Disclaimer:
Warum? Warum gehört Harry Potter nicht mir? Ich müsste keine Disclaimer schreiben! Ich könnte Harry Potter Bleistifte, Bettwäsche und Klobrillen verkaufen, einen irrsinnigen Haufen Geld verdienen und den ganzen Tag ff's schreiben!
'Trockene Stimme aus dem Nirgendwo': JKR hatte die Idee zuerst.
Ah, verdammt. Ich wusste, ich hatte etwas vergessen.
Schatten der Wahl
12. Training
Tigris ging die Treppe hoch und stoppte im oberen Korridor. Ihm wurde bewusst, dass er nicht wusste, wo der Trainingsraum war, von dem sein Vater gesprochen hatte. Tigris hatte automatisch angenommen, dass er sich im ersten Stock befinden musste, da dort auch die Bibliothek war. Unschlüssig wandte er sich in diese Richtung. Von dem Korridor, von dem man zur Bibliothek gelangte, gingen noch ein paar weitere Türen ab. Wahrscheinlich war es eine von diesen. Die Suche wurde ihm erspart, als sich eine der Türen öffnete und Draco ihm winkte. Er zog Tigris hastig zu sich in den Raum.
„Ich dachte mir, dass du nicht weißt, wo der Raum ist. Ich sollte den Raum eigentlich nicht verlassen, also sag einfach nichts, in Ordnung?" Draco sah ein wenig nervös aus.
„Natürlich.", erwiderte Tigris, sich umsehend. „Danke."
Draco zuckte nur mit den Schultern. Er war barfuss und trug einen weißen Trainingsanzug anstelle seiner normalen Robe. „Du solltest dich umziehen. Anzüge sind dort drüben." Er deutete auf einen Schrank an der Seite.
Der Raum in dem sie sich befanden hatte große Fenster auf einer Seite, durch die man auf den Garten hinaus sah. Der glatte Holzboden war mit Bambusmatten ausgelegt. An der fensterlosen Seite des Raumes waren eine Reihe Vitrinen, in denen sich verschiedene Arten von Waffen befanden.
„Er möchte, dass ich dir die Grundlagen im Nahkampf und den Umgang mit ein paar Waffen beibringe.", sagte Draco, während Tigris sich umzog. Er deutete auf die Vitrinen. „Reinblütige Zauberer lernen das normalerweise ab dem sechsten Lebensjahr. Vater hat mir beigebracht, was ich weiß." Er zögerte. „Ich habe Spaß daran, aber ich weiß nicht, wie gut ich darin bin, es dir beizubringen. Er wird natürlich nachprüfen, ob du Fortschritte gemacht hast." Er bedachte Tigris mit einem leicht besorgten Blick. „Hast du wenigstens ein bisschen Erfahrung im magielosen Kampf?"
Tigris sah unsicher zu den Vitrinen. Sie enthielten Säbel, verschiedene Arten von Schwertern, Dolche und einige Waffen, die ihm völlig unbekannt waren. „Ich habe im zweiten Schuljahr den Basilisk mit einem Schwert getötet, aber das war mehr Glück als Technik. Außerdem hat Fawkes mir geholfen." Tigris bemerkte Dracos Blick. „Was? Du wusstest das. Die gesamte Schule wusste darüber Bescheid."
Draco blinzelte. „Ja, aber Dumbledore ist nicht ins Detail gegangen. Du hast einen Basilisk mit einem Schwert getötet?" Er klang ungläubig.
„Ja, aber Fawkes – der Phönix von Dumbledore – hatte ihm bereits die Augen ausgepickt. Es war keine große Leistung, ich versuchte nur, am Leben zu bleiben. Es gelang mir, ihn zu treffen, aber er biss mich noch. Ich bin nur noch am Leben, weil der Phönix da war."
„Ja, aber warum in Mordrauds Namen hast du einen Basilisk mit einem Schwert bekämpft? Warum hast du nicht deinen Zauberstab benutzt?"
Tigris wich Dracos Blick aus. „Das ist ein wenig kompliziert. Riddle hatte meinen Stab."
„Riddle?", rief Draco schockiert. „Meinst du den Dunklen Lord?"
Tigris biss sich auf die Lippen. „Genau genommen war er das nicht. Es war nur eine manifestierte Erinnerung von ihm, als er fünfzehn war."
