8. Mitten im Dschungel / Demokratische Republik Kongo/ Samstag 21. 56 Uhr
Sidney hatte ihnen von einem Lagerplatz mitten im Urwald erzählt, den sie heute unbedingt noch erreichen mussten, und so wie Sidney das Tempo vorgab, blieb den anderen auch kein Zweifel daran, dass sie es nicht schaffen würden. Sie folgten schon seit Stunden dem Fluss, der auch am Dorf entlang geflossen war.
Scully ging direkt hinter Jason und bekam die Zweige, die Jason beiseite stieß, ins Gesicht.
Wilde Ranken und Lianen hatten ihre Beine aufgekratzt und jetzt machten sich auch noch die Mosquitos über sie her. Mulder hatte ihr gesagt, dass sie sich eine lange Hose hätte anziehen sollen, aber ihr war viel zu warm gewesen. Das hatte sie jetzt davon. Wie sie diesen Trip hasste. „Wie weit ist es noch?" Fragte sie Layman, der hinter ihr ging.
„Keine Ahnung!"
Sie drehte sich zu ihm um, doch er war ihr wirklich keine große Hilfe.
„Dana, ist es hier nicht einfach wunderschön?" Das Glühen in Laymans Augen verriet ihr, dass er, im Gegenteil zu ihr, wirklich etwas für diese Abenteuerwanderung übrig hatte.
„Fantastisch!" Sie lächelte ihn so gut es ging an.
Es war fast ganz dunkel, als sie eine freie Lichtung im Regenwald erreichten und Sidney sagte, dass sie hier rasten würden.
Scully liess sich neben Dorothy auf den Boden fallen.
„Hey, jetzt nicht schlapp machen, meine Damen!" Layman schien den Marsch durch den Wald wie einen Spaziergang hinter sich gebracht zu haben. „Die Zelte müssen aufgebaut werden!"
Scully sah Dorothy erschöpft an und stand dann als Erste auf. Schon im selben Moment schmiss ihr Sidney schwungvoll ein eingepacktes Zelt entgegen. Die Wucht des Wurfes hätte Scully beinahe von den Füßen gerissen.
„Tut mir leid!" Rief Sidney, schien es jedoch nicht so zu meinen.
Scully drehte sich zu Dorothy um und musste leider feststellen, dass sie eingeschlafen war. Direkt neben ihrem Rucksack. Sie suchte sich eine freie Stelle und fing an, das Zelt alleine aufzubauen, als plötzlich Sidney hinter sie trat.
„Kann ich helfen?"
Scully sah ihn erstaunt an. Den ganzen Tag hatte er sich nicht mit ihr unterhalten. „Wenn sie wollen?!" Sagte sie unsicher, aber jede Hilfe war ihr im Moment Recht – auch die Hilfe von Sidney Washington.
In ein paar Minuten hatten sie und Sidney das Zelt aufgebaut und Scully konnte anfangen ihre Sachen und Dorothy in das Zelt zu verfrachten. Als sie fertig war, und das Zelt verliess, brannte auf der Lichtung ein kleines Feuer, um das sich Mulder, Layman, Sidney und Jason gesetzt hatten und etwas aßen. Als Scully näher kam stand Layman, wie ein alter englischer Gentleman, auf und bot ihr seinen Platz an.
„Vielen Dank!" Sagte Scully freundlich und liess sich auf die Erde neben Mulder und Jason fallen. Mulder reichte ihr einen Teller, auf den sie sich ein Brot und etwas Suppe lud.
„Wie weit werden wir morgen noch laufen müssen?" Mulder wandte sich mit der Frage an Sidney, der genüsslich eine Zigarette rauchte.
„Ich denke, wenn wir genauso schnell laufen wie heute, dann sind wir morgen Mittag am Camp des Expeditionsteams."
Scully liess ihre Schultern hängen.
Die Unterhaltung wurde plötzlich durch irgendein seltsames Geräusch aus dem Urwald unterbrochen. Alle hielten die Luft an.
