10. Camp der amerikanischen Expeditionsgruppe/ Kongobecken, Demokratische Republik Kongo/ Sonntag 17. 56 Uhr
Obwohl sich die Träger zuerst geweigert hatten die Leiche von Frank Blackwood mitzunehmen, hatte sie Sidney doch überzeugen können. Man hatte die sterblichen Überreste in mehrere Decken eingewickelt, die jetzt von sechs Männern hinter Sidney zum Lager getragen wurden.Mulder hatte sich zu Scully zurückfallen lassen, und ging nun mit ihm vor Layman an vorletzter Stelle. „Können sie sagen, woran Blackwood gestorben ist?"
Sie sah mit ihn mit ernsten Augen an und strich sich dann ihre Haare zurück. „Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, Mulder! Ich müsste eine Autopsie durchführen, was hier wohl sehr schwer möglich ist! Aber wenn sie sich nur die äußeren Verletzungen der Leiche ansehen, dann könnte er allein daran gestorben sein!"
Mulder nickte verständnisvoll. „Aber vielleicht können sie nachher noch einen Blick auf die Leiche werfen!?"
Sie wischte sich mit ihrem Handrücken über die Stirn und sah ihn dann wieder an. „Das hatte ich sowieso vor!"
Alle nacheinander folgten sie einem kleinen Pfad durch den Wald, als plötzlich ein Teil eines menschlichen Körpers aus dem Dickicht ragte. Sie hatten die nächste Leiche gefunden.
„Oh Gott!" Entfuhr es Dorothy und sie vergrub ihren Kopf in Laymans Brust.
Scully schüttelte traurig den Kopf, als Jason das Gestrüpp zur Seite bog. „Das wird dann wohl Jenny Levinson oder Mara Dales sein!"
„Mara!" Stieß Dorothy mit zitternder Stimme hervor.
Sidney befahl den Trägern auch diese Leiche mitzunehmen, und dann folgten sie dem Pfad weiter, der sie anscheinend auf eine Lichtung brachte. Schon von weitem konnte man jetzt das Camp mit seinen roten Zelten sehen.
„Da vorne ist es!" Rief Layman und rannte an Mulder und Scully vorbei auf die Lichtung zu.
Alles war still und verlassen. Seit Tagen war in diesem Camp niemand mehr gewesen. Vorsichtig legten die Träger die Leichen, auf den Boden und sahen sich wie alle anderen um.
Nicht weit von ihnen entfernt war die kleine Kochstelle und daneben die Kisten mit den Lebensmittelvorräten.
„Gott, was stinkt hier so erbärmlich?" Fragte Jason und legte seine Hand auf die Nase.
Scully trat näher an die Kisten heran und sah die verfaulenden Früchte und die schimmelnden Suppenreste im Kochtopf.
Langsam wanderten alle durch das Camp und sahen sich um, untersuchten jedes Zelt und kontrollierten das noch vorhandene Gepäck.
„Es scheint, als sei nichts passiert! Alles scheint an seinem Platz zu sein!" Warf Layman in die Runde, als er aus einem der Zelte kroch.
„Aber wo sind dann die restlichen Teilnehmer?" Fragte Scully traurig und liess sich auf eine Kiste sinken, als plötzlich Mulder neben ihr auftauchte und ziemlich bleich um die Nase war.
„Ich denke, ich habe einen weiteren Expeditionsteilnehmer gefunden!" Sagte er und stützte sich auf seinen Oberschenkeln ab, um sich wieder zu beruhigen.
Auf der kleinen Erhebung der Lichtung, von der man aus das ganze Camp überblicken konnte, lag eine weitere Leiche. Ohne Zweifel konnte man erkennen was die Todesursache war, denn es war kein schöner Anblick an Stelle eines Kopfes nur noch eine klebrige Masse aus Haar und Hirn zu sehen. Und auch vom Rest des Körpers war nicht mehr viel erhalten. Die erstarrte Leiche lag unweit von einem umgekippten Tisch und einem Stuhl.Sidney hatte eine Decke geholt und legte sie vorsichtig über den toten Körper.