„Ich verstehe.", sagte Draco verwirrt und schüttelte den Kopf. „Es scheint, das ist wirklich eine längere Geschichte. Nun gut." Er räusperte sich. „Außer der Sache mit dem Basilisk noch etwas?"
„Nicht wirklich. Ich denke ich habe eine ganz gute Konstitution und Reflexe vom Quidditch und ich habe ein wenig für das Trimagische Turnier gelernt, aber das kann man nicht wirklich zählen."
Draco seufzte. „Ich hoffe, er erwartet nicht, dass du am Ende dieser Woche schon wirklich etwas kannst, aber gut. Lass uns aufwärmen und ich versuche mein Bestes."
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Sie verbrachten den Großteil des Vormittags damit, Grundlagen des Nahkampfs zu üben. Tigris hatte keine Schwierigkeiten mit den meisten Techniken, die Draco ihm vormachte. Er war gelenkig und seine durch Quidditch gewonnene Kondition zahlte sich aus. Er stieß erst an seine Grenzen, als Draco versuchte, ihm Schwertkampf beizubringen. Tigris begriff einfach nicht, was er falsch machte. Draco machte ihm die Haltung ein ums andere Mal vor, Tigris machte es dennoch nicht richtig. Es half nicht gerade, dass Draco alles andere als geduldig war. Es dauerte nicht lange, bis er Kommentare von sich gab, die von Snape hätten stammen können, ohne Tigris wirklich weiter zu helfen. Tigris wusste, dass er ETWAS falsch machte, aber Draco half ihm nicht dabei zu erkennen, WAS er falsch machte. Er wurde immer frustrierter und verlor schließlich ebenfalls die Geduld und schrie zurück. Sie warfen sich gegenseitig Beleidigungen an den Kopf, bis der Streit zu einem Handgemenge eskalierte, das Draco schnell für sich entschied. Danach beschlossen sie, es für diesen Tag aufzugeben. Es war von Vorteil, dass es bald Zeit zum Mittagessen war.
Nach dem Mittagessen nahm ihr Vater sie mit in einen anderen Raum, der dem Trainingsraum sehr ähnlich sah, nur dass die Vitrinen und Bambusmatten fehlten. Ein Adrenalinstoß durchfuhr Tigris, als sein Vater zwei Zauberstäbe hervorzog. Einen davon gab er Draco. Den anderen hielt er Tigris hin, ohne den Blick von ihm zu wenden. Tigris hatte die Hand danach ausgestreckt, bevor er sich seiner Bewegung bewusst wurde. Sein Vater zog den Stab ein Stück zurück.
„Kann ich dir damit vertrauen, Tigris? Dies ist der Stab meines Großvaters. Er wird möglicherweise nicht so gut funktionieren, wie dein alter Stab, aber für ein ungefährliches Duell ist es genug. Kann ich mich darauf verlassen, dass du nicht etwas Törichtes damit anfängst?"
„Natürlich, Vater.", antwortete Tigris, ohne den Blick von dem Stab zu lösen. Alles in ihm lechzte danach, ihn aus seiner Hand zu reißen und...
„Tigris!", schnappte sein Vater ärgerlich.
Tigris fuhr zusammen und sah auf. „E..entschuldigung, Vater." Er fühlte, wie er zitterte und riss sich mit aller Macht zusammen um ihm gerade in die Augen zu sehen. „Ich werde ihn nur mit deiner Erlaubnis benutzen." Diesmal kämpfte er nicht gegen die Präsenz in seinem Geist an.
Sein Vater lächelte und überließ Tigris den Stab. „Gut. Wie du dir wahrscheinlich schon gedacht hast, werden wir hier Duellieren üben. Ich werde euch ein paar neue Duellzauber beibringen, aber zuerst will ich sehen, wie weit ihr bereits seid. Ihr werdet gegeneinander antreten. Es ist alles erlaubt, was nicht zu dauerhaftem Schaden führt. Haltet euch nicht zurück, oder ihr macht mich sehr ungehalten. Verstanden?"
