Disclaimer: Ich saß gestern mit Joanne beim Tee, und sie sagte zu mir: „Ich bin es müde, reich und berühmt zu sein, willst du nicht die Rechte an Harry Potter haben?" Ich antwortete: „Ach nein, behalt sie nur." Deshalb gehört noch immer alles hier JKR.
Schatten der Wahl
5. Ablehnung
Als Harry aufwachte, war es noch halb dunkel, und ihm kam zu Bewusstsein, wie früh er eingeschlafen war. Nach einer Weile merkte er, dass er nicht mehr weiter schlafen konnte. Er trug noch immer die Kleider vom Vorabend. Er rollte sich aus dem Bett und schälte sich aus den Kleidern. Nachdem er geduscht und neue Kleidung angezogen hatte, trat er ans Fenster. Der Himmel begann gerade, sich etwas rot zu färben. Harry versuchte, die Balkontür zu öffnen, was überraschend gelang. Nachdenklich strich er über die Halskette, die er noch immer trug. Er trat auf den Balkon und atmete die kühle Morgenluft ein. Ein warmer Wind wehte, es war noch immer Sommer. Er lehnte sich auf das Balkongeländer und beobachtete den Sonnenaufgang. Der Anblick hatte etwas Beruhigendes. Der Garten vor ihm und die Vögel, die langsam begannen aufzuwachen, vermittelten ihm ein Gefühl der Zufriedenheit. Egal wie verdreht sein Leben sein mochte, die Welt an sich war noch immer in Ordnung.
Harry lächelte flüchtig, aber sein Lächeln verschwand, als er über die letzten Ereignisse nachdachte. Er hatte Lucius Malfoy zugehört, aber er war weit davon entfernt, seine Worte zu akzeptieren. Er sollte ihr Sohn sein? Der Sohn eines treuen Todessers? Lächerlich. Oder? Was wollten sie mit dieser Geschichte erreichen? Was für ein Spiel spielten sie? Harry seufzte und zerrte geistesabwesend an seiner Halskette. Er war ein Gefangener, nicht einmal in der Lage zu zaubern. Diese verrückte Geschichte... Es war entnervend. Sein Blick wanderte zu der Phiole auf seinem Tisch, aber etwas in ihm wehrte sich dagegen, den Trank zu schlucken. Harry glaubte nicht wirklich, dass er etwas bewirken würde. Aber was, wenn doch? Würde er aussehen wie Draco? Und dann? Erwarteten sie, dass er alles woran er glaubte über Bord warf und sich wie alle arroganten, reinblütigen Slytherins verhielt? Harry lachte heiser. Absurd. Soweit würde es niemals kommen. Wenn Malfoy dachte, nur weil er Harry glauben machte, er wäre sein Sohn, wäre er plötzlich für seine dämlichen Ansichten, hatte er sich sehr geirrt. Harry schüttelte frustriert den Kopf.
Schließlich beschloss er spontan, einen Spaziergang durch das Haus zu unternehmen. Der Raum kam ihm plötzlich zu eng vor. Harry öffnete die Tür und trat auf den Gang. Im Haus war alles still, offenbar schliefen die restlichen Bewohner noch. Er folgte dem Gang in die Richtung, die nicht zur Treppe führte. Rechts und links gingen mehrere Türen ab, wahrscheinlich zu anderen Zimmern. Am Ende des Ganges war eine schmale Treppe, die nach oben führte. Harry wollte sie hochgehen, aber ihm wurde plötzlich schwindelig. Das Schwindelgefühl nahm mit jeder Stufe zu, bis er sich setzen musste. Von seinem Platz aus hörte er ein Flattern über sich und ein leises Schuhu. Offenbar führte die Treppe zur Eulerei. Da er es nicht schaffte, sie weiter hoch zu gehen, kehrte er zum Flur zurück, und das Schwindelgefühl verschwand.
