5. Internationaler Flughafen Dulles/ Washington D.C./ Freitag 7. 57 Uhr
Es war noch nicht richtig hell, als Mulder sein Appartement verlassen und sich auf den Weg zum Flughafen gemacht hatte. Mulder hasste es so früh am Morgen aufzustehen, vor allem wenn man am Abend vorher noch bis spät in die Nacht gearbeitet hatte. Scully und er hatten sich in einem kleinen Café getroffen und waren den ganzen Fall noch einmal durchgegangen. Skinner hatte ihnen beiden noch einmal vollstes Vertrauen ausgesprochen und ihnen mitgeteilt, dass alles, was sie vielleicht brauchen könnten, schon am Flughafen bereitstehen würde.Mulder parkte seinen Wagen auf dem Parkplatz und machte sich dann mit seinem Gepäck auf den Weg zum Terminal. Er wusste, dass das Flugzeug, das sie in den Kongo bringen sollte von einer kleineren Piste abfliegen würde, doch wo das genau war konnte er sich nicht vorstellen. Auf Flughäfen kam er sich immer irgendwie verloren vor. Wäre Scully hier, dachte Mulder, würde sie das schon regeln. Wie immer. Bei dem Gedanken an sie musste er lächeln.
Mulder atmete tief ein und sah sich zu allen möglichen Richtungen um. Menschenmassen strömten durch den riesigen Terminal und andauernd wechselten die Ankunfts - und Abflugszeiten auf den digitalen Schirmen. Kinder schrien, Telefone klingelten und die Lautsprecheransage wiederholte immer wieder dasselbe. Plötzlich meinte Mulder seinen Namen gehört zu haben, und er drehte sich um.
Scully kam durch die Menge auf ihn zu. Sie trug Jeans, T – Shirt und eine schwarze Strickjacke. Ein ungewohntes, aber zu Scully passendes Outfit. Er musste grinsen, denn zwischen diesen vielen Menschen wirkte sie noch viel kleiner als sie sowieso schon war. Er machte oft Scherze über ihre Größe, doch er meinte sie nie ernst. Er hatte bei Scully immer das Gefühl sie beschützen zu müssen, und das lag vielleicht gerade daran, dass sie so zierlich war.
Als sie ihn endlich erreicht hatte liess sie ihre Tasche vor seine Füße fallen und blies geräuschvoll die Luft aus ihren Lungen.
„Morgen!" Sagte Mulder und grinste.
Scully lächelte ihn an und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Guten Morgen, Mulder! Was machen sie hier?"
Er zuckte mit den Schultern. „Eigentlich suche ich unsere Rollbahn!"
„Die ist gleich da vorne!"
Es war ihm klar, dass Scully sich in diesem ganzen Chaos zurecht finden würde.
„Kommen sie!" Sie schnappte sich ihre Tasche und ging dann auf das ferne Ende des Terminals zu.
„Scully, wollen wir nicht rebellieren?" Fragte Mulder aus heiterem Himmel.
Sie warf ihm einen Blick über die Schulter zu. „Was?"
„Na los, wir fliegen einfach in die Karibik!" Mulder konnte nicht sehen, wie sie grinste. „Kommen sie, Scully, sie haben mich noch nie in Badehose gesehen!"
„Jetzt dürfen sie drei Mal raten warum ich nicht in die Karibik will!"
Er grinste. „Soll das etwa heißen, sie wollen mich nicht in Badehose sehen?" Doch seine Frage blieb unbeantwortet, da ein Wachmann auf sie zukam und sie anhielt.
„Halt! Wo wollen sie hin?" Fragte der junge Wachmann und versperrte Scully den Weg. „Sie können hier nicht raus. Diese Rollbahnen sind nur für gecharterte Flüge!"
Scully und Mulder zogen ihre Ausweise und konnten sehen, wie das Gesicht des Mannes ein bisschen weißer wurde.
Mulder liebte diese Augenblicke. Da konnte man mal wieder sehen, wie viel Einfluss die Behörden auf einfache Leute hatten.
