6. Internationaler Flughafen Ndolo/ Kinshasa/ Freitag 13. 56 Uhr
Die Maschine rollte langsam aus und kam dann auf einem kleinen Rollfeld endlich zum stehen. Scully atmete erleichtert auf.Mulder musste wieder grinsen. „Scully, jetzt sind sie wieder sicher!"
Sie lächelte zurück, wusste aber nicht genau ob Mulder sich wieder lustig über sie machte oder auch einfach nur froh über die problemlose Landung war.
Während des ganzen Fluges hatte sich Layman mit Turner unterhalten und sie taten es auch jetzt noch.
Scully konnte an Laymans Gesichtsausdruck erkennen, dass er mit dem was Jason im gesagt hatte nicht zufrieden war. Endlich wurden die Türen geöffnet und sie konnten aus dem Flugzeug aussteigen. Draussen traf es sie wie ein Schlag. Die Hitze war überwältigend und sie brauchten einige Minuten, bis sie sich daran gewöhnt hatten die heiße Luft einzuatmen.
Sofort begannen einheimische Träger die Maschine zu entladen.
Dorothy stellte sich neben Mulder und Scully auf die Landebahn und sie warteten darauf, dass auch Layman und Turner zu ihnen kommen würden, als sie plötzlich von hinten angesprochen wurden.
„Hey, hallo! Sie sind aber schon verdammt früh hier!"
Alle drei wirbelten herum und sahen in das Gesicht eines schwarzen Mannes. Das Weiss seiner Zähne leuchtete im Gegensatz zu seiner fast schwarzen Haut.
Grinsend musterte er Dorothy und Scully, was Scully überhaupt nicht gefiel. Und Mulder erst recht nicht.
„Entschuldigen sie, wer sind sie?" Fragte Mulder mit einer festen Stimme.
Der Mann lächelte und reichte ihm die Hand. „Ich bin Sidney Washington! Ich bin ihr Führer durch den Dschungel!"
Hinter Mulder tauchten Layman und Turner auf.
„Hey, Jason! Schön dich zu sehen!" Sidney ging auf Jason zu und umarmte ihn feste.
Scully war klar, dass sich solche Männer untereinander kennen mussten.
Sidney brüllte irgendetwas in der Landessprache zu einem der Träger und wandte sich dann wieder an alle die um ihn herum standen. „Also, können wir?"
Scully sah Mulder fragend an, doch der zuckte nur mit den Achseln und schob sie vor sich her. Scully hasste es nicht die Kontrolle über irgendetwas zu haben oder nicht zu wissen, was als nächstes passieren würde, und folgte den anderen, die sich einem grossen Laster näherten, nur ungern.
Mulder half Scully in den Laster und kletterte dann als letzter hinein, als der Wagen schon anfing zu fahren.
Es war ein schäbiger, alter Lieferwagen dessen Metallskelett mit dreckigem Leinenstoff umspannt war. Alle sassen auf Bänken, die an den Wänden des Lasters befestigt waren. Ihr Gepäck folgte in einem weiteren Laster, der direkt hinter ihrem fuhr. Sie wurden kräftig durchgeschüttelt, als sie über die schlechte Asphaltpiste des Flughafens fuhren.
Scully brach als Erste das Schweigen. „Also, wohin fahren wir jetzt?" Ihr Ton verlangte eine Antwort.
Sidneys Blick fixierte sie vollkommen und sie schluckte unsicher. „Wir fahren nach Yenge! Das ist ungefähr 18 Stunden von hier entfernt ..."
Sidney wollte weiter sprechen doch Dorothy sprach das aus, was Scully dachte. „18 Stunden?"
„Ja!"
Frustriert sank Dorothy zurück auf die Bank und krempelte sich die Ärmel ihrer Bluse hoch.
Scully versuchte ihre eigene Frustration zu verbergen. „Und dann?" Sie legte ein Lächeln auf ihr Gesicht und pellte sich aus der schwarzen Strickjacke.
„Dort heuern wir Träger an und dann geht es in den Dschungel!" Sidney grinste sie an. „Und wenn sie wollen Miss, dann kümmere ich mich ganz persönlich um ihr Wohlergehen!"
Scully versuchte freundlich zu bleiben aber auf so eine Anmache fiel eine Frau der 90´er sowieso nicht mehr rein. „Ich werde ganz sicher nicht darauf zurückkommen! Danke!"