Sie nickten. Tigris sah seinen Bruder an und begegnete einem Blick, der seine eigene Unsicherheit widerspiegelte. Er wollte ihn nicht verletzen, aber er wollte sich auch seinem Vater nicht widersetzen. Er war sich sicher, dass er Draco schlagen konnte, er hatte es schon etliche Male zuvor getan und er hatte in den letzten Wochen einige neue Zauber gelernt. „Ich werde mich nicht zurückhalten.", entschied er schließlich.
Draco nickte in kaltem Einverständnis. „Ich auch nicht, Bruder."
„Etwas noch.", unterbrach ihr Vater mit einem Hauch Amüsement in der Stimme. „Ich denke, es ist Zeit, diese Halskette abzunehmen."
Tigris blinzelte verwirrt. „Warum? Ich meine, nicht dass ich protestiere, aber sie dient doch nur dazu, mich in diesem Haus zu halten, oder?"
„Natürlich." Sein Vater löste den Verschluss und nahm ihm die Kette ab. „Was sie ausgezeichnet getan hat. Wie auch immer, ich denke nicht, dass sie noch notwendig ist. Irre ich mich?"
„Nein, Vater." Tigris hasste die Tatsache, dass es die Wahrheit war. Er würde nicht länger versuchen, sich seinem Schicksal zu widersetzen. Es kam ihm nun zu Bewusstsein, dass er niemals wirklich versucht hatte, zu fliehen. Es hätte ohnehin nicht funktioniert, also warum bedauern, was nicht zu ändern war? Vielleicht würde er sich besser fühlen, wenn er einen heftigeren Kampf geliefert hätte, aber er sagte sich, dass er so viel gekämpft hatte, wie er konnte. Das Ergebnis wäre immer das gleiche gewesen, dessen war er sicher. Tigris zwang sich, sich auf seine gegenwärtige Aufgabe zu konzentrieren.
Draco und er stellten sich auf gegenüberliegenden Seiten des Raumes auf und verbeugten sich voreinander. Es rief ein eigenartiges Gefühl von Dejavu hervor. Tigris murmelte einen Schutzzauber, als ihr Vater anfing zu zählen. Eine weise Entscheidung, denn Draco griff ihn an, sobald er bei Zwei angekommen war. Seine Verwünschung traf auf Tigris' Schutzzauber und verging harmlos.
„Imago!", rief Tigris, und rollte sich zur Seite. Während Draco noch verwirrt blinzelte, weil er plötzlich mehrere Gegner zu haben schien, sprach Tigris den nächsten Zauber.
„Expelliarmus!" Draco wurde nach hinten geworfen und sein Stab kam in Tigris' Hand geflogen. Draco fuhr schockiert zu Tigris herum. Tigris warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. „Petrificus totalus." Draco fiel.
Gedämpftes Klatschen riss ihn aus seiner Konzentration. Sein Vater trat neben Draco.
„Finite incantatum." Draco kam wieder auf die Füße und Tigris gab ihm seinen Stab zurück. Sein Vater musterte ihn nachdenklich.
„Offensichtlich hast du deinem Bruder einiges voraus. Ich hätte das erwarten sollten, wenn ich darüber nachdenke. Bei diesem Unterschied scheint es nutzlos, euch miteinander duellieren zu lassen. Lasst uns sehen, wie du mit jemandem mit etwas mehr Erfahrung fertig wirst."
Tigris trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Sein Vater grinste. „Geh zur Seite, Draco."
Sein Bruder warf Tigris einen besorgten Blick zu, aber tat was ihr Vater gesagt hatte.
„Sei so freundlich, und zähle für uns."
Sie verbeugten sich voreinander. Wieder zögerte Tigris nicht, einen Schutzzauber zu sprechen, einen stärkeren diesmal. Aber sein Vater wartete tatsächlich, bis Draco bis drei gezählt hatte.
„Imperio."
Ruhe. Zufriedenheit.
„Lass deinen Zauberstab fallen."
Tigris fühlte, wie der Griff um seinen Stab sich lockerte, aber plötzlich durchfuhr ihn eine Welle von Zorn. Er würde es ihm nicht so einfach machen. „Nein! Impedimenta!"
Sein Vater wich dem Zauber aus und warf einen anderen zurück. „Protego! Expelliarmus!" Sein Spruch verschwand ohne Effekt.
