19. 34 Uhr EST-Zeit, Freitag
Küche, Haus von Katherine Scully
„Mum?" Scully kam mit der noch warmen Suppenschüssel in der Hand in die riesige Küche gerauscht, in der ihre Schwägerin und ihre Mutter das Geschirr wuschen.
„Was denn, Darling?"
Scully lächelte ihre Mutter zuckersüß an. „Was hast du Granny über Mulder und mich erzählt?"
„Es gibt schon ein Mulder und ich?", fragte Tara interessiert.
Scully stand vor ihrer Schwägerin, sah diese entgeistert an und atmete einmal tief ein, bevor sie ihren Mund wieder schloß und entsetzt: „Tara!" rief.
„Dana, jetzt aber Mal im Ernst. Was war denn das da gerade? Was redet deine Granny denn die ganze Zeit? Musst du mir vielleicht irgendetwas sagen?"
Scullys Mund klappte auf. Ihre eigene Mutter? „Mum, ich..." Scully stellte geschockt den Teller ab. Was konnte sie tun, damit ihr endlich jemand glaubte? „... ich habe... es ist nichts, ich meine ..." Wieder wurde sie rot.
Maggie Scully sah, dass ihre Tochter ziemlich verwirrt war und kam auf die zu. „Reg´ dich doch nicht auf, Dana. Ich habe ja nur gefragt! Okay? Aber, du weißt doch, dass du mit mir reden kannst, über alles. Falls du und Fox ..."
„Mum!", rief Scully noch einmal und ihre Mutter hob abwehrend die Hände.
„Ist ja schon gut, Liebes!"
Scully nickte beruhigt und stellte die Suppe auf den Tisch. „Gut, ... denn, ... es gibt wirklich nichts zwischen mir und meinem Kollegen, okay?"
Maggie nickte und strich ihrer Tochter beruhigend über den Rücken. „Gut."
Nickend verließ Scully wieder den Raum, um noch einige Sachen aus dem Esszimmer zu holen.
19. 46 Uhr EST-Zeit, Freitag
Veranda, Haus von Katherine Scully
„Mrs. Scully, ich denke, ..., das ... das geht dann nur ihre Enkelin und mich etwas an, meinen sie nicht?", fragte Mulder vorsichtig und sah sich wieder hilfesuchend nach irgendjemandem um.
„Nein.", antwortete Katherine Scully kurz und knapp und grinste Mulder unverschämt an. „Was sehen sie sich denn ständig um, fehlt sie ihnen etwa schon?"
Hilfe! , schrie Mulder in Gedanken und strafte Scullys Großmutter mit einem ernsten Blick. „Mrs Scully, ich ... ."
„Nennen sie mich bitte, Katherine. Wer will schon gerne bei seinem Nachnamen genannt werden, hm?"
Mulder musste leicht grinsen. Schließlich hatte er so ziemlich jeden gebeten ihn Mulder zu nennen.
„Also, Fox, wie hat denn das mit ihnen beiden so angefangen?"
Mulders Augen schossen weiter auf und irgendwie, so gerne er diese Dame auch hatte, fühlte er sich extrem unwohl. „Bitte was?"
„Na ja, seit wann sind sie denn schon mit meiner Enkelin zusammen?"
„Ich?"
Katherine sah ihn fragend an. „Wer denn sonst? Ich sehe hier niemand anderen."
„Ich ... ähm, ich bin nicht mit ihrer Enkelin zusammen. Wir waren auch noch niemals ein Paar."
Kathereine grinste. „Ach kommen sie schon, mir können sie´s sagen. Sie gehören jetzt zur Familie."
Mulder schüttelte höflich den Kopf. „Ich schwöre es!" Warum war denn niemand in der Nähe, der ihn hätte retten können?
Katherine lächelte hinterhältig und sah sich verschwörerisch um. „Ach so, ich verstehe. Sie tun nur so, als wären sie nicht mit Dana zusammen, von wegen FBI-Vorschriften und so. Junge, junge, das ist verdammt gewitzt."
Mulder versuchte zu Wort zu kommen, doch die alte Dame, ließ ich einfach nicht und schlug ihm kumpelhaft auf den Rücken, als sie aufstand.
„Deshalb nennen sie sie also auch noch immer bei ihren Nachnamen, hm? Wirklich klug, Mulder.", kicherte die Rentnerin.
Mulder schüttelte den Kopf. „Nein, sie verstehen das nicht. Ich binnicht mit ihrer Enkelin zusammen, Mrs. Scully. Wir vertuschen nichts."
„Sie arbeiten für die Regierung Mr Mulder, und da soll ich ihnen glauben sie vertuschen nichts?", fragte ihn die rüstige Lady lächelnd.
