9. Camp der amerikanischen Expeditionsgruppe/ Kongobecken, Demokratische Republik Kongo/ Sonntag 16. 25 Uhr
Jason und Sidney, die an der Spitze des Trecks gingen, schlugen mit ihren Macheten das dichte Gestrüpp entzwei. „Es ist nicht mehr weit! Vielleicht noch einen Kilometer am Fluss entlang, dann dürften wir das Camp erreicht haben!" Sagte Sidney und drehte sich zu den anderen um, die hinter ihnen warten mussten.Dorothy atmete erleichtert auf und zog einen ihrer Schuhe aus. „Sehr gut, ich glaube nämlich, dass ich alle Steine des Regenwaldes in meinen Schuhen habe!"
Jason kam als Erster zu ihnen und starrte in die Runde. Ihm gefiel natürlich nicht, was er sah: Ein alter Mann, zwei Bundesagenten und eine nutzlose Frau. „Also..."
Erstaunt sahen sie ihn an.
„Wir werden vorsichtig sein müssen. Wir wissen nicht, ob und wenn ja, wo sich die vermeintlichen Separatisten aufhalten! Vorsicht ist also geboten!" Er klang wie ein Drill–Sergeant der Armee.
„Wir wissen, was in solchen Fällen zu tun ist, Mr Turner!" Scully würdigte ihn keines Blickes sondern schnürte ihre Schuhe zu.
Wut stieg in ihm auf. Wenn er nicht härter durchgreifen würde, dann würden ihm bald die Agenten auf der Nase herum tanzen und denken, dass sie hier das Heft in der Hand hatten. „Fein, dann kommen sie mir aber nicht mit ihren auswendiggelernten FBI Strategien daher!" Wütend ging er wieder zu Sidney und durchtrennte die verwachsenen Flechten.
„Da haben sie aber jemanden sauer gemacht." Bemerkte Dorothy, blickte zu Scully hinunter und stand auf, um Jason und Sidney hinterher zu gehen.
„Da kann man wohl nichts machen." Scully zuckte mit den Schultern und kratzte sich an einem Mückenstich, bevor sie sich wieder zu Mulder gesellte und sie gemeinsam, mit Layman unter dem Arm, den anderen folgten.
„Wissen sie, ich finde es wirklich nett, dass sie mir helfen wollen, aber ich kann eigentlich alleine laufen!" Layman sah Mulder bettelnd an.
„Hey, sagen sie das nicht mir!" Mulder´s braune Augen funkelten belustigt.
Laymans Kopf wanderte von Mulder zu Scully. „Also, junge Dame? Ich kann alleine laufen!"
Scully musterte ihn. „Sind sie sicher, dass sie sich schon wieder stark genug fühlen, Vincent?"
„Ich versichere ihnen, Dana, falls es mir schlechter gehen sollte, dann sind sie die Erste, die es erfährt!" Er lächelte sie freundlich an und löste dann ihren Arm von seiner Taille, während Mulder von ganz alleine los liess. Dann stapfte Layman vor ihnen in den Wald ohne ein Anzeichen für eine Schwäche.
Scully konnte nur hoffen, dass das auch so blieb.
Die Grillen zirpten und das leise, gurgelnde Plätschern des Flusses, dem sie sich näherten, war zu hören.Sidney ging neben Dorothy an der Spitze, und Jason war jetzt immer direkt in unmittelbarer Nähe von Mulder und Scully um sie im Auge zu behalten.
„Hinter der nächsten Flussbiegung liegt das Lager!" Rief ihnen Sidney über die Schulter zu.
Mulder blies erleichtert die Luft aus seinen Lungen und wischte sich den Schweiß von seinem Gesicht. „Gott sei Dank!"
Scully grinste ihn von der Seite an. „Sie sind doch nicht etwa geschafft?"
„Nein, nicht wirklich. Ich versuche ihnen das vorzuspielen, damit ich eine genauso gute ärztliche Behandlung wie Layman bekomme!" Er stieß sie von der Seite an und bekam dafür ein Lächeln.