Als Sidney sich gerade in ein Gespräch mit Jason vertiefen wollte, ging Mulder dazwischen. „Entschuldigung, und wie viele Tage brauchen wir dann bis zum Camp des Expeditionsteams?"
„Naja, vielleicht 1 oder 2! Das kommt ganz darauf an!"
„Worauf?" Zum ersten Mal seit ihrem Start in Washington hatte Layman wieder das Wort ergriffen.
„Naja, der Dschungel ist gross! Dort leben viele einheimische Stämme. Nicht alle sind freundlich gesinnt! Und ausserdem sagen sie ja selbst, dass ihr verschollenes Expeditionsteam von einer Separatistengruppe dort irgendwo festgehalten wird, oder nicht?" Erwiderte Sidney.
Mulder lehnte sich wieder zurück an eine Metallstrebe, ganz dicht neben Scullys Kopf.
„Mulder?" Ihre Stimme war fast nicht zu hören, also drehte er sich in ihre Richtung.
„Ja?"
„Ich würde gerne mal wissen, worüber sich Layman und Jason den ganzen Flug unterhalten haben!"
Er nickte. „Na dann, machen sie sich mal an einen der beiden ran, Scully!" Er grinste und zog dann sein Hemd aus.
Sie erwiderte sein Grinsen und schloss dann die Augen und lehnte sich an seine Schulter. „Nachher! Ich habe immerhin noch 17 Stunden und 45 Minuten Zeit!"
Plötzlich hielt der Laster abrupt an und alle die sich nicht festgehalten hatten wurden auf den Boden geschleudert.
„Was zum Teufel ist denn los?" Sagte Layman und stand wütend auf.
Ausserhalb des Lasters waren aufgeregte Stimmen zu hören, die eine der vielen Sprachen des Landes sprachen.
„Ihr wartet hier und sagt nichts!" Befahl ihnen Sidney und verschwand.
Mulder hatte sich inzwischen schon wieder vom Boden aufgerappelt, als plötzlich der Leinenstoff an einer Seite hochgezogen wurde und mehrere bewaffnete Männer verärgert in den Wagen starrten. Sie brüllten etwas und sofort stiegen drei Männer mit tarngrünen Anzügen in den Wagen und zogen Layman, Turner, Scully, Mulder und Dorothy aus dem Laster.
Dorothys Herz schlug bis zum Hals und anders ging es den anderen auch nicht, als sie gezwungen wurden sich an den Laster zu stellen.
Sidney stand in einiger Entfernung und unterhielt sich anscheinend mit dem Anführer, der in einem Jeep sass.
Die bewaffneten Männer begannen als erstes Mulder nach Waffen abzutasten und fuhren dann mit Layman und Scully fort.
Mulder überstand die Kontrolle problemlos und auch Layman bekam keine Probleme mit den Männern, doch bei Scully fing auf einmal einer der Männer an zu schreien und alle anderen richteten ihre Waffen auf sie.
„Hey!" Schrie sie und wollte sich umdrehen, doch sie wurde von zwei Männern an den Handgelenken festgehalten.
Einer der Männer rannte zum Jeep und präsentierte dem Anführer das, was sie bei ihr gefunden hatten.
„Scully, was haben sie denn in ihrer Tasche gehabt?" Fragte Mulder und sah besorgt zu ihr hinüber, als sie versuchte den Kopf zu ihm zu drehen aber von einem der Männer am Kopf festgehalten wurde.
„Ich ..."
Der Mann kam vom Jeep zurück und im selben Moment wurde Scully losgelassen und die Waffen wurden wieder gesenkt.
„Alles ok?" Mulder musterte sie von oben bis unten und war erleichtert als sie nickte. „Weshalb haben die so reagiert?"
Sie holte etwas aus ihrer Tasche und hielt es vor sein Gesicht.
„Eine Nagelfeile?" Er musste sich beherrschen um nicht loszulachen.
Endlich kam Sidney von dem Jeep zu ihnen zurück und die schwarzen Männer zogen wieder ab.
„Was war denn das?" Fauchte Jason wütend.
„Das war die Zollkontrolle! Sie haben von einem Attentäter gehört, der sich auf dem Flughafengelände herumtreiben soll! Vor zwei Tagen wurde der Sohn eines Senators ermordet. Die sind im Moment alle ziemlich aufgeregt!" Sagte Sidney und kletterte wieder auf den Laster.
„Und warum haben sie uns wieder gehen lassen?" Fragte Mulder und half Layman auf den Laster.
