Disclaimer:

Wartet, wartet, ich muss mal kurz meinen Rucksack durchwühlen. Bleistift... Zitronenbonbons... ein Stimmzettel für Al Gore???... unverschämt schweres Biobuch... nope, Harry Potter ist nicht dabei. Muss wohl doch JKR gehören.


Schatten der Wahl

14. Diagon Alley

Tigris genoss den freien Tag mit Draco. Es war ein berauschendes Gefühl, auf einem Aethonan zu reiten. Es war ähnlich wie der Ritt auf einem Hippogreif oder einem Thestral, aber im Unterschied zu diesen Wesen waren die Aethonans gezähmt und ausgebildet. Natürlich hätte Tigris das geflügelte Pferd ohne Draco niemals lenken können, aber er fühlte sich trotzdem frei in der Luft. Draco hatte ihm eine sanfte braune Stute ausgesucht, die Dracos Pferd ohne zu zögern folgte. Am Abend verbrachten sie ein paar Stunden damit, mit ihren Wurfdolchen zu üben, etwas, womit Tigris im Gegensatz zum Schwertkampf ganz passabel war. Zu seiner Erleichterung blieb ihr Vater den ganzen Tag abwesend.

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„Wie Draco dir sicher gesagt hat, werden wir heute nach London gehen. Ihr braucht beide eure Schulsachen und du benötigst einen neuen Zauberstab. Wir werden um Zehn Uhr losgehen, also seht zu, dass ihr bis dahin fertig seid."

Sie nickten. Sein Vater bedachte Tigris mit einem nachdenklichen Blick.

„Ich habe einige geschäftliche Dinge in London zu erledigen. Ihr zwei werdet zusammen bleiben und euch aus Problemen fernhalten. Draco, ich verlasse mich darauf, dass du deinen Bruder im Auge behältst."

„Ja, Sir.", sagte sein Bruder, ohne Tigris anzusehen.

„Gut. Ich bin in meinem Studierzimmer, seid um Viertel vor Zehn unten."

„Ja, Vater. Kommt Mutter nicht mit?"

„Nein. Bis später. Oh, und Tigris, wenn Ollivander fragt, du hast bisher den Stab deiner Mutter benutzt."

„Hast du ein Foto davon?"

Sein Vater überlegte einen Moment. „Ich habe den Stab in der Familiensammlung. Ich suche ihn heraus."

Er stand auf und verließ den Tisch.

Ihre Mutter lächelte ihnen zu. „Ich wünsche euch viel Spaß. Kauf dir ein paar neue Roben, Tigris. Du kannst nicht für immer diese größeanpassenden Modelle tragen, es ist einfach nicht standesgemäß."

„Ich bin sicher, Draco kann mir dabei helfen.", sagte Tigris ohne Begeisterung. Er persönlich fand an seinen Roben nichts auszusetzen, aber er nahm auch nicht für sich in Anspruch, über Kleidung Bescheid zu wissen.

„Madame Malkin weiß normalerweise, was Mutter im Sinn hat.", meinte Draco trocken.

Die Augen seiner Mutter leuchteten auf. „Gut, dass du darauf hinweist, Draco. Ich werde ihr sofort eine Eule schicken. Du wirst dich vernünftig verhalten, nicht wahr, Tigris?"

„Natürlich, Mutter."

„Gut. Keine Ausflüge nach Knockturn Alley, Draco. Dort treiben sich eine Menge gefährlicher Kreaturen herum."

„Ja, Mutter."

„Schön. Bis heute Abend."

Sie stand auf und verließ den Raum mit einem begeisterten Gesichtsausdruck.

Draco lachte leise.

„Sei dir sicher, dass du heute Abend eine komplett neue Garderobe besitzen wirst. Eingeschlossen das Glück, Mutter zeigen zu können, wie gut dir deine neuen Sachen stehen."

Tigris stöhnte. „Nicht wirklich, oder?"

Draco grinste schadenfroh. „Das kann Stunden dauern, wie ich sie kenne."

Tigris seufzte. „Ich vermute, ich sollte mich darüber freuen, aber ich kann mich nicht dazu durchringen, den Gedanken unterhaltsam zu finden."

Sein Bruder verzog das Gesicht. „Es ist nervtötend, aber du wirst dich daran gewöhnen. Sie ist besessen von Kleidung und Schmuck. Das schlimme daran ist, ich weiß nie, ob es nur Schauspielerei ist. Wenn, dann übertreibt sie entschieden."

