„Hier wären wir also." Remus stellte den Umzugskarton ab und rieb sich den Rücken. Sirius ließ den Seesack auf den Boden fallen und blickte argwöhnisch zu der Fassade von Nummer zwölf auf. Ehrfurchtgebietend erhob sich das alte Herrenhaus über ihnen, schob die anderen Häuser zur Seite und schien sich mit einem imaginären Ellenbogen Raum zu verschaffen. Von der einst schwarzen Tür blätterte der Anstrich ab, Wasserspeier, in Form von Drachen, schlängelten sich um die Säulen des Vordachs. Ein silberner Türgriff in Form einer gewundenen Schlage hing in der Mitte der Tür. Ein kalter Wind wehte von der Straße heran. Remus trieb Sirius ungeduldig an „Na komm, wir wollen doch keine Wurzeln schlagen."

Sirius seufzte und Remus konnte den sprichwörtlichen Ruck sehen, den sich Sirius gab, um die wenigen Treppenstufen bis zur Haustür zu erklimmen. Remus packte die Kiste, sein Rücken ächzte unbeachtet, und trug das schwere Ding zu Sirius hinauf. Dann standen sie unschlüssig vor der Tür.

„Also gut, lass es uns versuchen." Eine Weile kramte Sirius in der Hosentasche, dann beförderte er einen schweren Siegelring zu Tage. „Den brauchen wir, um da rein zu kommen. Die Tür lässt sich nur mit einem Familienerbstück öffnen." Sirius streifte sich den Ring über den Zeigefinger und klopfte an die Tür. Der Ring leuchtete kurz auf, dann ein Scharren, ein Quietschen und die dunkle Tür flog nach innen auf. Die beiden Männer lugten ins Innere.

„Auf, du Feigling, auf in die Höhle des Löwen." Sirius klopfte Remus auf den Rücken und ging dann über die Schwelle. „Merlin, ist es hier dunkel! Lumos!"

Der Geruch, der ihnen entgegenschlug, war eine Mischung zwischen Schimmel, Staub und abgestandener Feuchtigkeit. Im schwachen Licht des Zauberstabes konnten die beiden nur wenig erkennen, aber das was man sah, war nicht im geringsten einladend. Spinnenweben von ungeahntem Ausmaß hingen im ganzen Raum, das, was einst eine Tapete war, hing in Fetzen die Wand herab und der Boden war von einer dicken Staubschicht bedeckt. Als sie die Eingangshalle betraten, huschten Wesen vom Licht aufgeschreckt in die Dunkelheit und hinterließen deutliche Spuren im Staub.

„Du meine Güte, das ist ja ein Empfang!" Remus blickte sich um. Er hatte inzwischen auch ein Licht entzündet.

Sie befanden sich in der langgezogenen Eingangshalle, deren Decke sich gute vier Meter über ihren Köpfen erstreckte. Eine mächtige geschwungene Treppe führte in das obere Stockwerk.

„Schau mal da!" Sirius deutete auf einen Kronleuchter an der Decke. „Ist der nicht wunderschön, wunderschön?"

Das kristallene Prachtstück bestand aus einer Unzahl kleiner, gläserner Schlangen, die zu einem Knäuel verschmolzen waren.

„Wirklich beeindruckend, lass uns mal sehen, ob er noch funktioniert." Remus hob den Stab und deutete auf den Leuchter „Illumino!"

Es klirrte, dann begann der Kronleuchter von innen heraus zu strahlen und warf ein schummriges Licht in den Raum. Die Schlangen begannen sich zu bewegen und zu winden, so dass sich die Beleuchtung ständig veränderte. Als die Strahlen die Winkel des Raumes erreichten, sprang Getier heraus: Fette Ratten und noch unangenehmere Wesen flohen vor der Helligkeit. Das Licht breitete sich weiter aus und beleuchtete schließlich auch das entfernte Ende des Gangs. Sirius und Remus erkannten das Bild, das dort hing, wenige Sekunden bevor ein Schrei die Luft zerschnitt.

Der Verräter kehrt zurück in diese Hallen. Der Blutsverräter, der dieser Familie nicht würdig ist. Raus aus meinem Haus, du elender Wurm, hinaus mit dir! Geh mir aus den Augen, du dreckiger Schlammblutfreund. Schande hast du über uns gebrach, nichts als Schande!"