Als sie den Wachmann passiert hatten traten sie auf die erste Rollbahn und hatten sofort Glück. Unweit vor ihnen stand eine mittelgroße Maschine und einige Männer waren gerade dabei Materialkisten zu verstauen auf denen FBI stand. Langsam gingen sie darauf zu und hielten dann in einiger Entfernung an. Ein leichter Wind wehte, und mittlerweile war es hell.
Scully sah zu Mulder auf, der aus der Entfernung das Flugzeug musterte. „Was denken sie, Mulder?"
„Naja, ich überlege, ob diese Maschine da überhaupt noch bis in den Kongo kommt!"
Sie funkelte ihn böse an.
Er wusste genau, dass sie Angst vor dem Fliegen hatte und nutzte das manchmal schamlos aus. Doch niemals meinte er das, was er sagte auch wirklich ernst.
„Sie sind fies!" Scully verpasste ihm einen kleinen Stoss und ging dann weiter auf die Maschine zu.
„Hey, Scully, bis jetzt ist noch nie Eine oben geblieben!" Er amüsierte sich über ihre Angst und folgte ihr dann. Kurz vor der Maschine holte er sie wieder ein.
„Mulder, warum müssen sie mich immer quälen?"
„Naja, irgendetwas in ihnen ruft den Sadist in mir hervor!"
Beide grinsten sich an, als sie plötzlich von einer grossen, dünnen Frau angesprochen wurden. „Sind sie die Feds?"
Scully hasste dieses abwertende Wort für die Bundesangestellten.
„Ja!" Sagte Mulder und streckte der Frau die Hand hin. „Und wer sind sie?"
Die Frau richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und kam leicht an die von Mulder heran. „Mein Name ist Dorothy Chairman. Ich bin von der Universität Berkeley. Der Universitätsdirektor und ich reisen mit ihnen!"
Scully musterte sie. „Berkeley? Ist Mr Layman immer noch der Direktor?"
Die blauen kalten Augen von Dorothy fixierten Scullys. „Ja, wieso?"
„Ich habe auch für ein Semester in Berkeley studiert!"
Mit einem Mal war die kühle Distanz aus Dorothys Augen verschwunden und sie streckte auch Scully freundschaftlich die Hand hin. „Fein! Ich werde mich jetzt noch um ein paar Sachen kümmern, wir sehen uns dann im Flugzeug." Mit diesen Worten rannte Dorothy davon und verschwand hinter der Maschine.
Mulder und Scully gingen weiter auf das Flugzeug zu und reichten dann einem Träger ihre Sachen, der sie sofort ins Innere des Flugzeugs brachte.
„Ähm, Scully?"
„Ja?" Scully sah ihn an.
„Was sollten wir eigentlich mit diesen Tabletten machen, die wir bekommen haben? Was war das eigentlich?" Er konnte den Schock auf Scullys Gesicht erkennen.
„Sie haben sie nicht geschluckt?" Hauchte sie und sah ihn schockiert an.
Er sagte gar nichts sondern sah sie nur an.
„Mulder, das waren die Prophylaxen gegen Malaria, Gelbfieber und alle möglichen Arten von Diarrhöe! Sie sollten sie 24h vor Abflug einnehmen, Mulder, sonst . . . . ."
Er konnte die Besorgnis in ihren Augen sehen und fing dann an zu grinsen. „Gut! Dann weiss ich jetzt wenigstens was ich geschluckt habe!"
Scully atmete aus. „Was habe ich ihnen getan, Mulder? Klebt auf meiner Stirn vielleicht ein Zettel auf dem steht Bitte ärgern! Sie verträgt´s ?" Sie sah ihn aus ihren wasserblauen Augen an und ging dann an ihm vorbei ins Flugzeug.
„Ach, Scully, kommen sie schon! Sie sind doch jetzt nicht wirklich sauer, oder? Scully?"
Natürlich war sie nicht sauer. Wie hätte sie auf ihn sauer sein können.
Jason Turner betrat die Rollbahn, mit seiner Tasche auf dem Rücken. Hinter ihm fuhr ein Gabelstapler auf die Rollbahn, der mehrere Kisten geladen hatte auf denen das Firmenlogo von Net Technologies stand. Jason hatte beschlossen seine Sache gut zu machen, denn das war ganz sicher förderlich für seine weiteren Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Firma. Ausserdem konnte dieser Trip in den Kongo nicht so schwer sein.
