7. 30 Uhr EST-Zeit, Freitag
FBI-Zentrale, Washington DC
Dana Scully hatte es heute Morgen wirklich schwierig gehabt etwas Passendes zum anziehen zu finden, dass bei der Hitze des bevorstehenden Tages einigermaßen tragbar war und dazu noch den Vorschriften des FBI entsprach.
Es traf sie wie ein Schock, als sie das klimatisierte Innere ihres Wagens verlassen musste und in die brütende Hitze des schlecht gelüfteten Parkhauses trat. Es ist doch erst halb acht! Wie kann es um halb acht schon so warm sein? , fragte sie sich und ging langsam auf die Treppen zu, die in das sandfarbene Gebäude führten, in dem sie arbeitete. Wenigstens wusste sie, dass die Klimaanlage im Gebäude funktionierte.
7. 38 Uhr EST-Zeit, Freitag
FBI-Zentrale, Kellerbüro
Genervt stieß sie die Tür zu dem kleinen Kellerbüro auf. Ausgerechnet heute funktionierte die Klimaanlage natürlich nicht. Wieso auch? Kopfschüttelnd schloss sie die Tür und kam langsam auf den Schreibtisch zu, wobei sie ihre Blazerjacke über einen Stuhl schmiss. Von Mulder fehlte noch jede Spur, aber das war klar. Wann kommt er schon mal pünktlich? Scully atmete geräuschvoll aus und öffnete die ersten Knöpfe ihrer Bluse.
„Hey, Skeptiker, was soll denn das werden?"
Scully wirbelte herum und sah, dass Mulder in dem kleinen Nebenraum saß und vor sich unzählige von Fotos aus den X-Akten ausgebreitet hatte.
Er grinste sie unverschämt an und sah dann zu den offenen Knopfreihen an ihrer Bluse. „Sie wissen aber schon, dass man das Büro nicht von innen abschließen kann, oder?"
Sie musste grinsen. Woran sie nur immer denken! „Tja, Mulder, schade, sie haben sich zu früh gefreut!", sagte Scully lächelnd und fuhr sich mit ihrer Zunge über die trockenen Lippen um sie zu befeuchten.
Mulder funkelte sie noch immer mit diesen sanften Augen an und sagte dann: „Ach so! Na ja, vielleicht ein anderes Mal!"
„Nur in ihren Träumen, Spooky." Mulder sah sie bei diesen Worten gespielt verletzt an, doch Scully lächelte nur und kam dann zu ihm herübergelaufen, wobei ihre Absätze auf dem glatten Fußboden klapperten. „Was machen sie denn da?"
„Ich erinnere mich an die guten, alten Zeiten!" Er sah nicht auf sondern legte ein weiteres Foto zu den anderen, nachdem er sich mit dem Handrücken über die Stirn gefahren war.
„Die guten, alten Zeiten?", fragte Scully ungläubig und mit einem Lächeln auf dem Gesicht, als sie auf die Fotos hinabblickte. Das waren Bilder von Mordopfern, abnormen Erscheinungen und Serienkillern.
„Hm-hm!"
„Muss ich mir Sorgen machen, Mulder?"
Mulder sah auf und lächelte sie an. „Ich denke nicht."
Scully nickte und schlenderte dann langsam auf einen freien Stuhl zu, um sich darauf nieder zu lassen. „Dann ist ja gut!" Seufzend ließ sie sich auf den Stuhl fallen und lehnte sich zurück, während sie sich mit einer Akte Luft zu fächerte. „Klar, dass gerade heute die Klimaanlage ausfällt."
Mulder grinste und sah in ihre Richtung. Wie die Flügel eines Kolibris schlug sie mit der Akte auf und ab um einen kühlen Lufthauch zu erzeugen. „Ach, Scully, ich war heute übrigens joggen.", erklärte Mulder stolz und krempelte die Ärmel seines weißen Hemdes noch ein Stückchen höher.
Scully öffnete die Augen und drehte ihm ihren Kopf zu. „Wow, Mulder. Wollen sie mich etwa bald wieder überholen?"
Mulder schüttelte breit grinsend den Kopf. „Nicht sie, Scully! Ihre Großmutter." Und sofort fing sie wieder an zu lächeln. Das hatte er vorgehabt. Wieder sah er auf die Bilder hinab, als plötzlich das Telefon klingelte.
Scully erhob sich langsam aus dem Stuhl und schlenderte dann auf den Schreibtisch zu, um das Telefonat entgegen zu nehmen, wobei Mulder sie beobachtete. „Scully?", sagte sie ruhig und legte die Akte nicht weg, mit der sie sich immer noch Luft zu wedelte. Sie atmete aus und ließ sich dann auf Mulders bequemen Schreibtischstuhl fallen, der ein wenig an zu quietschen fing.
