Titel: About Business

Teil:3? – Shadow Street

Autor: Yusuka

Email: Yusukagmx.de

Rating: PG-14 (gilt für aktuelles Kapitel!)

Warning: OC, language, violence (gilt für aktuelles Kapitel!)

Pairing: K + Tohma, Tohma & Mika

Disclaimer: Gravitation ist Eigentum von Murakami Maki, Sony Magazines Inc., Studio Deen und SPE Visual Works. Diese Fan Fiction dient keinerlei kommerziellen Zwecken.

Kommentar: Dieses Kapitel hat sich unglaublich gezogen und wich wusste manchmal wirklich nicht wie ich enden sollte. Dank meines unaussprechlichen Perfektionismus und Demis Hilfe habe ich mich dann doch wieder für einen Cliffhanger entschieden, der mir selbst am ehesten zugesagt hat. Für die Leser, die sich diesmal wieder etwas Yaoi erhofft haben, bleibt mir nichts anderes übrig, als sie auf den vierten Teil zu vertrösten wo es endlich mal wieder richtig zur Sache gehen wird, was nicht minder daran liegt, dass ich in letzter Zeit sehr versaut bin was das betrifft. Ich freue mich bislang sehr auf den vierten Teil, auch wenn ihr mich danach für sehr krank halten werdet! XD Irgendwie hab ich diesen Teil der FF unter schweren Depressionen geschrieben, fürchte ich (allerdings macht er eher den Eindruck roher Gewalt). Außerdem habe ich geträumt ich habe Tohma mit 22 Messerstichen ermordet. Bitte helft mir.

Diesmal danke ich ganz besonders Demi, die nicht nur teils meine Sorgen und Stimmungen ertragen hat, sondern auch beim schreiben eine sehr große Hilfe war. Danke für alles. Umi, die mich irgendwann nicht mehr ertragen konnte, danke ich trotzdem für die vielen witzigen Theorien und dafür, dass sie einfach nur für mich da ist, auch wenn wir uns in letzter Zeit kaum sehen. kiss kiss Ebenso danke ich allen, die meine Ergüsse mit ihren Kommentaren bereichert haben, vielen Dank!

Über Kommentare freue ich mich am meisten! Also scheut nicht davor mir eure Meinung darzulegen, vielleicht mögt ihr eine Szene besonders, eine andere nicht oder hasst diese FF sogar. Scheut nicht davor mir dieses mitzuteilen, ich freue mich über jegliche KONSTRUKTIVE Kritik.

- About Business -

3. Kapitel: Shadow Street

Als sie ihm die Tür öffnete, strömte die kalte Nachtluft zu ihren Füßen hinein ins Haus. Sie bat ihn hinein und schloss eilig die Tür hinter sich, als hätte sie Angst jemand würde sie verfolgen. Schweigend betrat er das Haus. Wie in Trance schien sie zu handeln, ihr Körper wie maschinell zu funktionieren. Wie viel sollte sie ihm erzählen, wie viel wusste er ohnehin schon durch das Fernsehen? Wie ein verdammter Film liefen die nächsten Szenen vor ihren Augen ab, Noriko schien das Zittern ihrer Finger bemerkt zu haben, als sie sich durch das Haar strich. Ihr Bruder legte ihr die Hände auf die Schultern und sah ihr eindringlich in die Augen. Mika schüttelte nur den Kopf und nickte dann zu Eiris Füßen hinunter, der sich daraufhin die Schuhe auszog. Mit leiser und bedrückter Stimme begann sie zu sprechen.

„Noriko-san und der Arzt haben ihn hierher gebracht, er konnte kaum gehen Eiri."

Sie zwang sich tief durchzuatmen und hob dann die Hand, um Noriko anzudeuten, dass alles ok. war. Diese begrüßte den Schriftsteller mit einem Nicken, ehe sie anstatt Mika die Erklärung übernahm. Dass sie hier war, hatte er nicht gewusst. Seine Schwester hatte ihn fast zeitgleich mit den Nachrichten angerufen, aus denen er erfahren hatte was mit Tohma geschehen war. Er hatte es noch nicht einmal sich selbst gegenüber gestehen wollen. Aber er hatte sich nicht nur in erster Linie Sorgen um seine Schwester gemacht, sondern auch um Tohma. Deswegen war er nachdem Mika ihn darum gebeten hatte, so schnell wie möglich hierher gefahren.

„Wo ist er?"

Mika nickte nach oben in Richtung Treppe.

„Im Schlafzimmer. Er schläft. Der Arzt hat ihm eine Spritze gegeben, seitdem ist er nicht mehr aufgewacht."

Er musste sich selbst davon überzeugen. Es war Jahre her, seit er Tohma auf irgendeine Weise krank oder körperlich geschwächt erlebt hatte. Seit er ihn kannte, verstand Seguchi Tohma es seine eigene Gesundheit zu ignorieren oder wenigstens in den Hintergrund zu stellen. Irgendwann, als sie beide noch in New York waren, war ihm allerdings Tohmas gesundheitliche Schwachstelle aufgefallen. Immer wenn es Stress gab, sei es wegen seiner beginnenden Musikkarriere oder irgendetwas anderem, neigte er dazu enorm schnell an Gewicht zu verlieren. Tohma war ohnehin schon eine ziemlich zierliche Erscheinung. Er hatte so unglaublich schmale Hüften, dass Eiri der Überzeugung war, dass er sich nur deswegen seine Anzüge Maßschneidern ließ, weil er nie etwas in seiner Größe finden würde. Tohmas ganzer Körperbau war unglaublich unmännlich. Er hatte nicht die breiten Schultern eines Mannes, nicht die starken Arme, seine Glieder waren schmal und geschmeidig, er war groß aber viel zu dünn für seine 1.75 m. Sein Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der perfekt geschwungenen Nase verstärkten den femininen Eindruck nur noch, aber Eiri war der Meinung, dass es zu ihm passte. Egal wie oft Tohma ihn auch genervt hatte, er hatte nie seine Kompetenzen in Frage gestellt und egal wie oft er Tohma gesagt hatte, dass er viel zu mager wäre, es wäre ihm nie in den Sinn gekommen Tohma als etwas anderes zu beschreiben, als er war. In seinen Augen war er durchaus hübsch, aber dennoch empfand er das ganze als unheimlich und auch das verschwieg er nicht. Menschen mit außergewöhnlichen Talenten und ebenso ungewöhnlich gutem Aussehen, empfand Eiri schon seit jeher als gefährlich und grade bei seinem Schwager machte er da keine Ausnahme. Schließlich kannte er ihn, wohlmöglich sogar besser, als Mika selbst.

„Kann ich nach ihm sehen?"

Doch er hätte die Frage gar nicht stellen brauchen, denn sofort machte er sich auf den Weg ins obere Stockwerk. Mika und Noriko folgten ihm, sie schienen nicht überrascht und machten auch keine Anstalten Eiri aufzuhalten. Mika wusste wie Eiri gegenüber Tohma empfand und dass er sich nicht weniger um ihn sorgte wie sie, auch wenn er das nie zugeben würde.

Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Genau wie die übrigen Zimmer im Haus, war auch dieses von modernem westlichem Design in hellen Farben, überwiegend weiß gehalten. Ein paar Meter vor dem Doppelbett stoppte er und starrte die so zerbrechlich wirkende Gestalt an, die darin lag.

Tohmas momentaner Zustand war ihm selbst im Schlaf anzusehen. Seine Haut wirkte noch blasser als sonst, sein Gesicht war aschfahl, das Haar stumpf und glanzlos. Den Kopf auf die Seite gesunken lag er da und schlief, seine Lippen waren leicht geöffnet, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. Er hätte älter wirken sollen, doch er sah aus wie ein Kind. Das so hellblonde Haar, das ihm in die Stirn fiel, das entspannte, aber übermüdete Gesicht, es war ein ungewohntes Bild von Seguchi Tohma.

„Er ist am Ende der Fotoaufnahmen einfach zusammengebrochen, er war ziemlich lange bewusstlos. Wir haben natürlich sofort den Arzt gerufen, dann haben wir ihn hierher gebracht."

Norikos Stimme holte ihn zurück. Sie hatte plötzlich neben ihm gestanden, ihre Stimme war ein Flüstern gewesen, um Tohma nicht zu wecken. Eine Weile starrte er sie an, sie selbst schien es nicht zu bemerken, ihr Blick ruhte auf Tohma, der dank der Medikamente einen außergewöhnlich tiefen Schlaf genoss.

Ausdruckslos blickte Eiri seinen Schwager an. Egal was sie jetzt tun würden, egal wie laut sie sprechen würden, Tohma würde nicht aufwachen. Neben Mika blieb er stehen, die sich vorsichtig auf die Bettkante setzte, um Tohma eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu wischen.

„Seit er die Spritze bekommen hat schläft er. Wir konnten noch nicht einmal reden, er hat kein Wort gesagt, als er zurück war." Mika stand neben Noriko und sprach mit leicht zitternder Stimme. Es kam nicht oft vor, dass er seine Schwester so erlebte. Sie wirkte nervös und zutiefst besorgt, womit sie Großteile ihres eigentlichen Charakters einzubüßen schien. Sie so hochschwanger zu sehen, war für Eiri immer noch ungewohnt.

„Was hat der Arzt gesagt?"

Seine eigene Stimme war ihm ebenfalls fremd, sie klang heiser, angeschlagen. Nein, er konnte nicht verbergen, dass er sich um Tohma sorgte.

Mika räusperte sich, senkte den Blick und legte eine Hand auf ihrem Bauch ab.

„Er hatte einen Kreislaufkollaps. In den letzten Tagen und Wochen muss er wohl kaum etwas gegessen haben, der ganze Stress, das war einfach zuviel."

Die Worte die zu dieser Situation gepasst hätten, wollten ihm in diesem Moment einfach nicht in den Sinn kommen und so schwieg er. Es war ein betäubendes Gefühl gewesen ihn so zu sehen, selbst als er sich auf dem schneeweißen Sofa unten im Wohnzimmer fallen ließ, schien er nicht zur Ruhe zu kommen. Tohma hatte sich immer um ihn gesorgt. Als er damals Blut gehustet hatte, war er es gewesen, der den Krankenwagen gerufen hatte, der in der Notaufnahme auf ihn gewartet hatte. Selbst die Tatsache, dass er hierher gefahren war, konnte ihm nicht das beruhigende Gefühl geben etwas für seinen Schwager getan zu haben. Er fühlte sich hilflos und sah selbst keinen Nutzen in seinem Besuch, vielleicht war Noriko ja schon eine bessere Hilfe gewesen, als er je sein konnte. Doch diese verließ sie gegen 22:30 Uhr, nachdem sie einen Anruf ihres Mannes bekommen hatte. Anscheinend weigerte sich ihre Tochter schon seit Stunden ins Bett zu gehen. Es fiel ihr sichtlich schwer zu gehen, auch sie schien zu besorgt, um das ganze als einfachen Schwächeanfall abzutun. Wahrscheinlich wusste sie ebenso wie Mika und Eiri darüber Bescheid, wie stur Tohma sein konnte und wie wenig ihn dieser Zwischenfall beeindrucken würde. Er würde nicht kürzer treten wollen und weitermachen wie zuvor.