Mulder sah sie unsicher an. Wie sollte er jemanden von dem Gegenteil überzeugen, der so sehr glauben wollte? Plötzlich konnte er verstehen, wie Scully sich immer fühlen musste. „Mrs. Scully. Hören sie zu, ihre Enkelin ist toll, sie hat mein Leben verändert ..."
Katherines Augen strahlten.
„... aber, für mich kommt eine Beziehung zwischen Partnern einfach nicht in Frage, und das wird sie auch nie, okay?" Seine Stimme klang wirklich überzeugend und Mulder war auf eine gewisse Weise stolz auf sich.
Katherine sah ihn fragend an. „Sind sie sicher?"
Mulder nickte und befeuchtete seine Lippen.
„Wirklich?"
Wieder nickte er.
„Sie arbeiten nun seit sieben Jahren mit meiner Enkelin und sie waren noch niemals mit ihr aus, oder haben sich für sie interessiert?"
Unsicher nickte Mulder. Das mit dem für sie interessieren war nicht ganz richtig, aber ... er musste einfach dieses Gespräch beenden. Sonst würde es alles noch peinlicher. Jetzt sofort musste damit Schluss sein. Und da war ihm jedes Mittel recht. „Hm-hm!", brachte er widerwillig hervor.
Katherine Scully schluckte und taxierte Mulder von oben bis unten ab. „Sind sie vielleicht ... schwul?"
Mulder klappte der Mund auf. Er hatte schon wirklich vieles gehört, aber das hier war neu. „Ich? Nein!", dementierte er vehement.
Katherine lächelte ruhig. „Das muss ihnen doch nicht peinlich sein, Fox, ich meine, heutzutage, ist das doch normal ... ich finde das sogar sehr interessant. Außerdem ist es nicht schlimm, wenn Männer auf ihr Äußeres achten, und sie sehen ja wirklich blendend aus. Wenn es sie nicht stört, könnten sie mir ja von ihren Erfahrungen erzählen, hm? Wissen sie, ich bin immer schon sehr wissbegierig ..."
Entsetzt sah Mulder sie an, als plötzlich Scully lächelnd die Veranda betrat.
„Na ihr beiden, was ..." Weiter kam sie nicht, denn Mulder nahm sie am Arm und steuerte sie die Treppe in den Garten hinab.
„Sie wollten mir doch den Garten zeigen, oder?", sagte er hastig und dann waren beide im Halbdunkel des Abends verschwunden.
Katherine sah ihnen hinterher und lächelte zufrieden. Es würde funktionieren!!! Schwul war dieser Mann nämlich ganz sicher nicht.
20. 07 Uhr EST-Zeit, Freitag
Garten der ehemaligen Pfirsichplantage, Lincoln Landing
Schweigend gingen sie nebeneinander durch den dunklen Garten, wobei sie dem Konzert der Frösche lauschten, die sich in einem nahen Teich versammelt hatten.
Von Zeit zu Zeit warf Scully ihrem Kollegen einen besorgten Blick zu, denn er hatte die ganze Zeit noch nichts gesagt. Sie konnte es nicht leiden, wenn er still und ruhig war, denn das war ein Zeichen für irgendetwas. Und meistens war es ein Zeichen für nichts Gutes. „Wollen sie zurückgehen?", fragte Scully vorsichtig.
Doch Mulder schüttelte seinen Kopf und nahm einen kleinen Stock vom Boden auf, mit dem er in seinen Händen spielte. „Nein, es ist so schön und vor allem so ruhig hier, wenn sie wissen, was ich meine."
Scully lächelte, als sie sah, dass auch er grinste. „Sie meinen Granny?"
Mulder nickte.
„Ich habe sie gewarnt."
„Ja, ich weiß, aber ich habe die Situation falsch eingeschätzt. Ich dachte ich hätte es mit einer Rentnerin, mit einer alten Schachtel zu tun, Scully!" Seine dunklen Augen funkelten sie belustigt an.
„Na ja, sie ist ja auch keine normale Rentnerin."
„Ach nein?"
Scully schüttelte ihren Kopf und strich sich über ihre nackten Arme, als sie eine Mücke stechen wollte. „Nein. Sie ist Rentnerin und heißt dazu noch Scully."
„Verdammt, wie konnte ich das bloß vergessen."
Sie näherten sich einer großen Bank, die rund um einen der alten Pfirsichbäume gebaut war und setzten sich. Noch immer war es schwül warm und kein einziger leichter Wind wehte.
Ein wenig unsicher setzte sich Scully neben Mulder auf die Bank. Sollte sie ihm erzählen, was für einen Verdacht sie bezüglich ihrer Großmutter hatte? Mittlerweile war es mehr als nur eindeutig, dass ihre Großmutter bemerkt hatte, was zwischen ihnen beiden war. Scully hatte versucht ihre Gefühle zu verbergen, aber wenn er sie nur einmal so anlächelte, wie er es jetzt gerade getan hatte, dann fiel ihr das einfach so schwer. Und diese Zuneigung musste ihre Großmutter bemerkt haben. Scully war es sowieso ein Rätsel, dass bis jetzt noch nicht einmal Mulder, mit dem sie jeden Tag zusammen war, etwas von ihren Neigungen mitbekommen hatte.