Die Träger, die eben noch dabei waren das Flugzeug zu beladen waren mittlerweile mit ihren Arbeiten fertig und verließen die Rollbahn. Es war jetzt 8. 15 Uhr und das Flugzeug sollte um 8. 30 Uhr starten.
Es war also Zeit für Jason an Bord zu gehen.
Scully, Mulder Dorothy und Mr Layman hatten sich zusammen auf die linke Seite gesetzt, und waren gerade dabei ihr Handgepäck zu verstauen, als Jason den Kabinenraum betrat. Keiner von den Passagieren bemerkte ihn, bis er sich räusperte.
Alle sahen erschrocken auf.
Scully mochte ihn auf Anhieb nicht. Sie hatte eine gute Menschenkenntnis und man konnte sich immer darauf verlassen. Und bei Jason Turner hatte sie kein gutes Gefühl. Sie tauschte schnell mit Mulder einen Blick aus und er verstand, was sie sagen wollte.
Auch das liebte er an der Beziehung, die er mit Scully hatte. Beide konnten sich auch ohne Worte verstehen. Mulder tat einen Schritt auf Jason zu und streckte ihm die Hand hin. „Fox Mulder, FBI! Und wer sind sie?"
Jason sah ihn nicht an, sondern musterte die anderen Passagiere. „Jason Turner von Net Technologies!"
Layman drängte sich an Mulder vorbei und stellte sich direkt vor Jason. „Hat Pete Morgan sie geschickt?"
Mit einem kurzen Nicken bestätigte Jason die Frage.
Dann wandte sich Layman wieder an die anderen. „Ich denke, sie möchten alle wissen, worum es sich hier handelt!"
Scully nickte.
„Net Technologies unterstützt ebenfalls die Expedition, deshalb wird auch ein Vertreter von Net mitgeschickt!"
Auch Mulder mochte die Art nicht, wie Jason Turner alle Leute innerhalb des Flugzeugs abtaxierte und er war froh, als der Pilot ihnen sagte, dass sie nun starten würden. Es würde sich zeigen, in wie weit sein und Scullys Gefühl Recht behalten würde.
13 Stunden sollte der Flug nach Kinshasa dauern und sie hatten erst die Hälfte davon hinter sich. Bisher war alles ruhig verlaufen.
Layman hatte sich in ein Gespräch mit Jason verwickeln lassen, was für Mulder vollkommen unverständlich war und Dorothy hatte sich ein wenig hingelegt um zu schlafen.
Scully sass neben ihm und sah aus dem Fenster. Schon an ihrer Haltung konnte er sehen, dass sie sich nicht sonderlich wohlfühlte. Ihre Hände hatten sich um die Lehnen gekrallt und ihre makellose helle Haut war noch weißer als sonst. Er konnte es nicht leiden, wenn er wusste, dass es ihr schlecht ging. Und diesmal war er sogar nicht ganz unschuldig daran. „Scully?"
Sie drehte ihren Kopf langsam zu ihm um und sah ihm dann in seine haselnnussfarbenen Augen.
„Sie wissen doch, dass ich das vorhin alles gar nicht ernst meinte mit dem Flugzeug und so, oder?" Er versuchte entschuldigend zu lächeln und atmete innerlich auf, als sie nickte.
„Es liegt nicht an ihren wunderbar unterstützenden Erzählungen, Mulder. Fliegen ist einfach nichts für mich."
Er lächelte verständnisvoll. „Versuchen sie zu schlafen, vielleicht hilft es?!"
„Danke! Aber ich bin nicht müde!" Sie lächelte ihn an und blieb dann mit ihrem Blick an Layman und Jason haften, die sich ein paar Reihen vor ihnen unterhielten. „Über was die wohl reden." Scully nickte in die Richtung der Beiden, und Mulder drehte sich um.
„Ich habe nicht die leiseste Ahnung."
Scully sah ihn an und Mulder erwiderte ihren Blick, wobei er bemerkte, dass sie ein wenig von ihrer krampfhaften Haltung verloren hatte. Er musste sie einfach angrinsen.
