13. Camp der amerikanischen Expeditionsgruppe/ Kongobecken, Demokratische Republik Kongo/ Dienstag 3. 49 Uhr

Sidney wachte auf, weil er irgendetwas gehört hatte. Doch alles schien still zu sein. Er wollte sich gerade wieder hinlegen, als er dasselbe Geräusch erneut hörte. Einige Äste knackten im Gebüsch und er hörte ein seltsames Stöhnen oder Brummen. Sidneys Herz fing an zu rasen und seine Hände begannen zu zittern. Vorsichtig griff er nach dem Gewehr, das neben ihm lag und zog langsam den Reißverschluss des Zeltes auf. Es war stockdunkel draussen und er konnte nichts erkennen. Das Lagerfeuer schien heruntergebrannt zu sein und die Sterne spendeten nicht genug Licht um sehen zu können. Doch das Geräusch war noch da. Irgendwo rechts von ihm. Langsam schlich er darauf zu, als er plötzlich glaubte einen Schatten nur ein paar Meter vor ihm zu sehen. Erschreckt richtete er seine Waffe darauf, doch dann hörte er Laymans verängstigte Stimme.

„Ist da jemand?"

„Ich bin´s!" Flüsterte Sidney und kroch auf Layman zu, der sich an einen Baum gelehnt hatte. Layman hatte das Zelt neben ihm, und es war durchaus möglich, dass auch er das Geräusch gehört hatte. „Was machen sie hier, Layman?"

Layman atmete schnell und schien ziemlich verstört. „Da, da war etwas an meinem Zelt!"

Sidney nickte und legte ihm dann seine Hand auf den Arm. „Ich habe auch etwas gehört!" Panisch blickte er sich um. „Wir sollten die anderen wecken!" Doch da war das Geräusch plötzlich weg. Sidney drehte sich in alle Richtungen, doch er konnte nichts mehr hören. „Es, es ist nicht mehr da!"

Layman sah sich ebenfalls um. „Es ..."

Doch weiter kamen sie nicht, denn plötzlich ertönte wilde, ängstliche Schreie aus der Richtung der Träger.

„Layman, los, wecken sie die anderen. Ich werde nachsehen!"

Ängstlich nickte Layman und rannte los, als er Sidney nicht mehr sehen konnte. Als erstes weckte er Jason, der sofort seine verbliebenen Waffen an Layman verteilte, dann weckte er Dorothy, die nicht wusste, was eigentlich los war. Als er gerade zu Mulders Zelt rennen wollte, kam er ihm schon mit halb angezogenem T–Shirt entgegen und rempelte ihn fast an.

„Agent Mulder!" Layman klammerte sich schweratmend an Mulder Schultern.

„Was zur Hölle ist hier los?"

„Agent Mulder, irgendetwas ist im Lager der Träger los. Sidney ist schon da, und, ich ..." Layman war sichtlich ausser Atem. „Wir müssen Miss Dana wecken, wir ..."

„Sie warten bei Jason und Dorothy, ich hole Scully!" Befahl Mulder und rannte zurück.

Layman nickte und rannte dann wieder zu den anderen beiden, als plötzlich Schüsse ertönten.

„Das ist Sidney!" Schrie Jason und rannte in die Richtung aus der nun die Träger gerannt kamen.

Mulder lief unbeirrt weiter und hatte ihr Zelt schon fast erreicht, als er sie aus der kleinen Öffnung kriechen sah. „Scully!"

Erschreckt sah sie auf und stopfte ihre Waffe in das Holster. „Mulder, ich habe einen Schuss gehört!"

Ihre Haare lagen nicht wie sonst geordnet und gekämmt an ihrem Kopf sondern standen zu allen möglichen Seiten ab. „Ich denke, der Aketi ist hier, Scully!" Trotz der Dunkelheit konnte er sehen, wie sich ihre Augen weiteten.

„Sind sie sicher?"

„Ja!" Dann griff er nach ihrer Hand und zog sie mit sich.

Jason wusste nicht was los war, aber er rannte einfach in die Richtung, aus der die Schreie und die Schüsse kamen. „Sidney!" Schrie er und preschte durch das dichte Gewirr von Pflanzen.