Harry packte ärgerlich den Anhänger an seinem Hals und verkrampfte die Hand darum. Natürlich, die Eulerei war ihm verboten. Er zerrte an der Kette, aber sie ließ sich nicht lösen. Offenbar hatte sie sich magisch geschlossen. Einen Fluch murmelnd folgte er dem Flur in die andere Richtung, an der Treppe vorbei. Auf der anderen Seite war der Gang größer und mehrere breite Türen gingen von ihm ab. Er lief auf eine Doppeltür zu, die noch größer war, als die zum Speisesaal. Rechts und links von ihr standen zwei Marmorstatuen, die wohl legendäre Zauberer darstellten, oder auch Vorfahren der Malfoyfamilie.
Links stand eine kühl wirkende Frau in römischer Tunika. Sie hielt ein Buch und eine Feder in den Händen. Der Mensch auf der rechten Seite war anscheinend ein Grieche. Er hielt in der einen Hand eine Rose, in der anderen einen Stab, um den sich eine Schlange wand. Beide blickten stolz geradeaus, über die Besucher hinweg. Die Tür selbst bestand aus Mahagoniholz. Sie war mit zahlreichen Schnitzereien verziert, aber vorherrschend war das runde Symbol in der Mitte. Es war das gleiche Bild, das sich auf Harrys Anhänger fand – zwei Schlangen und ein Schwert. Auch hier waren Saphire als Augen der Schlangen eingesetzt. Neugierig versuchte Harry die Tür zu öffnen. Sie tat es geräuschlos. Hinter ihr befand sich ein großer Saal mit hohen gotischen Fenstern. Der Boden war mit grünem Teppich ausgelegt. In die Fenster waren bunte Mosaike eingearbeitet, wie er es einmal in einer Kirche gesehen hatte. An einem Ende des Raumes stand ein weißer Flügel. Ansonsten war er leer. Der riesige leere Raum beunruhigte Harry und er schloss die Tür wieder. Was war das? Ein Ballsaal?
Harry ging ein Stück zurück und öffnete die Tür auf der linken Seite. Sie führte in eine weiträumige Bibliothek. Die Bücherregale reichten bis an die Decke. Schienen mit Leitern führten an ihnen entlang. Harry betrachtete sie mit Bewunderung. Sie sah größer aus, als die Bibliothek in Hogwarts. Zwischen den Regalen befanden sich Tische, Stühle und Sessel.
Er ging ein paar Schritte in den Raum hinein und ließ seinen Blick über ein paar Buchrücken schweifen. Die kurze Stichprobe zeigte ihm, dass hier fast jedes mögliche Buch vertreten war. Jede Art von wissenschaftlicher Literatur, magische wie auch nichtmagische. Harry war überrascht, Bücher wie ‚Eine Einführung in die Genetik' oder Tiplers ‚Physik' zu sehen. Dem Gegenüber standen Buglebigs ‚Welt magischer Geschöpfe' und ‚Adelsstand der Natur: Stammbaum der Zauberer'. Aber es waren auch nicht-wissenschaftliche Werke vorhanden, offensichtliche Romane und Biographien (Harry schauderte bei Lockharts „Zauberhaftes Ich"), selbst Kinderbücher. Harry hielt inne bei ‚Dumbledore: Ein Leben für das Licht', welches gleich neben ‚Der Aufstieg und Fall Grindelwalds' stand. Er war versucht, eines davon zu nehmen, aber ein abgegriffener dicker Band daneben erweckte seine Aufmerksamkeit. ‚Von Taliesin über die Hexen von Salem: Die Historie von Zauberern und Muggeln von der Antike bis zur Gegenwart'. Harry nahm das Buch ohne weiter darüber nachzudenken, und beschloss, es später zu lesen. Langsam wurde er hungrig und er fragte sich, wie spät es war. Er verließ die Bibliothek um zu seinem Zimmer zurückzukehren.
Harry bog um die Ecke, als ihm Draco entgegenkam. Sie beide blieben ruckartig stehen. Draco ließ seinen Blick über ihn wandern und verzog angewidert das Gesicht.