Dorothy sass unweit der kleinen Erhebung mit einem kreideweißen Gesicht und starrte auf ihre Füße, als sich Scully näherte. „Ich weiss was sie wollen, Dana!"
Scully lächelte gequält. „Es tut mir leid, ich weiss, dass es nicht sehr angenehm ist, aber es ist, naja, es ist wirklich sehr schwer zu sagen welches Mitglied der Expedition es ist, man kann sie oder ihn nicht mehr ..."
Dorothy nickte mit dem Kopf. „Ist schon gut." Dorothy stand auf und ging vor Scully auf die Überreste unter der Decke zu, die von Sidney angehoben wurde, als Dorothy neben ihm stand. „Es ist ... es ... Jenny ... Jenny Levinson!" Dorothy schloss krampfhaft die Augen, wurde noch blasser und rannte dann mit einer Hand vor dem Mund davon.
Scully hatte sich durch die Jahre an Tote und den Tod gewöhnt, doch auch für sie war es manchmal noch schwierig die Kontrolle über sich zu behalten, wenn sie einen ganz besonders schlimmen Fall vor sich hatte. Sie sah zu Mulder hinüber, der sie anzulächeln versuchte, es dann aber liess.
Auch er konnte Dorothy gut verstehen. Er hatte selbst nach unzähligen Mordfällen den Ekel vor den Leichen nicht verloren und es war ihm ein Rätsel, wie ein Mensch das konnte, wie Scully das konnte. Er trat einen Schritt zurück und stieß dabei an etwas Hartes. Erschreckt wirbelte er herum und sah den Laptop, der neben ihm auf der Erde lag. Schnell beugte er sich herab und hob ihn auf. „Hey, sehen sie mal!" Rief er und wischte den Dreck von der dunklen Plastikhülle, bevor er den Laptop öffnete.
Alle versammelten sich hinter ihm und starrten auf den flackernden blauen Bildschirm.
„Das ist der Expeditionslaptop mit dem sie uns die Tagesberichte geschrieben und die Forschungsergebnisse dokumentiert haben!" Layman zeigte aufgeregt auf den kleinen Computer. „Dorothy kennt sich mit diesen kleinen Wundermaschinen aus!"
Jason stand in einiger Entfernung und beobachtete die anderen. „Wenn ich auch mal was sagen darf?!"
Scully funkelte ihn mit ihren Augen böse an. „Aber immer doch!"
„Gut! Es wird bald dunkel, wir sollten das Nachtlager hier aufschlagen und die Leichen beerdigen! Dann können wir alles Weitere besprechen!"
Obwohl Mulder es nicht zugegeben hätte, hatte Jason tatsächlich Recht.
„Das klingt vernünftig!" Sagte Sidney und beauftragte drei Einheimische damit die Leichen in der Nähe des Camps zu begraben, doch vorher warf Scully noch einen Blick auf die Toten.
Als Dorothy vom Fluss zurückkam hatte ihr Gesicht wieder Farbe bekommen. Langsam überquerte sie die Lichtung und ging auf Scully zu, die vor einem Zelt sass und ihre Sachen verstaute. „Hi!" Dorothys Stimme war noch ein wenig schwach und hörte sich trocken an.Scully versuchte sie so gut es geht anzulächeln. „Hey, alles wieder in Ordnung?"
Dorothy nickte zögernd. „Ich denke schon!" Dorothy liess ihren Blick über das Camp schweifen und sah die drei Träger, die drei eilig gebaute Kreuze in die frisch aufgeschichtete Erde senkten.
Scully sah, dass Dorothy schluckte. „Wir haben sie beerdigt!"
Wieder nickte Dorothy.
„Sie sollten etwas essen, Dorothy und dann sollten sie schlafen!" Scully griff nach Dorothys Arm und sah zu ihr auf.