„Scully?"
Scully sah ihn von der Seite an, während er hinauf in den dunklen Pfirsichbaum blickte. „Hm?"
„Ich ... ich habe da so einen Verdacht, dass ihre Großmutter ... na ja, vielleicht bin ich ja auch übergeschnappt, aber ich glaube, ihre Großmutter denkt, dass sie und ich ... ich meine, dass wir ... naja, dass wir wohl irgendwie ganz gut zusammenpassen würden." Endlich hatte er es gesagt.
Scully lachte auf und war wirklich erleichtert. Er hatte genau das gesagt, was sie hatte sagen wollen. Manchmal ergänzten sie sich so gut.
Mulder sah sie fragend an, als er sie so fröhlich lachen sah und grinste einfach mit. Ihre roten Haare wirbelten um ihren Kopf und ihre dunklen Augen strahlten. „Was denn?"
„Genau daran habe ich auch gerade gedacht. Also hat meine Großmutter einen Kuppelangriff auf sie gestartet, hm?"
Mulder nickte. „Besser gesagt auf uns!"
„Ich hab mir schon so etwas gedacht. Sie hätten sie erleben sollen, als Bill Tara zum ersten Mal mit hergebracht hat."
„Soll das heißen, es wird noch schlimmer?"
„Vielleicht, wer weiß, ich meine, vielleicht gibt sie ja irgendwann auf?"
Mulder schüttelte grinsend den Kopf. „Oh nein, wenn ich eines über alte Menschen weiß, dann ist es das, dass sie die hartnäckigsten Menschen auf der Welt sind. Außerdem ist sie ihre Granny. Etwas Hartnäckigeres gibt im ganzen verdammten Universum nicht." Grinsend sah er in ihre dunklen Augen, als sie ihm einen leichten Schlag auf den Arm verpasste.
„Niemand redet so über meine Granny!", tadelte Scully ihren Partner und lächelte ihn an.
„Aber sie haben sie selbst alte Schachtel genannt!"
„Stimmt, aber sie ist eben auch MEINE Granny!"
Mulder lächelte und stand dann auf, um einen der reifen Pfirsiche zu pflücken, deren süßlicher Duft über dem ganzen verwunschenen Garten hing. „Möchten sie einen?"
Scully nickte und schloß für einen Moment die Augen. Sie war wirklich müde. Die lange Fahrt, ein wirklich köstliches Dinner und eine alte Großmutter. Was konnte anstrengender sein?
„Hey, Scully, sie wollen doch nicht schlafen, oder?" Mulder stupste seine Partnerin ganz leicht an der Schulter an, worauf hin sie ihre Augen sofort öffnete.
Scully sah vor ihrem Gesicht einen perfekten, runden, flaumigen Pfirsich und nahm ihn vorsichtig aus Mulders Hand. „Danke!", sagte sie mit einem saftigen Stück Fruchtfleisch im Mund und schielte zu ihrem Partner hinüber, der sich ebenfalls über einen der riesigen Pfirsiche hermachte.
„Was sollen wir jetzt machen?"
Scully sah vorsichtig von ihrem Festmahl auf. „Was meinen sie?"
„Na, wegen ihrer Großmutter und ihren Kuppelversuchen?"
Scully zuckte mit den Achseln. „Ich würde einer alten Frau nicht ihren Spaß nehmen, aber wenn sie meinen, dass sie noch eine ihrer Attacken nicht überstehen, dann werde ich mit ihr reden!"
Mulder grinste und biss wieder von dem saftigen Pfirsich ab. „Okay, ich meine, es ist ja wirklich nichts Schlimmes dran, oder? Es war eben nur die Vorstellung, dass sie ... und ich, naja, sie wissen schon, ich meine, was würde Skinner wohl sagen?"
Scully sah ihn grinsend an. „Wäre die Vorstellung denn wirklich so schlimm?"
Mulder nickte. „Oh ja, mit so einer Familie?" Grinsend blickte er in Richtung des hell erleuchteten Haupthauses. „Auf jeden fall!"
Scully verpasste ihm einen leichten Stoß in die Seite und dann spazierten beide durch den dunklen Garten zurück auf das Haus zu, während sie sich vornahmen, den Kuppelversuchen von Scullys Granny stand zu halten. So schlimm könnte es ja kaum werden. Außerdem würden sie ja nur über das Wochenende hier sein. Und beiden schien die Vorstellung, ein Paar zu sein, zumindest ein wenig zu gefallen. Auch wenn sie das niemals zugeben würden.