„Was war das?" Fragte Layman.
„Wahrscheinlich nur ein Affe!" Versicherte Sidney ruhig.
Scully versuchte im dunklen Wald etwas zu erkennen. „Was für Tiere gibt es hier denn sonst noch so?" Sie sah zu Sidney, der seine Zigarette auf einer Ameise ausdrückte.
„Die gefährlichsten dürften wohl das Flusspferd, das Nilkrokodil und der Leopard sein. Und ein paar Schlangen!"
„Schlangen? Das ist ja echt beruhigend!" Sagte Mulder und liess sich wieder an den Baumstamm sinken, um gemütlich sein Brot zu essen.
„Ich werde jetzt schlafen gehen!" Sagte Jason auf einmal und verschwand sofort in seinem Zelt.
Scully sah ihm nach und schlug dann plötzlich mit der flachen Hand auf ihr Bein, so dass Mulder erschreckt zurückwich.
„Scully, verdammt, was ..."
Zufrieden hielt sie zwischen ihren Fingern eine kleine Mücke und lächelte Mulder an. „Die verdammten kleinen Biester! Anscheinend mögen die mein Blut ganz besonders gerne!" Sie kramte in ihrer Tasche und zog ein Mückenspray hervor, dass sie sich auf die Beine sprühte, und dann verrieb.
„Ich mach mal eben meine Runde um das Lager!" Sagte Sidney und stand auf, als Scully sich die Arme einsprühte.
„Mulder, warum werden sie denn nicht gestochen?" Sie sah ihn fragend an, als sie das Spray auf ihren linken Arm einrieb.
„Vielleicht stehen die Mücken einfach nicht auf mich!"
Sie grinste und hielt ihm dann das Mückenspray vor die Nase.
„Was soll ich damit?" Fragte Mulder und nahm einen Schluck Wasser aus seinem Campingbecher.
„Wären sie so freundlich und sprühen sie mir das auf den Nacken?" Bat Scully höflich.
Layman hob wie ein Wachhund den Kopf und sah zu den beiden hinüber.
Scully hob ihre Haare hoch und Mulder beugte sich über ihren Rücken um den Hals einzusprühen.
Vorsichtig sprühte er den Nacken ein und verrieb dann langsam die Flüssigkeit auf ihrer Haut. Beruhigt senkte Layman wieder den Kopf, als Mulder ihr die Spraydose wiedergab.
„Vielen, vielen Dank!" Sagte sie und strahlte ihn an, bevor sie gähnte.
„Gehen sie ins Bett, Scully!" Sagte er freundlich.
„Sie haben Recht! Das sollte ich wirklich tun, vor allem, wenn unser Sklaventreiber Sidney das gleiche Tempo für morgen einplant." Sie drehte sich erst zu Layman um. „Gute Nacht, Vincent!"
„Gute Nacht, junge Dame!"
Sie lächelte und drehte sich dann wieder zu Mulder. „Gute Nacht!" Wieder schenkte sie ihm ein Lächeln, und verschwand dann in ihrem Zelt.
Nach so einem Lächeln fragte sich Mulder immer, ob Scully dieses Lächeln nur für ihn aufbewahrte, um ihn aufzuheitern.
Mulder erwachte früh am nächsten Morgen. Die Sonne war schon aufgegangen und die Vögel hatten mit ihrem Konzert begonnen. Er pellte sich aus seinem Schlafsack und verliess dann leise das Zelt, um Layman nicht zu wecken. Die Überreste des Feuers qualmten noch vor sich hin und es wunderte ihn nicht sehr, dass Jason schon auf war. Er reinigte eine seiner Waffen.„Morgen!" Rief Jason ohne von seiner automatischen Waffe aufzusehen.