Agent Scully?
Skinners ruhige, tiefe Stimme war am anderen Ende zu hören und sofort setzte Scully sich gerade auf den Stuhl, als würde der AD vor ihr stehen.
„Mr. Skinner, Sir?"
Wie weit sind sie mit dem Anacostia-Mordfall?
„Wir haben ihn gestern abgeschlossen.", sagte Scully und warf einen Blick in Mulders Richtung, der aufstand und ihr mit einem fragenden Blick entgegen kam.
Sehr gut! Ich möchte ihre Berichte bitte bis Mittag auf meinem Schreibtisch haben. Verstanden?
Scully nickte und strich sich eine widerspenstige, rote Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Natürlich, Sir."
Mulder ließ sich vor seinem Schreibtisch nieder und beobachtete Scullys Gesicht während sie mit ihrem Boss redete.
Fein, dann wünsche ich ihnen ein schönes Wochenende. Ich habe keinen neuen Fall für sie und Agent Mulder. Falls sie keine alten Fälle bearbeiten müssen, sind sie für heute mit ihrer Arbeit fertig.
Scully lächelte dankbar. Bei dieser Hitze war das Arbeiten sowieso unmenschlich. „Danke, Sir!", hauchte sie fast kaum hörbar und dann legte sie den schwarzen Hörer des Telefons wieder auf.
„Was wollte er?", fragte Mulder und sah in Scullys blaue Augen. Er konnte ganz deutlich die kleinen Schweißperlen auf ihrer Oberlippen erkennen.
Sie lächelte zufrieden und ließ sich wieder in den Stuhl zurücksinken. „Er hat uns für den restlichen Tag frei gegeben!"
Mulder sprang auf, schnappte sich sein dunkelblaues Jackett und dann Scullys Hand. „Ich wusste, es gibt einen Gott!"
Scully sah ihn fragend an, folgte ihm dann aber hastig mit ihrem eigenen Jackett unterm Arm aus dem Büro. „Wo gehen wir denn hin?"
„Wir gehen ein Eis essen, was halten sie davon?" Er drückte den Fahrstuhlknopf und sofort schwangen die stählernen Türen auf und sie konnten eintreten.
„Mulder ..." So spontan hatte sie ihn schon sehr lange nicht mehr erlebt. Vielleicht lag es an der Hitze. Ein Eis. Das klang zwar wirklich verlockend, aber ... hatte Mulder denn nichts Besseres vor, als mit ihr ein Eis essen zu gehen?
„Ach kommen sie! Was kann es besseres als ein Eis an so einem heißen Tag geben?", fragte er und lehnte sich, mit seinem über die Schulter geworfenen Jackett an die kalte Fahrstuhlwand, während er sie mit seinen nussfarbenen Augen flehend ansah.
„Ich weiß nicht, ich meine ..." Sie zuckte mit den Schultern und fuhr sich mit einer Hand durch ihr rotes Haar. Anscheinend meinte er es wirklich ernst.
„Kommen sie, für sie gibt es auch eine Tofu-Eisträumerei!", neckte er sie und stupste sie ganz sanft am Arm. Er wusste, dass sie auf dieses gesunde Zeug stand.
Scully lächelte. „Fettfrei?"
Mulder musste grinsen. „Von mir aus auch fettfrei. Ich bezahle. Kommen sie, wann bekommen sie schon mal jemals wieder so eine Gelegenheit?"
Wie ein kleiner Junge stand er dort vor ihr und bettelte sie an. Natürlich wollte sie mitkommen. Sie freute sich wirklich und dann fing sie breit an zu grinsen.
„Das fasse ich mal als ein JA auf!", sagte Mulder, dessen Mund ein vergnügtes Grinsen umspielte.
Und dann endlich öffneten sich die Türen des Fahrstuhls und sie konnten zum Parkhaus gehen.
11. 21 Uhr EST-Zeit, Freitag
Park am Lafayette Square, Washington DC
Sie saßen im Schatten einer riesigen, grünen Platane auf einer hölzernen Bank und schauten dem Treiben vor dem kleinen marmornen Brunnen zu. Viele Menschen hielten sich in diesem Park auf und das bei dieser Hitze.
Mulder musterte Scully, die dabei war ihre Eisträumerei zu vertilgen, von der Seite und fing an zu grinsen. Er liebte es, sie bei ganz normalen Dingen zu beobachten.