Ihm gegenüber saß seine Schwester und versuchte tief durchzuatmen, noch immer machte sie einen nervösen Eindruck auf ihn, knetete ihre Finger, bis sie sie in den Schoß sinken ließ.

„Ich weiß einfach nicht was ich mit ihm machen soll, Eiri", begann sie und fuhr sich durch das lange braune Haar, das ihr locker über die Schultern fiel.

„Ich kann ihm doch sagen was ich will, dass er was essen soll, dass er nicht soviel arbeiten soll, er hört einfach nicht! Er ist so verdammt stur, ich hab das Gefühl er nimmt mich überhaupt nicht ernst."

Sie stand auf, die Hand gegen die Stirn gepresst, ging sie vor dem Sofa auf und ab, nahm einen Schluck Tee und setzte sich wieder.

„Der Arzt will morgen noch mal wiederkommen, er meinte er hätte ihn am liebsten mit ins Krankenhaus genommen. Auf jeden Fall wird er morgen noch einmal untersucht."

„Er wird sich weigern."

Mika zuckte die Schultern, natürlich wusste sie das.

„Du weißt doch wie er ist, er nimmt unheimlich schnell ab und wenn ich ihm sage er soll was essen…"

Sie gestikulierte mit den Händen und schlug sie leicht in ihren Schoß.

„… Du kennst seine Ausreden. Ich hab schon Angst was der Arzt morgen sagen wird, grade jetzt, als ob wir nicht genug Stress hätten."

Genau genommen hätte er der Stärkere von beiden sein müssen. Verließ seine selbstbewusste Schwester sich etwa auf ihn? Auf seine Fähigkeiten als Mann? Wie konnte er ihr jetzt nur helfen, ihr zur Seite stehen? Er fühlte sich unbegabt darin, nahezu ahnungslos und die richtigen Worte für diese Situation kannte er nicht.

„Was ist mit dir?" Das war es, was er die ganze Zeit fragen wollte. Sein Blick klebte auf ihrem Bauch. Die ganze Zeit hatte Mika ihre Hände darauf gelegt, mittlerweile schien dies eine ihrer Angewohnheiten zu sein. Nun hob sie sie um damit zu wedeln und Eiris Sorge abzutun.

„Das hat Noriko auch schon gefragt, aber mir und dem Kind geht's gut, also haltet euch bloß geschlossen. Ich reg mich nicht auf, nur wenn ihr alle um mich herumtanzt und mich verrückt macht."

„Was hat er noch gesagt? Der Arzt meine ich."

Eiri hatte es nicht mehr ausgehalten und war aufgestanden, die Zigarettenpackung aus der Hosentasche ziehend, ging er zum Balkon und öffnete die Türe. Mika folgte ihm ein paar Schritte und strich die Gardinen beiseite. Natürlich gefiel es ihr nicht, dass ihr Bruder wieder rauchen musste, aber seine Rücksichtsnahme beeindruckte sie. Normalerweise scherte sich Eiri nicht darum, wenn sie der Qualm störte. Dass er jetzt dafür, weil sie schwanger war, auf den Balkon ging, dankte sie ihm schon in Gedanken.

Sie blieb neben den Türen ihres Balkons stehen und zog sich die Strickjacke enger um den Körper, draußen war es kalt geworden. Mit dem Feuerzeug klimperte Eiri auf dem Geländer herum, um Mika an seine zuvor gestellte Frage zu erinnern. Das Geräusch ließ sie zusammenzucken, sie griff nach ihrer Teetasse und antwortete ihm.

„Sein Blutdruck, der Arzt meinte, der würde ihn zutiefst beunruhigen. Wir sollen das auf jeden Fall untersuchen lassen. Er hat die Befürchtung, dass…"

Die Worte kamen ihr nicht über die Lippen, sie schüttelte den Kopf und schlang die Arme um sich. Eiri stutze, drückte die Zigarette aus und starrte Mika fragend an, selten war ihm so deutlich anzumerken was er dachte, was er befürchtete.

„Was meinst du?"

Mika kehrte zum Sofa zurück während Eiri die Balkontüren schloss, neben ihr blieb er stehen und wartete ab, was sie zu sagen hatte. Zwar hatte er schon von der ersten Nachricht an gewusst, dass das ganze nicht auf die leichte Schulter zu nehmen war, doch dass es anscheinend so schlecht um Tohma stand, hatte er nicht erwartet. Er setzte sich diesmal neben sie und blickte ihr ernst in die Augen, eine Antwort fordernd, die Wahrheit. Ohne Worte schien sie ihn zu verstehen. Ihre Augen waren voller Tränen, aber ihr Gesichtsausdruck verriet nichts, war stumm und kalt.

„Morgen muss er ins Krankenhaus, der Arzt konnte noch nichts feststellen, aber dieser ganze Stress… Vielleicht hat das Herz was abbekommen… Ach Eiri, bald kippt er mir tot um und…"

Sie schüttelte den Kopf und stand auf, es gelang ihr nicht das leise Schluchzen zu unterdrücken, dennoch wollte sie sich nicht so schwach vor ihrem Bruder zeigen und so legte sie sich die Hand auf die Augen und wedelte mit der anderen hinter sich.

„Schon gut, vergiss es, wir müssen abwarten. Willst du jetzt hier bleiben oder noch nach Hause fahren?"

Im Normalfall hätte Eiri sich sofort ins Auto gesetzt, um den Heimweg anzutreten, doch im Augenblick hielt ihn die momentane Situation davon ab. Er stopfte die Hände in die Hosentaschen und nickte.

„Ich bleibe, das Kapitel kann ich auch noch morgen fertig schreiben."

„Gut, ich mach dir gleich das Gästezimmer fertig, duschen kannst du oben, ich räum hier nur noch auf, dann werde ich auch zu Bett gehen."

Sie warf einen Blick in Richtung Küche, die Haushälterin war schon vor ein paar Stunden gegangen. Es gab nicht viel zu tun, aber das kleine bisschen wollte Mika schon selbst erledigen. Es ging nicht darum sich wie eine Hausfrau und sorgende Ehefrau zu benehmen, sondern einfach um das Gefühl nützlich zu sein und so verwarf sie Eiris Angebot ihr zu helfen und schickte ihn mit der Begründung nach oben, dass diese ganze Sorge um sie völlig übertrieben sei. Schließlich war sie lediglich schwanger und nicht todkrank. Schweigend war ihr Bruder ihrer Anweisung gefolgt und betrat mit gesenktem Haupt das obere Stockwerk.

Das Haus der Seguchis war in seiner Größe nicht besonders außergewöhnlich, in diesem Punkt schien sich Tohma bescheiden gehalten zu haben, jedoch zeugte die gesamte Inneneinrichtung vom extravaganten Geschmack seines Schwagers. Es waren moderne und helle Farbtöne, die das Haus zeichneten. Auf eine Weise genoss es Yuki seine wenige Zeit hier zu verbringen, es war ein schön eingerichtetes Haus mit einer kühlen Note, die nicht so erzwungen persönlich wirkte wie manch anderes Heim. Hier gab es nicht die strenge japanische Tradition, die ihn wie zu Hause in Kyoto, in Kimono und kniende Position fesselte. Nicht vieles zeugte hier vom typisch japanischen Leben und das gefiel ihm. Auch er selbst lebte diesen modernen Stil, kostete ihn zu Hause, in seinen eigenen vier Wänden, voll aus.

Das Gästezimmer lag in einem schmalen Gang im hintersten Winkel der oberen Etage. Es besaß ein eigenes kleines Badezimmer, in dem er sich in Ruhe duschen konnte. Lange blieb er unter dem warmen Wasserstrahl stehen, ließ sich davon wärmen und versuchte ein wenig zu entspannen. Als er fertig war, sich wieder angezogen hatte und sich dementsprechend erholt fühlte, wollte er nach Mika sehen. Er würde sie nur aus der Ferne beobachten, auf irgendwelche fürsorglichen Andeutungen stand ihm nicht der Sinn. Mit dem Handtuch über die Schultern gelegt machte er sich auf dem Weg nach unten in die Küche, als er plötzlich Tohmas Stimme hörte. Zuerst blieb er nur stehen und lauschte. Vielleicht redete er nur im Schlaf? Doch beim zweiten Mal bemerkte er die offene Schlafzimmertür, durch die ihn Tohma ohne große Mühe hätte bemerken können. Er machte kehrt und betrat das Schlafzimmer der Seguchis. Tohma saß aufrecht mit zerzausten Haaren im Bett, sein viel zu schlanker Körper in einen sündhaftteuren weißen Yukata gekleidet. Es war ein ungewohntes Bild das sich Eiri hier bot, Tohma so zu sehen, hatte nahezu etwas Befremdliches an sich.

„Eiri-san? Was machst du denn hier?"

Er war sichtlich erstaunt ihn hier zu sehen, schließlich kam es nicht oft vor, dass Eiri zu Besuch bei ihnen war und erst Recht nicht über Nacht. An seinen nassen Haaren konnte er sehen, dass Eiri tatsächlich die Absicht hatte hier zu bleiben und dies blieb nun wirklich eine Seltenheit. Tohma schien noch immer reichlich verwirrt, er rieb sich die Augen, nur um festzustellen, dass er noch immer seine Kontaktlinsen trug. Er war mit einem seltsamen Gefühl aufgewacht, nicht nur, dass ihm übel war, er fühlte sich wie gerädert, seine Glieder kamen ihm schwer vor, schmerzten, ihm war kalt und vor seinen Augen tat sich ein seltsames Flimmern. So krank und unbeholfen hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt, er verspürte sogar ein leichtes Zittern als Eiri ihm die Hände auf die Schultern legte und ihn sachte zurück ins Bett drückte. Es fiel ihm schwer sich dagegen zu wehren, in seinem Kopf herrschte ein undurchdringlicher Nebel, der ihn zwang die Augen wieder zu schließen.