Sirius rief Remus etwas zu, was dieser über das Gebrüll hinweg nicht verstehen konnte. Das Geschrei des Porträts war im wahrsten Sinne des Wortes ohrenbetäubend. Sirius zuckte mit den Achseln und ging langsam auf das Bild zu.

„Unwürdiger, wie kannst du es wagen, dich mir zu nähern. Besudelst mit jedem Schritt den Namen deiner Familie und bringst Abschaum in dieses Haus. Wie wir dich verachten, du nichtswürdige Missgeburt! Sirius Black, du bist es nicht würdig, diesen Namen zu tragen !-"

Die Tirade nahm kein Ende, auch nicht nachdem Sirius einen Silenco auf das Porträt abgefeuert hatte. Remus, der ihm gefolgt war, griff geistesgegenwärtig nach einem der Vorhänge und zog ihn vor das Bild.

„Du wagst es, Fremder? Nichtsnutz, Tagedieb, der du dich mit dem Blutsverräter herumtreibst. Aus meinen Augen, alle beide!"

Sirius rollte mit den Augen und zog am zweiten Vorhang. Einen Moment lang verschlossen die beiden das Porträt und es war ruhig. Dann wurden sie wie von selbst zurückgezogen.

„Wagt es nicht, mir das Wort zu verbieten! Ihr werdet einen grausamen Tod sterben, ihr Ausgeburten der Niedertracht!"

Sirius zog abermals mit aller Gewalt an den Vorhängen, und als sie sich schlossen, rief Remus kurzerhand einen Klebefluch. Widerspenstig zogen die Tücher aneinander, aber der Zauber hielt. Es war ruhig.

Sirius schüttelte den Kopf, als Remus dazu ansetzte, etwas zu sagen. Er war bleich und sah bedrückt aus, als er den Gang zurückging und die einzelnen Türen betrachtete.

„Hier war früher die Küche. Hm, vielleicht sollten wir nicht ohne weiteres da rein spazieren. Warte." Sirius dachte einen Moment angestrengt nach: „Kreacher, komm zu deinem Herrn!"

Remus blickte sich erstaunt um. Nichts schien zu geschehen. Dann gab es auf der Treppe einen Knall, und es stand ein Wesen mit untertassengroßen Augen da und blickte sie an. Ein Hauself, aber was für einer! Lumpen hingen ihm am Leib und waren mehr Alibi als Körperbedeckung. Rippen stachen heraus und man konnte die einzelnen Knochen zählen.

„Wer ruft Kreacher? Wer will Kreacher sprechen?" Der Hauself kam die Treppe runter und betrachtete die beiden abfällig.

„Hallo Kreacher, lang nicht mehr gesehen." Sirius war einen Schritt auf den Elf zugegangen und musterte ihn ebenso abfällig.

„Der junge Meister ist wieder da... welche... Frrreude!" Abscheu schwang in Kreachers Stimme mit und Remus vermutete hinter dem kurzen Zucken mit dem großen Kopf eine Verbeugung.

„Kreacher, wir wollen in die Küche. Geh voraus!" Sirius wies auf die Tür, vor der er eben noch gestanden hatte. Der Elf watschelte betont langsam, warf erst Sirius und dann Remus einen abschätzenden Blick zu und öffnete dann die Tür. Eine Steintreppe führte in das Untergeschoss hinab, wo Küche und Speisekammer lagen. Doch die drei kamen nicht einmal bis über die Schwelle, denn es stank erbärmlich. Nach mehreren patzigen Antworten ließ Kreacher verlauten, dass er in der einstigen Speisekammer ‚Pilze' züchten würde. Angewidert wies Sirius ihn an, die Speisekammer leer zu räumen und alles wegzuwerfen. Dann stieg er mit Remus zusammen hinab und betrat die Küche. Das hohe Steingewölbe war behängt mit Töpfen und Pfannen, die durch den Luftzug zusammenkrachten und schepperten. Spinnen flogen aus ihren dichten Netzen, eine dicke Ratte wuselte über den Boden und verschwand durch ein Loch in der Wand. Wenigstens stank es hier nicht so erbärmlich, wie auf der Treppe und im Umfeld der Speisekammer. Remus schloss die Tür hinter ihnen, zündete eine Öllampe an der Wand an und sah sich um.

Sirius schob uralte Asche beiseite. „Ich würde ja in den Keller gehen, wo die Dinger gelagert werden, aber ich weiß nicht, ob ich dort nicht einem zum Zombie mutierten Urahnen begegne."

