3. FBI – Hauptquartier/ Washington D. C./ Dienstag 10. 13 Uhr
Der Tag begann im Grunde ganz normal. Nachdem Special Agent Dana Scully
ihren Wagenim Parkhaus des J. Edgar Hoover Gebäudes geparkt hatte, betrat sie die riesige Eingangshalle. Sie hatte gehofft den ersten Touristen des Tages noch zuvor zukommen, doch einige trieben sich auch jetzt schon im Foyer herum. Ihre Absätze klapperten auf dem blanken Marmor, als sie auf die Fahrstühle zuging. Sie grüßte die Wachmänner im vorbeigehen und strich dann ihren Anzug vor den Aufzugtüren glatt. Sie war nicht sehr gross und zierlich gebaut und kaum jemand hätte sie für eine FBI Agentin gehalten, doch sie liebte ihre Arbeit und war gut darin. Während sie auf das vertraute Ping wartete, gesellte sich jemand zu ihr.
„Guten Morgen, Agent Scully!"
Erschreckt sah Scully auf. „Oh, Mr Skinner, Sir!"
Walter S. Skinner, ein Assistant Director des FBI, lächelte sie freundlich an und Scully lächelte zurück. Skinner war ein kräftiger, großer Mann Mitte vierzig. Scully wusste nie so richtig, wie sie Skinner einzuschätzen hatte. „Guten Morgen, Sir!"
Die Türen des Fahrstuhls gingen auf, und Walter Skinner liess Scully zuerst eintreten.
Scully drückte den Knopf in den Keller und sah ihn dann fragend an. „Etage 4, Sir?"
Skinner rückte seine Brille zurecht und nickte freundlich.
Scully drückte den Knopf.
„Agent Scully?"
„Ja?"
„Ich würde gerne mit ihnen reden!"
Scully wurde hellhörig und zog die Augenbrauen hoch. Was war denn jetzt schon wieder passiert? Sie schluckte und drehte sich zu Skinner. „Mit mir?"
„Und mit Agent Mulder! Wir treffen uns in einer Stunde in meinem Büro!"
Scully nickte, als sich die Türen öffneten und Walter Skinner den Fahrstuhl verliess. Erleichtert atmete sie aus, als Skinner den Fahrstuhl verlassen hatte und versank dann wieder in ihren Gedanken, bis die Türen des Fahrstuhls sich erneut öffneten und sie den Keller des FBI–Hauptquartiers erreicht hatte.
Ein Korridor tat sich vor ihr auf und sie musste ein wenig lächeln. Alles sah noch genau so aus wie vor gut sieben Jahren, als sie zum aller ersten Mal das Allerheiligste des FBI betreten hatte. Damals noch als frischgebackene Außendienstagentin, die den X–Akten und einem neuen Partner zugeteilt wurde.
Scully strich sich eine Strähne ihres fuchsroten Haares aus dem Gesicht und machte sich auf dem Weg zu ihrem Partner Fox Mulder. Mit ihm arbeitete sie nun schon seit sieben Jahren an den X–Akten, jenen Fällen, die niemand sonst im FBI auch nur mit Handschuhen angefasst hätte. Fälle, bei denen Wissenschaft und Rationalität meist keine Rolle spielten, was sie selbst oft genug erfahren hatte. Es handelte sich um die Fälle, für die es keine konventionellen Erklärungen gab: Mysteriöse Erscheinungen, paranormale Ereignisse.
Deshalb wurde Mulder auch spöttisch von vielen seiner Kollegen Spooky Mulder genannt. Zu Anfang ihrer Arbeit mit Fox Mulder hatte sie all die unerklärlichen Phänomene für Schwachsinn erklärt. Doch mit der Zeit fiel es selbst Scully, als ausgebildete Ärztin und Wissenschaftlerin, schwer hinter jedem mysteriösen Fall eine wissenschaftliche Erklärung zu finden. Es gab Dinge für die es keine Erklärung gab. Das hatte sie mit der Zeit lernen müssen. Das war vielleicht auch ein Grund dafür, warum sie und Mulder mit der Zeit immer besser mit einander auskamen. Sie beide waren durch die Jahre und ihre gemeinsamen Erlebnisse zu einer Einheit zusammengewachsen, die auch nur noch als solche funktionieren konnte. In diesen sieben Jahren hatte sich vieles verändert.
