17. 27 Uhr EST-Zeit, Freitag
Lincoln Landing, Georgia
Noch immer schien die Sonne, doch die Schatten der Bäume waren schon sehr lang, als Scully den Wagen durch ein steinernes Tor steuerte und in eine lange, von Jacarandabäumen gesäumte Allee bog. Neben ihr setzte sich Mulder aufrecht hin und begann zu staunen. Selbst ihn schien der Anblick der alten Pfirsichplantage zu beeindrucken, und Scully begann zu lächeln. Sie ließ ihr Autofenster herunter und sofort wehte eine Brise des schweren, fruchtig-erdigen Geruchs herein, den sie noch aus ihrer Kindheit kannte. „Beeindruckt?", fragte sie stolz und steuerte den Wagen dem Ende der Allee entgegen.
Mulder nickte nur mit dem Kopf. Kein Wunder, das Scully eine perfekte Kindheit erlebt hatte, wenn sie hier zu Besuch gewesen war. Marthas Vineyard oder Rhode Island waren natürlich auch wunderbar, aber eben einfach nicht vergleichbar mit einem Ort wie diesem.
Lange, hellgrüne Flechten wuchsen von den violett blühenden Bäumen herab und verliehen der Allee und dem ganzen Anwesen einen verzauberten Charme. Mulder fragte sich, seit wann der Rasen schon nicht mehr gemäht worden war, als er eine große Wiese zu seiner Rechten entdeckte, auf der tausende von blauen Mohnblumen und weißen Margariten blühten.
Scully fuhr langsamer, als sie sich dem riesigen, weißen Haupthaus näherte, das ganz plötzlich vor ihnen auftauchte. Alles war noch so, wie sie es in Erinnerung hatte. Die riesige Veranda, die jetzt schon im Schatten lag, war noch immer mit unglaubliche vielen Blumen und anderen Pflanzen bedeckt. Und direkt vor dem Haus stand ein riesiger Pfirsichbaum, der schon viele Früchte trug. Langsam brachte sie den Wagen unter einem der violett blühenden Bäume zum stehen und stieg dann aus. Die Grillen zirpten und einige Vögel waren zu hören.
„Sie können jetzt aussteigen, Mulder!", sagte sie grinsend, als sie bemerkte, dass Mulder noch immer im Wagen saß.
„Scully, ich ... bin beeindruckt." Er sah sie lächelnd an und warf dann wieder einen Blick auf das große Haus, während er langsam den Wagen verließ.
Die Eingangstür der historischen Villa stand weit offen. So wie immer, dachte Scully und drehte sich zu Mulder. „Sie können sich immer noch entscheiden, Mulder. Jetzt ist ihre letzte Möglichkeit zu verschwinden!"
Er lächelte und schüttelte dann langsam den Kopf. „Und damit die Chance verpassen, ihre Großmutter beim Joggen zu schlagen?"
Wieder schob sich Scully ihre Sonnenbrille in die Haare, wobei sie lächelte, und atmete noch einmal den vertrauten Duft der Umgebung ein. „Gut, dann nehmen sie das Gepäck und ich werde ihnen den Weg zeigen."
„Aye, Ma´am."
Scully schritt vor Mulder die breiten hölzernen Stufen zur Veranda empor, auf der drei Katzen saßen, sich nicht im Mindesten von den beiden ablenken ließen und sich genüsslich putzten. Vorsichtig klopfte Scully an die schwarze Holztür und rief: „Hallo? Granny? Wo seid ihr?" Doch sie bekam keine Antwort, also drehte sie sich zu Mulder um und zuckte mit den Schultern, als plötzlich eine blonde Frau durch den Flur lief und ihren Kopf kurz zur Haustür drehte.
Sofort blieb die Frau stehen und ein strahlendes Lächeln legte sich auf ihr helles Gesicht. „Dana!", rief sie entzückt und eilte auf sie zu, um sie herzlich zu umarmen.
„Hi Tara!" Scully nahm sie in die Arme und drückte sie einmal fest, bevor die Frau rief: „Hey, Bill, Mum, Granny, seht mal, wer hier ist!"
Mulder schluckte, als Bill Scully in der Tür auftauchte und erst zu seiner Schwester blickte, lächelte und dann zu ihm sah und nicht mehr lächelte. Mulder versuchte ein freundliches Grinsen und streckte ihm freundschaftlich die Hand hin, die Bill mit einem misstrauischen Nicken schüttelte.
Nachdem Bill in der Tür aufgetaucht war, erschienen die braunen Haare von Scullys Mutter, die sich, wie ihre Schwiegertochter, sofort auf Scully stürzte und sie drückte. Dann fiel Maggie Scullys Blick auf Mulder. Lächelnd kam sie auf ihn zu und sah zu ihm auf. „Fox. Womit haben wir die Ehre verdient?", fragte sie grinsend und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn besser umarmen zu können.
