7. Yenge, Kongobecken/ Demokratische Republik Kongo/ Samstag 8. 41 Uhr
Scully schlug die Augen auf, als der Laster plötzlich stehen blieb. Benommen rieb sie sich den Schlaf aus den Augen und musste sich kurz orientieren. Sie war immer noch in dem Laster und um sie herum, waren die Leute mit denen sie unterwegs war, ausser Jason und Sidney, doch keiner schien wach zu sein. Mulder schlief neben ihr und hatte sie in seinen Armen. Sie musste lächeln und sah in sein Gesicht, das ruhig und vollkommen entspannt war. Plötzlich nahm sie eine Bewegung aus ihren Augenwinkeln wahr. „Mr Layman!"
Erschrocken sah er auf und lächelte sie dann freundlich an. „Wenn sie auch aufgewacht sind, weil wir angehalten haben, junge Dame ..."
Scully musste bei dem Ausdruck junge Dame grinsen.
„... dann begleiten sie mich und wir gehen der Sache auf den Grund!"
„Sehr gerne!"
Vorsichtig löste sie sich von Mulders Seite und verliess mit Professor Layman den Laster.
Die Sonne schien und begann langsam die Erde zu erwärmen, als sie aus dem Laster gekrochen kamen. Sie standen auf einem riesigen Platz um den viele kleine Hütten gebaut waren und dahinter leuchtete das dichte Grün des Regenwaldes auf.
Scully war fasziniert. „Das muss Yenge sein!" Sagte Scully und atmete erleichtert aus, bei dem Gedanken an die unbequeme Fahrt. Der schwere Geruch der feuchten Erde und der Pflanzen zog durch die Luft, als sie sich beide umsahen, aber niemanden entdeckten. „Tja, und was machen wir jetzt ..." Sagte Scully und sah Layman fragend an.
„Entschuldigen sie, aber ich weiss noch gar nicht ihren Namen, junge Dame!"
Scully musste wieder grinsen. „Dana Scully!"
Layman lächelte freundlich und gab ihrer Hand, wie ein Gentleman, einen Handkuss. „Mein Name ist Vincent Layman!"
Scully nickte. „Ich weiss!"
Layman legte die Stirn in Falten und zog ein weißes Tuch aus der Tasche, mit dem er sich schnell über das Gesicht fuhr. „Woher?"
„Ich habe ein Semester lang in Berkeley studiert!"
Wieder bedeckte das Gesicht des alten Mannes ein freundliches Lächeln. „Wirklich?"
Scully nickte und stemmte ihre Hände in die Hüften um sich dann noch einmal umzusehen. „Also, ich würde vorschlagen, dass wir auf das größte Haus da vorne zugehen, Mr Layman!"
„Sehr gerne! Aber bitte nennen sie mich Vincent!"
Die Einfachheit der Worte mit denen Layman mit ihr sprach machte ihr gute Laune.
Layman griff nach ihrem Arm und dann ging er mit ihr auf das größte Gebäude zu, als plötzlich aus einem der Häuser eine Menge Kinder hervorsprang und erstaunt stehen blieb, als sie Scully und Layman sahen.
Die Haut der Kinder war fast schwarz und das Weiss in ihren Augen leuchtete hell. Sie fingen an zu lachen und kamen langsam näher.
Layman und Scully sahen sich unsicher an und lächelten dann freundlich.
Neugierig standen die Kinder um die Beiden herum und betrachteten sie. Anscheinend hatten die Kinder noch nie weißes oder rotes Haar gesehen, geschweige denn überhaupt einen weißen Menschen.
Vorsichtig versuchten sie Laymans Bart oder Scullys Haare zu berühren, und fingen an zu lachen, wenn sie sich einer von beiden bewegte. Layman schnappte sich ein kleines Mädchen und setzte es auf seinen Arm.
Alle Kinder lachten und fingen an, immer wieder dasselbe zu rufen, was so viel bedeutete wie Wunder , und um die beiden herum zu tanzen.
Als Dorothy sich langsam bewegte stieß sie aus Versehen Mulder an, der sofort verschreckt aufwachte.„Was?" Er sass senkrecht auf der Bank und starrte in Dorothys verschlafenes Gesicht.
„Guten Morgen!" Versuchte sie entschuldigend zu sagen und streckte sich.