„Du solltest liegen bleiben, der Arzt hat dir eine Spritze gegeben, wenn du gleich wieder umkippst, helfe ich dir nicht auf, dann lass ich dich hier liegen."

„Nein, es geht schon, mach dir keine Sorgen."

Es tat gut den weichen Stoff des Kopfkissens auf seiner Wange zu spüren, es fühlte sich kühl, fast belebend an. Haare rutschten ihm über die Augen, doch er war noch immer viel zu müde, um sie weg zu streichen. Umso erstaunter war er, als er plötzlich die Hand seines Schwagers bemerkte, die dies für ihn übernahm. Er öffnete blinzelnd die Augen, als die Sicht wieder frei war. Das Bild von Eiris besorgtem Gesicht blieb verschwommen, aber deutlich genug um zu erkennen, dass dieser heute mehr von sich preisgab, als ihm wohlmöglicher Weise lieb war. So gerne er diesen Anblick noch genossen hätte, die Augen fielen ihm zu und er ergab sich stumm seiner Erschöpfung. Schwach, als hätte sein Verstand seinen Geist zurückgetrieben, in die hinterste Ecke seiner Wahrnehmung, spürte er wie Eiris kühle Finger über seine Wange glitten. Für einen Moment schmiegte er das Gesicht fast sehnsüchtig in seine Handfläche, dann ließ Eiri von ihm ab.

„Ist dir kalt Tohma? Du zitterst."

Er bemerkte Tohmas Kopfschütteln in den Kissen, in die er sich gegraben hatte. Ihn nicht aus den Augen lassend, ging er um das Bett herum und setzte sich. Tohma gab ein Seufzen von sich und wand sich Eiri zu, es war ihm sichtlich unangenehm sich so vor seinem Schwager zu zeigen, doch die Versuche seinen momentanen Zustand zu kaschieren waren vergebens. Zum ersten Mal schien ihm Tohmas zierlicher Körper nicht nur elegant oder hübsch, sondern er bemerkte auch die Schattenseiten, dass er zu weit gegangen war mit seinem Ehrgeiz, seiner Arbeit. Sein Körper schien nun wirklich an die Grenzen zu stoßen, die auch ein Seguchi Tohma besaß.

„Du bist keine Maschine Seguchi. Was meinst du wie viele Sorgen sich Mika und Noriko um dich gemacht haben?"

Wie auf Kommando richtete sich Tohma im Bett auf und starrte Eiri aus leeren Augen an, er blinzelte um die Benommenheit zu vertreiben, die von ihm Besitz ergriffen hatte, doch es half nichts. Der Schwindel war momentan stärker, als jeder Enthusiasmus den er hätte aufbringen können. Sein Körper gehorchte ihm in diesem Moment nicht, als er versuchte aufzustehen, aber auch wenn Eiri ihn zurückhielt, er wollte wenigstens nach Mika sehen, ihr sich zeigen, um deutlich zu machen, dass er kein Mensch war um den man sich sorgen musste. Beschwichtigend hob er die Hände, als Eiri versuchte ihn aufzuhalten, halb gegen ihn gelehnt war ihm immer noch nach protestieren zumute.

„Jetzt mach dir doch bitte nicht solche Sorgen Eiri-san, es ist alles in Ordnung."

Plötzlich war Tohma wieder in seiner alten Rolle, Eiris Hände glitten über dessen Schultern und ließen ihn los. Gehorsam nickte er wobei sein Gesichtsausdruck die Miene eines kleinen beleidigten Jungen zeigte, der von seinem Vater gerügt worden war. Er nickte und spürte Tohmas Hand wie sie ihm über die Wange strich, dann stand dieser auf.

„Wenn du schon mal wach bist könntest du ruhig etwas essen, der Arzt hat…"

Doch er brachte den Satz nicht mehr zu Ende, aus dem Augenwinkel heraus, konnte er erkennen wie Tohma die Beine nachgaben. Es war nur ein flüchtiger, kleiner Augenblick, doch ihm entging nicht wie Tohma sich an die Stirn fasste, sein ohnehin schon blasses Gesicht wurde kalkweiß, dann verlor er völlig den Halt.

„Tohma!"

Grade noch rechtzeitig fing er ihn in seinen Armen auf und hielt ihn fest. Er hatte Mühe ihn auf den Beinen zu halten und so ließ er sich vorsichtig mit ihm zusammen auf die Knie herunter, drückte den kraftlosen Körper an sich und versuchte ihn zu stützen. Tohma fühlte sich nicht nur schlank in seinen Händen an, es war beängstigend wie viel er abgenommen zu haben schien. Seine Hände konnten seine Rippen ertasten, sie zählen. Völlig zusammengesunken lag der sonst so wackere Businessmann in seinen Armen und rührte sich nicht. Für einen Moment überkam ihn fast Panik und er strich Tohma das Haar aus dem Gesicht um, zu sehen, ob er wach war, dann drückte er ihn kurz an sich.

„Leg dich wieder hin."

Er vermied es, Eiri in die Augen zu sehen und hielt den Kopf gesenkt, nur ein Nicken deutete an, dass er verstanden hatte. Der Schock über sich selbst, über seinen momentanen Zustand, saß zu tief um ihn auch nur im Geringsten zu ignorieren. Er war wie gelähmt von der Tatsache, dass vielleicht sein Wille und sein Ehrgeiz so stark war wie nie zuvor, jedoch nicht sein Körper, der ihm nun deutlich die Grenzen wies. Emotionale Schwäche. Wie oft hatte er diese in sich gespürt, immer wieder wenn er sich für Eiri verantwortlich fühlte. Aber dies hier war etwas völlig neues. Er konnte nicht beschreiben wie es sich anfühlte so schwach in Eiris Armen zu liegen, zu spüren wie ihn alle Kräfte verließen und er einfach nur hilflos blieb. Vielleicht war nun der Punkt erreicht, an dem selbst ein Seguchi Tohma nicht mehr in der Lage war zu leugnen, dass auch er Schwächen besaß, die ihm grade nur allzu deutlich gemacht wurden.

Als nach ein paar Stunden das Chaos perfekt geworden war, wurde K deutlich bewusst, dass es sich nicht auszahlte die Tage der Arbeit damit zu verbringen, möglichst oft und lange aus dem Gebäude zu fliehen. Es war ihm stets lieber gewesen, die von ihm betreuten Bands zu irgendwelchen Konzerten, Fototerminen oder sonstigen Auftritten zu fahren und dort zu vertreten. Das brachte allerdings nun das Problem mit sich, dass ihm der riesige Gebäudekomplex von N-G Corp. völlig unbekannt war. Während Sakano von einer in die nächste Etage hetzte um die Katastrophe einigermaßen von ihnen fernzuhalten, stand er nur hilflos da, bekam ein paar Akten in die Hände gedrückt und wurde aufgefordert ein paar Termine abzusagen, die in den nächsten Tagen für Seguchi Tohma angestanden hätten. Anders gesagt, er fühlte sich wie eine billige Aushilfskraft.

„Wieso darf ich denn nicht einfach zum Chef nach Hause fahren?", protestierte K und war damit beschäftigt Sakano auf Schritt und Tritt zu folgen. Mittlerweile war es schon nach 23:00 Uhr, aber die Telefone standen immer noch nicht still. Kaum einer der zahlreichen Mitarbeiter war nach Hause geschickt worden. Sekretärinnen, Manager und Aushilfen hetzten immer wieder an K vorbei, die meisten von ihnen ein Handy ans Ohr gepresst. So einen Aufruhr hatte es das letzte Mal gegeben, als ein Mitglied einer unter Vertrag stehenden Band, einen Autounfall hatte und N-G eine ganze Zeit lang ahnungslos hinsichtlich dessen Befinden war. Doch damals war Tohma derjenige, der die meiste Arbeit selbst übernommen hatte. Von ihm ging eine Ruhe aus, die sich auf sämtliche Mitarbeiter übertragen hatte. Nichts an ihm hatte in irgendeiner Weise Panik verraten. Sein Lächeln war stets dasselbe gewesen, seine Handgriffe waren präzise wie die eines Chirurgen. Nichts schien ihm im Weg zu sein, Akten, das Telefon, das Faxgerät und das Handy waren zu seinem Werkzeug geworden, mit denen er jede Situation bewältigen konnte und fürwahr, war der Tag dank des Chefs nicht im absoluten Chaos untergegangen.

Doch jetzt wo Seguchi Tohma nicht anwesend war und es obendrein auch noch um ihn selbst ging, waren Sakano sowie K fast ratlos. Zum wahrscheinlich siebzehnten Mal erklärte der völlig gestresste Sakano dem Amerikaner, warum er seinen Vorschlag einfach zum Haus der Seguchis zu fahren, rigoros ablehnte.

„Seine Frau wird dich mit einem stumpfen Küchenmesser aufschlitzen und danach verspeisen, außerdem hat sie das Telefon zu Hause ausgestöpselt und das Handy vom Chef ist ausgeschaltet."

Nervös fuchtelte er mit den Händen herum, übergab K flatternd eine der Akten und nahm sie Sekunden später wieder zurück. K selbst konnte daraufhin nur die Augen verdrehen, während er im Gehen versuchte die Nummer einer Agentur herauszufinden.

„Ich meine ja nur, dass wir besser dran wären, wenn wir wüssten was mit dem Chef los ist! Ich kann die gierige Presse nicht viel länger zurückhalten ohne mindestens ein halbes Dutzend von ihnen hinzurichten."

„Du wirst niemanden hinrichten! Wir könnten im Augenblick nicht einmal die Bestattungen bezahlen, wenn der Chef nicht bald wieder auf den Beinen ist! Es geht alles vor die Hunde!"

Genervt, gestresst und völlig ausgehungert schüttelte K den Kopf und versuchte in dem Meer von Tränen, das Sakano vergoss, nicht zu ertrinken.

„Ach, jetzt übertreib nicht. Als ob der ganze Laden zusammenbrechen würde, nur weil Tohmas engelsgleiches Lächeln nicht vor Ort ist."

Entschlossen blieb K stehen und riss Sakano die Akte wieder aus der Hand.

„Ich mach jetzt deine verfluchte Arbeit und dann fahr ich in Ruhe nach Hause und leg mich aufs Ohr, der ganze Terror hier zerrt an meinen Nerven."

„Du kannst doch jetzt nicht einfach gehen, ich brauche dich hier, die ganzen amerikanischen Investoren… K-san!"

