14. Irgendwo im Dschungel des Kongobeckens/ Demokratische Republik Kongo/ Mittwoch 14. 23 Uhr

Mulder schreckte ängstlich hoch. Verdammt, wo war er? Und wo war Scully? Ängstlich wollte er aufstehen, als ihm plötzlich schwindelig wurde. Langsam sank er zurück auf eine Matte. Eine Matte? Er sah sich um. Er war nicht mehr mitten im Regenwald. Er war in einer Art Hütte aus Palmenblättern und Holz. Von irgendwoher hörte er das Lachen von Kindern und Frauen. Wo zum Teufel war er? „Scully!" Rief er schwach und versuchte wieder aufzustehen, doch erneut überkam ihn eine Welle des Schwindelgefühls. „Scully!" Versuchte er es noch einmal und atmete schneller. Träumte er das alles? War er tot? „Scully!" Erschöpft schloss er die Augen, als sich plötzlich eine Hand auf seine nackte Brust legte. Sofort flogen seine Augen wieder auf und sahen in das Gesicht eines kleinen, schwarzhäutigen Kindes, das ihn anlächelte. Mulder wusste nicht, was er tun sollte und starrte einfach zurück. „Hallo!" Krächzte er schwach und schloss dann wieder seine Augen, als sein Kopf anfing zu dröhnen. „Wo bin ich?"

Das Kind verschwand und er konnte hören, wie es laut anfing etwas zu rufen, was er nicht verstand.

Er sammelte seine Kräfte und sah sich dann an, was mit ihm passiert war. Man hatte ihm sein Hemd ausgezogen und eine Art Brei auf eine Stelle über seinem Herzen geschmiert. Überall hatte er Kratzer und kleine Schnitte, die alle mit dem selben Brei abgedeckt waren. Er liess sich wieder zurück auf die Matte sinken, als eine ganze Schar von schwarzen Männern in die kleine Hütte strömten und sich um ihn herum versammelten. Sie trugen alle die gleiche Kette mit den Klauen des Aketi. Er war beim Geisterstamm. „Wo sind meine Freunde?" Fragte Mulder vorsichtig und versuchte sich aufzusetzen, diesmal ohne das Schwindelgefühl, als sich Dorothy durch den Ring aus Männern auf ihn zuschob.

„Fox! Endlich sind sie wach!" Sie kniete neben ihm auf dem Boden und lächelte ihn an. Er war noch nie so froh gewesen sie zu sehen. Überhaupt irgendjemanden zu sehen, der seine Sprache sprach.

„Dorothy, was ... ich meine, wo sind wir? Und wo sind Scully und die anderen?" Verwirrt sah er sie an und verfolgte dann mit seinem Blick einige Männer, die die Hütte wieder verließen.

„Es fing an zu dämmern, da kamen einige Männer dieses Stammes und haben uns, mich und Professor Layman mitgenommen! Als wir in ihrem Dorf ankamen, waren sie schon hier! Sie haben uns gerettet."

„Wo ist Scully?"

Dorothy schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Sie liegt mit Layman in einer anderen Hütte! Ich glaube, dass sie irgendeine Zeremonie an den beiden zelebrieren."

Mulder wollte sofort aufstehen, doch Dorothy hielt ihn zurück. „Sie sind in guten Händen, Fox! Sie wissen was gut für uns ist. Ruhen sie sich aus und schlafen sie noch ein wenig. Ich werde sie wecken. Einverstanden?" Zögernd nickte er und legte sich dann wieder hin. Wenigstens waren sie jetzt in Sicherheit. Es dauerte nicht lange und Mulder war wieder eingeschlafen.

Vincent Layman saß an der Außenwand einer anderen Hütte und entfernte die Schale von einer Banane, als er sah, dass Mulder in der Tür einer anderen Hütte erschien.

Mulder musste die Augen zusammenkneifen, als er in die strahlende Sonne des Dorfplatzes trat. Dorothy hatte ihn nicht wieder geweckt und nun hatte er sich dazu entschlossen Scully und Layman selbst zu suchen. Mit wackeligen Beinen stand Mulder in der Tür und versuchte sich umzusehen.

„Agent Fox!" Layman brüllte über den ganzen Platz, so dass Mulder ihn ganz sicher hören musste.

Erstaunt drehte sich Mulder in seine Richtung und sah Layman mit einem Verband aus Palmenblättern um seinen Rücken vor einer der kleinen Hütten sitzen.

„Hier, Agent Fox!"