„Ich verstehe.", sagte Tigris resigniert.

Draco wurde ernst. „Du wirst nichts Verrücktes unternehmen, oder? Ich meine so etwas, wie verschwinden und das Floo nach Hogwarts benutzen?"

Tigris schüttelte den Kopf. „Ich gebe dir mein Zaubererehrenwort, dass ich nichts dergleichen tun werde, Draco. Ich würde dich nie in Gefahr bringen."

„Ich würde versuchen, dich aufzuhalten.", gab Draco unverhohlen zu.

„Ich erwarte nichts anderes. Ich habe akzeptiert, was ich bin, Bruder. Wohin sollte ich gehen, wenn ich von hier fliehen würde? Ich kann nicht in Hogwarts leben, und Vater hat einen rechtlichen Anspruch auf mich."

„Dumbledore würde sicher einen Weg finden."

Tigris nahm Dracos Hand. „Vielleicht. Aber ich will das gar nicht. Ich wollte immer eine Familie, mehr als alles andere. Ich werde das nicht einfach wegwerfen, nur weil Vater und ich in einigen Dingen unterschiedlicher Meinung sind."

Draco musterte ihn misstrauisch, aber nickte. „Ich vertraue dir. Lass es mich nicht bereuen."

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Kurz nach Zehn standen sie beide im Studierzimmer ihres Vaters. Er reichte ihnen die Bücherlisten für das sechste Jahr. Bei Tigris' war ein kurzer Brief von Dumbledore, der ihn in Hogwarts willkommen hieß und ihn informierte, dass er mit den Erstklässlern in ein Haus eingeteilt werden würde. Tigris gab ihn an seinen Vater zurück und steckte nur die Liste ein. Der Gedanke an Hogwarts machte ihn ein wenig nervös, aber er würde sich später damit befassen. Draco erhielt seinen Stab zurück. Sein Vater reichte Tigris einen recht kurzen, rötlichen Stab.

„Das ist Agrippinillas Stab. Probier ihn aus, so dass du ein Gefühl für ihn hast."

Tigris schwenkte den Stab und sprach einen Wingardium Leviosa auf ein paar Bücher. Der Stab fühlte sich unhandlich an, so als hätte er seinen eigenen Willen.

„Ungewohnt. Der andere Stab war einfacher."

Sein Vater verzog kaum merklich das Gesicht und nahm ihn zurück.

„Das dachte ich mir. Meine Schwester war eine... eigenwillige... Person mit einem zu ihr passenden Stab. Kirschholz und Diricawl- Feder. Ich kann mich nicht erinnern, dass das je zuvor in unserer Familie vorkam. Großvaters Stab enthält Thestral- Herzfaser, was ein normalerer Stabkern ist. Ich habe erwartet, dass er besser zu dir passt."

Er gab Draco eine Geldbörse. „Kauft erst die Sachen auf der Liste, bevor ihr zu Ollivander's geht. Wir treffen uns um vier heute Nachmittag im Leaky Cauldron. Seid pünktlich."

„Ja, Vater.", sagten sie gleichzeitig.

Als Tigris das Floopulver in der Hand hielt, war er für einen Sekundenbruchteil versucht, ‚Fuchsbau' zu rufen. Nur einen Sekundenbruchteil, nicht mehr.

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Ihr Vater trennte sich von ihnen, sobald sie Diagon Alley betreten hatten. Draco zerrte Tigris als erstes zu Madame Malkin's, wofür er im Nachhinein dankbar war, denn er war froh, die ganzen Messungen und Kommentare zu seinem Aussehen hinter sich zu haben. Die Verkäuferin war regelrecht außer sich und redete ohne Unterlass. Da es Tigris nicht wirklich kümmerte, welche Farben zu seinen Augen passten und welche Schnitte seine Figur betonten, ließ er es einfach über sich ergehen und wies sie an, auszusuchen, was sie für das beste hielt. Draco mischte sich einige Male ein, um ein paar Käufe zu verhindern, die er für übertrieben oder unpassend hielt. Es war Tigris nur recht, auch wenn er nicht verstand, warum drei gleich aussehende Galaroben aus Samt sinnvoll waren, aber Stiefel aus Graphornleder übertrieben. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es ihn je kümmern würde. Als sie endlich fertig waren, gingen sie geradewegs zu Flourish & Blotts. Beim Kauf der Bücher erinnerte Tigris sich wieder daran, dass sie in diesem Jahr die NEWT- Kurse wählen mussten. Da er noch nicht sicher war, für welche er sich entscheiden würde, kaufte er einfach alle Bücher auf der Liste. Danach besorgten sie noch ein paar zusätzliche Zaubertrankzutaten und leere Phiolen. Draco hatte einen Rucksack mit Federleicht- Zauber bei sich, in den alle ihre Einkäufe ohne Probleme passten.