Sakano war nahe einem Zusammenbruch, als K sich wirklich umdrehte und Anstalten machte zu gehen, dieser hob nur flüchtig eine Hand und schenkte dem verzweifelten Produzenten ein Winken.

„Wenn ihr was Neues in Erfahrung bringt, sagt mir Bescheid, aber weckt mich nicht, sonst knall ich dich ab!"

„Du bist schon jetzt für meinen Tod verantwortlich!", heulte Sakano.

„Bestens, dann schlaf gut!"

Durch das Treppenhaus verließ er den langen Gang durch den Sakano und er marschiert waren und kehrte zu seinem Büro zurück, in das er kurzerhand die Akte feuerte, sich Jacke und Autoschlüssel schnappte und endlich aus dem Gebäude flüchtete. Zugegeben, die Nachricht über Seguchis Zusammenbruch, hatte auch ihn anfangs geschockt. Aber trotz der wenigen Informationen, meinte er zu wissen, dass es wohl doch nichts allzu ernstes sein konnte und somit die ganze Belagerung von Reportern völlig übertrieben war. Zwar hatten sie bislang noch keine wirklichen Details in Erfahrung bringen können, aber zumindest der Fotograf des Studios in dem Tohma zusammengebrochen war, hatte ausgesagt, dass der werte Mr. Seguchi nicht ins Krankenhaus, sondern nach Hause gebracht worden war und dass Ukai Noriko ihm in Begleitung des Arztes gefolgt war. Dies brachte die Schlussfolgerung mit sich, dass es so schlimm nicht sein konnte, anders hätte man darauf bestanden Tohma sofort ins Krankenhaus zu fahren.

Wenn er doch nur Noriko erreichen könnte! Zum wohl fünfzigstens Mal wählte er heute ihre Nummer, sein Ohr kam ihm wund vom vielen telefonieren vor, doch auch diesmal schien die ehemalige Keyboarderin nicht abzunehmen. Er ließ es zehnmal klingeln, dann gab er auf und stieg in sein Auto.

In Shinjuku wimmelt es nur so von Arbeitsplätzen. Bardamen, Tänzerinnen, Verkäufer und vielleicht war auch für arbeitslose Programmierer und Grafikdesigner etwas zu finden, sollte man zumindest meinen. Die Wahrheit jedoch war eine ganz andere. Shinjuku schien zwar bunt und pompös, was die Leute allerdings anging, waren sie stur wie bockige Esel, fand Ray Fellows.

„Ich würde sogar ihre Aushängeschilder neu gestalten, alles zu einem wirklich günstigen Preis, fragen Sie Morimoto hinten bei „Isetan", dem sein neues Werbeplakat zieht die Kunden nur so an!"

Der mächtige Geschäftsführer des Erotikladens schüttelte streng den Kopf und hob die Augenbrauen.

„Ich weiß nicht was Tsuda Ihnen da gesagt hat, aber ich habe kein Interesse, bitte verlassen Sie meinen Laden."

Ray gab es auf. Seit einer geschlagenen Stunde schlenderte er nun durch Shinjuku, um sich irgendwie Arbeit zu verschaffen, doch es war vergebens. Obwohl K ihn auf Shinjuku aufmerksam gemacht hatte, schien er auch hier kein Glück zu haben. Insgeheim hätte er natürlich wissen müssen, dass die Japaner keine amerikanischen Hausierer willkommen hießen, erst recht nicht solche mit langen Haaren und billigen Anzügen. Trotzdem, ein wenig Hoffnung war geblieben, doch die nutze ihm nun auch nichts mehr.

Eine leere Kaffeedose vor sich hinkickend, ging er die schmale Gasse entlang zur U-Bahn Station. Den Krach den er damit verursachte, zog Blicke von Geschäftsmännern an sich, sowie von kichernden Protestierten. Sollte sein Leben wirklich so tief in der Scheiße stecken? Er war doch nicht einmal vierzig Jahre alt, wie konnte es da sein, dass seine ganze Karriere den Bach hinunter gegangen war? Seiner Meinung nach hatte sie kaum angefangen, damals als enthusiastischer junger Bursche, hatte er das Feuer gehabt, um hier zu überleben. Nun als Mann Ende dreißig, schien er völlig leer gebrannt und am Ende seiner Laufbahn.

Seufzend rückte er sich die schwarz geränderte Brille zurecht und ließ den Blick umherschweifen. Ein Drink bevor er nach Hause fahren würde, wäre nicht schlecht. Mittlerweile war es doch eh nicht mehr von Bedeutung, ob er nun nüchtern oder vollkommen besoffen war. Da zog er es lieber vor den Geschmack von Whiskey oder Jack Daniels auf der Zunge zu haben, als vorzeitig den Geruch seiner miefigen kleinen Wohnung in Naka-Meguro.

Sein Blick fiel auf das kleine Lokal mit der Aufschrift „Ikkoku" auf der anderen Straßenseite. War das nicht das Lokal was K ihm genannt hatte, wo angeblich dieser vorbestrafte Yakuza verkehrte? Desinteressiert zuckte Ray die Schultern, er schien mit sich selbst zu reden. Was machte das schon? Selbst wenn deutsche Nazis in dem Lokal verkehren würden, es wäre ihm egal. Eine Bar war wie die andere, Hauptsache es war genügend Alkohol vorhanden, etwas anderes interessierte ihn nicht. In seiner Geldbörse befanden sich etwa noch 4600 Yen, das musste für die Rückfahrt und ein paar Drinks locker reichen. Zielstrebig steuerte er das „Ikkoku an und überquerte die Straße. Die Inneneinrichtung überraschte ihn nicht, er hatte schon in vielen solchen Bars gesessen und sich fast bis zur Besinnungslosigkeit getrunken. Auch die hübsche Bardame war ihm heute Abend egal, er wollte in diesem Augenblick nichts anderes, als seinen Frust hinunterspülen.

Cui Hua, die auch an diesen Abend Schicht hatte, fühlte sich allmählich von Amerikanern verfolgt. Dieser allerdings war nur halb so attraktiv wie der Blonde vom letzten Mal. Außerdem, so fand sie, roch er seltsam. Der bemitleidenswerte Ray Fellows saß zusammengesunken in seinem grauen, etwas zu großen Nadelstreifenanzug an der Theke und starrte müde vor sich hin. Zwar hatte er in fließendem japanisch seine Bestellung aufgegeben, aber auch das ließ ihn nicht wirklich sympathisch erscheinen fand Cui Hua. Schweigend stellte sie ihm das Glas mit Whiskey vor die Nase, wischte kurz über die Theke und verschwand aus seiner Reichweite. Auf der anderen Seite lehnte sie sich auf das Holz und schüttelte seufzend den Kopf.

„Die Gestalten hier werden von Abend zu Abend seltsamer Jun, jetzt guck dir doch bitte diesen heruntergekommenen Freak da hinten an."

Shinoyama Junichi ließ, zu Tode gelangweilt die Zeitung sinken und starrte die Chinesin mit gehobenen Brauen an.

„Meinst du das interessiert mich? Ist mir doch egal wer hier reingeht. Meinetwegen kann Atilla der Hunne hier hinein spazieren und Sushi mit lebenden Fisch bestellen, also hör auf mich zu nerven, ich lese!"

Beleidigt verzog Cui Hua die Lippen und schlug das Geschirrspülhandtuch gegen Juns Zeitung.

„Du bist ja taktlos, lass deine schlechte Laune nicht an mir aus!"

Sie sah sich kurz um, stemmte die Hand in die Hüfte und zog Jun dann die Zeitung ein wenig beiseite.

„Wo ist eigentlich dein Busenfreund geblieben? Irgendwelche Knochen brechen oder sich endlich ein Gehirn beim Ausverkauf besorgen?"

Nie im Leben würde Jun Hand an eine Frau anlegen und sie schlagen, allerdings wankten seine Prinzipien grade mächtig, als Cui Hua keine Anstalten machte ihn in Frieden zu lassen, musste er tief durchatmen um nicht die Beherrschung zu verlieren.

„Woher soll ich das wissen? Ich hab genug mit euch Weibern zu tun, ich werde verfolgt von irgendeinem blonden Cowboy und kann noch nicht einmal in Ruhe Zeitung lesen!"

Mit genervten und flatternden Bewegungen faltete er wütend die einzelnen Seiten wieder zusammen und sah der jungen Kellnerin düster in die Augen, dann stand er auf, warf einen Schein auf die Theke und stopfte die Hände in die Taschen seiner Hose.

„Vergiss es. Ich geh pinkeln, die scheiß Pissbude hier ist immer noch im Eimer oder?"

„Morgen kommt der Klempner und repariert die Männertoilette, ich hab heute extra noch mal nachgefragt. Du kannst auch solange auf die Damen…"

„Da entweihe ich doch lieber unsere Mülltonnen."

Schnellen Schrittes steuerte er auf den Hinterausgang zu. Er wollte grade den Vorhang beiseite schieben, da stürmte Shuntarô durch die Vordertür und ließ mit seinem beträchtlichen Gewicht das ganze „Ikkoku" erzittern. Ohne ihn zu begrüßen oder anzuhalten, packte er den dürren Jun am Arm und zerrte ihn durch den Hinterausgang hinaus.

„Gut, dass du hier bist, ich muss mit dir reden."

Noch bevor er eine Antwort geben konnte, hatte sein Kumpel ihn schon zur Tür raus geschoben und in die schmale Gasse gedrängt, die dahinter lag. Protestierend riss sich Jun von ihm los und fuhr ihn an.

„Was willst du? Ich muss dringend Wasser lassen und du stürmst hier einfach rein, was hast du mir zu sagen?"

Shuntarô wirkte sichtlich aufgeregt. Sein fleischiges Gesicht war bis zur Nasenspitze gerötet und sein Atem ging schnell und schnaubend wie bei einem Stier, Jun hatte die Befürchtung er würde ihm gleich ersticken oder zumindest platzen.

„Hör zu, es gibt Probleme. Diese Sache mit Morita nimmt langsam Überhand."

„Erzähl mir das während ich pisse Shu-chan, ich hatte heute wahrlich genug Stress."

Er öffnete seinen Hosenstahl und drehte sich in entgegen gesetzter Richtung, dann erleichterte er sich an den schwarzen Mülltonnen. Sein Freund schwieg und senkte den Kopf. Er würde warten bis er fertig war.

Ray Fellows kippte das vierte Glas Whiskey in sich hinein und verspürte langsam die gewünschte Wirkung. Vor seinen Augen schien die hübsche Kellnerin sich in zwei zu teilen, ihm war seltsam warm geworden und auch die Stimmen von den Tischen weiter hinten waren leiser geworden.