„Ich weiss! Begleiten sie mich zum Essen, Dana?"
„Gerne!"
Um die kleine Kochstelle versammelt sassen Jason, Mulder, Layman und Sidney, der dabei war etwas zu kochen. Schon von weitem konnten die beiden Frauen den Geruch des Essens riechen.
„Hm, das riecht sehr gut!" Sagte Dorothy und lächelte Sidney schwach an.
„Und es schmeckt noch viel besser!" Grinsend reichte ihr Sidney einen Teller und einen Löffel. „In zehn Minuten ist das Essen fertig!"
Scully liess sich neben Layman und Mulder auf einen Baumstamm nieder und beobachtete Mulder, der sich am Laptop versuchte. „Schon Erfolg gehabt?" Fragte sie ihn und schnappte sich einen Apfel aus der Obstkiste, die sie mitgebracht hatten.
Mulder atmete unzufrieden aus und schüttelte den Kopf. „Nein! Ich kriege dieses verdammte Passwort nicht raus!" Wie wild drückte er die Enter–Taste und fluchte.
„Vielleicht sollten sie einen Hackergrundkurs bei Frohike besuchen!" Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Er sah sie an und grinste. „Nur wenn sie mitkommen, Scully."
Sie lächelte zurück und sah dann zu Sidney, der eine weitere Zutat in den grossen Topf gab und umrührte.
Wieder fluchte Mulder und alle sahen ihn an. „Es ist zum verrückt werden!"
Dorothy stand auf und stellte sich hinter ihn. „Sie haben den Laptop gefunden?" Ihre Augen schienen wieder etwas lebendiger und Mulder nickte. „Darf ich?" Vorsichtig zog sie den Laptop von Mulders Schoss und liess sich wieder auf ihren alten Platz sinken.
„Ich habe versucht das Passwort zu knacken, aber ich habe es ..."
Dorothy ließ ihre Finger ein paar Mal über die Tastatur gleiten und zeigten ihnen dann den Bildschirm auf dem in grossen Buchstaben Access granted stand. Dorothy lächelte triumphierend, als Mulders Kiefer aufklappten.
Scully war begeistert. „Was war das Passwort?" Fragte sie.
„ELVIS."
Scully lachte los, und Mulder bedachte sie mit einem bösen Blick. „Mulder, jetzt bin ich aber schwer enttäuscht, dass sie darauf nicht gekommen sind!" Sie grinste ihn unverschämt an.
„Haha, Scully, machen sie sich ruhig lustig!"
Dorothy hockte über dem Laptop und las sich einzelne Dateien durch. „Die Tagesberichte an die Universität und an Net Tech fehlen hier auch. Am Sonntag muss also schon etwas passiert sein, sonst hätten sie geschrieben."
Layman sah zum ersten Mal von seiner eigenen Arbeit auf.
„Ansonsten stehen hier nur ihre Forschungsergebnisse, mehr nicht!" Sagte Dorothy und wollte sich gerade an Sidney wenden, als sie von Layman unterbrochen wurde.
„Yippeee!" Schrie der alternde Mann
„Was ist denn mit ihnen los?" Fragte Mulder und drehte sich zu Layman um, der schon die ganze Zeit an der Videokamera bastelte, die sie kurz nach dem Fund der dritten Leiche gefunden hatten.
„Theoretisch funktioniert sie wieder! Wir haben nur leider keine Batterien um uns anzusehen, was sie aufgenommen hat."
„Aber wir brauchen gar keine!" Sagte Scully und schnappte sich die Kamera. „Wenn dieses Ding ein Satellitenkabel hat, dann ... ha, da ist der Anschluss!" Sie stolperte zu Dorothy und dem Laptop und suchte am Laptop nach einem weiteren Anschluss. „Wir können uns die Videoaufzeichnung am Computer ansehen!" Sie stöpselte das Kabel am Laptop ein und lächelte dann in die erstaunten Gesichter der anderen. „Na los!"