„Jason, hier!"

Jason wusste, dass Sidney nicht weit von ihm entfernt war. Und dann sah er ihn plötzlich nicht weit von sich entfernt stehen und mit der Waffe in die Dunkelheit zielen. Rings um ihn herum lagen mindestens zwei tote und drei verletzte Männer.

„Was zum Teufel ..."

„Ruhe, Jason, ich habe das Vieh im Visier!"

Von weitem hörten sie, wie sich die anderen näherten.

„Wo ist es denn?" Fragte Jason und versuchte die Waffe in die selbe Richtung zu halten, in die Sidneys Waffe zeigte.

„Es ist ..." Sidney fühlte sich, als hätte man ihm die ganze Luft aus den Lungen gepresst. „Es, es ist nicht mehr da!"

„Was?"

Jason und Sidney drehten sich um die eigene Achse, doch sie konnten das Vieh nicht mehr sehen. „So ein Vieh kann doch nicht einfach so verschwinden!" Wütend liess Jason seine Augen so schmal wie zwei Schlitze werden.

Im selben Moment erreichte Mulder das Lager und kurz nach ihm Scully. „Ist es tot?" Fragte Mulder und sah sich um.

„Nein! Das Vieh ist verschwunden. Wahrscheinlich beobachtet es uns und wartet noch auf den richtigen Moment um uns alle kalt zu machen!" Sidney versuchte wieder in der Dunkelheit etwas zu erkennen.

Scully fing an sich sofort um die verletzten Männer zu kümmern, doch bei allen fünf kam schon jede Hilfe zu spät. „Alle sind tot!" Sagte Scully und schloss einem jungen Mann die vor Angst erstarrten, offenen Augen, wobei ihre Hände zitterten. Sie wusste, dass das Biest hier irgendwo sein musste und sie hatte höllische Angst, weil sie es nicht sehen konnte. Und Angst davor, dass sie sich schon wieder geirrt hatte – denn dieses Tier schien wirklich hier zu sein. „Wir müssen..." Doch weiter kam sie nicht, als plötzlich Dorothys schrecklicher Schrei die Nacht durchdrang. „Oh mein Gott!" Schrie Scully und rannte als Erste zurück zum Hauptlager. Sie konnte in der Dunkelheit fast nichts sehen und wäre beinahe über eine Baumwurzel gestolpert. Die Farne und Sträucher ratschten an ihren Beinen entlang und kratzten ihre Haut auf, als sie durch den Wald jagte. Sie erreichte als Erste den leeren Platz des Camps, und hörte noch Mulders Schreie hinter sich, doch sie rannte weiter.

Es war totenstill.

„Dorothy!" Rief sie vorsichtig und verlangsamte ihr Tempo.

Doch Dorothy antwortete nicht.

Scully rannte weiter und näherte sich wieder den Zelten, als sie das Tier zum ersten Mal sah.

Wie gelähmt blieb sie stehen und dachte ihr Herz würde sich zusammen ziehen. Der Aketi war größer als ein Gorilla und hatte lange Zähne, die unter den Lefzen hervorstanden. Sein Pelz war dicht und fast schwarz und die rasiermesserscharfen Krallen an seinen Pranken, hatten sich in Laymans Rücken gebohrt. Scully glaubte ersticken zu müssen, als das Tier sie bemerkte. Mit seinen grossen schwarzen Augen starrte es sie hinterhältig an, als ob es versuchen wollte ihre Gedanken zu lesen. Ein tiefes, feindliches Brummen war zu hören, als Scully versuchte nach ihrer Waffe zugreifen. Sie hörte, wie hinter ihr die anderen den offenen Lagerplatz erreichten. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würden sie sie finden. Scully hörte Mulders besorgte Rufe, doch traute sich nicht sie zu beantworten. Und dann rannte es ganz plötzlich auf sie zu, mit einem lauten animalischen Schrei. Sie konnte das schwere Atmen immer näher kommen hören und griff nach ihrer Waffe, doch bevor sie selbst schießen konnte, ertönte ein anderer Schuss, der durch die Nacht hallte. Nur ein paar Meter vor ihr ging der Aketi zu Boden. Es war vorbei. Sie drehte sich um und sah, dass Jason mit dem noch rauchenden Gewehr in der Hand in der Nähe des Waldes stand. Dann rannte sie auf Layman zu, der von dem Aketi verletzt worden war, und liess ich neben ihn auf den staubigen Boden fallen. „Mr Layman! Vincent?" Sie sah sie tiefen Wunden an seinem Rücken, aus denen die dunkle, rote Flüssigkeit lief.