Mulder schluckte und drückte sie einfach. „Mrs. Scully!" Er freute sich sie wieder zusehen.
Und dann tauchte noch eine Person in der Tür auf. Sie hatte ein freundliches, wenn auch altes Gesicht. Ihre fast weißen Haare verrieten noch in einigen roten Strähnen, welche Farbe sie einmal gehabt haben mussten und ihre Augen waren von demselben intensiven Blau, dass Mulder schon von Scullys Augen kannte.
„Dana, Schätzchen!", rief sie mit fröhlicher Stimme und schloss ihre Enkelin in die Arme, während sich Maggie Scully neben sie stellte.
„Hallo, Granny!", entgegnete Scully fröhlich und ließ sich von ihrer Großmutter herzlich in die Arme schließen.
Mulder stand wie ein kleiner Junge, mit den Händen hinter dem Rücken, einen Schritt von Scully und ihrer Großmutter entfernt und biss sich auf seine Unterlippe, als ihn die muntere 84jährige entdeckte.
Scullys Großmutter sah ihn sofort, doch wer war er? Er schien jemand zu sein, den man einfach nicht übersehen konnte. Er hatte ein freundliches Lächeln und eine wirklich bemerkenswerte Figur. Mrs. Scully ließ ihren Blick schnell über seinen Körper huschen und schielte dann einmal kurz zu ihrer hübschen Enkelin, die diesen Mann mit etwas anderem als Dankbarkeit, Freundschaft, oder Stolz in ihrem Blick anlächelte. Scullys Großmutter fing freudig an zu grinsen. „Und sie sind?"
Mulder lächelte höflich und reichte ihr, ganz Gentleman, die Hand. „Ich bin Fox Mulder. Ich arbeite mit ihrer Enkelin zusammen."
Die Augen der rüstigen Dame schossen auf und sie grinste ihn belustigt an. „Ach, sie sind derjenige welche?"
Jetzt schossen nicht nur Scullys sondern auch Mulders Augen auf. Was hat denn das zu bedeuten?, dachten beide im selben Moment.
„Granny!", fauchte Scully entsetzt und tadelte ihre Großmutter mit einem bösen Blick. Was war denn in sie gefahren? Scully drehte sich zu Mulder und sagte dann leise: „Tut mir leid, sie ist eine alte Schachtel und schwerhörig. Nehmen sie sie ja nicht ernst."
Mulder nickte und grinste. Er fand das gerade wirklich amüsant obwohl es doch sehr peinlich war.
Scullys Großmutter lachte vergnügt, während Bill seine Augen verdrehte, Maggie fragend zwischen Dana und Fox hin und her sah und Tara verträumt an zu seufzen fing.
„Schön, dass ich sie endlich auch mal kennen lerne, Fox. Meine Enkelin schwärmt ja in den höchsten Tönen von ihnen." Grinsend sah sie zu Scully, deren roten Wangen noch ein wenig an Farbe dazubekommen hatten. Bingo!, dachte sie und sah wieder zu Mulder, dessen markantes Profil ihr gefiel.
„Ähm, tut sie das?!", fragte Mulder zögernd und sah, dass Maggie Scully ihre Schwiegermutter verunsichert ansah.
„Ich bin übrigens Katherine Scully, die alte Schachtel."
Mulder lächelte höflich. Dieser Dame merkte man ihre 85 Jahre und ihre angebliche Schwerhörigkeit wirklich nicht an und es würde ihn nicht wundern, wenn sie ihn beim Joggen schlagen könnte. Lächelnd sah er in Scullys Richtung, die innerlich zu strahlen schien, auch wenn ihre Wangen noch immer ziemlich rot waren. So schön und so fröhlich und erleichtert wie hier hatte Mulder sie wohl noch nie zuvor gesehen. Egal wie gut er sie zu kennen glaubte, es gab immer wieder etwas, dass er an ihr entdecken konnte. Und dann trat plötzlich Scullys Großmutter mitten in sein Blickfeld und fing an mit ihrer Enkelin zu reden.
„Ich bin zwar alt, Schätzchen, aber nicht blöd und schon gar nicht taub! Und jetzt kommt herein, wir wollten gerade essen." Mit diesen Worten ließ sie die anderen vor sich ins Haus gehen und hatte dabei ein Auge, auf Fox Mulder, der ihrer Enkelin seine Hand auf den Rücken legte und sie sanft in das große Haus schob. Mrs. Scully lächelte zufrieden und trat dann als Letzte in den sonnendurchfluteten Flur der ehemaligen Pfirsichplantage.