Der Regenwald wurde lichter und durch das dichte Grün konnte sie die schimmernde Wasseroberfläche ausmachen. Alle nacheinander traten sie auf den gelben trockenen Sand des Ufers und bestaunten das tiefe Grün des Flusses.
„Gott, ist das schön!" Hauchte Dorothy und nahm die Sonnenbrille von ihrer Nase.
„Das ist der Tshuapa!" Erklärte Sidney und atmete tief die vom Wasser abgekühlte Luft ein.
Mulder kniete sich auf den Boden um einen Stein aufzuheben, den er dann in das Wasser warf.
„So, und wo ist nun das Lager?" Jasons gefühlskalte Stimme riss alle anderen aus ihren Träumen.
„Da!" Sagte Sidney und zeigte auf das andere Ufer. „Auf der anderen Seite des Flusses!"
Scullys Mund klappte auf. „Das würde bedeuten, dass wir den Fluss überqueren müssen!"
„Ganz recht, junge Dame!" Layman grinste sie vergnüglich an.
„Aber, wir, wir können ihn doch nicht so ohne weiteres überqueren! Wir wissen nicht, wie schnell die Strömung ist, wie tief der Fluss überhaupt ist oder was für Tiere in ihm leben!"
„Natürlich können wir ihn ohne weiteres überqueren!" Ertönte Jasons Stimme und dann ging er ins Wasser.
Alle beobachteten gespannt, was mit ihm passieren würde, und insgeheim wünschte sich wahrscheinlich jeder, dass es in diesem Fluss Piranhas gäbe. Doch nichts geschah. Als Jason die Mitte des Flusses erreicht hatte stand er bis zum Hals im Wasser, und schneller als die anderen es für möglich hielten war er schon auf der anderen Seite und kippte das Wasser aus seinen Armeestiefeln.
„Los, ich habe keine Lust lange auf sie zu warten!" Schrie er ihnen zu, und dann war Sidney der Nächste, der ins Wasser ging.
Nach ihm ging ein Träger nach dem anderen in den Fluss.
Layman fing an zu lachen, als das Wasser seine Stiefel umschloss.
Dorothy stand mit Scully und Mulder noch am Ufer. „Tja, dann werde ich wohl auch mal!" Sagte sie und trat vorsichtig mit ihren Schuhen in das langsam dahin gleitende Wasser.
„Also, Scully, jetzt sind wir dran!" Sagte Mulder und stellte schon seinen ersten Fuß ins Wasser, als er plötzlich Scullys festen Griff um seinen Arm spürte. Irritiert drehte er sich zu ihr um und sah in ihr von der Hitze gerötetes Gesicht. „Was ist los?"
Sie blickte in Richtung Fluss und zog dann ihre Stirn kraus. „Ich komme da nicht rüber!"
Für einen Moment glaubte er Angst in ihren Augen zu sehen, doch er wurde eines Besseren belehrt.
„Ich bin viel zu klein!"
Ein Lächeln umspielte seine Lippen, und er versuchte es zu unterdrücken, doch dann lachte er los.
Scully sah ihn unsicher an nahm eine aggressive Haltung an. „Was, was kann ich denn dafür, dass ich nun mal nicht so gross bin, wie ..." Sie sah sich um und zeigte dann auf Dorothy, die an der tiefsten Stelle des Flusses nur bis zu den Schultern im Wasser stand. „... wie Dorothy! Mit Dorothys langen Beinen würde ich auch durch den Fluß kommen. Ausserdem kommt es nicht auf die physische sondern auf die psychische Größe und überhaupt ...!" Weiter kam sie nicht mehr, denn Mulder hatte sie gepackt und trug sie nun auf seinen Armen ins Wasser. „Hey, was, was machen sie denn da?"
Sie war leichter als er dachte.
„Was soll denn das? Mulder, ich kann sehr gut alleine laufen!"
„Sie haben eben gesagt, dass sie es nicht können!"
„Ich habe nie gesagt, dass ich nicht lauf..." Sie zog scharf die Luft ein, denn das kalte Wasser hatte ihre Beine erreicht und durchweichte ihre Hose.