„Junge Dame! Sie müssen ... sich in Sicherheit ..."

„Schschsch!" Mit einer Hand drückte sie auf die Wunden und mit der anderen fühlte sie nach seinem Puls. „Verdammt!" Endlich hörte sie wieder Mulders Stimme nach ihr rufen.

„Scully!"

„Hier, Mulder!" Kaum ein paar Sekunden später erschien er aus der Dunkelheit und rannte auf sie zu.

„Scully, ist alles ok?" Er sah, dass ihr Hemd und ihr Gesicht blutverschmiert waren, doch dann sah er auch die tiefen Wunden auf Laymans Rücken.

„Ja, holen sie mir den erste Hilfe Kasten!"

Er rannte weg und kam kaum eine Minute später wieder zurück.

„Mulder, sehen sie nach Dorothy!" Befahl ihm Scully.

Er rannte zu Dorothy, die immer noch auf dem Boden lag und fühlte ihren Puls. Sie lebte, und hatte nur eine kleine Wunde an der Stirn. „Sie ist soweit ok!" Rief er zu Scully hinüber die nicht aufsah, sondern das T–Shirt von Layman auseinander riss, der dabei aufstöhnte.

„Mulder, jetzt brauche ich ihre Hilfe!" Rief sie und sah mit ihrem dreckigen Gesicht in seine Richtung.

Sie hatten keine Zeit die Leichen zu vergraben, denn sie wollten so schnell wie möglich aus dem Camp verschwinden, deshalb hatte Sidney vorgeschlagen sie im Feuer zu verbrennen.

Mulder hasste den Geruch von verbranntem Fleisch, den man nun im ganzen Lager riechen konnte. Sie waren schon bereit zum Aufbrechen und wollten den Trägern nur noch die letzte Ehre erweisen, in dem sie neben dem grossen Feuer standen, dass sie entfacht hatten.

Dorothy stand zitternd neben ihm, als er sich zu Scully umsehen wollte. „Ich will hier endlich weg!" Hauchte sie fast kaum hörbar und sah ihn flehend mit ihren Augen an.

Mulder nickte und sah dann zu Scully, deren Gesicht und Kleidung noch mit Laymans Blut besudelt war.

Obwohl Layman einige tiefe Wunden auf dem Rücken hatte, die ihn beim Laufen stören würden, ging es ihm gut. Immerhin konnte er alleine stehen.

Mulder atmete tief ein und versuchte die Aufregung der letzten Stunde zu vergessen. Immer wieder sah er das Bild von Scully vor sich, auf die dieses Vieh zustürzte. Sein Herz wäre fast stehen geblieben, als er es gesehen hatte. Was hätte er nur gemacht, wenn er sie statt einem der Träger hätte verbrennen müssen? Er schluckte und versuchte nicht auf den Geruch der verbrennenden Leichen zu reagieren, als Sidney ganz langsam zu ihm rüber schlich.

„Agent Mulder?" Seine Stimme zitterte und seine Haltung verriet ihm, dass er Angst hatte.

„Was?"

„Da vorne!" Sagte Sidney und zeigte mit dem Lauf seines Gewehrs in den Dschungel. „Gerade hat sich da etwas bewegt!"

Mulder wusste, was Sidney damit meinte und sah ebenfalls in die Richtung. Doch nichts war zu sehen. Es gefiel ihm gar nicht. Sie waren auf einer Lichtung, einem freien Platz und alles Mögliche könnte in diesem Wald auf sie warten. Auch ein weiterer Aketi. „Wir sollten jetzt aufbrechen!" Mulder sprach mit einer festen Stimme und behielt dabei immer den Waldrand im Auge.