Also warfen Sirius und Remus alte Holzbrettchen und hölzerne Kochwerkzeuge in den Kamin und machten ein Feuer. Dann säuberte Sirius die Decke von den dicksten Spinnenweben und Remus fegte mit einem Besen den Raum aus. Sie beseitigten zwei Ratten und einen Schnapper im Küchenschrank. Kurz nach Mittag war der Raum einigermaßen bewohnbar.

„Schande über dich! Wenn du mir vor zwei Wochen erzählt hättest, dass ich an diesem furchtbaren Ort putzen müsste, dann wäre ich in Norwegen geblieben", maulte Sirius, schüttelte den Kopf und zupfte sich einige klebrige Fäden aus den Haaren.

„Na dann kannst du dich gleich mal auf den Rückweg machen, denn ich kann dir versprechen, dass wir auch in zwei Wochen noch hier sitzen werden und putzen." Remus hatte aus einem der Kartons den Proviant geholt und sie aßen vor dem warmen Kamin.

„Wo schlafen wir eigentlich heute Nacht?" Sirius kaute auf dem Brötchen und blickte Remus fragend an.

„Irgendwo, wo heute Nacht kein Guhl kommt und uns auffrisst. Du kennst dich doch hier aus, nicht ich."

„Du meinst, wir schlafen hier drinnen?" Sirius blickte ihn ungläubig, fast erschrocken an.

„Na, was dachtest du denn? Wir werden hier wohl für den Rest deiner Tage schlafen, wenn sie nicht irgendwann doch noch merken, dass du unschuldig bist."

Sirius schüttelte den Kopf, er war merklich bleicher geworden. „Merlin habe ich dieses Haus immer gehasst! Alles an diesem Haus, jeden einzelnen schwarzen Vorhang, jede dieser großen Stehuhren mit ihrem BONG-BONG und die Stille ist hier mindestens so schlimm wie das Geschrei meiner Mutter." Er schüttelte den Kopf und ließ das angenagte Brötchen zurück auf den Teller fallen. „Müssen wir hier wirklich bleiben?"

Remus blickte ihn an und war einen Moment lang versucht tröstende Worte zu sprechen. „Ja müssen wir, du zumindest. Wo sollst du denn auch sonst hin?"

„Ich bleibe hier nicht alleine!" Sirius stimme verschluckte sich fast.

„Sagt ja auch keiner." Remus nahm Sirius Brötchen und aß es. „Wir gehen jetzt erst mal hoch und suchen nach einem Raum zum Nächtigen. Dann überlegen wir uns, wie es weitergeht."

Sie hatten einen Raum im ersten Stock gefunden, der nahe an der Treppe lag und ein Bad hatte. Sie hatten es sogar mit Mühe wieder funktionstüchtig bekommen. Zuerst war das Wasser grün und modrig und die Spiegel wurden aus reiner Bosheit trotz Politur wieder schwarz. Doch nach einiger Zeit und Kreachers unwilliger Hilfe befand sich das Bad jetzt in einem annehmbaren Zustand. Sirius klopfte das große Sofa aus, auf dem er schlafen wollte, Remus hatte sich seinen Schlafsack auf dem Boden augepackt.

Er werkelte noch an den Vorhängen im Bad, in dem sich zwei Doxys versteckt hielten, als erst ein erstickter Schrei und dann ein langgezogenes Wimmern aus dem Schlafzimmer zu ihm drang. Er eilte hinüber und sah Sirius dort auf dem Boden liegen und zu der großen schwarzen Gestalt aufblicken, die sich über ihn beugte. Ein Schauer rann über Remus Rücken: ein Dementor! Er fischte nach seinem Zauberstab: „Expecto Patronum!"

Ein weißer Strahl schoss hervor und ein silbernes Wesen rannte auf den Dementor zu. Der Aufprall ließ das dunkle Wesen kurz inne halten, schwächte ihn aber seltsamer Weise nicht. Noch einmal hob Remus den Zauberstab „Expecto Patronum!" Doch auch dieses Mal ließ der Dementor nur einen Moment lang von Sirius ab. Irgendetwas stimmte nicht!

Remus fiel Harry und ihre gemeinsamen Unterrichtsstunden ein. „Ridiculus!"