Vorsichtig klopfte Scully an die nur angelehnte Bürotür ihres Partners, und schob dann vorsichtig ihren Kopf durch den Spalt.
Mulder sass mit einer Brille vor einer Röntgenaufnahme und bemerkte Scully nicht, als sie den Raum betrat. Mulder war ein großer Mann von jugendlichem Aussehen, doch seine haselnussfarbenen Augen verrieten sein wirkliches Alter. Er hatte mehr gesehen, als sich die meisten Menschen vorstellen konnten.
Scully liess ihren Blick über das Chaos schweifen und schüttelte den Kopf. Mulder war kein Fan von Ordnung, denn es herrschte ständig trostloses Durcheinander. Überall lagen irgendwelche Videobänder, DNS–Aufzeichnungen, Krankengeschichten, Nahaufnahmen von irgendwelchen seltsamen Zeichen auf verwelkter Haut, verschwommene Schnappschüsse verstreut herum, die angeblich die Existenz von Außerirdischen beweisen sollten. All diese Gegenstände gehörten zu Fällen, die nur darauf warteten in die schwarzen Metallschränke gebettet zu werden, die die Hälfte des schon kleinen Büros einnahmen. Diese Schränke enthielten Mulders Lebensaufgabe: Die X–Akten.
Scully klopfte an den Rahmen der Tür, um sich bemerkbar zu machen und strich noch einmal ihre Haare glatt. „Mulder?"
Erschreckt durch Scullys Stimme sah er auf. Immer noch trug er die Brille auf der Nase, die er normalerweise nicht brauchte.
Scully musste grinsen, denn man bekam Mulder nur äußerst selten mit dieser Brille zu Gesicht. Scully liebte es ihn mit Brille zu sehen. Dadurch wirkte er noch intelligenter.
Er sah ihr Lächeln und grinste zurück. „Ich sehe schon, Scully, ihnen geht es gut!"
Langsam ging sie auf seinen Schreibtisch zu und schmiss ihren Mantel über die Lehne eines Stuhls.
Mulder beobachtete sie. „Also, Scully, was treibt sie denn schon so früh hierher? Sehnsucht?" Schelmisch grinste er sie an.
„Früh? Mulder, es ist ... " Schnell sah sie auf ihre Uhr. „ ... es ist schon 10. 40 Uhr, und eigentlich bin ich viel zu spät!" Sie schnappte sich den seltsam verformten Metallklumpen, der auf Mulders Tisch lag und drehte ihn in ihrer Hand hin und her.
„Wissen sie, was das ist, Scully?"
Scully wusste sofort was jetzt kam. Er würde ihr wieder einen Vortrag über die Herkunft dieses Metallklumpens halten. Und der Klumpen kam dann ganz sicher aus der Antarktis oder war ein Bewies für die Existenz von Atlantis. „Nein, das weiss ich nicht!" Sie sah, wie es in Mulders Augen aufblitzte.
„Das ist ein Klumpen verbogenes Metall, dass von einem abgestürzten UFO aus Wisconsin stammen soll!"
Sie musste einfach grinsen. Sein Glaube an das Übernatürliche und an außerirdische Lebensformen war nach wie vor unerschüttert. „Toll!" Dann fiel ihr Blick auf die Röntgenaufnahmen auf seinem Tisch. „Was ist das, Mulder?" Und da wusste sie sofort, dass sie das Falsche gesagt hatte, denn sie hatte ihm schon wieder einen Grund für einen neuen Vortrag gegeben. „Ähm, ist schon gut!" Werte sie schnell ab. Noch einen seiner „Vorträge" würde sie so früh am Morgen dann doch nicht überstehen.
Mulder zuckte mit den Schultern. „Na gut, dann eben nicht." Sagte er in einem beleidigten Tonfall. Doch die richtige Wirkung schien er bei Scully damit nicht zu erzeugen.
„Mulder, Skinner will uns in seinem Büro sehen!"
Mulder musterte ihr Gesicht. „Weshalb?" Mulder zog sich die Brille von seiner Nase und liess sie achtlos auf seinen Schreibtisch fallen. „Wir waren doch so brav in letzter Zeit." Er grinste sie an.
Scully zuckte mit den Schultern und legte den Metallklumpen wieder auf seinen Schreibtisch. „Ich weiss nicht, was er von uns will." Sie seufzte und stand dann auf. „Also los, Mulder! Auf in die Höhle des Löwen!"
