Erst am Nachmittag war Sirius aufgewacht und hatte sich zu Remus in die Küche getrollt, der Briefe an Bekannte schickte um ihren neuen Aufenthaltsort bekannt zu geben. Er saß an einem alten Eichentisch, die Beine überschlagen und lutschte aus alter Gewohnheit am Federkiel.

Sirius, der wie getrieben im Raum seine Runden drehte, betrachtete Remus ausgiebig. „Ich fürchte, wir haben uns verändert." Das Resümee seiner Beobachtung klang resigniert, fast erschöpft.

Remus lächelte bitter, „Hast du allen Ernstes gedacht, wir würden für immer Rumtreiber bleiben? Für immer Kinder, die nichtsahnend durch das Leben tollen?" Er schüttelte den Kopf, wirkte aber eher traurig als belustigt.

„Ich hätte mir nur gewünscht, dass das erwachsen werden weniger... schmerzhaft ist.", Sirius klang traurig. Remus hielt inne und sah in das Gesicht, das um so viel gealtert war, seit er es das letzte Mal gesehen hat. Er sah so verändert aus. Früher war er mal voller Charme und Ausstrahlung gewesen. Nun wirkte es verwildert, verängstigt und auf eine seltsame, beängstigende Weise... leer.

„Ja, Sirius, das hätte ich mir auch gewünscht. Das und noch vieles mehr." Remus zuckte mit den Schultern, es war anders gekommen. Er spielte gedankenverloren mit den Fransen des altmodischen Tischtuchs. Sirius hatte seinen Rundgang unterbrochen und wühlte geschäftig in einem der Schränke. Wenig später beförderte er unter triumphierenden Jubelrufen eine alte Weinflasche hervor. „Sieh mal, ist das nicht was? Ein Wein von 1944! Ein Margaux aus Frankreich, ganz feines Tröpfchen! Auf so was haben meine Eltern immer viel Wert gelegt! Komm lass uns was trinken."

Remus hatte keine Wahl, nicht dass er sich sonderlich gewehrt hätte. Sirius fischte aus einem von den Umzugkartons zwei leere Senfgläser und füllte sie bis zum Rand mit der blutroten Flüssigkeit. Eines gab er Remus, dass andere hielt er würdevoll in die Luft, um mit ihm anzustoßen.

„Gan bei!", sagte Remus als er das Glas hob.

Sirius blickte ihn verwirrt an. „Was?"

Remus grinste. „Skäl!" Sirius Gesicht erhellte sich.

„Ach du meinst: Kippis!"

„A votre santé!"

„Sláinte!"

„Za vasche zdorovje!"

Dann stießen sie ihre Gläser krachend aneinander und nahmen eine tiefen Schluck.

„Bäh!" Sirius warf das Glas angewidert von sich, er zerschellte mit lautem Klirren. Rote Flecken breiteten sich auf den Fließen aus und Scherben verteilten sich auf dem Boden.

„Bei Merlin, das ist Essig!" Remus schüttelte sich und verzog das Gesicht. „Das ist ja ekelhaft!" Er stellte das Glas weg und blickte Sirius fragend an „Und, war's das jetzt mit unserm gemeinsames Besäufnis?"

Sirius zuckte ratlos mit den Schultern. „Keine Ahnung, vielleicht finde ich ja eine andere Flasche?"

Remus schüttelte entsetzt den Kopf. „Oh nein, lass das, nachher ist noch irgendwo Blut drin." Sirius blickte traurig drein, die Vorstellung, diese ungewohnte Zweisamkeit nicht mit Alkohol zu begießen, ließ ihn erschauern. Remus blickte ihn an und sah diese Unsicherheit in den müden grauen Augen. Sie blickten mitleiderregend hoffnungslos zu der roten Pfütze an der Wand.

„Schon gut, ich geh uns was holen." Remus raffte sich auf und räumte die Schreibsachen zusammen. „Bleib hier und versuch keinem Boggart über den Weg zu laufen. Und denk dran geh mit keinem Irrlicht mit. Und lass dir keine Gummibärchen vom schwarzen Mann geben!"

Sirius begann zu grinsen. „Du hattest schon immer einen seltsamen Sinn für Humor, Moony. Wenigstens daran hat sich nichts geändert."

Remus antwortete ihm nicht, winkte nur zum Abschied zog einen alten braunen Mantel über und verließ das Haus.