18. 13 Uhr EST-Zeit, Freitag
Haus von Katherine Scully, Lincoln Landing
Sie saßen versammelt um den riesigen Eichentisch und hatten die Reste des fürstlichen Dinners noch vor sich. Einige Kerzen und die Lampe aus Rauchglas spendeten dem gemütlichen Raum genug Licht.
Tara saß neben ihrem Mann, der einen Arm um sie gelegt hatte, und hatte den kleinen Matthew auf ihrem Schoss. Seine blonden Haare hatte er von seiner Mama, aber die stahlblauen Augen hatte er von seinem Vater geerbt. Brabbelnd schlug Matthew mit einem Löffel auf den Tisch und schien sich herrlich zu amüsieren, dass so viele Leute um ihn herum versammelt waren.
Scully saß neben Mulder und warf von Zeit zu Zeit einen Blick zu ihm, um sich zu vergewissern, dass es ihm auch gut ging. Immerhin kannte er so gut wie niemanden hier, doch jedes Mal wenn sie in sein Gesicht sah, schien er glücklich und lachte die anderen an. Dann fing auch Scully an zu lächeln, denn es war herrlich ihn bei sich zu haben.
Mulder bemerkte, dass Scully ihn ständig ansah und fühlte jedes Mal ein seltsames Kribbeln auf seiner Haut, wenn ihn ihre Blicke trafen. Er war von der Familie herzlich aufgenommen worden. Keinen schien es zu stören, dass er dabei war. Noch nicht einmal Bill. Und das wunderte Mulder am allermeisten. Zufrieden nahm er noch einen Schluck aus seinem Weinglas und ließ dann seinen Blick über den Tisch gleiten, als ihn plötzlich Scullys Großmutter ansprach.
„Also, Fox, sie arbeiten mit meiner Enkelin, ja?"
Mulder nickte und sah kurz zu Scully, die ihn anlachte. „Ja, schon seit gut sieben Jahren."
Katherine Scully nickte und goss sich dann einen weiteren Schuß Rotwein ein. „Sie kennen sie also ziemlich gut, hm?" Sie wusste ganz genau, worauf sie hinauswollte.
Mulder zuckte mit den Schultern. Gut kennen war relativ. Immerhin hatte er noch nicht mal gewusst, dass Scully eine Großmutter hatte. „Na ja, das hoffe ich doch. Wir sind gute Freunde."
Gute Freunde, jaja! Katherine Scully strahlte ihre Enkelin und den gut aussehenden, jungen Mann fröhlich an. „Können sie mir dann erklären, warum meine hübsche Enkelin noch immer nicht unter der Haube ist? Ich meine, sie sieht doch einfach bezaubernd aus, oder? Also, ich kann mir das nicht erklären. Sie?"
Mulder hätte sich beinahe verschluckt, als er das freche Grinsen der Rentnerin sah.
Bill Scully verschluckte sich am Rotwein, während Tara sich vergnügt amüsierte und Maggie Scullys Stirn immer mehr Falten bekam. Anscheinend war niemand in die Kuppelattacke der alten Dame eingeweiht.
Ohne irgendeine Scheu hatte sie ihn gerade heraus gefragt. Er schluckte und stellte langsam das Weinglas auf den Tisch mit der karierten Tischdecke. Was sollte er denn antworten? Natürlich war sie bezaubernd, und jeder, der das nicht dachte, der war entweder blind oder schwul, aber ...
Scully kam ihm zuvor und rettete ihn vor einer peinlichen Situation. Sie zog geräuschvoll die Luft in die Lungen und sagte ernst: „Granny!"
„Lass mich doch, Dana, oder ist dir das peinlich? Ich wollte doch nur mal deinen Freund fragen, wie er das so sieht." Die Betonung des Wortes Freund hatte perfekt gesessen. Das sah Katherine Scully an dem entgeisterten Blick, den ihr ihre Enkelin und der ahnungslose Bill zuwarfen.
Scully schüttelte den Kopf und schien nervös. „Er ist nicht mein Freund."
Mulder sah sie leicht verletzt an, obwohl er genau wusste, was sie damit sagen wollte. Trotzdem fühlte er sich irgendwie enttäuscht.
Als Scully das sah, stotterte sie sofort weiter. „Fox ... ich meine, Mulder, ... er ist mein Partner, Granny."
Katherine grinste und schielte zu Mulder, der Scully sanft anlächelte, als sie zu ihm sah und auf Unterstützung hoffte. „Soso, ihr seid also schon Partner."
Scullys Mund klappte erneut auf. „Ja ... ich meine nein. Granny, er ist mein Partner, aber nicht, so wie du dir das denkst, okay? Wir sind Partner im Sinne von Kollegen!", versuchte Scully sich verzweifelt zu verteidigen.