Mulder schnappte sich seine Anzug Jacke und verliess hinter Scully das Kellerbüro.
Die Türen des Fahrstuhl öffneten sich vor ihnen, als sie die 4. Etage erreicht hatten. Viele FBI Agenten eilten hektisch durch die Gänge und verschwanden mit einem Stapel Akten unter den Armen in anderen Büros.Mulder und Scully gingen den Korridor entlang und näherten sich langsam dem Büro des Assistant Directors.
Kimberly Cook, Skinners Sekretärin, sah auf und bedeutete den beiden noch Platz zu nehmen.
Fünf Minuten später wurden sie in Skinners Büro gerufen.
Der Assistant Director sass an seinem Schreibtisch und telefonierte, als Mulder und Scully von Kimberly in das Büro geführt wurden. Skinner nickte den beiden zu und sie setzten sich auf zwei Stühle, die direkt vor dem Schreibtisch standen. Als Skinner das Telefonat beendet hatte, sah er auf und brachte ein schmales Lächeln zustande. „Agent Mulder, Agent Scully!" Er nickte ihnen anerkennend zu.
„Sir!", sagte Mulder und strich seinen Schlips glatt.
„An das FBI wurde eine ganz spezielle Bitte herangetragen." Er sah den beiden Agenten direkt in die Augen. „Es geht um das Verschwinden eines amerikanischen Expeditionsteams in der Demokratischen Republik Kongo. Den Investoren dieses Projekts ist es sehr wichtig zu wissen, was mit dem Team geschehen ist."
Mulder verstand nicht ganz, was Skinner damit sagen wollte, und tauschte einen fragenden Blick mit Scully aus. „Aber Sir, was hat das mit uns zu tun?"
„Ich habe sie beide für diese Aufgabe in Betracht gezogen! Es wird vermutet, dass das Team von einer freiheitskämpferischen Gruppe festgehalten wird. Die Regierung in der Demokratischen Republik wird zurzeit durch einige militante Separatistengruppen unter Druck gesetzt, und es könnte sein, dass das Team in einen politischen Unruheherd getappt ist."
Scully räusperte sich. „Aber Sir, dann ist es kein Fall für die X–Akten!"
Skinner blickte zu Scully und schenkte ihr ein mildes Lächeln. „Das ist es gewiss nicht. Doch es ist nicht das erste Mal, dass ich sie für einen anderen Fall abkommandiere." Skinner blickte zwischen Mulder und Scully hin und her. „Ich habe ihnen und Agent Mulder den Status eines Rechtsattachés verschafft, die ausser Landes geschickt werden können, um für die Botschaft der Vereinigten Staaten tätig zu werden."
Mulder fing ironisch an zu grinsen. „Warum haben wir nur immer so viel Glück?"
Skinner funkelte ihn tadelnd an.
Manchmal war Mulders Temperament nur schwer zu bändigen und diese Tatsache hatte ihn schon mehr als einmal in eine brenzliche Lage gebracht. Scully konnte nur hoffen, dass er sich diesmal beherrschen würde. Doch heute musste auch Scully darum beten, dass sie ruhig blieb. War diese ganze Rechtsattaché-Sache etwa wieder nur ein einfacher Vorwand, um sie aus Washington wegzulocken?
„Ich werde ihnen die Unterlagen mitgeben, damit sie sich einarbeiten können. Falls sie noch weitere Fragen haben, wenden sie sich an mich!" Skinner zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und holte einen größeren Ordner heraus, den er Scully aushändigte.
„Danke Sir!"
„Sie können gehen!"
Mulder warf Scully einen kurzen Blick zu und sah, dass sie verärgert war, dann erhoben sie sich und verließen Skinners Büro.
Scully riss die Tür zu Mulders Büro auf und schmiss ihre Anzugjacke herein.Jetzt merkte Mulder deutlich, dass sie sauer war, als sie ihre Tasche auf den Schreibtischstuhl warf. „Scully, was ist los?"
„Nichts!"
„Scully?"
Scully konnte ihre Gefühle normalerweise sehr gut verbergen und deshalb war sie immer wieder erneut erstaunt, wie Mulder doch merkte, wenn ihr etwas fehlte. Auf ihn konnte sie sich wirklich verlassen. Und sie wusste das. Er war derjenige, der sie niemals anlügen würde. Ihm konnte sie vertrauen. „Ja, stört sie das denn gar nicht, Mulder?"