Tigris wich dem Expelliarmus aus, aber bevor er einen Zauber zurückwerfen konnte, kam sein Vater ihm zuvor.
„Consopio!"
Einen Moment lang fühlte Tigris sich schwindelig, dann brach er den Spruch wie zuvor den Imperius. „Defigo!"
Sein Vater wich aus. „Detorquete!"
„Referio!" Der Spruch prallte von Tigris' Schild ab und fiel auf seinen Vater zurück, aber der sprach rechtzeitig einen Schutzzauber. Tigris merkte, wie er langsam ärgerlich wurde.
„Expelliarmus!", kam sein Vater ihm erneut zuvor.
Tigris wich aus. „Ineptio!"
Der Fluch traf, und der nächste Spruch seines Vaters kam nur als Kauderwelsch aus seinem Mund.
„Stupefy!", rief Tigris, die Gelegenheit nutzend.
Sein Vater wirkte eine Sekunde lang überrascht, aber wich aus und deutete einfach mit dem Stab auf sich selbst. Kurz darauf hatte er seine Stimme zurück. „Crucio!"
Tigris wich schockiert aus. Dann richtete er wütend seinen Zauberstab auf die Beine seines Gegners. „Osum frangi!"
Es gab ein unappetitliches Knacken. Sein Vater stieß einen überraschten Schmerzensschrei aus und taumelte.
Tigris zögerte nicht. „Expelliarmus!"
Sein Vater wurde von den Füßen gerissen und sein Stab flog in Tigris' Hand. Tigris richtete seinen Stab auf ihn, aber sein Vater kam ihm zuvor. „Petrificus totalus!"
Tigris erstarrte und fiel, die Augen ungläubig auf seinen Vater gerichtet, der nur die Hand in seine Richtung ausgesteckt hatte.
Sein Vater grinste, wenn auch schmerzverzerrt. „Setze niemals so einfach etwas voraus, mein Sohn. Bring mir bitte meinen Stab, Draco."
Draco gehorchte hastig.
„Jetzt hol deine Mutter, ich werde sie brauchen. Ach ja: Finite incantatum."
Tigris stand langsam auf und sah seinen Vater unsicher an. „Du beherrscht Handmagie." Er hatte immer geglaubt, das könnten nur wirklich mächtige Zauberer, so wie Dumbledore.
„Offensichtlich. Erzähl es nicht weiter." Sein Vater grinste, dann zog er eine Grimasse und murmelte einen Zauber, um sein gebrochenes Bein zu schienen. „Und du findest es nicht unter deiner Würde, dunkle Magie zu benutzen. Ich bin beeindruckt."
Tigris grinste arrogant zurück. Die Magie und das Adrenalin machten ihn selbstsicher. „Es muss einen Nutzen haben, diese Bücher zu lesen."
Sein Vater lachte. „Dein erstes Mal, nehme ich an."
Tigris wurde schlagartig nüchtern. „Um die Wahrheit zu sagen, nein."
„Wirklich? Du meinst nicht den Vorfall mit meiner lieben Schwägerin in der Mysteriumsabteilung, oder? Denn das zählt nicht, du hast es nicht richtig gemacht."
„Oh."
„Für einen so guten Duellanten bist du noch bemerkenswert naiv. Wo bei Mordraud bleibt deine Mutter wenn man sie braucht?"
Gerade in diesem Moment kam seine Mutter zur Tür herein und kümmerte sich sofort um das verletzte Bein. Sie lernten an diesem Tag keine neuen Zauber, aber zu Tigris' Erleichterung hielt sein Vater es auch nicht für nötig, ihn für den Spruch zu bestrafen. Im Gegenteil, er wirkte merkwürdig zufrieden. Es hätte Tigris beunruhigt, wenn er das Gefühl gehabt hätte, er hätte etwas Falsches getan.
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„Konzentriere dich. Atme langsam ein und aus. Ein und aus. Siehst du es jetzt?"
Tigris saß mit überschlagenen Beinen seiner Mutter gegenüber. Hinter seinen geschlossenen Augen formte sich langsam ein Bild des Labyrinths, das seinen Geist darstellte. Es war nicht wirklich ein BILD, mehr ein Gefühl, aber Tigris zog es aus Mangel an Worten vor, es als bildlich zu bezeichnen. Es war ein wenig wie das unbewusste Wissen, mit dem man sich an einem bekannten Ort auch in völliger Dunkelheit zurechtfindet.