„Wie ich sehe, fühlst du dich schon ganz wie zuhause, BRUDER."
Aus seinem Mund klang das Wort Bruder wie eine Beleidigung.
„Es ist nicht so, als ob ich eine Wahl hätte, oder Malfoy?", gab Harry zurück. „Dein Vater hat mich nicht freundlich gefragt, ob ich hierher kommen wollte."
Draco verzog sein Gesicht zu einer widerwilligen Grimasse.
„Was, bist du dir für uns zu schade, Potter-Junge? Nicht das es mich traurig machen würde, wenn du dich aus dem Fenster stürzt."
Die Entgegnung überraschte Harry ein wenig. Er war Dracos Beleidigungen und Provokationen gewöhnt, aber was er diesmal in den Augen des anderen Jungen sah, war reiner Hass.
„Was ist los, Frettchen, passt es dir nicht, mich in deinem Haus zu haben?"
Draco machte einen Schritt auf ihn zu, die Fäuste geballt.
„Sei lieber still, Goldjunge. Du bist nicht mein Bruder, egal was Vater sagt. Auch wenn er es nicht tun will, ich würde dich mit Vergnügen erledigen. Der Dunkle Lord wäre mit Sicherheit dankbar dafür."
Draco beugte sich zu Harry vor, die Augen verengt.
„Es ist nie genug, nicht wahr? Es reicht nicht, dass die gesamte Zaubererwelt dir zu Füßen liegt und dass Dumbledork den Staub küsst auf dem du wandelst... du musst mich auch hier noch verfolgen, bis zu meiner Familie und meinem Erbe."
„Darum geht es?", erwiderte Harry verblüfft. „Du bist eifersüchtig? Merlin, Malfoy, wenn es nach mir ginge, könntest du das haben und behalten."
Draco wich einen Schritt zurück. „Du bist so arrogant, es macht mich krank. Dein Leben möchte ich haben."
„Was weißt du schon über mein Leben?", zischte Harry aufgebracht. „Du eingebildetes, verwöhntes Jarvey... Hättest du gerne, dass deine Eltern von einem größenwahnsinnigen Verrückten umgebracht wurden, während du noch ein Baby warst? Dass du von Muggeln aufgezogen wurdest, die schon den Gedanken an Magie hassen? Dass derselbe Verrückte versucht dich umzubringen, seit du elf wurdest und dabei jeden erledigt, der mit dir zusammen ist? Das die ganze verdammte Zaubererwelt dich für ihren Retter hält und alle dich anstarren wohin du auch gehst? Du willst mein Leben? Ich würd's dir mit Freuden geben, Malfoy!"
Damit stieß er Draco grob zur Seite und stürmte an ihm vorbei, in sein Zimmer zurück. Harry schmiss das Buch auf den Schreibtisch und warf sich blindwütig auf sein Bett, mühsam Zornestränen unterdrückend. Wie konnte Malfoy es wagen, Harry dafür zu beschuldigen, dass er hier war? Er wäre längst verschwunden, wenn er könnte! Der verdammte, selbstgefällige Idiot! Harry hieb mit der Faust auf sein Kissen.
Nach einer Weile öffnete sich seine Tür und Draco kam in den Raum.
Harry starrte ihn wütend an.
„Was willst du?"
„Ich glaube nicht, dass du mein Bruder bist."
„Fein, dann sind wir ja schon zwei!"
„Du bist so erbärmlich, Potter. Beweinst dein Leben, wie tragisch es ist, wenn dir die ganze Zaubererwelt zu Füßen liegt. Du kannst machen, was du willst, aber nein... Sieh mich an, ich hatte nie eine Wahl, mein Leben war von Anfang an vorherbestimmt."
„Du glaubst, ich hatte eine Wahl? Denk nach, Malfoy. Da ist nicht ein Augenblick in meinem Leben, den dieser manipulierende alte Mann nicht geplant hat. Er hatte immer seine Hände im Spiel, von Anfang an. Ich bin nur ein Spielstein in seinem kleinen Krieg..."