„Alles ok?" Fragte Mulder in seinem beruhigendsten Ton, als sie nichts mehr sagte, doch aus Sturheit antwortete sie immer noch nicht.
An der tiefsten Stelle des Flusses, hatte das Wasser Mulders Schultern und Scullys Brust erreicht. Endlich waren sie am anderen Ufer angekommen und ließen sich auf den Sand fallen. Mulder fuhr sich mit seinen Händen durchs Gesicht und Scully versuchte ihre beige Bluse auszuwringen. Mulder stand auf und wollte Scully aufhelfen, doch sie kam ganz alleine auf die Beine.
„Sauer?" Fragte er vorsichtig und mit einem smarten Lächeln auf dem verschwitzten Gesicht. Doch ihr Gesicht, ihre ganze Haltung versprach nichts Gutes, und er erwartete jede Sekunde ihre Tirade. Er biss auf seine Lippen und senkte den Kopf, doch an Stelle der Tirade hörte er Scullys vergnügtes Lachen, und sah grinsend auf. Wann hatte er sie das letzte Mal so lachen hören?
Sie schubste ihn vor sich her und fuhr sich dann mit einer Hand durch die nassen Haare. „Nein, warum auch. Sonst werde ich doch von niemandem auf Händen getragen!"
Sie wanderten am Fluss entlang, wo ihnen das Laufen nicht so schwer fiel. Der gelbe Sand war eine gute Grundlage und es gab keine Äste, Flechten, oder Lianen, die ihnen den Weg versperrten. Die ganze Stimmung war entspannter, denn sie näherten sich dem Lager.
„Da vorne hinter den Bäumen muss es sein!" Sagte Sidney und kickte einen Stein in den Fluss, bevor er sich wieder zu den Trägern vor ihm umdrehte.
Scully war immer noch dabei ihre beige Bluse auszuwringen, als urplötzlich die Träger an zu schreien fingen und ängstlich in ihre Richtung liefen. Sie sah zu Mulder, der versuchte in der Verwirrung etwas zu entdecken. Scully eilte zu ihm. „Was ist denn los?"
„Keine Ahnung, Scully! Kommen sie!" Er schnappte sich ihre Hand und rannte den Trägern entgegen.
Von weitem sahen sie, wie Sidney mit verzehrtem Gesicht eine Decke über etwas zog, und dann aufstand. „Mr Washington, was ist los?" Fragte Mulder in einem Ton, der sofort nach einer Antwort verlangte.
Sidney schluckte. „Sehen sie selbst!"
Mulder hatte einen Schwarzen noch nie weißer gesehen, wenn das überhaupt möglich war. Er und Scully gingen langsam auf die Decke zu, unter der sich ganz deutlich etwas abzeichnete. Hinter ihnen näherten sich Layman, Jason und Dorothy, die erstmal bei Sidney stehen blieben. Mulder kniete sich neben Scully, die ihre Hand schon an der Decke hatte. Nach Bestätigung suchend blickte sie in Mulders Augen, und dann hob sie die Decke an. Zum Vorschein kamen die entstellten Überreste von Frank Blackwood, die nach sieben Tagen tropischer Hitze deutliche Spuren von Verwesung zeigten. Mulder hielt sich eine Hand vor den Mund, und sah weg, um den Brechreiz in den Griff zu bekommen.
Scully schluckte hart und schlug die Decke zurück, bevor sie aufstand und mit Mulder wieder auf die anderen zuging.
„Was? Was ist denn?" Hörten sie Dorothys besorgte Stimme schon von weitem.
Scully sah sie mit einem ernsten Blick an und bemerkte, wie sich Tränen in Dorothys Augen sammelten. „So weit ich das beurteilen kann, sind das dort die sterblichen Überreste eines Expeditionsmitglieds!" Sagte Scully ohne irgendeine Gefühlsregung in ihrer Stimme.
Dorothy brach in ein unkontrolliertes Schluchzen aus. „Bitte, es ist doch nicht Walter, oder? Es ist doch nicht Walter? Oder?"