„Guten Morgen, Dorothy!" Sagte er und fuhr sich mit einer Hand durch sein kurzes, dunkelbraunes Haar. Erst jetzt sah er sich im Laster um. Dorothy und er waren ganz alleine.
Jason, Sidney, Layman und Scully fehlten. Auch Dorothy schien das bemerkt zu haben. „Sind sie wachgeworden, Dorothy, weil sie gehört haben, wie jemand den Laster verlassen hat?"
Sie schüttelte den Kopf und kratzte sich am Kopf. „Ich bin wachgeworden, weil ich ..." Sie lauschte noch einmal und grinste dann. „Hören sie das denn nicht?" Sie sah Mulder an, und da hörte er es auch.
Viele hohe Stimmen riefen immer wieder dasselbe und lachten.
„Was ist das?" Fragte er Dorothy, doch sie zuckte nur mit den Achseln.
Beide verließen den Laster und traten in die Sonne, die mittlerweile schon höher am Himmel stand.
Er brauchte zwar einen Moment bis sich seine Augen an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, doch Mulder wusste sofort, dass sie in Yenge sein mussten. Er war überwältigt vom Regenwald, der sich direkt hinter den Hütten erstreckte. Er und Dorothy folgten einfach den lauten Rufen und standen dann plötzlich vor einer Menge eingeborener Kinder, die wie wild um Scully und Layman tanzten und sie bewundernd anstarrten. Mulder musste grinsen.
Als Scully aufsah, schien ihr rotes Haar förmlich vor dem Grün des Dschungels zu glühen. „Mulder!" Sie strahlte ihn an, als er auf sie zuging.
„Guten Morgen!" Sagte er und zog sie an seiner Hand aus der Menge von kleinen Kindern.
„Guten Morgen!" Erwiderte sie und sah sich dann zu Layman um. „Kommen sie, Vincent!"
Mulder sah zu Layman, der sich nur mühsam von den Kleinen losreißen konnte.
Scully hatte sich anscheinend gut mit Layman unterhalten, denn sie durfte ihn schon bei seinem Vornamen nennen.
„Sidney und Jason sind nicht mehr im Laster!" Sagte Mulder und versuchte Scullys Aufmerksamkeit von diesem kleinen afrikanischen Jungen vor ihr auf sich zu lenken.
Doch sie sah nicht zu ihm auf, sondern antwortete ihm nur so. „Ich weiss! Sie waren schon nicht mehr im Laster, als Vincent und ich aufgestanden sind!"
„Vincent und ich?" Mulder grinste. „Habe ich da irgendetwas nicht mit bekommen?" Jetzt hatte er es geschafft. Ihre Aufmerksamkeit gehörte ihm.
Mit dem kleinen Jungen an der Hand drehte sie sich zu ihm um und lächelte. „Mulder, halten sie die Klappe!" Sie ging vor ihm auf das größte Gebäude zu, wobei ihn der kleine Junge mit den schwarzen Augen an ihrer Hand, anlächelte.
Sidney trat gerade auf den Vorplatz des größten Gebäudes, als die Kinder mit Mulder, Scully, Dorothy und Layman im Schlepptau auf ihn zusteuerten. Die kleine Rothaarige gefiel ihm. „Hey! Schon wach?" Fragte Sidney und trat in die Sonne, direkt vor Scully.„Ja, wir sind wach!"
Seine Augen musterten Scully von oben bis unten. „Sind sie sehr sauer, Dana, dass ich sie nicht geweckt habe?"
Mulder rückte neben ihr auf und stellte sich neben sie.
„Woher wissen sie, wie ich heiße?" Scully musterte diesen kleinen Schleimer genauesten mit ihren klaren Augen.
Sidney grinste sie an. „Ich weiss eine Menge, Dana!"
Sie atmete geräuschvoll aus und beruhigte Mulder mit einem Blick. „Mr Washington ..."
„Warum nicht Sidney?" Wieder huschte ein Grinsen über Sidneys Gesicht.
„Weil ich nicht will, dass sie mich Dana nennen!" Scullys Stimme war fest und unmissverständlich.
Sidneys Lächeln verschwand und drehte der Gruppe dann den Rücken zu. „Los, wir warten schon die ganze Zeit auf euch!" Sagte Sidney scharf und trat dann wieder in das Gebäude.