„Wo ist denn hier die Toilette, wand er sich an die junge Chinesin und schob ihr das Glas zusammen mit ein paar Scheinen über die Theke. Cui Hua setzte ein entschuldigendes Lächeln auf und nickte in Richtung Hinterausgang.

„Entschuldigen Sie, aber die ist zurzeit außer Betrieb."

Ray tat einen Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Entsetzen und Langeweile, ehe er aufstand, irgendwas auf amerikanisch vor sich hinmurmelte und den Hinterausgang aufsuchte, den Cui Hua ihn gewiesen hatte. Nicht genug damit, dass er heute wieder einmal erfolglos gewesen war, was die Jobsuche betraf, jetzt musste er auch noch in irgendeiner schäbigen Gasse sein Geschäft verrichten. Leicht torkelnd schritt er durch den grünen Vorhang und drückte die schwere Brandschutztür auf. Draußen schien es nun zu regnen, kleine Tropfen benetzten feine Spinnennetze in der Gosse und der Asphalt zu seinen Füßen glänzte feucht. In der hintersten Ecke, irgendwie zwischen weggeworfenen Kartons und altem Gemüse, suchte sich Ray ein Plätzchen und pinkelte gegen einen halb umgestürzten Zaun. Er war grade fertig geworden, als er plötzlich Stimmen hörte die immer lauter wurden, sie schienen ziemlich erregt über irgendetwas zu diskutieren. Obwohl Ray Fellows mittlerweile eine beträchtliche Menge an Alkohol im Blut hatte, konnte er dem Drang des Lauschens nicht widerstehen. Er schlich sich bis zum anderen Ende der schmalen Gasse und erblickte zwei Männer die sich angeregt unterhielten. Die Diskussion war laut genug um ihr zu folgen und so fiel es Ray nicht schwer dem ganzen zu folgen. Ihre Gesichter konnte er nicht erkennen, sie standen mit dem Rücken zu ihm, was ihm ermöglichte näher zu treten ohne bemerkt zu werden. Nur ein paar Meter entfernt, konnte er so hören wie die zwei sich regelrecht anschrieen.

„Was willst du machen Jun? Willst du es einfach ignorieren und warten bis wir von unseren eigenen Männern hingerichtet werden? Dann werden streunende Hunde unsere Überreste vom Boden fressen."

„Wir haben unsere Arbeit erledigt! Ich werd den Teufel tun und noch einmal meinen Arsch riskieren, das war sowieso alles viel zu knapp!"

Warum er den Drang zu lauschen verspürte, konnte sich Ray beim besten Willen nicht erklären, eigentlich hatte er im besoffenen Zustand immer anderes zu tun gehabt, aber in diesem Moment lag es ihm irgendwie sehr daran möglichst viel von diesem Gespräch aufzuschnappen. Beide Männer schienen ziemlich wütend aufeinander, aber das war nicht das interessante an der Unterhaltung, die immer lauter wurde. Doch wenn er noch mehr von der Unterhaltung mitbekommen wollen würde, müsste er näher ran gehen.

Er erkannte ihn in dem Moment, als Jun sich wutentbrannt herumdrehte und nach einer Plastiktüte trat. Erschrocken wich Ray zurück, nicht eingeschüchtert durch das Auftreten des Japaners, sondern vielmehr durch dessen Begleiter, der ohne Zweifel ein arbeitsloser Sumoringer war. Trotzdem merkte er wie ihm die Wirkung des Alkohols förmlich aus dem Blut gespült wurde, als er das feminine Gesicht der hageren Gestalt erkannte, das K ihm noch vor kurzen gezeigt hatte. Es war derselbe Mann. Seine zierliche Gestalt in den lächerlichen Klamotten, das braune im Zopf gebundene Haar, die leuchtend grünen Augen, alles waren unverkennbare Merkmale, die er nicht nur auf dem Foto im Computer gesehen hatte, sondern die ihm K auch haargenau geschildert hatte. Augenblicklich tat er einen Schritt zur Seite und drückte sich an den hölzernen Zaun in seinem Rücken. In diesem Moment fielen jene Sätze, die ihm für immer im Gedächtnis bleiben sollten.

Jun, der wohl eher einen perfekten Transvestiten abgegeben hätte, als ein verbrecherischer Yakuza, so fand zumindest Ray, schien durchzudrehen oder ähnliches. In seinem Übermut packte er seinen Berg von Freund am Kragen und schrie ihm ins Gesicht.

„Morita ist tot! Tote Fettklöpse erzählen keine Geschichten, aber wenn durchsickert wie er starb haben die uns wegen Mord dran! Dann kannst du Oda gleich deine ganze Hand als Entschuldigung auf den Tisch werfen und meine dazu!"

Völlig in seiner Verzweiflung aufgelöst, klatschte Jun sich die Hände ins Gesicht, riss dabei ein paar Haarsträhnen aus dem kurzen Zopf und sah danach aus wie ein zerrupftes Huhn, sein hübsches blasses Gesicht gerötet vor Ärger und auch Angst.

„Die kriegen uns nicht wegen des Mordes dran. Ein ganzer, beschissener Haufen an Zeugen hat gesehen wie der Fettwanst vor einen Bus gelatscht ist, also hör verdammt noch mal auf so eine Panik zu machen!"

„Ja! Aber irgendeiner von Nagaos Männern hat uns gesehen! An Moritas Leiche!"

So schnell es ging zückte Ray in völliger Panik sein Handy. In was zum Teufel war er dank K da hineingeraten? Er hatte es mit zwei Mördern zu tun, so viel war ihm klar. Er musste zusehen, dass er hier weg kam, aber trotzdem würde er K darüber informieren mit was er im Begriff war sich anzulegen. Nicht nur mit irgendwelchen Yakuza aus der Unterwelt von Tokyo, sondern auch mit zwei Killern, die in der Lage waren einen Mord wie einen Unfall aussehen zu lassen. Er erinnerte sich zu genau an den Eintrag in der Polizeiakte des Typen, in der die Rede von einem Unfall in Shinjuku war, wo dieser als Zeuge verhört wurde. Doch jetzt schrillten alle Alarmglocken bei Ray. Der Unfall um den es ging, war keiner und Jun und sein fettwanstiger Gespiele waren die Mörder dieses „Morita". Zur Hölle mit Crawd! In was war er da hineingezogen worden? Nein, er ermahnte sich zur Ruhe, seine Finger zitterten schon genug, als er im Telefonverzeichnis seines Handys nach Crawd Winchesters Nummer suchte. Mittlerweile war er bis ans Ende des Zauns gekrabbelt, hatte sich dort in die Hocke sinken lassen und bemühte sich möglichst leise zu sein, um ja keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Besetzt.

Entsetzt starrte Ray das kleine Telefon in seiner Hand an. Wie konnte man an einem einzigen Tag nur derartig viel Pech haben? Er versuchte es ein zweites und drittes Mal, solange er die aufgebrachten Stimmen der beiden Yakuza hinter sich hörte, konnte er sicher sein nicht entdeckt zu werden. Bis zu der Tür die wieder ins „Ikkoku" hineinführte, traute er sich nicht. Obwohl er unbemerkt durch diese in die Gasse hineingelangt war, wagte er es nun nicht mehr durch diese zu entkommen. Die alte und schwere Eisentür würde quietschen und somit die Aufmerksamkeit der beiden Gestalten auf sich lenken. Nicht auszudenken was mit ihm geschehen würde, sollte auch nur einer der beiden ihn bemerken. Er spürte wie sein Herz wie wild in seiner Brust zu schlagen begann. Das Haar hing ihm unerklärlicherweise quer im Gesicht, wahrscheinlich hatte es sich schon büschelweise in dem aufgesplitterten Zaun verfangen.

„Mist verdammter!"

Auch der vierte Versuch K zu erreichen blieb ein Misserfolg. Kurzerhand suchte Ray nach der Festnetznummer von K's Appartement in Chuo-ku. Es klingelte, doch nach dem fünften Tuten sprang der Anrufbeantworter an, auf dem ein offensichtlich genervter und von Langeweile zerfressener K eine kurze Nachricht hinterlassen hatte. Diesmal war es ihm egal.

Wenn ihn sein amerikanischer Freund schon in diese missliche Lage gebracht hatte (oder war es doch er selbst gewesen?), hatte dieser auch verdammt noch mal darüber Bescheid zu wissen, in welchen Schwierigkeiten er sich da befand!

„Crawd du unglaublicher Mistkerl! In was hast du mich da hineingezogen? Geh an dein verficktes Telefon wenn du zu Hause bist, ich hab versucht dich zu erreichen! Hör zu, ich sitze grade im Hinterausgang deines bescheuerten Lokals und der Yakuza mit seinem Sumoringer als Freund ist hier! Ich habe ein Gespräch der beiden mitbekommen in dem es um Mord geht, das sind zwei ganz gefährliche Typen, halt dich bloß…"

„Wen haben wir denn da?"

Vor Schreck fiel Ray das Handy aus der Hand. Er spürte einen Ruck an seinen Haaren, einen kurzen Schmerz und das erste und letzte was er von Shinoyama Junichi sah, waren seine stechend grünen Augen. Er schrie noch verzweifelt auf, dann bekam er einen heftigen Schlag ins Gesicht. Sofort war alles dunkel und still.

„Musste das sein?"

Mit immer noch nervösen Fingern, zündete sich Jun eine Zigarette an. Neben ihm stand Shuntarô und starrte fast bedauernd auf den am Boden liegenden Ray Fellows, dessen Gesicht vollständig mit Haaren bedeckt war. Aus einer kleinen Wunde seitlich an der Stirn, quoll noch immer etwas Blut.

Shuntarô zuckte die Schultern.

„Nur weil ich fett bin, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht schnell reagieren kann. Der Typ ist nen Spion, der musste umgehauen werden."

Mit einem entnervten Seufzer verdrehte Jun die Augen und behielt die Zigarette zwischen den Lippen.

„Und was willst du jetzt mit ihm machen? Sollen wir ihn aufschlitzen? Sein Blut hier in der Gosse verteilen?"

„Wie geschmacklos du bist. Wir könnten in vor einen Bus schmeißen, dann hätte er das gleiche Ende wie Morita die Dreckssau."

„Ach."

Jun bückte sich zu Ray hinunter und hob das kleine schwarze Handy auf, das immer noch mit aufrechter Verbindung neben diesem lag. Interessiert beendete er den Anruf und starrte auf die Anzeige in der, der Name des Angerufenen erschien.

Crawd

„Hm."