„Guten Morgen!" Mulder ging direkt an ihm vorbei und auf das Flussufer zu, dass direkt an ihr Nachtlager angrenzte. Ruhig und langsam floss der Fluss an ihm vorbei und führte einige Blätter mit sich. Das Wasser war dunkelgrün und hob sich vom gelben Sand des Ufers ab.
Mulder setzte sich auf einen Stein, der am Rand einer kleinen Bucht bis ins Wasser reichte, und steckte seine Füße ins Wasser.
„Gut geschlafen?" Ertönte es plötzlich hinter ihm.
Erschrocken wirbelte er herum und sah Dorothy ein paar Meter entfernt am Wasser stehen. „Ja, und sie?"
Dorothy berührte mit ihren Schuhen das Wasser und kam dann langsam auf ihn zu. „Und wie! Ich habe noch nicht mal mehr mitbekommen, dass Dana ganz alleine das Zelt aufgebaut und mich irgendwie hineingeschafft hat."
Mulder musste grinsen. Er konnte es sich kaum vorstellen, wie Scully bei ihrer Größe eine Frau von Dorothys Größe in das Zelt schaffen konnte. „Schläft sie noch?" Fragte Mulder und zog seine Schuhe wieder an.
„Ja!" Sagte Dorothy und schmiss einen Stein über das Wasser. „Darf ich sie eigentlich Fox nennen?"
„Woher kennen sie meinen Namen?"
Dorothy grinste. „Ich stand zufällig neben ihnen, als sie sich bei Jason vorstellten?"
Mulder nickte.
„Also, darf ich sie Fox nennen?"
„Naja, wissen sie, ich habe selbst meine Eltern ..."
„Einverstanden, also Fox!"
Er sah sie ein wenig überrascht an, zuckte dann aber mit den Schultern. „Einverstanden!"
Dorothy warf noch einen Stein ins Wasser, und sah ihn dann mit einem ernsteren Gesicht an. „Glauben sie, dass es noch Hoffnung für meinen Bruder und die anderen gibt?"
Zuerst überlegte Mulder, ob er sie anlügen sollte, doch er entschied sich dagegen, und schüttelte seinen Kopf. „Nein, ich denke leider nicht!"
Dorothy nickte mit dem Kopf, als hätte sie diese Antwort schon erwartet.
„Aber das heißt nicht, dass sie die Hoffnung aufgeben sollen." Mulders Stimme war ruhig und sachlich. Er konnte in gewisser Weise nur zu gut verstehen, wie sich Dorothy fühlte. Auch ein Mitglied aus seiner Familie war verschwunden als er gerade 13 war.
„Kommen sie zurück zum Lager?" Fragte Dorothy und wusch sich mit dem Flusswasser durch ihr Gesicht. „Ich denke, ich sollte Dana wecken!" Sagte sie und wartete immer noch auf eine Antwort. „Also?"
„Gehen sie ruhig schon vor, Dorothy, ich komme gleich nach!"
Dorothy nickte und verschwand dann im dichten Grün des Dschungels, während Mulder seinen Blick wieder über den Fluss schweifen liess.
Sie waren schon wieder seit Stunden unterwegs, und Scully hatte das Gefühl, als wäre sie die Einzige, die dieser Marsch anstrengte. Sidney hatte das Tempo noch mehr angezogen. Doch da sah sie, wie Layman sich an einen Baum lehnte und tief Luft holte. Sein Gesicht war kreidebleich und er schwitzte mehr als normal. Scully ging schneller und rempelte Jason an, der ihr im Weg stand. „Vincent, sind sie ok?" Vincent lächelte sie unter seiner kleinen Nickelbrille an und wollte sie beruhigen, aber sie sah, dass es ihm nicht gut ging. Sie war die Letzte der Gruppe gewesen, und mittlerweile hatten sie alle überholt. Sie sah sich suchend nach Mulder um, doch sie konnte nur noch Jasons Rücken sehen.„Es ist alles in Ordnung, junge Dame!"