Scully sah in fragend an. „Was? Was ist denn?"
Er zuckte mit den Achseln. „Tut mir leid, ich konnte einfach nicht anders!"
Hinter ihnen hörten sie, wie sich Dorothy bewegte und kurz danach ihren Kopf über die Sitze streckte. „Hey!" Sagte sie und rieb sich die Augen. „Immer noch über dem Atlantik?"
Mulder nickte. Er hatte darauf gewartet, dass Dorothy aufwachen würde, denn er wollte mit ihr über die Expedition reden. „Dorothy, was für eine Expedition ist das?"
Sie sah ihn erstaunt an. „Sie wissen gar nichts?"
„Doch, ein wenig, aber nicht viel!"
Dorothy kroch zurück auf ihren Sitz und holte eine Mappe hervor. Sie stand auf und setzte sich auf den Sitz vor die Beiden. „Hier!" Sie händigte den Beiden die Mappe aus und Mulder und Scully überflogen sie, während Dorothy zu jedem Foto und jedem Text die Erklärungen lieferte. „Insgesamt sechs Expeditionsteilnehmer sind im Kongobecken verschwunden. Phillip McCarthy, seine Freundin Jenny Levinson, Geoffrey Potter von Net Technologies, Frank Blackwood, Mara Dales und mein Bruder Walter Chairman. Sie haben das Verhalten der Berggorillas studiert." Dorothy seufzte und atmete dann tief ein. Zu jedem genannten Namen lagen in der Mappe die Fotos parat. „Wir standen während der Expedition in Kontakt mit den Teilnehmern, doch seit Sonntag haben wir nichts mehr von ihnen gehört!"
„Das ist schon fast eine Woche her!" Sagte Scully und sah Dorothy durchdringend an, die darauf hin traurig nickte.
„Ja! Und ich mache mir wirklich ernsthafte Sorgen!"
Mulder sah auf und nickte ihr zu. Er wusste, dass es nicht gut aussah. Wären sie entführt worden, dann hätten sich die Entführer gemeldet. Doch sie hatten keine weitere Nachricht erhalten und das verbesserte die Situation nicht.
Layman schüttelte den Kopf, bei dem Gedanken daran, dass etwas mit dem Expeditionsteam schiefgelaufen sein könnte. Doch auch diese Möglichkeit konnte man nicht ausser Betracht lassen. Hastig fuhr er sich mit seiner Hand über die Stirn, und wunderte sich, dass Jason Turner so ruhig blieb. „Haben sie so etwas schon öfter gemacht?"Jason schenkte ihm einen kalten Blick. „Was?"
„Naja, sie wirken so ruhig!"
„Machen sie sich keine Sorgen, Mr Layman, ich werde alles unter Kontrolle haben!" Jason wusste genau, was er zu tun hatte, und Layman nickte erleichtert. Er lehnte sich in seinem Sitz zurück und nippte an seinem Glas. Für eine Weile herrschte Stille zwischen den beiden Männern. Jason war der Erste, der diese Stille brach. „Aber was sollen diese Bundesagenten hier?"
Layman sah Jason fragend an, denn er verstand nicht, was er damit meinte. „Bitte?"
„Ich denke, sie haben mich verstanden!"
„Naja, sie sind als Unterstützung der Regierung dabei!"
Jason schnaubte durch die Nase und fuhr sich mit einer Hand durch sein dichtes Haar. „Die werden ganz sicher nur Probleme machen!"
Layman schüttelte den Kopf. „Aber, sie sind zu unserer Sicherheit ..."
Doch er wurde von Jason unterbrochen. „Layman, ich werde ihnen jetzt mal eines sagen! Falls diese Agenten meine Arbeit in irgendeiner Weise behindern sollten, dann werde ich mich höchstpersönlich um die beiden kümmern!"
Layman warf er einen Blick über seine Schulter. Die junge rothaarige Frau sah aus dem Fenster und der Mann hatte sich in eine Akte vertieft. „Was meinen sie damit?"
Jason funkelte ihn böse an und lächelte dann ironisch. „Keine Sorge, Mr Layman. Ich weiß schon, wie ich die behandeln muss. Die sind doch alle gleich – alles Bürohengste."