Es war ihm nicht wohl dabei Sirius alleine zu lassen. Er war schwach geworden, innerlich schwach und unbeständig. Es waren jetzt fast anderthalb Jahre seit Sirius Askaban verlassen hatte, und er schien die Vergangenheit noch immer nicht überwunden zu haben. Remus schüttelte den Kopf bei diesem Gedanken. Er hatte ja keine Ahnung wovon er sprach! Askaban überwinden, vielleicht war das schlicht weg nicht möglich. Vielleicht würde Sirius für den Rest seines Lebens dieses verstörte Wrack bleiben. In seiner Brust zog sich etwas zusammen, das sich nach Schuld und Vorwürfen anfühlte. Immerhin hatte er es ihm zugetraut, wie es ihm alle zugetraut hatten. Und jetzt kam der Mann zurück, der einst sein bester Freund gewesen war, und man konnte ihm das Leiden förmlich im Gesicht ablesen. Dieser Fremde saß ihn ihrer gemeinsamen Küche und erwartete irgendetwas von ihm, Worte, Taten. Irgendwas. Bei Merlin, er hatte keine Ahnung was er tun sollte!

Remus kaufte zwei Flaschen hochprozentigen Whiskey von dem Geld, das er eigentlich für Danielles Verlobungsring gespart hatte, und besiegelte damit das Schicksal des Abends.

Ganz im Zeichen des Alkohols verbachten sie die Zeit damit, im einzigen bewohnbaren Zimmer außer der Küche, ins Kaminfeuer zu blicken. Sirius hatte ein Päckchen Zigaretten aufgetrieben und rauchte eine nach der anderen. Er musste sich das nach Askaban angewöhnt haben. Remus schenkte ihnen nach, so bald sich eines der Gläser geleert hatte, und war erstaunt, dass Sirius frühere Trinkfestigkeit auch nach langer Abstinenz keinen Schaden genommen hatte. Die Flammen tanzten einen unsteten Tango und Sirius lehnte sich seufzend in den Sessel zurück.

„Wir sind also die einzigen, die übrig geblieben sind.". Es war eine Feststellung, die keiner Antwort bedurfte. „Weißt du noch, wie wir in der Zeit nach Hogwarts gefeiert haben? Wilde Feste waren das und ich bin nie vor fünf Uhr morgens ins Bett." – „Und nie alleine." Remus lächelte als in ihm selbst Erinnerungen heraufquollen und sich einen Platz in seinen Gedanken verschafften. Verdammt wilde Partys, auch für ihn.

„Weißt du noch, wie wir mal in London gefeiert haben und am nächsten Morgen in Nottingham aufgewacht sind? Keine Ahnung was wir da wollten, ich hab's nie rausgefunden."

„Ich glaube, Lily hat dir die Geschichte von Robin Hood erzählt."

Sirius hatte geglaubt, dass es Zeit für einen neuen Helden in Sherwood Forest sei, und irgendwie waren sie alle zu betrunken gewesen, um nicht seinem Ruf zu folgen und sich als Vogelfreie auszugeben. Es war ein langer Heimweg gewesen!

„James hatte so einen Kater, dass wir den Zug nehmen mussten, weil er nicht apparieren konnte.", fiel Remus ein.

„Wir waren tolle Vogelfreie, Gesetzlose, Rumtreiber." Sirius blickte in die Flammen und Remus wandte seinen Blick von ihm ab um nicht bemerken zu müssen, dass die Augen seines Freundes feucht wurden.

„Wir sind die, die übrig geblieben sind.", sagte Sirius leise, „aber manchmal wünsche ich mir, ich wäre nicht übrig."

„Wir können nichts machen, es ist so passiert." Remus zuckte hilflos mit den Schultern.

„Wir hatten keine Wahl, nicht wahr? Es ist nicht unsere Schuld, dass es so gekommen ist?" Sirius blickte ihn an. Wann hatte er gelernt zu weinen? Remus sah ihn an und schüttelte den Kopf. „Wenn ich eins gelernt habe in den letzten Wochen, dann dass uns keine Schuld trifft. Dich nicht Sirius, und mich auch nicht."

Gemeinsam starrten sie ins Feuer und dachten nach. Sie hatten etwas retten können von ihrer Freundschaft. Es war ein kleiner Funke, aber er gab ihnen Halt.

„Weißt du Sirius, zu zweit ist besser als alleine."

„Ich weiß Remus. Denn einer allein kann kein Rumtreiber sein."