„Ja, es wird langsam klarer."
„Gut."
Sie hatte ihm in den vergangenen Tagen beigebracht, wie er sein neu gewonnenes Talent nutzen konnte. Von seiner Erfahrung mit seinem Vater war sie wenig beeindruckt gewesen.
„Sag es ihm nicht ins Gesicht, aber er ist kein sehr guter Legilimens. Okklumentik ist mehr, als jemanden einfach aus seinem Geist herauszuhalten. Es ist die Kunst, Gedanken zu verbergen, ohne dass es jemals bemerkt wird. Was denkst du hätte ein stärkerer, entschlossenerer Legilimens an seiner Stelle getan? Er hätte sofort gewusst, dass du ihn ausblockst. Das hätte ihn zu dem Schluss geführt, dass du etwas zu verbergen hast. In dem Moment, in dem das geschieht, ist deine Okklumentik vergeudet."
Das war ein nur zu logisches Argument. Folgerichtig hatte Tigris gelernt, seinen Geist zu sortieren, einige Erinnerungen an der Oberfläche zu lassen und andere zum Verschwinden zu bringen. Langsam erreichte er den Punkt, an dem jemand, der in seinen Geist blickte nur das sah, was er ihn sehen lassen wollte. Wenn er Erinnerungen verbergen wollte, würde sein Gegenüber niemals wissen, dass sie existierten. Mit seiner neu gewonnenen Orientierungsfähigkeit war das leichter, als er vermutet hatte. Was dagegen wirklich schwer war, war sein inneres Gleichgewicht zu halten. Erinnerungen, die Tigris in den Hintergrund schob, waren zunächst genau das – unbewusst und so gut wie vergessen. Es war trickreich, sein Bewusstsein so zu manipulieren, dass es von außen erschien, als seien die Erinnerungen nicht da, ohne dass er selbst den Zugang zu ihnen verlor. Tigris war noch lange nicht perfekt darin, aber er wurde mit jedem Tag besser.
„Nun, da du schon so weit fortgeschritten bist, wird es Zeit, dass wir uns der anderen Seite unserer Begabung widmen: Legilimentik."
Tigris sah sie überrascht an und runzelte die Stirn. „Aber ich bin noch längst nicht sicher in Okklumentik."
Sie lächelte. „Du bist bereits weiter, als die meisten normalen Okklumenten jemals kommen. Ich bin sicher, wenn du jemals in den Geist eines Aurors blickst, werden dir seine Versuche lächerlich vorkommen. Zumindest ging es mir immer so. Du würdest nicht glauben, wie viele angeblich ausgebildete Männer närrisch genug sind, einer lächelnden Frau in die Augen zu sehen." Sie kicherte leise, mit ihren Gedanken in Erinnerungen. „Aber genug davon. Du bist weit genug, um die Grundlagen der Legilimentik zu erlernen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis du mit einem ausgebildeten Okklumens fertig wirst, aber es sollte kein Problem für dich sein, in einen ungeschützten Geist zu sehen. Wir geben uns erst gar nicht mit dem Spruch ab, das ist Kinderei. Welchen Nutzen hat Legilimentik, wenn dein Gegenüber vorgewarnt ist? Du solltest bereits jetzt fähig sein, durch einen Blick in die Augen zu erkennen, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt. Bald wirst du auch fähig sein, Bruchteile von Bildern und Gedanken zu erkennen, die sich an der Oberfläche bewegen. Wenn du schließlich den Spruch benutzt, wird er nur noch ein Mittel sein, um Blockaden zu überwinden und in das Unterbewusstsein eines Geistes zu brechen, jene Gedanken zu erfahren, die jemand versucht zu verbergen. Deswegen ist es so gefährlich, einen Legilimens wissen zu lassen, dass du etwas zu verbergen hast. Wenn er es weiß, kann er seine ganze Stärke hinter seiner Fähigkeit versammeln."
Tigris war ein wenig überwältigt von dieser Vorstellung. „Das ist eine große Verantwortung.", murmelte er.