Mit einem Mal stand der Dementor in Unterwäsche da. Remus lachte kurz auf, der Anblick war trotz der ganzen Situation zu komisch. Das reichte, um den Irrwicht zu verjagen, er verschwand mit einem Puffen.

Besorgt beugte sich Remus über Sirius. Sein Freund zitterte am ganzen Körper und reagierte weder auf seinen Namen noch auf das leichte Schütteln.

„Scheiße!" murmelte Remus und holte aus. Die Ohrfeige klatschte und hinterließ einen Händeabdruck auf der Backe. Remus fragte sich einen Moment lang, ob er wirklich so fest hatte zuschlagen müssen. Doch Sirius war wieder bei Bewusstsein. „Ist er weg?"

„Es war nur ein Irrwicht, alles in Ordnung.", beruhigte ihn Remus. Sirius Lippen waren blutleer und seine Hände zitterten.

„Ist er weg?", fragte er wieder mit einem Schluchzen in der Stimme

„Ja, er ist weg. Du bist in Sicherheit. Es ist alle in Ordnung. Beruhige dich." Remus drückte seine Hand fest und wünschte sich, Sirius würde aufhören so schnell zu atmen.

„Er ist weg? Wirklich?" Sirius Augen zuckten und dann liefen Tränen das Gesicht hinab. Remus entzog ihm entsetzt seine Hand und betrachtete den Fremden vor ihm. Noch nie zuvor hatte er Sirius heulen gesehen. Das war so... fremd eben.

Sirius verbarg sein Gesicht zwischen seinen Händen und weinte ungehemmt. Der große Körper mit den einst breiten Schultern zitterte mit jedem Schluchzer, Sirius krallte seine Fingernägel in seinen Unterarm bis Remus einen feinen Blutfaden rinnen sehen konnte. Der Schmerz schien zu helfen, er beruhigte sich langsam.

„Sie haben mir alles genommen, was schön war, weißt du? Meine Erinnerung, alle! An dich, an James, an Lily, an die Sommertage, sie sind alle... wie... wie Photos denen die Farbe fehlt. Ich kann mich nicht mehr freuen, wenn ich mich erinnere. Ich kann nicht mehr lachen. Ich glaube, ich habe es verlernt." Verloren blickte er sich immer Zimmer um. Remus hatte sich etwas erholt und setzte sich neben ihn und nahm seine Hand wieder. Er konnte die aufkommende nostalgische Melancholie fast mit Händen greifen.

„Meine schönste Erinnerung war die, an die Hochzeit von Lily und James. Es muss ein schöner Tag gewesen sein." Sirius blickte Remus an und wartete offensichtlich auf eine Antwort.

„Ja, das war er." Remus erinnerte sich an keinen Tag, an dem er so gerührt, so voller Hoffnung und so zufrieden mit sich und der Welt gewesen war.

„Und das Wetter? War das Wetter nicht auch gut?" Sirius blickte auf seine Hände.

„Das Wetter war herrlich." Es war ein wunderschöner, wolkenloser Sommertag gewesen.

„Was gab es zu Essen? Ich weiß es nicht mehr."

„James Lieblingsessen. Grillhähnchen." Remus erinnerte sich an die stundenlange Diskussion um die Grillhähnchen und dass sie dem Anlass nicht angemessen wären. James hatte sich am Ende durchgesetzt und wie in guten alten Hogwartszeiten hatten sie nach dem Essen die Gebeine einen Cancan aufführen lassen.

„War ich ein guter Trauzeuge, Moony?" Wieder liefen Tränen über das Gesicht.

„Du warst der beste."

„Ich wünschte mir, ich könnte mich erinnern. Ich habe mehr verloren als nur zwölf Jahre, ich habe auch die guten, alten Zeiten verloren. Moony, ich möchte schlafen, ganz lange schlafen."

„Dann leg dich hin, ich bleibe da."

„Ich bin so müde, Moony, mehr als das, ich bin...-" Remus unterbrach ihn „Komm leg dich hin und schlaf, ich leg mich daneben."

Sirius verstummte und streckte sich auf dem Sofa aus. Augenblicke später war er eingeschlafen. Remus saß neben ihm und betrachtete ihn still. Er ahnte, dass diese Müdigkeit sich nicht mit einer Mütze voll Schlaf abspeisen lassen würde. Schlafen war das eine. Die Sehnsucht nach Ruhe und Vergessen das andere.