„In den meisten Fällen hilft da ein altbewehrtes Mittel! Man nennt es Geld!"
Scully strich mit ihrem Handrücken den Schweiß von ihrer Stirn und stemmte sich dann mit all ihrer Kraft auf die Ladefläche des Lasters. „Sie meinen Korruption?"
Sidney half ihr mit einem kräftigen Schwung hoch. „Sie haben es echt drauf, Lady!" Er lächelte sie an, wobei es ihr eiskalt über den Rücken lief.
Als alle den Laster wieder bestiegen hatten konnte die Reise endlich weitergehen. Sie sahen nicht viel von Kinshasa, sondern hörten nur den immer leiser werdenden Lärm der afrikanischen Grosstadt, denn schließlich waren sie auf dem Weg in das fast unbewohnte Kongobecken, und sie hatten noch gut 17 Stunden vor sich.
Ein Schlagloch auf der unebenen Piste rüttelte den Laster erneut durch. Mulder schlug sofort die Augen auf. Er hatte versucht ein wenig zu schlafen, doch die staubige, mit Schlaglöchern übersähte Piste machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er rieb sich mit den Händen durch das Gesicht um den Schlaf loszuwerden und um den Schweiß fortzuwischen, dann sah er durch den Laster. Es war geradezu still. Ausser dem Motorengeräuschen des Lkw´s war nichts zu hören. Er hob etwas von dem umspannenden Stoff an und versuchte nach draussen zu sehen. Es war dunkel, und er schätzte die Uhrzeit auf 23. 30 Uhr. Neben ihm sassen Scully und Dorothy. Scully lehnte an seiner Schulter und schien friedlich zu schlafen, selbst als ein neues Schlagloch den Reifen in die Quere kam. Scully konnte wirklich überall schlafen. Dorothy hatte sich mit ihren langen Armen um eine Metallstrebe verkeilt und schien so einen sicheren Halt zu haben. Gegenüber von ihm sassen Layman, Sidney und Jason. Layman hatte seine Arme über seinem nicht all zu kleinen Bauch verschränkt und schien eine bequeme Position zum Schlafen gefunden zu haben. Sidney sass einfach nur gerade da und schien trotzdem zu schlafen und dann sah er rüber zu Jason. Jasons kleine grüne Augen musterten ihn genauso, wie seine Augen ihn musterten. „Es ist verdammt heiss, nicht wahr?" Versuchte Mulder eine Konversation zu beginnen. Doch Jason antwortete nicht und Mulder glaubte, dass er zu leise gesprochen hätte und sein Satz von dem Motorengeräusch übertönt worden wäre. Als er gerade noch einmal ansetzten wollte, unterbrach Jason ihn.
„Ich habe ihre Frage schon verstanden!"
„Warum antworten sie dann nicht?"
Jason grinste ihn schief an und zuckte dann mit den Schultern. „Vielleicht habe ich einfach keine Lust, mich mit ihnen zu unterhalten!"
Fein, dann lassen wir´s doch einfach, dachte Mulder und versuchte eine angenehmere Haltung einzunehmen, ohne dabei Scully zu wecken. Schnell sah er in ihr entspanntes Gesicht. Im Schlaf wirkte sie so hilflos und sein Wunsch, sie zu beschützen und festzuhalten, war stärker als sonst. Vorsichtig zog er sie ein Stück näher zu sich heran, als Jason ihn plötzlich ansprach.
„Versuchen sie jetzt wieder zu schlafen?"
Mulder hob erstaunt den Kopf. „Sie reden mit mir?"
Jason sah sich suchend im Laster um. „Ja, ich denke schon!"
„Eigentlich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, ja!" Gab Mulder zurück und wollte schon wieder seine Augen schließen.
Jason nickte ihm mit den Augen zu.
„Wollen sie nicht schlafen?" Fragte Mulder und lehnte seinen Kopf zurück an die Wand.
„Nein! Wenn man schläft ist man so verletzlich!"
Die Art, wie Jason das sagte klang für Mulder wie eine Bedrohung. „Verletzlich?"
Jason nickte. „Wenn ich wach bin kann ich sie wenigstens alle kontrollieren!"
Er hätte sich gefreut wenn Scully wach gewesen wäre, damit er ihr hätte zeigen können, dass es noch einige viel paranoidere Menschen auf diesem Planeten gab. „Na dann!" Sagte Mulder und schloss die Augen.