Mulder sah zu Scully, die den kleinen Jungen zurückließ. „Anscheinend habe ich bei dem Kerl auch irgendetwas nicht mitbekommen!" Er ging an ihr vorbei in die Hütte.
Es war dunkel und viel kühler als draussen. Die Wände waren aus Lehm und mit kleinen Holzfiguren bedeckt, und umgaben die Mitte des Raumes wo vor ein paar Männern Jason sass und verhandelte. Als auch Dorothy, als Letzte, den Raum betreten hatte stand Jason auf und grinste sie an.
„Na endlich! Noch eine Stunde länger, und Sid und ich wären alleine losgegangen!"
Mulder hätte es nicht gewundert.
„Also, das hier ist der Ältesten Rat!" Jason zeigte hinter sich auf ein paar Einheimische, die Jeans und alte T–Shirts trugen. „Ich habe mit ihnen über die Träger verhandelt! Ich schlage vor, dass wir morgen losgehen!"
Dorothy trat aus dem Schatten. „Wieso erst morgen? Wieso nicht schon heute?"
Jason musterte sie und trat einen Schritt näher. „Was?"
„Je eher wir aufbrechen, desto besser! Es ist jetzt eine Woche her, seitdem das letzte Signal von der Gruppe kam. Je länger wir warten, desto weniger Chancen haben wir!" Dorothy hatte sich zu ihrer vollen Größe vor Jason aufgebaut, den sie damit um mindestens einen Kopf übertraf.
„Ich bin ganz ihrer Meinung!" Sagte Vincent Layman und trat neben seine Studentin.
„Tja, dann bin ich wohl eindeutig überstimmt, nicht wahr?" Jason blickte in die Runde und machte dann einen freundlichen Diener vor dem Ältesten Rat. Danach verliess er das Gebäude.
Sie hatten sich auf einen Aufbruch am späten Nachmittag des heutigen Tages geeinigt und hatten nun freundlicher Weise Zeit zum Kleider wechseln bekommen.Scully wartete am Dorf eigenen Brunnen darauf, dass sie sich endlich umziehen durfte. Neben ihr sass Dorothy, die genauso aussah, wie Scully sich fühlte.
„Ein Bad! Ein Königreich für ein Bad!" Murmelte Dorothy vor sich hin und Scully nickte von ganz alleine. Sie schloss die Augen und krempelte sich die Ärmel ihres T–Shirts hoch. Dorothy drehte ihren Kopf zu Scully und schirmte ihre Augen vor der Sonne ab. „Darf ich sie mal etwas fragen?"
Scully fuhr sich mit einer Hand durch die vom Schweiß verklebten Haare. „Natürlich!"
„Soll ich sie eigentlich auch Scully nennen, oder haben sie auch so etwas wie einen Vornamen?"
Scully musste grinsen und drehte sich zu Dorothy um. „Dana!"
„Schön! Ich habe mich schon gewundert! Meinen Namen kennen sie ja!"
Scully nickte und grinste immer noch.
„Darf ich noch mal etwas fragen?"
„Sicher!"
Dorothy zog ihre Schuhe aus und stellte ihre Füße in den warmen Sand.
Scully erwartete die Frage, warum sie und Mulder sich mit ihren Nachnamen anreden würden, doch sie wurde enttäuscht.
„Ist die Haarfarbe echt?"
Sie wollte gerade antworten, als Mulder auf die beiden zuschlenderte. Frisch angezogen in langen beigefarbenen Leinenhosen, einem weißen T–Shirt und Barfuss. Der Anblick war mehr als nur ungewohnt, aber Scully gefielen die Sachen an Mulder.
„Der Nächste ist dran!" Rief er ihnen von weitem zu.
Dorothy sah Scully bettelnd an, fragte aber trotzdem noch mal aus Höflichkeit. „Darf ich?"
Scully nickte freundlich lächelnd, und sah dann Dorothy zu, die sich auf den Weg machte, gerade in dem Moment, als sich Mulder neben ihr fallen liess. Sie musterte ihn von der Seite und fing an zu grinsen.
„Scully, bitte keine fiesen Bemerkungen zu dieser beigen Hose!"
„Na gut!"