„Ach so. Kollegen.", sagte plötzlich auch Scullys Mutter, die daraufhin ihrer Tochter einen noch verwirrteren Blick zuschoss. Hatte ihr ihre Tochter irgendetwas verschwiegen?
Mulder lächelte gequält als sich sein und Bill´s Blick trafen. Was war mit dieser Familie denn los? Oder besser gesagt, was war mit Katherine Scully los? Kuppelwütig? Wenn das so weiter ging, dann konnte er sich von diesem Wochenende noch etwas richtig Lustiges erhoffen.
Scully sah zu Mulder. „Ja. Kollegen."
Bill schüttelte grimmig seinen Kopf. Irgendwie mochte er den Partner, ... Kollegen seiner kleinen Schwester immer noch nicht. Doch eigentlich war das nicht ganz richtig. Bill mochte ihn, denn er hatte ihn den ganzen Abend beobachtet und dieser Kerl konnte es anscheinend wirklich schaffen seine Schwester zum lachen zu bringen. Dass er eine gewisse Sympathie für ihn entwickelte, hielt Bill nur für eine Anomalie. Er wusste, dass er eifersüchtig war. Eifersüchtig auf Mulder, und deshalb hatte er sich entschieden, ihn erst mal nicht zu mögen. „Ich werde den Kleinen ins Bett bringen!", sagte er und stand auf.
Matthew saß mit kleinen Augen noch immer auf dem Schoß seiner Mutter und lüllte an dem Löffel herum, als Bill ihn auf die Arme nahm und Matthew seinen kleinen, blonden Lockenkopf an Bill´s breite Brust sinken ließ.
„Sag´ Gute Nacht, Matthew!"
Matthew fing langsam an mit dem Löffel zu winken und lächelte seine Mutter noch einmal an, bevor er wieder auf die Brust seines Vaters sank und schon die Augen schloß.
Mulder sah zu Scully rüber, die ihrem kleinen Neffen lächelnd hinterher sah, als ihn Bill aus dem gemütlichen Raum trug. Er sah, wie sie seufzte und dann einen Schluck aus ihrem Weinglas nahm. Was sie wohl gerade dachte? Langsam lehnte sie sich zurück und strich sich durch ihr rot glänzendes Haar. Sie sind wirklich bezaubernd., sagte er in Gedanken und atmete tief aus.
„Wir sollten den Tisch abräumen!", schlug Tara vor und erntete ein Nicken von Maggie und Scully.
Mulder erhob sich ebenfalls und bot seine Hilfe an, doch Katherine Scully schüttelte den Kopf und hielt ihn zurück. „Halt, Fox, sie bleiben bei mir! Alte Leute soll man nicht alleine lassen!"
Scully kicherte leise und zog Mulder ein Stück zu sich heran. „Seien sie ja vorsichtig. Sie hat irgendetwas vor! Sie haben sie ja eben gesehen. Nehmen sie sich in Acht, sie scheint etwas für sie übrig zu haben. Lassen sie sich ja nicht auf irgendwelche Beziehungsdiskussionen ein. Das kann sie gut. Zu gut. Ich war das letzte Opfer."
Mulder lächelte. „Beschützen sie mich!"
„Und verpasse somit die Gelegenheit, wie sie von meiner Großmutter ausgequetscht werden? Niemals."
Mulder zuckte mit den Schultern und sah direkt in Scullys belustigt funkelnde Augen. „Sie wollen mich leiden sehen, habe ich Recht?"
„Oh ja!"
Beide grinsten sich breit an.
Katherine Scully hatte von diesem Geflirte jetzt genug. Bevor sie sich bei ihrem Plan sicher sein konnte, wollte sie schon noch ein bisschen etwas über ihren zukünftigen Schwiegerenkel in Erfahrung bringen. „Entschuldigt, wenn ich euch beim flirten störe, aber, ich glaube du solltest die Suppe in die Küche bringen, Dana, bevor sich darin einzellige Organismen bilden." Schelmisch grinste sie die beiden an und beobachtete wie beide entsetzt zu ihr rüber sahen und ein wenig rot wurden. „Was denn, Dana? Willst du noch irgendetwas?"
Scully schüttelte den Kopf und verschwand dann in der Küche. Was hatte ihre Großmutter bloß mit Mulder vor? Langsam dämmerte es ihr, was ihre Großmutter sich zur Aufgabe machen wollte. Sie hatte nicht wirklich daran geglaubt, doch jetzt schien es wahr zu werden. Sie konnte nur hoffen, dass sich ihre Granny nicht all zu schlimm benehmen würde. Hoffentlich würde Mulder ihre Kuppelattacke überleben!