Harry verkrampfte die Hände um den Rand der Bettdecke. ‚Er hängt an seinen Geheimnissen, wie ein Ertrinkender. Der Preis ist ihm egal. Sirius könnte noch leben, wenn es anders wäre...'
„Jetzt verschwinde!", fügte er heiser hinzu. „Raus hier!"
Draco verschränkte die Arme.
„Ich will, dass du diesen Trank da trinkst."
„Was?" Harry stand ärgerlich auf.
„Ich will, dass du den Trank nimmst!", wiederholte Draco. „Du bist nicht mein Bruder, das weiß ich. Vater irrt sich. Er hat gesagt, der Trank beweist es. Also trink den verdammten Trank, damit sie es einsehen."
Harry starrte Draco an. Dann griff er langsam die Phiole und hielt sie ihm hin.
„Du zuerst."
„Wie bitte?"
Harry bedachte Draco mit einem hässlichen Lächeln. „Dein Vater hat gesagt, es ist Resacro-Serum. Er behauptet, es bewirkt nichts, wenn man nicht unter einem Zauber steht. Also, wenn er die Wahrheit sagt, und dies nicht einer von Voldemorts verdrehten Plänen ist – was ich glaube – ist es völlig harmlos für dich. Du willst, das ich es trinke? Ich wiederhole: Du zuerst."
Draco betrachtete die Phiole unsicher. Dann riss er sich sichtlich zusammen.
„Also gut." Er nahm die Phiole mit zitternder Hand und trank einen Schluck. Nichts passierte. Draco grinste. „Du bist dran."
Harry ergriff die Phiole zögernd. ES WIRD NICHTS BEWIRKEN. ES WIRD NICHTS BEWIRKEN. Er schloss die Augen und schluckte den restlichen Inhalt der Phiole in einem Zug. Es schmeckte widerlich, zu süß und zu bitter. Er öffnete die Augen und grinste triumphierend.
„Ich wusste es, nichts ist..."
Harry hielt inne, als seine Hände und Füße zu kribbeln begannen. Das Kribbeln breitete sich über seinen gesamten Körper aus und wurde immer stärker. Schließlich war es kein Kribbeln mehr, sondern ein stechender, bohrender Schmerz. Harry keuchte auf und brach in die Knie, dann krümmte er sich. Alles um ihn herum verschwamm. Als der Schmerz weiter zunahm, schrie er.
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Der triumphierende Ausdruck auf Potters Gesicht wich Verblüffung, dann Schock. Er begann zu zittern, keuchte auf und brach in die Knie. Entsetzt sah Draco zu, wie er sich krümmte und dann schrie. Es war, als würden Schockwellen durch seinen Körper laufen. Draco nahm an, so musste es aussehen, wenn jemand unter dem Cruciatus-Fluch stand. Er verdrängte den Gedanken schnell. Stattdessen beobachtete er den zuckenden Körper mit einer morbiden Faszination. Potters Haut wurde blasser und er wuchs ein Stück – er war nun wahrscheinlich größer als Draco, fast so groß wie sein Vater. Seine Haare glätteten sich und verfärbten sich in ein silbriges Grau, so als könnten sie sich nicht zwischen Schwarz und Weiß entscheiden. Seine Gesichtszüge veränderten sich dramatisch. Seine Wangenknochen wurden höher, sein ganzes Gesicht wurde erwachsener und aristokratischer. Seine Lippen wurden dünner. Er sah erschreckend aus wie Dracos Vater. Aber da waren auch Züge seiner Mutter, die Augen, die Lippen. Nicht genug, um ihn feminin wirken zu lassen, im Gegenteil, es machte ihn kühler, höchstens ein wenig weicher. Schließlich verebbten die Schreie. Potter hatte sich zu einem Ball zusammengekrümmt. Nun hob er den Kopf und schob seine Brille zur Seite. Draco fuhr beinahe einen Schritt zurück. Seine Augen waren eine Mischung aus blau und grau. Eisig.
