Doch heute kümmerte ihn weder Ushida, noch Cui Hua, er hatte gefunden was er gesucht hatte, als er die dritte Seite der alten Zeitung aufschlug auf dem ein Bild einer Pressekonferenz zu sehen war.
Die Überschrift lautete: „Bad Luck starten Japan Tour noch dieses Frühjahr!"
Das Foto zeigte Shuichi breit grinsend am Mikrofon, rechts und links von ihm standen Hiro und Suguru. Doch es war nicht wirklich die Band selbst, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Im Hintergrund erkannte man Seguchi Tohma, der zufrieden in die Kamera lächelte, er trug einen „Gianni Campagna" Anzug, der wohl fast soviel wie das halbe Ikkuko gekostet hatte. Doch sein Blick war auch nicht auf ihn gerichtet, sondern auf die Person, die neben Seguchi Tohma stand. Es war kein Bericht auf der Titelseite gewesen, deswegen hatte er ihn nicht sofort erkannt. Aber auf diesem Foto fiel er ihm sofort ins Auge. Die langen Haar im Zopf gebunden, die typisch westlichen Gesichtszüge, die breiten Schultern. Es war genau der Mann, der auch das Ikkuko aufgesucht hatte.
„Was siehst du dir da eigentlich an?"
Neugierig hatte sich Cui Hua über den Tisch gebeugt, um einen Blick auf die Zeitung zu erhaschen. Erstaunt tippte sie mit dem Finger auf das betreffende Bild, ihre Augen strahlten und als sie ein regelrechtes Quietschen von sich gab, merkte er wie jung sie eigentlich noch war.
„Ist das nicht Seguchi Tohma? Ein gut aussehender Mann!"
Sie gestikulierte etwas verzweifelt mit den Fingern, das japanische Wort wollte ihr in diesem Moment einfach nicht in den Sinn kommen.
„Hua hua gong zi", versuchte sie es auf Chinesisch, bis ihr das passende Wort doch noch einfiel. Sie schnippte mit den Fingern. „Bishonen!"
Ein viel mehr wissendes Grinsen legte sich nun auf seine Lippen, als er den Blick hob.
„Ach wirklich? Meinst du also ja?"
Die Chinesin nickte eifrig, dann legte sie den Kopf schief und blickte den Japaner fragend an.
„Was suchst du denn?"
Mit dem Kinn deutete sie auf die Theke.
Er drückte seine Zigarette aus und faltete die Zeitung zusammen. In seinen Hosentaschen wühlte er nach ein paar Scheinen und ließ sie dann auf den Tisch rieseln.
„Nichts, ich habe es schon gefunden."
„Hm." Cui Hua stutzte.
„War der andere Mann nicht der Amerikaner, der hier zu Gast war?"
Er grinste und drehte sich zum gehen um.
„Du bist ja wirklich ein intelligentes Mädchen."
Und somit verschwand er zur Tür hinaus. Auch dieser Nachmittag würde lang werden. Shinjuku benötigte keine Ruhe, um sich von einer langen Nacht zu erholen.
Es war die vierte Zigarette innerhalb von nur zwanzig Minuten die sich K angezündet hatte. Mittlerweile war es nach 16:00 Uhr und bis jetzt hatte er keinen Handschlag gerührt was die Arbeit betraf. Sakano war ihm auf dem Flur zu seinem Büro meckernd entgegen gekommen und hatte ihm bis hierher in die Cafeteria die Hölle heiß gemacht, ihm erläutert, dass er heute die doppelte Arbeit wegen ihm hatte. Mittlerweile hatte er sich zwar beruhigt, aber K sah schon die nächste Krise auf ihn zukommen, als er nahezu an den Informationen verzweifelte, die er ihm vor ein paar Minuten unterbreitet hatte.
„Ich verstehe nicht, was du mir damit sagen willst. Dass der Chef dich belogen hat? Dass er etwas mit diesem Yakuza zu tun hat?"
K biss sich auf die Unterlippe und zuckte seufzend die Schultern. Mit nervösen Fingern schob er Sakano den Ausdruck der Polizeiakte hin. Es war das oberste Blatt mit den Personalien des Mannes, um dessen Beschattung ihn Seguchi Tohma gebeten hatte. Das Foto zeigte den Mann so wie K ihn gesehen hatte, nicht wie auf dem Bild, dass ihm Tohma gegeben hatte. Sein Blick hatte etwas stechendes, geheimnisvolles und sehr bekanntes. Der Blick war der gleiche den er so oft schon in Tohmas grünen Augen gesehen hatte, der Blick den er abgrundtief hasste.
„Shinoyama Junichi."