Alle schienen einverstanden zu sein, und so setzte sich der Trupp sofort in Bewegung. Sie liefen schnell und Mulder fragte sich, ob alle nur möglichst schnell das Camp verlassen wollten, oder ob sie dasselbe spürten wie er, dass es mehr als nur einen Aketi gab. Je weiter sie sich von der Lichtung entfernten auf dem sich das Camp befand und somit sich auch von dem Feuer entfernten, desto dunkler wurde es wieder.

Sidney führte den Trupp an und Mulder hatte sich an die letzte Stelle fallen lassen. Je weiter sie sich entfernten, desto sicherer fühlte er sich.

„Hey!" Scullys vertraute Stimme war plötzlich neben ihm und holte ihn in die Wirklichkeit zurück.

„Scully!"

Alle nacheinander tappten sie im dunklen durch den Wald, und konnten nur hoffen, dass Sidney sie heil nach Hause führen würde. Sie waren müde, geschwächt und standen zum Teil unter Schock.

Auch Mulder überkam langsam das Gefühl der Müdigkeit, versuchte es aber zu unterdrücken.

„Die Gefahr ist noch nicht vorbei, oder?" Scully hatte Mulder von der Seite gemustert, und ihr war aufgefallen, dass seine Muskeln unter der Haut vor Anspannung bebten.

„Woher...?"

„Sie sehen sich andauernd um!"

Er konnte vor Scully nichts verheimlichen. „Ich denke, dass der Aketi, den Jason getötet hat, nicht der Einzige war!"

Scully nickte und rieb sich ihre Augen um gegen den Schlaf anzukämpfen. „Das habe ich mir gedacht!"

Mulder schluckte und sah sich wieder um, als er meinte etwas gehört zu haben. Misstrauisch blieb er stehen und versuchte sich auf die Geräusche der Umgebung zu konzentrieren. Doch alles war still. Nichts war zu hören. „Scully, gehen sie weiter!" Befahl er ihr und drehte sich um seine eigene Achse.

Doch Scully blieb stehen. Sie würde ihn nicht alleine lassen. Sie wirbelte herum, als irgendwo links hinter ihr etwas im Unterholz raschelte. Trainiert zog sie ihre Waffe aus dem Holster und zielte auf den Wald. Doch wieder war alles ruhig. Sie versuchte ihren Atem zu kontrollieren, als Mulder ihr wieder sagte, dass sie endlich gehen solle. „Mulder, ich werde bei ihnen bleiben!"

Irgendetwas sagte Mulder, dass das Vieh schon da war um sie aus seinem Versteck zu beobachten. Überall schien es nun zu knacken und zu knistern. Und dann konnte er es endlich sehen. Es sass ganz still ein paar hundert Meter von ihm entfernt und starrte ihn einfach nur an. Aus Angst hielt er seinen Atem an und ging vorsichtig rückwärts.

„Mulder?" Scullys Stimme zitterte und war kaum zu hören.

„Ich sehe es!" Langsam drehte er seinen Kopf zu Scully, die in eine ganz andere Richtung mit ihrer Waffe zielte. Sie konnte also auch eines dieser Tiere sehen. Es waren zwei. Und sie hatten sich perfekt für die Jagd postiert. „Scully?" Sein Herz schlug so laut und schnell in seiner Brust, dass Scully es hören musste. „Laufen sie!"

Jason war der Erste, der Mulders Warnruf hörte und entsicherte sofort seine Waffe.

„Lauft!" Schrie Mulder so laut er konnte und rannte hinter Scully.

Die einheimischen Träger rannten schreiend in die eine und Layman, der von Dorothy gestützt wurde in die andere Richtung.

Mulder konnte Scullys erschöpftes Atmen vor sich hören und warf dann einen Blick über seine Schulter. Es folgte ihnen. Er konnte zwar nur eines dieser Tiere sehen, aber er wusste, dass das andere nicht weit entfernt sein konnte. „Schneller, Scully!" Trieb er sie an, doch er selbst rannte schon so schnell er konnte. Dann konnte er Jason sehen, der sich mitten auf den kleinen Pfad gestellt hatte und mit dem Gewehr in die Dunkelheit zielte.