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Als der Schmerz nachließ, fand Harry sich zusammengerollt auf dem Boden wieder. Vor seinen Augen war noch immer alles verschwommen. Er nahm seine Brille ab und hielt verblüfft inne, als seine Sicht sich klärte. Vor ihm stand Draco und betrachtete ihn mit einer Mischung aus Verblüffung und Entsetzen. Harry streckte sich langsam und setzte sich auf, gegen den Willen seiner protestierenden Muskeln. Seine Hände schienen schlanker, fiel ihm auf. Er hielt inne und sah an sich hinab. Er war blasser. Er weigerte sich, weiter zu denken. Stattdessen kroch er zu dem mannshohen Spiegel neben dem Bett. Anstelle seines Spiegelbilds sah er auf einen Fremden. Es könnte Lucius Malfoy sein, bis auf die kurzen Haare, doch dann auch wieder nicht...
„Nein...", flüsterte Harry. „Es ist nicht wahr... Es ist ein Trick..."
Er begann zu zittern und zog die Knie an sich, umschlang sie. Die Gestalt im Spiegel tat dasselbe. Es war verrückt, eine Gestalt sich so verhalten zu sehen, die Lucius Malfoy so ähnlich sah. Harry wollte sich abwenden, aber er fühlte sich wie gefangen, fixiert auf das Spiegelbild. Er begann heftig den Kopf zu schütteln, als würde das den Anblick vertreiben. Die Tür ging, und er wusste, dass Draco gegangen war.
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Draco wusste, er musste gehen, jetzt sofort. Er konnte ihn keine Minute länger ansehen. Er weigerte sich, es anzuerkennen... Es war unmöglich... Es musste eine andere Erklärung dafür geben... Draco stürmte aus dem Raum und rannte, ohne zu sehen wohin, ohne sich umzudrehen.
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Harry hatte sich ein wenig beruhigt, als eine Hauselfe auftauchte, um ihn darauf hinzuweisen, dass es Zeit für das Frühstück war. Offenbar wurde nun erwartet, dass er die Mahlzeiten mit den anderen im Speisesaal einnahm. Er stand zögernd auf und strich seine Robe glatt. Harry hatte sich diesen Morgen für eine dunkelrote Robe entschieden... aus unbewusstem Protest wahrscheinlich. Sie passte nicht im geringsten zu seinem neuen Erscheinungsbild. Geistesabwesend strich er seine Haare glatt. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte das tatsächlich einen Effekt. Er starrte in die Augen seines Spiegelbilds und seufzte. Der Anblick seines eigenen Gesichts sandte einen Schauer sein Rückrad entlang. Harry wandte sich abrupt ab und machte sich auf den Weg ins Erdgeschoss.
Als Harry auf seinen Platz zuging, sah Draco kurz auf und mied dann seinen Blick. Narcissa betrachtete ihn mit Erstaunen und Bewunderung, sagte aber nichts. Mr. Malfoy musterte ihn und lächelte außerordentlich zufrieden.
„Guten Morgen, Tigris.", sagte er, als Harry sich setzte. „Du und Draco seid doch keine eineiigen Zwillinge, wie ich sehe. Sehr gut. Das macht es einfacher."
„Macht was einfacher?"
Lucius Malfoy sah Harry an, mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck. Es war nicht erkennbar, ob er sich durch Harrys aggressiven Tonfall angegriffen fühlte.
„Deine Anwesenheit zu erklären, natürlich. Wir können kaum offen zugeben, dass du Dracos Bruder bist. Mein Lord wäre... unangenehm überrascht... um es gelinde auszudrücken. Mit deinem gegenwärtigen Erscheinungsbild können wir dich als meinen Neffen ausgeben... das sollten wir später besprechen."
Harry öffnete den Mund für eine ärgerliche Entgegnung, aber entschied sich kurzfristig anders. Stattdessen wandte er nur den Blick ab und aß sein Frühstück. Aus den Augenwinkeln sah er, wie Malfoy einen Blick mit seiner Frau wechselte. Er fühlte ihren messenden Blick auf sich ruhen, aber ignorierte sie. Sobald er aufgegessen hatte, verließ er den Tisch, um in seinen Raum zurückzukehren. Bevor er den Saal verließ, sah er noch Dracos entrüsteten Blick auf sich ruhen. Er ignorierte auch das.