Mulder biss sich auf die Lippe. „Um das zu klären müssten sie die Leiche identifizieren!" Sagte er und legte seine Hand auf Dorothys Rücken, um sie zur Leiche zu führen.
Jason, Layman, Sidney und die verstörten Träger blieben zurück, als Mulder Scully und Dorothy wieder auf die Leiche zusteuerten.
„Dorothy, es ist kein schöner Anblick!" Scully kniete sich nieder und sah zu Mulder und Dorothy auf. „Sind sie sicher?"
Zögernd nickte Dorothy, und dann zog Scully die Decke zur Seite. Dorothy sog die Luft ein und drehte sich dann weg, während Scully die Leiche wieder zudeckte.
„Ist es ihr Bruder?" Fragte Mulder, und warf schnell einen Blick zu Sidney, Jason und Layman.
Dorothy schüttelte den Kopf und schlang dann ihre Arme um ihre Brust. „Das war Frank Blackwood! Er war der einzige, der diese seltsamen Hawaiihemden trug. Alle anderen haben sich immer über ihn lustig gemacht, aber Frank mochte die frohen Farben." Wieder begann sie zu schluchzen, und Scully legte ihre Arme um sie.
„Kommen sie, Dorothy! Sie müssen sich beruhigen!" Scully begleitete Dorothy zu einem anderen Teil des Ufers und blieb bei ihr, während Mulder zu den Männern ging.
„Und?" Fragte Layman, der an seinen karierten Bermudas herumfummelte.
„Es ist Frank Blackwoods Leiche! Er war Teilnehmer der Expedition." Antwortete Mulder und befeuchtete seine Lippen mit seiner Zunge.
„Verdammt!" Sagte Jason und stampfte auf den Boden. „Diese verdammten Separatisten haben sie umgebracht!"
„Bis jetzt wissen wir nur von einer Leiche! Ob die anderen tot sind wissen wir nicht, und ob die Separatisten daran Schuld sind wissen wir auch nicht!" Stellte Mulder klar.
„Aber der arme Kerl da ist tot, Special Agent Mulder! Wer sonst sollte ihn umgebracht haben?" Wütend hatten sich Jasons Hände um den Griff seiner Waffe gelegt. „Vielleicht die kleinen grünen Männchen mit denen sie sich so gerne beschäftigen?"
Es erstaunte Mulder immer wieder aufs Neue, wie Menschen, die er vorher noch nie im Leben getroffen hatte, doch von seinem Ruf wussten. Und er wusste nicht, ob er das als positiv oder als negativ bewerten sollte. „Hm, wirklich interessante Theorie! Mal ganz davon abgesehen, dass diese Männchen grau und nicht grün sind." Sagte Mulder sarkastisch und wandte Jason den Rücken zu. Dieser Mensch war seiner weiteren Aufmerksamkeit einfach nicht würdig.
„Ich schlage vor, wir gehen jetzt ins Lager!" Mulder sah Layman und Sidney an, die darauf hin nickten.
„Und was machen wir mit der ..." Layman nickte in Richtung Leiche. „Na, dem, dem ..."
„Wir werden ihn begraben!" Gab Mulder zurück.
Layman schien erleichtert auszuatmen und dann drehten sie sich zu den Trägern um, als Scully mit Dorothy zurückkam.
„Mulder!"
Er hörte ihre aufgeregte Stimme schon von weitem.
„Wir haben etwas gefunden!"
Interessiert näherten sich auch die anderen.
„Was denn?" Fragte Sidney und fuhr sich mit seiner Hand über seine Glatze.
Scully und Dorothy führten die Männer ein Stück den Fluss herunter, bis sie vor einem vertäuten Boot standen, das vollgepackt mit Sachen am Ufer lag. „Anscheinend hatten sie vor das Camp zu verlassen!" Sagte Scully und blickte in die Runde.
„Aber warum?" Fragte Dorothy und wischte sich eine einsame Träne ab, die über ihre Wange kullerte.
„Das werden wir herausfinden müssen!" In Mulders Stimme schwang Hoffnung mit und er blickte in Richtung Camp.