Mulder sah sie verwundert an.
Er ist immer so verdammt ruhig, dachte Scully. Diese Ruhe kannte sie nur zu gut.
Manchmal wunderte sich selbst Mulder, wie Scully wusste, was ihm fehlte, ohne ihr davon erzählt zu haben. Für Scully war Mulder einfach zu verstehen. Sie brauchte ihn nur anzusehen und wusste, was ihm fehlte. Heute überraschte er sie mit demselben Gespür. „Scully, was meinen sie?"
Scully stemmte ihre Hände in die Hüften und sah ihn mit einem ernsten Gesichtsausdruck in den Augen an. „Mulder, diese ganze Sache ist doch wieder mal nur ein idiotischer Vorwand, um uns von den X–Akten abzuziehen!"
Mulder musste lächeln. „Habe ich das gerade richtig verstanden?"
Scullys Gesichtsausdruck verwandelte sich in Verständnislosigkeit. „Mulder, worüber lachen sie?"
„Naja, sie verteidigen die X–Akten!" Mulder lockerte seinen Schlips.
„Mulder, ich verteidige sie! Sie und ihre Arbeit! Und es ist einfach lächerlich, dass Skinner uns in den Kongo schickt. Das Expeditionsteam wurde ganz sicher von Separatisten gefangengenommen. Spezialeinheiten der Regierung sind für diese Fälle verantwortlich, Mulder. Was haben wir denn damit zu tun?"
Mulder konnte Scullys Standpunkt durchaus verstehen und eigentlich empfand er diese Aufgabe auch eher als lästig. Doch im Moment musste er Scully erstmal beruhigen, denn er konnte es nicht leiden, wenn sich ihre Stirn in Falten legte. „Sehen wir uns doch erstmal die Unterlagen an, hm?"
Murrend öffnete sie den Ordner in ihrer Hand. „Sechs amerikanische Forscher sind in der Demokratischen Republik Kongo, nahe dem Tshuapa Fluss verschwunden. Seit Sonntag keine Zeichen mehr von ihnen. Erforschten das Verhalten und das Leben der Berggorillas!"
Mulder atmete aus. Scully hatte keine Lust zu diesem Trip und sie konnte nicht verstehen, wie Mulder das alles so kalt liess. Er war derjenige, der die X–Akten wieder zurück ins Leben geholt hatte. Es hätte doch in seinem Interesse liegen müssen, dass dieser Fall wenigstens ein bisschen paranormal war.
„Scully, Skinner hat uns persönlich dazu beauftragt. Wir müssen seiner Aufforderung Folge leisten!" Er zog sein Jackett aus und warf es über einen Stuhl. Mulder wusste, dass er Scully mit diesem Argument in der Tasche hatte. Sie war zwar diejenige, der er am meisten traute und er wusste, sie würde alles für ihn aufs Spiel setzen, doch sie war dem Bureau immer noch loyal. Regeln und Kontrolle spielten für Dana Scully eine sehr wichtige Rolle. An dem Tag, an dem dies nicht mehr der Fall sein würde, würde ihre Welt zusammenbrechen, dachte Mulder.
Sie wusste, dass Mulder Recht hatte und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.
„Scully, sie müssen das alles positiv sehen!" Mulder lehnte sich an eine freie Wand in seinem Büro.
„Was bitte, ist daran positiv?" Scully schob ein paar Bücher zur Seite und setzte sich dann auf den freien Stuhl direkt gegenüber von Mulder.
„Naja, sehen sie es so, sie waren noch nie in ihrem Leben im Dschungel der Demokratischen Republik Kongo!" Er lächelte sie freundlich an und nahm ihr den Aktenordner aus der Hand.
Scully schüttelte den Kopf und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht. Mulder konnte sie immer wieder zum lachen bringen.
Mulder wusste, dass sie diesen Fall zwar nicht gerne machen würde, aber sie würde ihr Bestes geben. Wie immer. Manchmal beneidete er sie um diese Gabe. Auch wenn sie nicht oft einer Meinung waren, wusste er, dass sie ihn niemals verraten würde.
Sie würde ihr Leben für ihn geben und dasselbe würde er für sie tun.