Zurück in seinem Raum trat Harry auf den Balkon und sah in den weitläufigen Garten hinunter. Petunia wäre vor Neid ohnmächtig geworden, hätte sie das sehen können. Eine Anzahl verschlungener Kieswege führte um einen Teich herum. Alles war sehr kunstvoll angelegt, so dass einen harmonischen Anblick bot. Der Wind wehte den Duft der Ligusterhecken bis zu ihm hinauf. Harry mochte den Raum in dem er war hassen, weil er sein Gefängnis war, aber es war ihm unmöglich, diesen Garten zu hassen. Er war einfach zu harmonisch, zu vollkommen. Ironisch, dass etwas so schönes das Haus einer so dunklen Familie umgab. Harry stützte sich auf das Geländer und starrte hinunter, ohne zu beachten wie lange.
Er bewegte sich nicht, bis er die Malfoys aus dem Haus kommen sah. Malfoy hatte den Arm um seine Frau gelegt und diskutierte offenbar mit ihr, denn er machte von Zeit zu Zeit unterstreichende Gesten. Narcissa nickte ab und an. Malfoy wirkte so aristokratisch und distanziert wie immer, dennoch hatte die Interaktion der beiden etwas überraschend Intimes an sich. Sie wanderten durch den Garten, manchmal anhaltend, um ein paar Tiere oder Pflanzen zu betrachten. Es war ein vollkommen anderer Anblick, als der, den sie der Öffentlichkeit normalerweise boten. Es sah so aus, als hätten sie tatsächlich Gefühle füreinander. Harry betrachtete sie, verwirrt von den Gefühlen, die das in ihm wach rief. Sehnsucht? Nein, er sehnte sich sicher nicht danach, diese beiden als seine Familie zu betrachten. Er hatte sie reden hören, sie waren Voldemorts Anhänger bis auf die Knochen. Jedes Mal, wenn Malfoy „mein Lord" sagte, überfiel Harry das Bedürfnis, ihn zu erwürgen. Sie waren gewissenlos, böse... Harry verkrampfte die Hände um das Geländer. Die Schönheit des Gartens wurde befleckt durch ihre reine Gegenwart. Er bemerkte plötzlich, dass Narcissa zu ihm hinauf sah. Auf eine Geste von ihr hin wandte sich auch Malfoy zu ihm um. Harry drehte sich abrupt um und verließ den Balkon.
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Narcissa lauschte Lucius' Worten, aber war nicht wirklich bei der Sache. Ihre Gedanken kreisten um Tigris und sein Verhalten. Er machte ihr Sorgen. Sie seufzte beinahe.
Er war erst so kurz hier, aber sie fühlte bereits für ihn, als wäre er immer bei ihr gewesen. Narcissa erinnerte sich an die Zeit, als er ein Baby gewesen war. Er war so kräftig und eigenwillig gewesen, sie hatte ihm sofort ihr Herz geschenkt. Doch sie hatte ihn nur wenige Stunden in den Armen halten können, dann musste sie ihn weggeben. Draco... Draco war einfach anders. Er war ein schwächliches Kind gewesen. In den ersten Wochen hatten sie Angst gehabt, er würde nicht überleben. Schreckliche Wochen. Natürlich hatte sie ihn geliebt, er war ihr Kind. Außerdem war er schnell stärker geworden. Dennoch, sie hatte nie dasselbe empfunden, wie beim ersten Anblick ihres älteren Sohnes. Diesen Stolz, diese Bewunderung für soviel Kraft in einem so kleinen Wesen. Das Gefühl des Verlustes, nachdem er ihr genommen wurde, hatte sie nie ganz überwunden. Draco konnte diese Lücke nicht füllen... manchmal hatte sie das Gefühl, sie tat ihm unrecht. Er bemühte sich so sehr, das wusste sie. Aber er konnte nicht sein, was er nicht war.