Mit einem Funkeln in den grünen Augen, ließ er das Handy sinken und verzog die Lippen zu einem Grinsen, als er Shuntarô einen kurzen Blick zuwarf und dann hinunter zu dem immer noch bewusstlosen Ray nickte.

„Wir haben einen wirklichen Glückstreffer gelandet mein Lieber."

Der langsame, immer etwas begriffsstutzige Shuntarô brauchte auch diesmal länger um seinem Freund zu folgen.

„Was meinst du?"

Jun war wie immer darauf vorbereitet. Würde man ihn je fragen wer von ihnen beiden der Anführer war, würde er nicht zwangsläufig seinen eigenen Namen nennen. Es war nicht unbedingt so, dass er das Genie war und Shuntarô das Werkzeug, jedoch konnte er alleine nie jemanden wirklich beeindrucken. Selbst Cui Hua lachte über ihn und seine zierliche Gestalt. Allerdings wäre es auch falsch zu behaupten, er verstecke sich hinter seinem mächtigen Freund. Shuntarô holte ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Sie waren sich zu ähnlich. Immer wenn Jun kurz davor war auszurasten beruhigte Shuntarô ihn, genau so war es umgekehrt. Jun selbst geriet leicht in irgendwelche Prügeleien. Nahm man ihn nicht ernst; und das geschah einem oft mit so einem Mädchengesicht, brachte er es fertig komplett auszurasten und alles andere zu vergessen. Shuntarô war da anders. Er geriet erst in Panik wenn es einen guten Grund dafür gab. Wenn er irgendwo seriös wirken wollte nahm er Jun an seine Seite. Da, wo es ihm an Geschicklichkeit fehlte, holte er sich den smarten Junichi zur Hilfe und wo immer Shinoyama Junichi körperliche Überzeugungsarbeit leisten musste, half ihm Shuntarô. Sie ergänzten sich gegenseitig. Eine Hand wäscht die andere.

„Ich meine, dass wir mit diesem Amerikaner hier, die perfekte Geisel haben. Das absolut ideale Druckmittel mit dem wir soviel Geld auspressen können, dass es nicht nur reicht um Nagaos Maul zu stopfen, sondern auch, um uns hier freikaufen zu können!"

Shuntarô blickte ihn mit einem treu doofen Gesichtsausdruck fragend an.

„Verstehst du nicht?"

Begeistert und mit einem Strahlen in seinem hübschen Gesicht, legte Jun seinem Freund die Hände auf die Schultern.

„Dann sind wir frei! Dann kann uns Oda gestohlen bleiben, wir wären nicht länger auf ihn angewiesen! Nagao, Morita, die wären uns alle scheißegal! Dann liegen wir an Brasiliens Stränden und schlürfen Cocktails bis wir kotzen!"

„Jetzt übertreib mal nicht."

Weil er das ganze für ziemlich futuristisch hielt, verdrehte Shuntarô die Augen und starrte auf Ray Fellows zusammengesackten Körper.

„Immer diese Amerikaner, das werden wir mir in letzter Zeit zu viele. Hier muss irgendwo ein Nest sein."

Tatsächlich ließ er seinen Blick einmal umherschweifen, dann bückte er sich nach dem schlaksigen Ray und hievte ihn nach oben bis dieser schlaff in seinen Armen hing.

„Die Leute werden denken wir hätten ihn umgebracht und schleppen seine Leiche durch ganz Kabuki-cho."

„Ne, die werden nur denken, wir seien zwei aufgeschlossene nette Japaner, die mit einem langhaarigen Ami etwas trinken waren, hast du verstanden?"

„Verstanden."

Mit seinem Arm, der doppelt so dick schien wie auch nur eines von Juns Beinen, stütze er Ray und forderte Jun auf sich dessen anderen Arm über die Schulter zu legen. Tatsächlich glaubte ihnen auf den Straßen jeder diese Ausrede, die sie nicht einmal aussprechen mussten. Keiner widmete ihnen Aufmerksamkeit. Ein paar Protestierte lachten über sie, neckten sie mit ein paar Sprüchen und machten sich lustig über den scheinbar betrunkenen Amerikaner, der nichts aushielt. Das war alles. Es klappte wie am Schnürchen.

„Wenn Oda oder Nagaos Männer uns sehen, werden die sich fragen was wir hier machen", zischte Shuntarô Jun zu, während er den eher schmächtigen Ray voranschleifte.

„Die sind heute Nacht nicht hier, die nehmen einen Laden in Shin-Okubo auseinander und Oda-san hat heute ebenfalls besseres zu tun, also mach dir keine Gedanken."

Zu diesem Zeitpunkt wusste Shuntarô weder, ob es sich überhaupt noch lohnte sich Gedanken zu machen, noch ob sie je aus dem Schlamassel hinausgelangen würden in dem sie mittlerweile steckten. Dieser Amerikaner, Druckmittel hin oder her, würde ihnen auch nicht viel nutzen. Er sah sich um. Die Lichter von Shinjuku schienen ihm einen Weg ins Nichts zu weisen.

Es war irgendwann gegen Mitternacht gewesen, als er Noriko endlich über das Handy erreicht hatte. Die sonst so fröhliche und immer zu Späßen aufgelegte Ex-Synthesizerin klang nicht nur genervt, sondern auch alles andere, als zu einer Unterhaltung bereit. Was mit Tohma wäre, wie es ihm ginge, ob sie eine Ahnung davon hätte was in den Medien los sei. All das hatte K ihr mindestens fünfmal an den Kopf geworfen, bis er endlich die gewünschten Antworten bekommen hatte. Tohma ginge es den Umständen entsprechend, er sei vom Arzt behandelt worden und schliefe jetzt, fiele aber mit Sicherheit für die nächsten paar Tage aus, da noch weitere Untersuchungen im Krankenhaus anstehen würden.

„Also ist es wirklich so schlimm?", hatte K mit trockenem Mund schließlich gefragt und dabei entsetzt auf die Straße vor sich geblickt. Eigentlich hätte er beim Autofahren nicht telefonieren sollen.

„Jetzt mach mal keine Panik, du klingst ja schon wie Sakano! Wir müssen abwarten, erstmal wird Tohma sich ausruhen müssen, morgen wird er untersucht, dann wissen wir mehr! Eiri-san ist übrigens bei ihm, also wag dich nicht zu ihnen nach Hause, hörst du?"

Noriko war grade aus dem Wagen gestiegen, als K's Anruf sie erreicht hatte. Die anderen paar Dutzend hatte sie gekonnt ignoriert, indem sie ihr Handy auf lautlos geschaltet hatte. Irgendwann hatte sie sich dazu entschieden ihm eine Chance zu geben und abzunehmen. Hätte sie jedoch geahnt mit was für einem Gebrüll sie empfangen werden sollte, hätte sie den Anruf gar nicht erst angenommen.

„Wenn die Presse erfährt, dass Tohma zu Untersuchungen ins Krankenhaus geht, wird die Hölle los sein."

„Und genau das wirst du zu verhindern wissen, dafür haben wir dich", hatte ihm Noriko klargemacht während sie sich im Halbdunkeln durch den Flur und dann in ihre Küche tastete. Allem Anschein nach, war ihr Mann doch noch mit der kleinen Saki fertig geworden und hatte sie ins Bett geschafft. Anders hätte die Kleine schon längst die Haustüre gehört und wäre hinunter zu ihrer Mutter gestürmt.

K hatte es da wesentlich unkomplizierter. Auf ihn warteten höchstens seine Zierfische, die er wieder einmal vergessen hatte zu füttern. Solange diese nicht mit dem Bauch nach oben schwammen, brauchte er sich um „zu Hause" keine Sorgen zu machen. Das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, schloss er nun die Tür auf, warf seine Jacke mitten in den Raum und schaltete das Licht an. Das Appartement wirkte mit einem Male hell und geräumig, obwohl K auf einen Blick erkannte was für ein unsittliches Chaos hier immer noch herrschte. Seit Tagen war er nicht mehr dazu gekommen die Wohnung in einen passablen Zustand zu bringen. Es war ein westlich eingerichtetes kleines Appartement, eines dieser stupiden Backsteinbauten mit altmodischem Dach und weißen Fenstersimsen, solche die man eher in New York vermuten würde, als hier in Tokyo.

„Ich werde mein Bestes tun", griff K das Gespräch wieder auf, nachdem er sich erschöpft, aber leicht lächelnd in seinen bequemen Sessel fallen gelassen hatte. Müde legte er sich den Arm über die Augen und bereute das grelle Licht eingeschaltet zu haben. Die Momente in denen er zu Hause wirklich ausspannen konnte, waren immer seltener geworden. Der Stress bei N-G ließ ihm kaum Freiraum. Seguchi Tohma hatte es bislang immer perfekt verstanden, ihn den ganzen Tag mit Arbeit zu beschäftigen.

„Und ich werde jetzt ins Bett gehen, ich schau morgen noch mal bei Mika vorbei und frage sie was mit Tohma ist, dann sage ich euch Bescheid."

Mit einem akzeptierenden und doch kapitulierenden Seufzer, richtete sich K auf und starrte vor sich hin. Es dauerte einige Sekunden, dann nickte er.

„Gut, ich hab verstanden, währenddessen sehe ich zu, dass Sakano keinen Herzinfarkt erleidet und N-G nicht den Aasfressern zum Opfer fällt."

„Du meinst die Reporter, oder?"

„Natürlich."

Obwohl sie ihn nicht sehen konnte, winkte er gelangweilt ab, hievte sich aus dem ledernen Sessel und stand auf, um sich eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank zu holen.

„Jetzt beglücke deinen netten Ehemann schon mit deinem hübschen Körper und leg dich schlafen. Das war ein harter Tag für uns alle. Sakano wird mich eh um fünf aus dem Bett klingeln, dann mach ich mir Gedanken für ganz N-G und sieh zu, dass die Schlagzeilen nicht ganz so vernichtend ausfallen."

Daheim hatte sich Noriko ein Glas kalten Tee eingegossen. In ihrem dunklen Wohnzimmer saß sie auf dem Teppich und starrte müde und mit ratlosem Blick vor sich hin. Im Moment hatte sie für K's freche Worte nur ein leichtes Lächeln übrig.

„Na gut, dann hören wir morgen voneinander. Bitte vermeide es ins Krankenhaus zu fahren, sobald es etwas Neues gibt, gebe ich euch Bescheid. Tohma muss nicht unbedingt erfahren was hier los ist, verstehst du?"