Auch er grinste und lehnte sich dann mit dem Rücken gegen den Brunnen. Ein paar hundert Meter von ihnen entfernt, saß Layman im Schatten eines Baumes umringt von allen Kindern des Dorfes. Jason und Sidney waren mit ein paar Männern damit beschäftigt das Gepäck aus den Lastern zu laden und auf dem Platz zu deponieren.
Scully fasste sich in den Nacken und schob ihre Haare hoch. „Mulder?"
„Ja?"
„Ich wollte sie schon die ganze Zeit fragen, was sie denken, was mit dem Team geschehen ist, und ob sie überhaupt noch leben!"
Mulder verscheuchte eine Mücke auf seinem Arm und sah dann zu Scully. „Ganz ehrlich?"
Sie nickte und griff nach einem Stein, der auf dem Boden lag.
„Was den ersten Punkt betrifft, dazu kann ich nichts sagen. Wir wissen viel zu wenig. Der zweite Punkt, naja, ich denke nicht, dass sie noch leben!"
„Warum nicht?"
Er sah sie erstaunt an. „Wollen sie mir etwa erzählen, sie glauben, dass das Expeditionsteam noch lebt? Nach einer Woche in diesem Dschungel? Ohne ein Lebenszeichen oder ein Signal von irgendwelchen Separatisten, die Lösegeld fordern?"
Sie schüttelte ihren Kopf. „Nein! Ich dachte nur sie sehen es positiver als ich!"
„Ich wünschte man könnte es so sehen, aber ..."
„Ich weiß, was sie meinen!"
Für einen Moment war es wieder still zwischen den beiden, nur die Geräuschkulisse des Regenwaldes war zu hören und das vereinzelte Lachen der Kinder.
Mulder liess seinen Blick über den ganzen Platz gleiten und blieb dann bei Jason stehen, der einen einheimischen Mann anschrie. „Scully, sagen sie mir wenn ich mich irre, aber kann es sein, dass Jason uns irgendwie nicht mag?"
Scully musste über seine künstliche Naivität lachen. „Wie kommen sie bloss darauf?"
„Naja, ich bin beim FBI!"
Sie musste wieder lachen. Plötzlich sprang sie auf, während Mulder sie fragend ansah.
„Hey, verlassen sie mich?"
Sie nickte ihm über die Schulter zu.
„Warum?" Da sah er, dass Dorothy hinter zwei Hütten hervorkam und Scully zu sich gewunken hatte. „Ja, ja, gehen sie ruhig und betrügen sie mich mit einer Seife!" Er sah Scully nach, bis sie hinter den Hütten verschwunden war und stemmte sich dann hoch um zu Layman und den Kindern zu gehen.
Sidney schnallte sich einen der schweren Rucksäcke auf den Rücken und drehte sich dann zu den anderen um. Es war später Nachmittag, die mörderische Hitze des Tages verschwand langsam und es war die beste Zeit aufzubrechen. Sie hatten zehn einheimische Männer als Träger angeheuert, die in einer Gruppe für sich standen und lachten. „Also, können wir?" Fragte Sidney mit einer lauten Stimme, so dass jeder ihn hören konnte.„Mr Layman ist noch nicht da!" Rief Mulder, der Scully half einen Rucksack anzulegen, der fast genauso gross war wie sie selbst.
Endlich kam Layman um die Ecke einer Hütte geeilt, und trug zwei kleine Fetischpüppchen um den Hals. „Ich bin schon da!" Layman, der rotkarierte Schottenbermudas und ein gelbes Hemd trug, schnappte sich einen der noch verbliebenen Rucksäcke und grinste freundlich in die Runde.
„Na fein, dann kann es ja endlich losgehen!" Sagte Sidney und rief den Einheimischen etwas in ihrer Sprache zu, worauf hin sich der ganze Treck in Richtung Urwald bewegte. Sidney an der Spitze und die Einheimischen als letztes.
Die Sonne wanderte immer weiter in Richtung Westen und obwohl es noch hell war, konnte man die Sonne im Dschungel nicht mehr sehen. Der Urwald ragte vor ihnen wie ein undurchdringliches Labyrinth, mit vielen Hinterhalten und tödlichen Fallen, auf. Langsam verstummten die Vögel des Tages und die Tiere der Nacht wurden aktiv.