Heute beim Frühstück, als sie Tigris zum ersten Mal mit seinem wirklichen Äußeren gesehen hatte, hatte Narcissa sich an all die alten Gefühle erinnert. Er war nun ein Teenager, fast schon ein Mann. Er sah so sehr aus wie Lucius, es war erschreckend. Sicher war er sich nicht bewusst, was er ausstrahlte. So viel Stärke, soviel Kraft. Er erinnerte sie an Lucius, während er jung war. Ihre Familien hatten sie von Geburt an verlobt, aber es war nicht schwer für sie gewesen, sich in diesen Mann verlieben. Er hatte sie in seinen Bann gezogen, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Sie wusste, das ging vielen Leuten so. Zudem war er sanft zu ihr gewesen und verständnisvoll... damals... Ja, es war ihr nicht schwergefallen, sich in ihn zu verlieben. Sie liebte ihn noch immer, auch wenn er kälter geworden war... besonders nach Livias Tod und Tigris' Verlust. Tigris hatte die Anziehungskraft seines Vaters geerbt, sein Charisma war beinahe noch stärker... aber vielleicht kam ihr das nur so vor, weil er jung war.
Aus einem Gefühl heraus drehte sie sich um und da stand er, auf seinem Balkon, die Hände auf das Geländer gestützt. Der Anblick verschlug ihr den Atem. Er wirkte so erhaben, als würde alles unter ihm ihm gehören. Aber das fühlte sich nicht falsch an, sondern so, als sei das sein rechtmäßiger Platz. Narcissa atmete tief ein und machte eine automatische Geste zu Lucius.
„Sieh nur..."
Lucius wandte sich um und runzelte die Stirn. Tigris bemerkte sie nun offenbar. Er wandte sich mit einer zornigen Bewegung ab und verschwand im Haus. Seine Robe wehte eindrucksvoll hinter ihm her. Lucius starrte ihm nach. Sein Stirnrunzeln wich nach einer Weile, aber ein nachdenklicher Ausdruck blieb.
Danke für eure Reviews an: Riwen, xerperus, YanisTamiem, Padfoot´s Mate, vampiry, Kissymouse, blub, Lea, Yuki, Devilsnight
Padfoot's Mate: Hab bei den Elben eher an die keltisch- germanische Mythologie gedacht – Tolkiens Elben sind viel netter. Hätte sie auch Elfen nennen können, aber na ja... seit HP denke ich bei Elfen immer an kleine, hyperaktive Dinger mit zu großen Ohren.
Kissymouse: Harry hatte im Gegensatz zu Draco schon ein wenig Zeit, sich auf etwas (Furchtbares, Schockierendes, sonst wie Bösartiges) vorzubereiten, aber er war trotzdem erstmal geschockt. Warum Tigris... eine gute Frage. Einen virtuellen Keks für jeden, der die Antwort errät.
Lea: Es hat mich ein wenig erschreckt, dass jemand die gleiche Grundidee hatte, wie ich. (Vielleicht hätte ich das erwarten sollen, bei so vielen Leuten die ffs zu Harry Potter schreiben, aber na ja...) Ich kann nur sagen, ich klaue von niemandem außer JKR. Nachdem ich „Brüder"nach deinem Hinweis gelesen habe, hoffe ich, dass abgesehen von der „Zwillingsidee" nicht zu viele Ähnlichkeiten bestehen. Ich denke (hoffe), Godiva geht mit ihrem Plot in eine andere Richtung als ich.
A/N: Ich habe eine Frage an euch: Ich habe bisher meistens die englischen Bezeichnungen für Straßen und Plätze benutzt. Sollte ich Winkelgasse schreiben oder Diagon Alley? Ich habe erst Diagon Alley geschrieben, aber es kam mir irgendwie unpassend vor, also habe ich es in Winkelgasse geändert. Was meint ihr?