Scully sah ihn verunsichert an und vergewisserte sich dann, ob sie sich bekleckert hatte. Doch das hatte sie nicht. „Was denn?", fragte sie leicht gereizt und schleckte mit ihrer Zunge einmal über ihre Lippen.
„Ich habe mich nur gerade gefragt, wie man so etwas essen kann!"
Jetzt wusste sie, was er meinte, denn im Gegensatz zu ihr, teilte er ihre Ansicht sich gesund zu ernähren nicht im Mindesten. „So etwas ist im Gegensatz zu dem, was sie da essen, sehr gesund."
„Was nützt mir denn das, wenn es nach Pappe schmeckt?" Mulder schleckte mit seiner Zunge an der riesigen Vanille-Schokolade-Kombination vorbei und grinste sie glücklich an. Er war so froh, dass sie bei ihm war.
„Nun ja, sie würden meine Großmutter endlich wieder überholen.", neckte sie ihn und leckte dann wieder an ihrem Eis entlang.
Mulder grinste und blickte dann, wie Scully, auf die kleine Fontäne des Brunnens, um den sich viele Kinder scharrten, die sich gegenseitig mit Wasser bespritzten.
Plötzlich durchbrach das Klingeln eines Handys das belustigte Geschrei der Kinder und Mulder und Scully sahen gleichzeitig in ihre Jacketts.
„Tja, Scully, es ist wohl für sie.", meinte Mulder und stand auf, um seine Eistüte in den nächsten Mülleimer zu bringen, während Scully ans Telefon ging.
„Dana Scully?", sagte sie und leckte noch einmal an ihrem Eis entlang, bevor sie sich dem Gespräch widmete.
Dana, Liebling!
Scully legte besorgt ihre Stirn in Falten und schluckte. „Mum? Ist alles okay?"
Mulder kam näher, als er sah, dass sich Scullys Gesichtsausdruck verändert hatte und nahm seine Sonnenbrille von der Nase. Wer war am Telefon?
Sicher, sicher, warum auch nicht.
Beruhigt entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder. „Aber weshalb rufst du mich dann an?"
Du hast es vergessen, nicht wahr?
„Was denn?", fragte Scully unsicher nach und blickte in Mulders Augen, die sie besorgt ansahen. Scully schüttelte leicht den Kopf und schenkte ihm ein Lächeln, um ihn zu beruhigen.
Den Geburtstag.
„Mum?" Sie hörte wie ihre Mutter seufzte und dann ein wenig kicherte.
Den Geburtstag deiner Großmutter, Darling.
Oh mein Gott. Sie hatte den Geburtstag wirklich total vergessen. Ihre einzige noch lebende Großmutter hatte morgen, am 21. Juli, Geburtstag und sie hatte ihn einfach vergessen. Scully blies geräuschvoll die Luft aus ihren Lungen, sank mit ihrem Rücken gegen die Bank und fasste sich an die Stirn.
„Oh verdammt!", fluchte sie und Mulder neben ihr fing an zu grinsen.
Scully und Fluchen. Das war etwas, das eigentlich nicht zusammenpasste.
Dana, ist doch okay. Charles hatte es auch total vergessen. Ich wollte dich nur daran erinnern, denn immerhin wird sie ja 85 und du weißt wie deine Großmutter reagiert, wenn wir nicht zu ihrem Geburtstag antanzen und mit ihr feiern. Da ist sie wie dein Vater.
„Ja, ich weiß.", sagte Scully lächelnd bei dem Gedanken an frühere Geburtstage ihrer Großmutter.
Gut, dann kannst du also kommen?
Natürlich konnte sie kommen. Am Wochenende hatte sie sowieso nichts zu tun, und arbeiten musste sie erst wieder am Montag. Sie hatte genug Zeit um ihrer Großmutter in Georgia einen Besuch abzustatten und mit ihr ihren Geburtstag zu feiern. Scully freute sich sogar schon richtig darauf. Auf das alte, weiß gestrichene Kolonialhaus aus der Zeit noch vor dem Bürgerkrieg in Mitten einem Wald aus violett blühenden Jacarandabäumen, unter denen sie als Kind mit ihren Geschwistern Fangen gespielt hatte. „Sicher. Ich werde gleich losfahren, dann bin ich heute Abend da."
Jetzt war Mulder derjenige, der seine Stirn in Falten legte.
Schön. Bill, Tara, Matthew und ich sind schon hier. Charles wird mit Megan und den Kindern erst morgen kommen.
Scullys Grinsen wurde immer breiter. „Charles kommt auch?"
Sicher, nachdem ich gesagt habe, dass du kommst, war er richtig begeistert.
