15. 34 Uhr EST-Zeit, Freitag

Auf einer Landstraße, South Carolina

Mulder saß hinter dem Steuer von Scullys metallikrotem Wagen und lenkte ihn sicher auf der Küstenstrasse entlang. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, doch die Sonne heizte das Innere des Wagens, wie in einem Gewächshaus, immer weiter auf. Mulder atmete aus und warf einen Blick auf den blauen Atlantik, der vielleicht 1km von der Landstrasse entfernt lag. „Kann ihre Großmutter nicht irgendwo anders leben als im Süden?", fragte er stöhnend und wischte sich mit seiner Hand über die Stirn.

Scully drehte ihren Kopf und schob ihre Sonnenbrille ins Haar. „Sie wissen doch, dass fast alle Rentner im Süden leben, da ist es schön warm. Das ist besser für ihre Arthritis."

„Wenn es doch wenigstens nur warm wäre, aber es ist brütend heiß, Scully. Erinnern sie mich daran, dass ich nicht in den Süden ziehe, wenn ich erst mal alt bin! Auch nicht, wenn ich Arthritis habe!"

Scully grinste und veränderte ihre Position auf dem Autositz, wobei ihr Blick auf Mulders Jeans fiel. „Sie hätten ja eine kurze Hose, anstatt einer langen anziehen können."

Mulder sah von der Straße in ihr Gesicht und lächelte sie unter den dunklen Brillengläsern frech an. „Das hätte ich nicht, sonst hätten sie sich ganz sicher über meine bleichen Beine lustig gemacht."

„Ach so." Scully schüttelte lächelnd ihren Kopf und sah an Mulder vorbei auf den schimmernden Ozean.

„Genau, und sie wissen doch, dass ich so ein schwaches Selbstbewusstsein habe."

Scully lachte laut auf. „Sie und ein schwaches Selbstbewusstsein? Und das sagt der Mann, der immer das tut, was er nicht soll, auch wenn man es ihm ausdrücklich verboten hat."

Mulder lächelte und sah wieder vor sich auf die Straße, über der ein flimmernder Schleier hing. Es war ein wunderbarer Tag und Mulder fühlte sich großartig. Na ja, er hätte sich großartig gefühlt, wenn nicht diese schreckliche Hitze gewesen wäre.

Scully saß neben ihm und fächerte sich und ihm mit einer Landkarte ein wenig kühle Luft zu.

Irgendetwas in ihm freute sich unwahrscheinlich auf dieses Wochenende. Neben ihm seufzte Scully und er drehte schnell seinen Kopf. Mit geröteten Wangen blickte sie aus dem Fenster und beobachtete die vorbei fliegende Stadt, die sie gerade passierten. Sie trug eine kurzärmelige weiße Bluse und einen beigefarbenen Rock. Ziemlich ungewohnt, aber niedlich, dachte Mulder und lächelte sie an, als sie bemerkte, dass er sie beobachtete.

„Achten sie lieber auf die Strasse, sonst verfahren wir uns noch!", rügte sie ihn mit einem tadelnden Grinsen und sofort tat er das, was sie ihm gesagt hatte.

„Ich mich verfahren? Niemals. Wer kennt schließlich nicht die Metropole Lincoln Landing in Georgia?!" Und wieder bekam er ein seltenes Lachen von ihr. Er liebte es wenn sie lachte doch leider tat sie das viel zu selten.

Eine Weile herrschte Stille zwischen ihnen, doch es war keine unangenehme Stille. Niemand verspürte den Drang unbedingt Small Talk betreiben zu müssen, wie das bei so vielen anderen Leuten der Fall gewesen wäre. Sie fuhren einfach eine Weile schweigend auf der fast leeren Küstenstrasse entlang und widmeten sich ihren eigenen Gedanken, während Mulder am Radio herumspielte und einen vernünftigen Sender suchte.

16. 47 Uhr EST-Zeit, Freitag

Savannah, Georgia

„Verdammt, was soll ich ihrer Großmutter denn schenken, Scully?", fragte Mulder verzweifelt und lief neben Scully durch Savannahs historische Altstadt.

Scully lächelte ihn liebevoll an und zeigte dann auf eine Apotheke. „Kaufen sie ihr Stützstrümpfe oder Schnabeltassen, davon kann man nie genug haben!"

Wütend sah er sie an und schob sich an den Massen von Touristen vorbei, die selbst bei dieser Hitze immer noch munter durch die Straßen hüpften und auf ihren Kameraauslöser drücken konnten. „Haha, sehr lustig."

Es schien ihm wirklich sehr ernst zu sein. Wie gut, dass sie selbst schon ein Geschenk für ihre Großmutter hatte. „Mulder," sagte sie ruhig und sah ihn von der Seite an, „meine Großmutter wird ganz sicher nichts von ihnen erwarten. Sie weiß ja noch nicht einmal, dass sie mitkommen. Seien sie einfach ein braver Junge und meine Großmutter wird sie vergöttern, glauben sie mir."

Mulder schüttelte den Kopf und steuerte zielstrebig auf einen Souvenirladen zu. „Das kann ich doch nicht machen." Es stöberte durch Massen von Miniaturstädten aus Plastik und T-Shirts mit der Aufschrift ‚Georgia – the peach state'.

„Sie wollen meiner Großmutter ein T-Shirt aus dem selben Staat schenken, in dem sie wohnt?", fragte Scully grinsend.

„Nein, ich hatte da eher so an die Plastikstadt gedacht." Sein Gesicht war todernst, doch dann schlich sie wieder dieses schelmische, jungenhafte Lächeln ein. „Kommen sie, ein bisschen Geschmack habe ich schon noch, Scully."

Scully lächelte und blickte sich um, während Mulder weiter in den Laden ging. „Hey, wie wär´s mit Blumen?", sagte Scully, als sie ein kleines Geschäft auf der anderen Straßenseite entdeckte.

Mulder steckte seinen Kopf zwischen einem Kartenständer und einer riesigen Nachbildung der Callaway Gardens hervor und sah sie an. „Blumen?"

Scully nickte und zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? An der Stelle von meiner Großmutter würde ich mich über Blumen freuen."

Mulder hatte auch keine bessere Idee, also schickte er Scully in einen Blumenladen, damit sie die passenden Blumen für ihre Großmutter besorgen konnte. Nach zehn Minuten konnten sie ihre Fahrt fortsetzen doch langsam bekam Mulder ein ungutes Gefühl, denn sie näherten sich Lincoln Landing. Und irgendwie kam es ihm plötzlich nicht mehr so gut vor, dass er mitgekommen war.