Sie vergewisserte sich, dass dem so war, dann verabschiedete sie sich und legte auf. Ein paar Minuten blieb sie so sitzen, kniend im Wohnzimmer vor der Couch während ihre Gedanken um Tohma kreisten. Noch nie hatte sie ihn so gesehen, so erlebt. Tohma war stets der Stärkste von ihnen dreien gewesen, wenn auch nicht körperlich. Solange sie sich an ihre Zeit als Nittle Grasper erinnern konnte, hatte Tohma diese unglaublich zierliche Figur gehabt. Zugegeben, sie selbst hatte auch eine auffällig schlanke Figur was bei typisch japanischen Frauen allerdings nichts Ungewöhnliches war. Grade während der Schwangerschaft hatte sie gelernt sich gesund zu ernähren. Wenn sie sich dagegen Tohma ansah, den man höchst selten mit etwas zu Essen zu Gesicht bekam, breitete sich ihr doch das Gefühl aus etwas verpasst zu haben. Vielleicht hätte sie es eher bemerken sollen. Ihr wurde bewusst, dass Tohmas Zusammenbruch keineswegs aus heiterem Himmel kam. Wie oft hatte sie ihren Freund ermahnt einen Gang zurückzuschalten, sich auszuruhen? Doch Tohma hatte nichts von dem ernst genommen, wollte es gar nicht erst hören. Es ginge ihm gut, er wüsste schon wann Schluss sei, das waren stets seine Worte gewesen.

Von wegen! Wütend hatte Noriko das Glas auf die Theke in der Küche geknallt. Mittlerweile hatte sie es in dem dunklen Wohnzimmer nicht mehr ausgehalten. Wenn sie jetzt mit ihren Gedanken bei Tohma war, verspürte sie nur Wut ihm gegenüber. Er war zu weit gegangen. In einer Zeit, in der er es sich bei weitem nicht erlauben konnte, hatte er mit seiner Gesundheit so fahrlässig gehandelt, dass das ganze in mehr als nur einem Kreislaufkollaps eskaliert war. Gedankenverloren griff sich Noriko ins Haar und zog die Bänder ihrer Zöpfe heraus. Als das gefärbte Haar ihr locker ins Gesicht fiel, spürte sie wie die Wut nun doch der Sorge wich. Nie würde sie den Ausdruck in den Augen des Arztes vergessen können, als dieser ihr aufrichtig ins Gesicht gesehen hatte. Wie hätte sie Mika nur erzählen können was für schreckliche Vorahnungen sie hatte? Ahnte diese auch nur wie weit Tohma sich selbst getrieben hatte? Seguchi Tohma verstand es so gut wie kein anderer den Menschen etwas vorzuspielen. Er war kein Blender oder Trickser, kein Mensch der einem reine Illusionen verkaufte, aber er wusste nur zu gut wie er seine Mitmenschen beruhigen, durchschauen oder verwirren konnte. Man glaubte ihm einfach. Wenn er sagte es ginge ihm gut, war dem so. Auch wenn sein Gesicht aschfahl war, seine Augen vom Schlafmangel ganz rot waren, sobald Tohma lächelte und einem versicherte, dass alles in Ordnung sei, glaubte man ihm stets. Doch nun kam die Wahrheit nahezu einer Flutwelle gleich.

Die Uhr über dem Türrahmen verriet ihr eine Zeit, in der sie schon lange im Bett liegen sollte. Seitdem Nittle Grasper sich getrennt hatte und Noriko mehr Hausfrau als Prominente war, gab es keine Partys, keine Konzerte mehr von denen man meist erst gar nicht heimkehrte. Das alles hatte ein Ende gefunden. Der Stress, der Zwang, der Druck, alles wie weggeblasen. Nur für Tohma nicht.

00:42 Uhr

Sie schüttelte den Kopf, tadelte sich selbst und kippte den Rest des Tees in den Ausguss, dann ging sie die Treppe ins Schlafzimmer hinauf. Morgen würde sie Tohma ins Gewissen reden. Das schien sie für ihren eigenen Seelenfrieden zu gebrauchen. Vielleicht könnte sie so die drohende Flut noch aufhalten.

Die Lichter von Chiyoda-ku schienen zu tanzen. Es war ein angenehmes beruhigendes Schauspiel, das vor seinen Augen stattfand. K lag zurückgelehnt in seinem Sessel. Vor ein paar Minuten, hatte er die leere Flasche Cola gegen ein kühles Bier ausgetauscht, die er noch in seinem Kühlschrank gefunden hatte. Von seinem Sessel aus hatte er die Möglichkeit durch das große Fenster seines Wohnzimmers hinauszublicken. Ihm zu Füßen offenbarte sich Tokyo in all seiner Komplexität. Die strahlenden Lichter der Hochhäuser verschlangen jedes Sternenlicht, selbst der Mond wirkte eher bescheiden und nebensächlich in diesem Gebilde moderner Romantik.

Bislang hatte er sich nicht die Mühe gemacht das Licht einzuschalten und nun zündete er sich die siebte Zigarette innerhalb einer halben Stunde an. Im Moment wusste er nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen, als zu rauchen und dieses Bier zu leeren. Doch seine Ruhe neigte sich dem Ende zu. Es lag ihm nicht so melancholisch in seinem Sessel zu sitzen und einfach nur nachzudenken, für heute reichte es, definitiv. Er ließ den Tag kurz Revue passieren, dann stand er auf, fest entschlossen diesmal vor 3 Uhr Morgens sein Bett aufzusuchen und hoffentlich etwas länger zu schlafen. Wenn er kurz zusammenrechnete kam er fast auf vier Stunden, dann rechnete er mit Sakanos Anruf, der ihn wieder zurück zu N-G beordern würde. Doch für heute hatte er genug. Achtlos ließ er die geleerte Flasche auf dem kleinen runden Tisch stehen, drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und erhob sich aus einer bequemen Lage. Als er den Blick kurz durch die unaufgeräumte Wohnung schweifen ließ, bemerkte er das blinkende Licht des Anrufsbeantworters. Dass ihn jemand versuchte über das Festnetz zu erreichen kam sehr selten vor, genau gesagt gab es auch nur sehr wenige Personen, die diese Nummer besaßen. Und so drückte er neugierig auf die Taste, um die Nachricht abzuhören. Das rote Licht erlosch und auf einmal hallte Ray Fellows Stimme durch die Dunkelheit von K's Appartement.

„Crawd du unglaublicher Mistkerl! In was hast du mich da hineingezogen? Geh an dein verficktes Telefon wenn du zu Hause bist, ich hab versucht dich zu erreichen! Hör zu, ich sitze grade im Hinterausgang deines bescheuerten Lokals und der Yakuza mit seinem Sumoringer als Freund ist hier! Ich habe ein Gespräch der beiden mitbekommen in dem es um Mord geht, das sind zwei ganz gefährliche Typen, halt dich bloss…"

Danach brach das Gespräch ab, im Hintergrund konnte K dumpfe Geräusche ausmachen, dann ein Rauschen und die Verbindung wurde unterbrochen. Eine eisige Kälte fuhr ihm durch den Körper, mit starren Gliedern blieb er bewegungslos und wagte es nicht den Blick von der Anzeige seines Telefons zu nehmen. Was zum Teufel ging hier vor? Die wenigen Fakten, die aus dem Anruf hervorgingen, ergaben nur eine Schlussfolgerung. Ray war in Shinoyama Juns Gewalt.

Sein Kopf begann in einer Schematik zu arbeiten, die er aus seinen Zeiten als Geheimagent kannte. Die einzelnen Tatsachen, die ihm bekannt waren wurden zu einer Summe addiert, die das tatsächliche Ergebnis darstellten. Die Fragen, die sich daraus ergaben wurden von ihm selbst beantwortet was wiederum zu einem einzigen Ergebnis führte. Ihn überkam eine gewisse Panik, zurückgehalten wie bittere Magenflüssigkeit, die sich ihren Weg bahnte. Jetzt konnte er das nicht gebrauchen! Er schnappte sich seine Schlüssel und die Jacke, die er zuvor in die Ecke geworfen hatte, dann stürmte er los. Er wusste ganz genau welchen Ort er nun aufzusuchen hatte.

Das „Ikkoku" hatte sich unerwartet in den späten Abendstunden um einiges gefüllt. Cui Hua, die noch bis vor kurzem alleine am Tresen gestanden hatte, war mittlerweile durch die erst 18-jährige Misa verstärkt worden. Zusammen hatten sie beide Hände voll zu tun, die durstigen und nicht immer ganz seriösen Gäste zu bedienen. Als eine ganze Runde Bier verteilt war, ließ sich Cui Hua erschöpft auf einen der schmalen Hocker nieder und wischte sich mit dem Geschirrspülhandtuch über die schweißnasse Stirn.

„Die Hölle! Vor einer halben Stunde war es hier absolut leer und jetzt bricht der Laden fast auseinander."

Misa hatte in diesem Moment nur ein müdes Lächeln für ihre Kolleggin übrig, denn sie selbst war grade damit beschäftigt ein paar Gläser von der Theke zu räumen, als plötzlich die Tür aufflog und dieser unübersehbare Amerikaner direkt auf sie zustürmte. Sie bemerkte noch sein fliegendes blondes Haar, dann wich sie zurück. Noch nie hatte sie einen so großen Menschen gesehen, zumindest nicht mit eigenen Augen. Das zierliche Mädchen war um mehr als einen halben Meter kleiner als K, der nun wutentbrannt vor ihr stand, ehe er nach Cui Hua Ausschau hielt, die daraufhin zusammenfuhr und den Amerikaner mit großen Augen anstarrte.

„Wo ist er?"

K hatte sich mit seiner mächtigen Gestalt demonstrativ vor ihr aufgebaut. Hatte er vorher noch einen netten und umgänglichen, ja fast charmanten Eindruck bei ihr hinterlassen, so schien er jetzt nahezu Furcht einflößend und unheimlich wütend. Eingeschüchtert trat Cui Hua einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf, um zu Verstehen zu geben, dass sie nicht wusste wovon K redete. Noch ehe ein weiteres Wort zur Erklärung zwischen ihnen fiel, tauchte Shinoyama Jun auf. Mit den Händen in den Hosentaschen wühlte er nach einem Feuerzeug, um sich seelenruhig eine Zigarette anzuzünden. Cui Huas Blick der auf ihn fiel, reichte K in diesem Moment als Antwort. Noch ehe er sich versah war er wie ferngesteuert auf ihn losgestürmt. Ohne auch nur einen Augenblick zu überlegen packte er ihn am Kragen und presste den zierlichen Japaner mit dem Hinterkopf an die Wand. Seltsamerweise blieb sein Verhalten fast unbeachtet. Ein paar Gäste starrten zu ihnen hinüber, mehr nicht. Nur Cui Hua und ihre Kollegin blickten ängstlich drein, klammerten sich an ihre Geschirrtücher und beachteten die durstigen Gäste nicht, die sich ungeduldig an die Theke drängten, ungeachtet des Szenarios, das sich am Eingang des dicht befüllten „Ikkoku" abspielte.