Scully schloss glücklich die Augen. Endlich sah sie ihren Bruder mal wieder, der nun schon seit einigen Jahren in Groß-Britannien stationiert war. „Gut, dann bis nachher, Mum!", sagte Scully und konnte gar nicht früh genug auflegen.
Fahr vorsichtig!
„Immer!" Und dann legte Scully endlich auf.
„Wer war das?", fragte Mulder und sah, dass Scully neben ihm aufstand.
„Meine Mutter. Ich hätte doch tatsächlich den Geburtstag meiner Granny verpasst." Scully lächelte ihn mit diesen strahlenden, blauen Augen an.
„Sie haben noch eine Großmutter?", erkundigte sich Mulder grinsend. Er arbeitete nun seit gut sieben Jahren mit Dana Scully zusammen, aber dass sie noch eine Großmutter hatte, das wusste er wirklich nicht.
Stolz nickte Scully mit dem Kopf. „Oh ja. Sie wird morgen 85. Deshalb muss ich ja auch unbedingt nach Georgia, und zwar noch heute, sonst reißt sie mir den Kopf ab." Lächelnd nahm sie ihr Blazerjackett und lief neben Mulder auf ihr Auto zu.
„Nach Georgia?" Mulder musste schlucken und das Grinsen auf seinem Gesicht verschwand ganz langsam.
Scully hörte den enttäuschten Unterton in seiner Stimme sofort und sah lächelnd zu ihm auf.
„Ich hatte gehofft, dass wir ... am Wochenende ein bisschen was unternehmen! Ich meine, jetzt ... wo wir schon mal eher frei bekommen haben!"
Schnell schloss sie ihr Auto auf und drehte sich dann wieder zu ihm. Das Glänzen seiner Augen war verschwunden und er sah sie enttäuscht an. Er würde das ganze Wochenende alleine verbringen. Wie immer.
Mulder schob sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase.
Verlegen biss sich Scully auf die Unterlippe und versuchte durch die schwarzen Brillengläser seine Augen zu erkennen. Und dann hatte sie plötzlich diese Idee. „Na ja, ... , vielleicht, ähm, ... wollen sie ja mit auf einen Rentnergeburtstag?", fragte sie zögernd.
Mulder hob langsam den Kopf. Hatte er die Frage gerade richtig verstanden?
„Wenn ihnen Kaffee aus Schnabeltassen nichts ausmacht, bin ich sicher, dass meine Großmutter sie herzlich willkommen heißt." Scully lächelte ihn vorsichtig an. Insgeheim hoffte sie, dass er JA sagte, aber sie war sich nicht sicher, ob er das auch wirklich tun würde.
Mulder zuckte unsicher mit den Schultern. Er konnte doch nicht einfach so mit auf den Geburtstag einer vollkommen Fremden gehen. Das war nicht richtig. Auch wenn es sich dabei um Scullys Großmutter handelte. „Ich weiß nicht, ich will mich nicht aufdrängen, verstehen sie? Außerdem kenne ich doch ihre Großmutter überhaupt nicht und ..."
„Mulder!", sagte Scully streng und griff nach seinem Arm, um ihn zu zwingen in ihre Augen zu sehen, „Ich habe sie doch gerade eingeladen und ich bin mir sicher, dass meine Großmutter sie sofort adoptieren wird, wenn sie sie erst mal kennt! Vertrauen sie mir." Er war ein einfach Jemand, der den anderen Menschen keine Umstände oder Unannehmlichkeiten machen wollte. Obwohl Scully wirklich nicht verstehen konnte, wie man Jemanden wie Mulder als lästig empfinden konnte. Natürlich konnte er einem mit seinem ständigen Geplapper über, das Unheimliche dieser Welt' auf die Nerven gehen, aber es war eben ein Teil von ihm.
Grinsend sah er sie an. Er freute sich wirklich. Er würde nicht alleine bleiben, sondern das ganze Wochenende mit ihr verbringen. Mit ihr und ihrer Familie. Scullys soziale Ader war eben ziemlich stark ausgeprägt. Nur einer seiner Hundeblicke und sie war verloren. Mulder musste darüber lächeln. Nicht, dass er diesen Blick aus Berechnung aufgelegt hatte. Er wollte wirklich mit ihr zu dem Geburtstag ihrer Großmutter und diesmal war Scully von ganz alleine auf diese wunderbare Idee gekommen. Er war ihr einfach nur dankbar. „Na gut, ich komme mit. Kaffee aus Schnabeltassen ist auch für mich mal etwas Neues!"
Lachend stieg Scully in ihr Auto und fuhr dann, wie Mulder, in ihr Appartement um die Sachen für die Reise zu packen.