Scully schnappte sich sein Handgelenk und fühlte den Puls. Er war viel zu schnell. Wieder sah sie sich nach Mulder um, doch jetzt konnte sie noch nicht mal mehr Jason sehen. „MULDER!!!!!!!" Schrie sie und wartete auf eine Antwort. „Ganz ruhig, Vincent! Sie müssen jetzt ganz langsam und gleichmäßig atmen!" Sie lächelte ihn an und sah dann wieder in die Richtung, in die der Trupp verschwunden war. Was, wenn man nicht bemerken würde, dass sie fehlten? Wenn man sie hier zurück lassen würde? Mitten im Dschungel. „Mulder!" Wieder rief sie nach ihm und war froh plötzlich seine Stimme zu hören, die ihren Namen rief.
Plötzlich tauchte er zwischen zwei Bäumen auf und rannte auf sie zu. Ausser Atem kam er bei ihr an und kniete sich neben sie. „Scully, was ... ist alles in Ordnung?" Besorgt sah er in ihre intelligenten Augen.
„Um mich brauchen sie sich keine Sorgen zu machen! Vincent hat einen Kreislaufkollaps!"
Layman mischte sich ein. „Da möchte ich wiedersprechen!"
Scully sah ihn böse an und Mulder musste grinsen.
„Keine Chance! Sie können gegen sie nicht gewinnen! Ich spreche aus Erfahrung!" Gab Mulder zurück, lächelte sie an und half erst ihr und dann Layman auf die Beine.
„Vincent, ein Marsch durch den Dschungel ist kein Spaziergang. Sie sind nicht mehr der Jüngste! Und bei den tropischen Temperaturen darf man sich nicht überschätzen!"
Layman sah zu Scully, wie ein ungezogener Junge zu seiner standpaukehaltenden Mutter.
Dann wandte sie sich an Mulder. „Wir müssen langsamer gehen!"
„Sagen sie das nicht mir, sagen sie das Sidney!" Wehrte Mulder sie ab.
Sie klopfte den Dreck von ihren Knien und strich sich dann die Haare zurück. „Gut! Kommen sie!"
Der Rest der Truppe hatte sich unter einem riesigen Urwaldriesen niedergelassen und wartete schon, als Layman, gestützt von Scully und Mulder, zwischen den Bäumen auftauchte.
„Na endlich!" Sagte Jason genervt. „Wir warten schon!"
Mulder hasste ihn wie die Pest.
Scully übergab Layman an Mulder und ging dann auf Sidney zu, der neben den Trägern sass.
„Mr Washington!"
„Agent Scully?" Sidney erhob sich und ging auf Scully zu.
„Wir müssen das Tempo drosseln. Mr Layman hatte einen Kreislaufkollaps, und obwohl sie vielleicht an diese extremen Temperaturen gewöhnt sind, sind wir es nicht! Bei einer solchen Hitze ist es für uns kaum möglich mit ihrem Tempo mitzuhalten, und ausserdem ..."
Jason trat zwischen die beiden. „Fertig?" Jason hatte sie unterbrochen und starrte sie aus seinen kleinen Augen an.
„Was? " Fragte Scully gereizt nach.
„Ich habe gefragt, ob sie endlich fertig sind? Wegen ihnen vertrödeln wir hier kostbare Zeit, Ma´am!"
Scully musste Schlucken und war froh, als sie spürte, wie Mulder ganz dicht hinter sie trat.
„Wir haben nur um etwas gebeten, Mr Turner, mehr nicht!" Mulders Worte klangen wie eine Drohung und Jason grinste hinterhältig.
„Fein! Dann können wir ja endlich weitergehen!" Sagte Jason, schnappte sich seine Waffe und marschierte weiter in den Wald.
Sidney wandte sich an Mulder und Scully. „Wir werden langsamer gehen!" Sidney nickte den beiden zu und ging dann hinter Jason in den Wald.
Scully ging zurück zu Layman und stützte ihn mit Mulder zusammen. Dann folgten auch sie den anderen in den Wald.