„Wo ist er?", schrie K ihm ins Gesicht und musste sich beherrschen diesem schmierigen kleinen Yakuza nicht direkt seine Magnum vor die Nase zu halten. Seine Wut wurde durch Juns Grinsen nur noch verstärkt, denn mehr hatte dieser nicht für ihn übrig. Zwar hing er hilflos halb mit den Füßen in der Luft, den Kopf gegen die steinerne Wand gedrückt, aber selbst das wischte ihm nicht dieses ganz bestimmte überlegende Grinsen aus dem Gesicht.

„Mr. Winchester, können wir das nicht an einem ruhigeren Ort besprechen?"

„Ich reiß dir all deine Eingeweide raus, wenn du nicht anfängst zu sprechen!"

Juns aufrecht erhaltende Miene fiel um ein Drittel in sich zusammen, eindringlich sah er K in die Augen und nickte zum Hinterausgang.

„Nicht hier", zischte er und im selben Augenblick ließ K ihn los, bedachte ihn mit einem feindseligen Blick und ging ihm dann voraus durch den Hinterausgang, Cui Huas und Misas Blicke an sich klebend.

„Sie sind ja schneller als ich gedacht habe."

Shinoyama Junichi zündete sich eine neue Zigarette an und nahm einen tiefen Zug, die eine war ihm vorhin runter gefallen, als K ihn gepackt hatte. Mittlerweile standen sie sich im Hinterhof des „Ikkoku" gegenüber und maßen ihre Blicke der Überlegenheit. Jun, das zierliche, nahezu zerbrechlich wirkende Menschlein in seinem etwas zu großen Jackett mit dem Himbeerfarbenen Hemd darunter, den schwarzen zu langen Hosen, wirkte in der spärlich beleuchtenden Gasse wie ein amerikanischer Gauner in diesen Independent Gangster-Filmen von 1968. Er bot ein Bild, das K zu hassen lernte. Es war das Bild eines Mannes mit dem Grinsen eines hinterhältigen Wiesels, die stechend grünen Augen rivalisch auf ihn gerichtet, ihn herausfordernd und doch dem eigenen Sieg sicher.

K dagegen sah sich hier schwer im Nachteil. Die Waffe konnte er ohne weiteres nicht zücken. Würde er diesen Yakuza einfach nur umnieten, würde ihn dies nicht sehr weit bringen. Spätestens an seinem kolossartigen Partner würde er scheitern. Das was er wollte konnte er hier nicht umsetzen, jede falsche Handlung würde Ray nur in Gefahr bringen.

„Was wollen Sie?"

Er kassierte ein heiseres Lachen von dem Yakuza, der ihn mit der Zigarette im Mundwinkel nur unverwandt ansah und sich nicht im Geringsten in Gefahr wog. Er wusste schließlich wie er sein Druckmittel einzusetzen hatte, welche Vorteile ihm gegönnt waren und wie er diesen Amerikaner in der Hand hatte, wie er ihn in die Knie zwingen konnte. Er sah die Verwirrung, die Fragen und die Sorge in K's Blick. Das blonde Haar hing ihm wirr ins Gesicht, der Atem ging ihm vor Aufregung viel zu schnell und überhaupt machte er den Eindruck, als wäre er grade aus dem Bett gefallen.

Die Tür neben ihm quietschte und Shuntarô betrat die Szene, seine Lippen genau wie die seines Partners, zu einem intriganten Lächeln verzogen. Seine kleinen schwarzen Augen blickten heimtückisch drein, die Haare streng nach hinten gekämmt, steuerte er auf K zu und wanderte um ihn herum, dieser wagte es nicht sich zu rühren. Ein kurzer Blick zu Shuntarô reichte, um sich sicher zu sein, dass ein einziger Handschlag des mächtigen Mannes genügte, um ihm den Kopf wie eine überreife Apfelsine zu zerquetschen. Schweigend tastete seine großflächige Hand über K's Brust, dann griff der Japaner unter K's Jacke und zog den Revolver hervor. Sein Grinsen spiegelte sich in dem polierten Lauf der Waffe.

„War ja klar, dass ein Amerikaner nicht unbewaffnet aus dem Haus geht, selbst in Japan nicht, hm Jun?"

Lachend warf er ihm die Magnum zu, die Jun K's Erwartung entgegen geschickt auffing und kurz betrachtete, ehe er sie sich seitlich in den Gürtel steckte.

„Tja, ist schon interessant was diese Amerikaner zu bieten haben. Ihr kleiner, schnüffelnder Freund hatte leider nichts Derartiges dabei, um sich zu verteidigen, dann hätte er vielleicht eine Chance gehabt."

„Sie verfluchter Bastard!"

Der Damm in K's Innerem, der verhindert hatte, dass er unüberlegt handeln würde, sich und Ray wahrscheinlich in noch größere Schwierigkeiten bringen würde, brach unter einer Flut der Wut, die sich unaufhaltsam in ihm gestaut hatte. Noch bevor Juns Handlanger ihn aufhalten konnte, war er nach vorn geprescht. Er holte aus, stolperte aber unglücklicherweise über seine eigenen Füße und landete so nur einen schlecht koordinierten Schlag in Shinoyama Junichis Gesicht. Als er sich wieder in einen sicheren Stand fing, wurde er schon von Shuntarô herumgerissen. Die mächtige Faust seines Gegners sauste an seinem Blickfeld vorbei und hinterließ nach einem ohrenbetäubenden Knall einen Schmerz, als hätte man ihm die ganze linke Gesichtshälfte weggerissen. Mit einem Keuchen schlug er auf den Knien auf, stützte sich mit den Händen am Boden und versuchte sein Gehör wieder zu erlangen. Er hob den Kopf und hatte Mühe etwas zu erkennen. Erst nach ein paar Sekunden lüftete sich der Schleier des Schmerzes und er kam schwankend wieder auf die Beine. Blut lief ihm aus dem Mund und der leicht pochende Schmerz verriet ihm, dass er sich auf die Zunge gebissen hatte.

„Haben Sie schon genug?"

In seiner Benommenheit hörte er die Worte wie aus weiter Ferne, verspürte den Ruck an seinen Haaren nur halbwegs, als Jun ihn daran nah an sich zog und ihm wütend die Zähne zeigend ins Gesicht starrte. Haare hingen ihm quer im Gesicht.

„Sie hören jetzt zu, haben Sie verstanden Mr. Winchester? Tun Sie was ich sage oder mein Freund hier wird dafür sorgen, dass Sie in Zukunft eine Krankenschwester brauchen, um auch nur pinkeln gehen zu können, haben Sie verstanden?"

Benommen nickte K, riss sich aber von Jun los und trat einen Schritt zurück. Mit dem Handrücken wischte er sich das Blut aus dem Gesicht und ließ seinen Blick zu Shuntarô schweifen. In seinem ganzen Leben hatte er noch nie einen so massiven Schlag abbekommen. Er beschloss diesmal nicht seinen sturen Kopf durchzusetzen, um eben genau diesen davor zu bewahren von dem Japaner zu Brei zerhauen zu werden.

„Was wollen Sie?", gab er schließlich auf und musste feststellen, dass er lallte, als wäre er besoffen. Es fiel ihm schwer sich auf den Beinen zu halten. Juns Koloss an Freund hatte ihm wahrhaftig halb ko. geschlagen. Das gleiche und viel Schlimmeres hätte er in diesem Moment am liebsten Junichi angetan, der nun wieder selbstherrlich grinsend vor ihm triumphierte und nur zwei Wörter aussprach, auf die sich K gefälligst etwas zusammenreimen sollte. Es war ein Name, der ihm mittlerweile wie kein anderer verhasst war.

„Seguchi Tohma."

Fragend verzog er das Gesicht. Obwohl er es deutlich gehört hatte, konnte er sich keinen Reim darauf machen, wieso dieser Yakuza ausgerechnet in diesem Augenblick auf Seguchi Tohma zu sprechen kam. Oder vielleicht doch? Ergab das ganze einen Sinn? War er enttarnt? Vielleicht hatte Jun ihn schlichtweg erkannt? Trotzdem fehlte da eine Verbindung oder hatte er einfach nur grob 1 und 1 zusammengezählt und war dabei zufällig auf das richtige Ergebnis gekommen?

„Was? Ich versteh Sie nicht…"

Doch als er die Selbstsicherheit in Juns Blick sah, er wieder verspottet wurde von seinem sich über alles stellenden Grinsen, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Eigentlich war er schon lange darauf gekommen, hatte es geahnt und doch verdrängt, weil er anderes für viel wichtiger gehalten hatte. Er hörte sich selbst seufzen, ein sich selbst verfluchendes und Dummheit schimpfendes Seufzen, ansonsten vernahm er das nur Geräusch des Feuerzeuges, das gezündet wurde.

Jun behielt die Zigarette im Mund, um sich den Zopf neu zu binden. Shuntarô trat an seine Seite und betrachtete besorgt den tiefroten Fleck in seinem hübschen Gesicht, den K's Faustschlag hinterlassen hatte. Er wollte die Hand danach ausstrecken, doch Jun vertrieb sie mit einer flüchtigen Bewegung und lehnte sich zufrieden an die Hauswand in seinem Rücken, sichtlich erfreut über K's Anblick, den dieser ihm bot.

„Sie haben schon richtig gehört. Es wird Ihnen nicht in den Sinn kommen sich an jemand anderen zu wenden. Keine Polizei, sonst wird ihr Freund dafür bezahlen."

„Was wollen Sie?", keuchte K und wischte sich erneut Blut aus dem Mundwinkel.

„Wie ich bereits sagte. Seguchi Tohma. Deswegen sind auch Sie hier."

Shinoyama Junichi legte den Kopf leicht in den Nacken, die Glut seiner Zigarette beleuchtete schwach seine Oberlippe. Unter dem roten Licht des Hinterausgangs des „Ikkoku" wirkte er wie ein Dämon, die Gestalt im dämmrigen Licht, das dämonische Lächeln, das K so sehr missfiel.

„Sie werden meinen Bruder um einen Gefallen bitten."

Fortsetzung folgt…