K hob den Blick, als Sakano den Namen vom Blatt ablas. Er war sich noch nicht einmal sicher, ob das sein richtiger Name sein würde. Er wusste zu gut wie leicht es war an falsche Papiere zu kommen, selbst die Polizei konnte man täuschen. Außerdem wäre es vermutlich für eine sehr einflussreiche Person in solchen Kreisen, ein leichtes einen falschen Namen anzunehmen. Wer konnte sich schon derartige Skandale leisten?
„Er war Zeuge eines Unfalls steht hier. Das ist der aktuellste Eintrag."
Er tippte auf die betreffende Zeile eines anderen Blattes und schob Sakano auch diese Seite näher. Dieser rückte seine Brille zurecht, nahm das Papier zur Hand und las aufmerksam die paar Zeilen, die darüber geschrieben waren. Es war ein simpler Augenzeugenbericht eines Verkehrsunfalls bei dem ein Fußgänger ums Leben gekommen war.
„Ansonsten steht nichts Interessantes drin, ich denke für die meisten Verbrechen, die er begangen hat ist er nie verurteilt worden. Da drin stehen nur ein paar Delikte wegen leichter Körperverletzung, einmal hat er in einer Pachinkohalle rebelliert, weil er andauernd verloren hat. Ein kleiner Choleriker also."
„Ich verstehe nicht…"
Doch K nahm ihm die Ausdrucke aus der Hand, klemmte die Zigarette zwischen die Lippen und legte nachdenklich den Kopf schief.
„Es sind nicht diese Informationen, die mich beunruhigen, was mir Sorgen macht, ist mein Gefühl. Da stimmt irgendwas nicht. Ich verstehe diese ganze Sache einfach nicht."
Sakano tat einen tiefen Seufzer, allmählich wurde ihm das ganze zuviel, es gab noch tausend andere Dinge, um die er sich zu sorgen hatte. Gestresst rieb er sich die Schläfen und stützte die Ellenbogen auf dem Tisch.
„Ich hab keine Ahnung was du mir damit sagen willst, ich…"
Er kam nicht dazu seinen Satz zu Ende zu bringen, er hörte das Getrippel von hohen Absätzen, draußen auf dem Gang herrschte Unruhe, dann stand plötzlich Tohmas junge Sekretärin vor ihrem Tisch, offensichtlich völlig außer Atem. Der Höflichkeit wegen erhob sich Sakano und blickte die junge Frau fragend an, die sich erstmal zwang durchzuatmen. Währendessen verrenkte sich K fast den Kopf, um einen Blick nach draußen zu erhaschen, dort schien nämlich das völlige Chaos ausgebrochen zu sein.
„Asaki-san, was ist denn los?"
Doch die junge Sekretärin schien noch immer nicht zu einer Antwort bereit. Sie hatte sich beide Hände gegen die Brust gepresst und verschnaufte, sie schien die ganzen Stockwerke bis hier hinunter in einem Zug durchgerannt zu sein. K hielt es derweil auf seinem Platz nicht mehr aus. Die anderen Mitarbeiter, die bis eben noch mit ihnen in der Cafeteria gesessen hatten, waren nach draußen verschwunden, auch sie waren viel zu neugierig gewesen. Er schob die langen Bürovorhänge beiseite und blickte aus dem großen Panoramafenster, von wo aus man den ganzen Platz vor dem Haupteingang von N-G aus betrachten konnte. Vor dem Gebäude war die Hölle los, dicht drängten sich Reporter an den Eingang, selbst von hier oben konnte er das blitzen der Kameras ausmachen, am Straßenrand weiter hinten parkten zwei Fernsehwagen auf denen er das Logo zwei bekannter japanischer Sende ausmachte.
Sakano war kurz davor K zum Fenster zu folgen, als Asaki Mayumi endlich wieder zu Atem kam und die Worte hervorbrachte, die Sakano sofort, von der ersten Sekunde an nervös werden ließen. Auch K stand einfach starr am Fenster und wusste nichts zu sagen. Ihre Stimme klang heiser und doch vor Aufregung zittrig.
„Die Presse hat es irgendwie erfahren, Ukai-san hat uns selbst erst vor ein paar Minuten angerufen, wir wissen nicht wie das Fernsehen an die Information gekommen ist und jetzt stehen die Telefone nicht mehr still!"
Weder Sakano noch K schienen auf Anhieb zu erahnen was passiert war, alleine die Tatsache, dass es nichts erfreuliches war, wurde beiden klar, als sie registrierten wie sehr Mayumis Stimme zitterte.
„Was ist passiert?"
Sie hob den Kopf und schluckte, Tränen standen ihr in den Augen.
„Der Chef… Seguchi-san ist beim Fotoshooting in Harajuku zusammengebrochen."
Fortsetzung folgt…