„Diesmal stirbt das Vieh!" Schrie Jason und schoss, als Mulder und Scully gerade an ihm vorbeirannten.

Scully wusste nicht, ob er getroffen hatte und warf einen Blick über ihre Schulter. Doch alles was sie sah, war Jason, der plötzlich von etwas umgerissen wurde und dann mit lauten Schreien im Dschungel verschwand. Sie schluckte und versuchte die Schreie zu ignorieren, die noch immer zu hören waren. Panisch vor Angst trieb sie sich selbst an, schneller zu laufen. Doch sie kannte ihren Körper, und wusste, dass sie nicht mehr lange dieses Tempo durchhalten würde.

„Schneller! Verdammt, schneller, Scully!" Rief Mulder von irgendwo hinter ihr.

Alles war dunkel und Scully wusste nicht mehr, ob sie sich noch auf dem Pfad befand, den sie und Mulder entlang gerannt waren. Äste, Lianen und dornige Ranken schlugen ihr ins Gesicht und peitschten an ihren Armen vorbei. Ihre Seite stach und sie glaubte, ihre Lunge müsse platzen. Schnell warf sie einen Blick hinter sich und erwartete Mulder, doch nichts war mehr hinter hier. „Mulder!" Schrie sie ängstlich, rannte aber noch weiter. Sie bekam keine Antwort. „MULDER!" Ihr Hals schmerzte, als sie so laut rief wie sie konnte, doch sie erhielt keine Antwort. Wo war er? Unbeirrt rannte sie weiter aus Angst vor dem Tier, das überall auf sie lauern konnte. Von irgendwo hörte sie einen entsetzlichen Schmerzenschrei und betete verzweifelt, dass es nicht Mulder war. „MULDER!" Er muss am Leben sein! Lass ihn leben! Doch nicht um ihn hätte sie sich Sorgen machen sollen, als plötzlich vor ihr aus dem Unterholz eines dieser Tiere brach.

Alles was Mulder hörte, war sein schwerer Atem, als er versuchte dem Tier zu entkommen, das ihn jagte. Er hörte das erschöpfte Brummen und schwere Hecheln hinter sich. „Scully, wir ... müssen schneller ..." Mulder warf einen Blick über seine Schulter. Sie war nicht mehr hinter ihm. Was war mit ihr passiert? „Scully!" Rief er verzweifelt, doch sie antwortete nicht. „SCULLY!" Er hörte das Knacken und Brechen der Äste hinter sich und wagte es nicht, sich noch mal umzusehen. Er rannte einfach weiter, bis plötzlich vor ihm Sidney auftauchte und dann in die Dunkelheit hinter ihm feuerte. Mulder hörte den animalischen Schrei und dann das dumpfe Aufkommen des Tierkörpers auf der Erde. Danke, Gott! Völlig ausser Atem blieb Mulder stehen und sah sich erschöpft um. Nur ein paar Meter hinter ihm lag eines dieser Tiere, um das sich langsam ein See aus Blut bildete. „Danke!" Keuchte Mulder und sah zu Sidney auf, der das Gewehr schussbereit in seinen Händen hielt.

„Wo ist Agent Scully?" Fragte Sidney und lauschte auf die Geräusche des Waldes, als Mulder sich an einen Baum lehnte um wieder zu Atem zu kommen.

„Sie ... sie war plötzlich, ... nicht ... nicht mehr hinter mir!" Mulder versuchte panisch seine Atmung unter Kontrolle zu bringen, als mehrere Schüsse durch die Nacht hallten. „Scully!" Mulders Herz schnürte sich zusammen, und dann rannte er wieder los. Scully! Mulder würde verhindern, dass man ihm das nehmen würde, was ihn am Leben hielt.