Sie lachte. „Zuerst und vor allem ist es ein nützliches Werkzeug, was dir gute Dienste erweisen wird. Du musst aufhören, so übermäßig moralisch zu denken. Die Gaben, die wir besitzen, sind dafür da, dass wir sie benutzen. Die Welt ist kalt und unfair, mein Junge. Wenn du weiterkommen willst, muss du dir nehmen, was du kriegen kannst, bevor dir ein anderer zuvor kommt."
„Okay.", erwiderte Tigris unsicher. Er wollte sie nicht enttäuschen, aber er stimmte ihr innerlich nicht zu. Sicher, die Welt war nicht fair. Aber man brauchte ein paar Werte, um darin zu überleben. Wenn sich jeder nur selbst der nächste wäre, wie würde die Welt dann aussehen?
Sie schenkte ihm ein wohlwollendes Lächeln. „Wenn du älter wirst, wirst du verstehen, was ich meine. Es ist das Vorrecht der Jugend idealistisch zu sein." Sie schlug mit der flachen Hand vor sich auf den Boden. „Zurück zum Wesentlichen. Du solltest damit beginnen, ein Gespür für einen fremden Geist zu entwickeln. Wenn wir Glück haben, wirst du am Ende dieses Tages fähig sein, eine fremde Präsenz in deiner Nähe zu spüren. Mit fortschreitender Erfahrung wird die Reichweite dieses Gespürs sich vergrößern und du wirst Personen erkennen können, die du kennst."
„Also so macht er es!", rief Tigris ohne es zu wollen aus.
„Macht wer was?", fragte sie amüsiert.
„Professor Dumbledore!", erklärte Tigris, begeistert von seiner Erkenntnis. „Er weiß immer, wenn jemand vor seinem Büro steht. Er weiß sogar, WER vor seinem Büro steht – und er kann durch einen Unsichtbarkeitsmantel sehen. Oder zumindest erscheint es so. In Wirklichkeit muss er das tun, was du gesagt hast."
„Ah ja, Dumbledore.", sagte sie in einem abwesenden Tonfall. „Ein mächtiger Legilimens für jemanden, der keinen Schlüsselstein besitzt. Aber wer weiß... es heißt, dass alle reinblütigen Familien untereinander verwandt sind. Vielleicht, vor vielen Generationen... Man kann nie wissen, nicht wahr?"
„Dumbledore ist der mächtigste Zauberer der Welt.", entgegnete Tigris. „Sicher braucht er keinen Schlüsselstein, um ein mächtiger Legilimens zu sein."
„Vielleicht.", murmelte sie gedankenverloren. Dann erwachte sie aus ihrer Geistesabwesenheit. „Sag das nicht zu deinem Vater. Er wäre nicht erfreut."
Tigris zuckte unwillkürlich zusammen. „Du bist anderer Meinung?"
Sie zuckte leicht mit den Schultern, eine schmale Falte auf der Stirn. „Es ist schwer zu sagen. Sie sagen, dass ER ihn fürchtet. Der alte Mann lebt schon recht lange, alles in allem."
„Dumbledore selbst hat gesagt, dass der Dunkle Lord mehr über Magie weiß, als jeder andere Zauberer auf der Welt.", sagte Tigris aus einem nachgiebigen Gefühl heraus.
Sie warf ihm einen stechenden Blick zu. „Man sagt, dass Wissen gleich Macht ist, aber das ist nicht vollkommen wahr, wie du wohl weißt. Gib mir gegenüber nicht vor etwas zu meinen, was du nicht wirklich glaubst. Spar dir das für deinen Vater."
Tigris musste ihr einen schockierten Blick zugeworfen haben, denn sie schmunzelte. „Erinnerst du dich an das, was ich vorhin über Gaben gesagt habe? Wir müssen alle das Beste aus dem machen, was uns gegeben ist, nicht wahr? Nun lass uns zu deinem Training zurückkehren. Ich hatte vor, dir heute Abend ein paar alte Bücher der Black – Familie zu geben, die du sicher interessant finden wirst."
Tigris nickte langsam und brauchte ein paar Minuten, bis er wieder voll konzentriert war.
Vielen Dank an: Kissymouse, Padfoot's Mate, xerperus, Deedochan, blub, Fallen, auxia, Lyonessheart, rah-chan
Padfoot's Mate: Das hört sich doch schon besser an... ;-)