Jason, Sidney, Layman und Mulder standen auf und stellten sich hinter Dorothy und Scully, die den Laptop auf ihren Knien hatten.
„Also gut!" Sagte Scully und fing an die Datei aufzurufen.
Mulder musste grinsen, denn auch wenn er und Scully nun seit sieben Jahren Partner waren konnte sie ihn immer wieder überraschen. Das hätte er zum Beispiel von ihr nicht erwartet. „Scully, wie es scheint, haben sie ihren Kurs bei Frohike schon hinter sich!" Unverschämt grinste er sie an und legte ihr seine Hand auf die Schulter.
„Da können sie mal sehen!" Sie drückte die Enter–Taste und der Monitor begann das Aufgenommene der Videokamera abzuspielen.
Sie sahen Bilder des Urwalds direkt neben dem Camp, aber sie hörten die Stimmen der Teilnehmer. Die Unterhaltung die Nadu mit McCarthy geführt hatte und dann der plötzliche Schrei. Sie hörten wie die Teilnehmer das Camp verließen, und wie unheimlich still dann plötzlich alles war. Lange Zeit war alles ruhig, bis plötzlich wieder ein schrecklicher Schrei ertönte, und dann etwas Schluchzendes und Heulendes ganz nah an der Linse vorbei lief.
„Jenny!" Keuchte Dorothy und starrte auf den Bildschirm.
Man hörte ihr schreckliches Heulen und ihre verzweifelten Gebete und dann war da plötzlich noch etwas anderes. Ein dumpfes Dröhnen, oder ein tiefes Brummen, was lauter wurde und zu einem hechelnden Grunzen wurde. Und dann schnellte etwas anderes an der Linse der Kamera vorbei. Es war grau und hatte Fell. Dann musste die Kamera durch das Ding zu Boden gerissen worden sein, denn der Bildschirm wurde pechschwarz.
Alle waren still und versuchten das, was sie gerade gesehen hatten zu verarbeiten. Als Erster brach Sidney die Stille, dessen Gesicht wieder eine hellbraune Färbung angenommen hatte.
„Oh Gott!"
In Dorothys Augen sammelten sich Tränen.
„Was zum Teufel war das?" Fragte Jason und berührte mit seinem Messer den Bildschirm, wo Scully die Sekunden, in denen das graue Etwas zu sehen war, in Zeitlupe noch einmal laufen liess. „Ein Gorilla?" Jason sah die anderen fragend an, um sich zu vergewissern, ob vielleicht einer seine Meinung teilte.
„Meinen sie ein Gorilla hat die Gruppe angegriffen?" Fragte Sidney unsicher und schien ängstlich.
„Natürlich. Wir kennen doch alle die Geschichten über King Kong!" Sagte Jason und hantierte mit seinem Messer herum.
„Ich gebe ja zu, dass das Tier auf dem Bildschirm aussieht wie ein Gorilla, aber das ist Schwachsinn. Gorillas sind sanftmütige Tiere. Sie würden fliehen, nicht angreifen!" Verteidigte sie Dorothy. „Aber ich verstehe das alles trotzdem nicht."
Mulder beobachtet immer noch das Bild auf dem Schirm und sagte dann plötzlich zu Scully: „Stoppen sie hier mal!"
Scully liess den Film ein wenig zurücklaufen und machte dann ein Standbild.
Mulder nickte zufrieden. „Es ist kein Gorilla!" Sagte er und sah die anderen an.
Sidney schluckte.
Nur Scully erkannte das Leuchten in Mulders Augen. „Was ist es denn dann?" Fragte sie und ging in Gedanken, alles durch, was er jetzt aufzählen könnte.
„Ich weiss es nicht! Aber es ist kein Gorilla!"
Scully sah ihn fragend an und zog dann ihre Stirn in Falten. „Woher wollen sie das wissen?"
„Hat ein Gorilla Krallen?" Er deutete auf den Bildschirm, auf dem ganz eindeutig eine Klaue zu sehen war.