Als der Aketi auf sie zustieß, griff Scully zitternd nach ihrer Waffe und feuerte. Ängstlich rannte sie rückwärts, ohne darauf zu achten, was hinter ihr war. Sie wusste, dass in einem durchschnittlichen Magazin nur 12 Schuss waren und davon hatte sie schon mindestens die Hälfte verbraucht, als sie sah, dass sie das Tier zwar getroffen, aber nicht tödlich verletzt zu haben schien. „Hilfe!" Schrie sie so laut sie konnte und drehte sich dann um, um die Flucht zu ergreifen, als sich auch der letzte Schuss aus ihrem Magazin gelöst hatte. Warum antwortete denn niemand? Wo war sie? Die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten, rannen nun über ihr Wangen. „Hilfe!" Ängstlich preschte sie durch den Busch, auf der Suche nach Sicherheit. Panisch blickte sie zurück und sah, dass dieses Tier noch nicht aufgegeben hatte. „MULDER! Hilfe!" Schrie sie hysterisch und verschwand in der Dunkelheit.

Mulder blieb stehen und lauschte. Er hatte sich nicht getäuscht. Von irgendwoher hörte er Scullys verzweifelte Schreie. „Scully, hier!" Schrie er und zwang seine Körper weiter zu laufen. Es war noch nicht zu spät. Er musste sie retten. „Scully!" Er würde sie beschützen. „Scully!"

Sie konnte seine Stimme hören und schöpfte wieder Hoffnung. „Hilfe!" Ihre Stimme fing an zu versagen und noch immer war dieses Biest hinter ihr. Sie konnte sein kehliges Atmen hören. Lange würde sie nicht mehr entkommen können. Bitte hilf mir doch jemand! Sie warf einen Blick zurück und war erleichtert zu sehen, dass sie das Vieh um ein paar Längen abgehängt hatte. Doch als sie sich wieder umdrehte stolperte sie über die Wurzel eines Baumes und schlug mit dem Kopf hart auf den Boden auf. Als alles um sie herum schwarz wurde und sie wusste, dass der Aketi gewonnen hatte, hatte sie keine Angst mehr vor dem Tod, sondern davor, dass sie Mulder und die anderen niemals mehr wiedersehen würde. Sie versuchte noch gegen die aufkommende Bewusstlosigkeit anzukämpfen, doch sie verlor. Dunkelheit empfing sie.

Es durfte nicht passieren, dass er sie verlor. Das war nicht gerecht. Jeder Mensch, der ihm etwas bedeutete wurde ihm genommen. Erst Samantha und jetzt Scully. Mulder versuchte die aufkommenden Tränen zu unterdrücken, die sich in seinen Augenwinkeln sammelten, als er wieder nach ihr rief. „Scully! Wo sind sie?" Doch sie antwortete nicht mehr. Wilde Visionen spielten sich vor seinem inneren Auge ab, in denen er Scullys zerfetzte Leiche finden würde. In einer anderen lebte sie noch und wand sich vor Schmerzen, doch er konnte ihr nicht helfen. „Scully!" Schrie er und war vollkommen verwirrt, doch Sidneys lautes Geschrei liess ihn die Visionen vergessen.

„Agent Mulder, schnell hierher!"

Mulder stoppte und sah sich zu Sidney um, der in eine andere Richtung davonrannte. Mulder folgte ihm sofort. „Haben sie sie gesehen?" Rief er verzweifelt und hoffte auf ein „ JA". Nach allem was er und Scully schon erlebt hatten, konnte doch jetzt nicht Schluss sein. Er brauchte sie um weiter zu machen. Er brauchte sie mehr als alles andere. Wenn die ganze Welt um ihn herum zusammenbrach, dann war sie für ihn da und wich nicht von seiner Seite. Jetzt war er an der Reihe zu beweisen, dass sie sich auch auf ihn verlassen konnte.

„Ich habe da hinten etwas gesehen, Agent Mulder!" Schrie Sidney und entfernte sich immer mehr von Mulder.

Gott, lass sie nicht sterben! Mulder wusste gar nicht mehr, dass er rannte. Seine Beine liefen einfach weiter. Und dann stand er plötzlich wieder neben Sidney, der stockstill und ruhig in die Dunkelheit starrte.

„Wir müssen jetzt ganz ruhig sein!"

Mulder verstand zuerst nicht, was Sidney wollte, doch als er nach vorne sah, konnte er eines dieser Tiere sehen, dass über etwas menschlichem hockte.