Man hatte ihm ja schon viele Namen gegeben, aber der war neu. Langsam lief Mulder auf Layman zu und liess sich dann neben ihn auf die Erde fallen.

„Dorothy hat mir schon erzählt, dass sie hier sind, Agent Fox!"

„Nur Fox, bitte!"

Layman reichte ihm die fertige Banane. „Banane?"

„Danke, nein!"

Layman zuckte mit den Achseln und biss dann genüsslich in das weiche Bananenmark.

„Wo ist Scully?"

„Sie liegt in dieser Hütte hinter mir!"

Sofort stand Mulder auf.

„Aber die junge Dame schläft!"

Mulder nickte und versuchte Layman davon zu überzeugen, dass er sie nicht wecken würde. „Ich werde leise sein!"

Layman musterte ihn kurz und nickte dann.

Vorsichtig und so leise wie möglich schlich sich Mulder in die Hütte, die viel dunkler war als die, in der er gelegen hatte. Er wusste immer noch nicht, was Scully eigentlich fehlte. Aber sie lebte, und das war alles, was für ihn im Moment wichtig war. Jetzt, als er die Hütte ganz betreten hatte, begann sein Herz wieder wild zu schlagen. Seine Augen brauchten einige Sekunden um sich an die ungewohnte Dunkelheit zu gewöhnen, doch dann sah er, was sich im Raum befand. Nur ein paar Meter vor ihm lag eine Matte auf dem Boden, auf der Scully mit dem Rücken zu ihm schlief. Er wagte sich zuerst nicht näher und stand einfach nur da um ihrem ruhigen, gleichmäßigen Atmen zuzuhören. Dann ging er langsam näher und setzte sich leise neben sie auf den Boden der Hütte, um sie einfach nur beim schlafen zu beobachten. Ihr Gesicht war entspannt und an einigen Stellen mit demselben eigenartigen Brei bedeckt. Sanft strich er ihr eine rote Strähne aus dem Gesicht und über ihre Wange.

Sie stöhnte ein wenig auf und begann sich dann zu bewegen. Lass mich sie nicht wecken!

Doch ihre Augen blieben geschlossen und sie drehte sich nur auf die andere Seite. Ihr ganzer rechter Arm war in ein Palmenblatt eingewickelt, das Mulder vorsichtig befühlte. Sie musste am Arm verletzt worden sein. Plötzlich zuckte er zusammen. Hatte er gerade ein Lächeln über ihr Gesicht huschen sehen? Er atmete geräuschvoll aus und schüttelte dann seinen Kopf.

„Klopfen sie nie, wenn sie reinkommen?" Scullys leise, sanfte Stimme erfüllte plötzlich den Raum und er sah in ihr Gesicht, das sie ihm zuwandte.

„Tut mir leid, die Tür war schon offen!" Er grinste sie an und strich wieder über ihre Wange, wobei sie ihre Augen schloss und entspannt ausatmete.

Er lebte. Und er war soweit unverletzt.

„Hey!" Mulders Stimme war ein wenig lauter und er stieß an ihre Schulter.

Sofort öffnete Scully wieder ihre Augen.

„Sie wollen doch nicht schon wieder schlafen? Oder doch?"

Sie lächelte und versuchte sich aufzusetzen, wobei ihr Mulder half. „Nein."

Mulder blickte zu ihrem Arm und fragte dann besorgt: „Ist es schlimm?"

Scully zuckte mit den Achseln. „Ich habe keine Ahnung. Ich hab´s noch nicht gesehen, aber es tut kaum weh!" Sagte sie halb im Scherz und lächelte ihn beruhigend an.

Er wusste aber, dass sie Schmerzen hatte. Er konnte es in ihren Augen sehen. Sie war eben stark und gab nicht auf. Niemals.

„Und was ist mit ihnen?" Typisch Scully, aus der die Ärztin sprach.

Mulder musste grinsen. „Ich glaube, dass ich überleben werde!"

Sie lächelte. „Gut! Dann können sie mir ja etwas zu Essen besorgen!"

Mulder nickte und stand dann auf um sich von Layman die Schale mit den Früchten zu holen.

Sidney, Jason und die Träger hatten bei dieser Expedition mit ihrem Leben bezahlen müssen, doch alle anderen waren mehr oder weniger heil davon gekommen. Sie verbrachten noch zwei Tage bei dem im Urwald lebenden Stamm und wurden dann von ein paar Männern in die Nähe von Yenge gebracht, von wo sie mit den Lastern zurück zum Flughafen fuhren. Kaum einen Tag später befanden sie sich auf dem Weg in die Vereinigten Staaten. Endlich war alles vorbei.