„Scully!" Keuchte Mulder und wollte auf sie zu rennen, doch Sidney hielt ihm mit seinen starken Armen zurück.

„Nein!" Flüsterte er. „Wenn uns das Tier bemerkt, dann helfen wir gar keinem!"

Mulder konnte nicht fassen, dass er machtlos war. Er konnte doch nicht mit ansehen, dass dieses Vieh über seine Zukunft entschied. Sein Herz raste in seiner Brust und seine Ungeduld wuchs. „Aber, wir müssen doch verdammt noch mal irgendetwas tun! Ich will nicht, dass sie stirbt!" Fauchte Mulder zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Sidney nickte. „Wir werden sie retten!"

Beruhigt atmete Mulder aus und sah wieder zu dem Tier, das vielleicht 400m vor ihnen sass.

Mulder musste den Gedanken verdrängen, dass es schon zu spät war, dass Scully schon längst tot war.

„Also, sie schleichen sich von der anderen Seite heran, und wenn ich das Tier ablenke, dann bringen sie ihre Partnerin in Sicherheit!"

Mulder nickte und verschwand dann so leise es ihm möglich war im Dschungel. Er würde sie retten, wenn es das Letzte wäre was er täte. Es dauerte nicht lange, dann war er am anderen Ende der schmalen Schneise, die anscheinend Scully beim Laufen geschaffen hatte, und sah das Tier von vorne. Scully lag direkt vor dem Tier, doch Mulder konnte nicht sehen, ob sie verletzt war oder nicht, oder ob sie überhaupt noch am leben war. Er musste sich zwingen ruhig zu bleiben, bis Sidney etwas unternehmen würde. Dann hörte er, dass Sidney einen Schuss abfeuerte.

Sofort drehte sich das haarige Biest in Sidneys Richtung und stieß einen unerträglich hohen Schrei aus, bevor es auf Sidney zurannte.

Mulder lief zu Scully, lud sie auf seine Arme und rannte so schnell er konnte mit ihr davon. Er hörte wie Sidney mindestens ein dutzend Mal schoss, doch dann hörte er auch seine verzweifelten Schreie. Mulder versuchte sie aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Schon wieder hatte jemand sterben müssen. Würden sie überleben? Doch jetzt hatte er ein anderes Ziel. Er musste Scully in Sicherheit bringen, denn er wusste immer noch nicht, was ihr fehlte.

Sie hing schlaff von seinen Armen herunter und bewegte sich nicht. Eine warme Flüssigkeit durchweichte sein Hemd und er wusste, dass es ihr Blut war, doch er wusste auch, dass sie nicht tot war, denn er konnte ihre warme Haut an seinen Armen spüren und sie regelmäßig atmen hören. Dafür war er dankbar. Doch das Vieh war noch nicht tot und sie waren noch nicht in Sicherheit. Er hätte Scully beinahe wieder fallen gelassen, als erneut dieser kaum zu ertragende hohe Schrei des Aketi ertönte. So gut es ging sah er sich um. Es war wieder da. Er legte Scully vorsichtig in ein Gebüsch und wirbelte dann mit gezogener Waffe herum. Diesmal würde er es beenden. Endgültig. Und wenn nicht, dann war das eben ihr Schicksal.

Er liess das Tier gefährlich nah heran kommen und feuerte dann wie ein Besessener sein ganzes Magazin leer. Mit jeder Kugel schwand seine Hoffnung auf ein zukünftiges Leben.

Stöhnend brach das Tier vor ihm zusammen und Blut sickerte aus mehreren Wunden.

Er hatte es geschafft. Nach Luft ringend und völlig erschöpft, sank Mulder neben Scully auf den Boden. Diesmal hatte er das Tier erledigt. Nun waren alle Tiere tot. Bevor er vor Erschöpfung zusammen brach, warf er noch einen letzten Blick auf Scully, die neben ihm lag.

Ruhig lag sie auf dem Boden und bewegte sich nicht. Auch wenn er wusste, dass sie noch immer nicht in Sicherheit waren wusste er doch, dass er sie gerettet hatte. Der neue Tag begann zu dämmern, als Mulder seine Augen schloss. Sie würden es schaffen. Sie mussten es schaffen.