Schließlich hatten sie alle notwendigen Einkäufe erledigt. Nachdem sie etwas gegessen hatten machten sie sich auf den Weg zu Ollivander's.

Das Geschäft war noch genau, wie Tigris es in Erinnerung hatte – voller Regale bis zur Decke gefüllt mit Zauberstabschatullen. Selbst Ollivander sah noch genauso aus, wie vor fünf Jahren. Er betrachtete sie mit seinen silbernen Augen und Tigris fühlte, wie etwas nach seinen Gedanken tastete. Stirnrunzelnd schloss er den Mann aus. Tigris fragte sich, ob es erlaubt war, ständig Legilimentik zu benutzen. Sicher, er vermutete, dass Dumbledore es ebenfalls tat, aber sollte es nicht ein Gesetz dagegen geben?

„Guten Tag, Mister Malfoy und... Mister Malfoy." Tigris trat ungehalten zwischen Draco und Ollivander. Auch wenn es nicht Dracos Schuld war, seine Mutter hatte Recht. Draco warf Tigris einen verwirrten Blick zu, dann presste er ärgerlich die Lippen zusammen, als er begriff.

„Ich brauche einen neuen Zauberstab.", sagte Tigris kühler, als er beabsichtigt hatte.

Ollivander musterte ihn neugierig.

„Ich erinnere mich nicht, Sie schon einmal hier gesehen zu haben, Mister Malfoy. Gewöhnlich erinnere ich mich an jeden Stab, den ich verkauft habe."

„Ich habe bisher den Stab meiner Mutter benutzt.", entgegnete Tigris, und öffnete seinen Geist gerade genug, um Ollivander die Informationen zu geben, nach denen es ihm so verlangte.

„Ah ja, Agrippinilla, ich erinnere mich.", sagte Ollivander wie vorherzusehen. „Eine sehr selbstbewusste junge Hexe. Kirschholz, Diricawlfeder, 9 ½ Inch. Etwas launisch."

„Allerdings.", sagte Tigris trocken. „Ich bin nie wirklich mit diesem Stab zu Recht gekommen."

„Dann wird es Zeit, das zu ändern, nicht wahr?", sagte Ollivander vergnügt. „Ihr Stabarm?"

Tigris hielt ihm seinen rechten Arm hin und Ollivander nahm ein paar Messungen vor, leise vor mich hinmurmelnd.

„Ja, ja... probieren Sie diesen: Drachenherzfaser, Esche, 12 Inch. Nicht unähnlich dem Ihres Cousins. Drachenherzfaser, Wacholder, 12 ½ Inch, richtig, Mister Malfoy?"

Draco nickte nur. Sobald Tigris den Stab in der Hand hatte, hatte Ollivander ihn ihm auch schon wieder weggenommen.

„Nein, das ist es nicht. Mal sehen... hier: Phönixfeder, Lorbeer, 11 Inch. Nein. Einhornhaar, Weide, 12 Inch... nein, nein, auf keinen Fall..."

Stab auf Stab wurde in Tigris' Hand gedrückt und wieder weggenommen. Ollivander wurde zunehmend vergnügter und sauste auf seinen Leitern die Regale entlang. Irgendwann, Tigris hatte längst aufgehört, zu zählen, betrachtete er ihn nachdenklich.

„Eigenartig, eigenartig... man könnte meinen, Sie hätten bereits mit einem Stab gebunden... aber das ist nicht der Fall, sagen Sie... hm... Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sie so gut mit dem Stab ihrer Mutter zu Recht gekommen sind, es passt einfach nicht... Warten Sie einen Moment..."

Ollivander verschwand im hinteren Teil des Ladens und Tigris wechselte einen besorgten Blick mit Draco.

Was, wenn Ollivander keinen Stab für ihn fand? Schließlich hatte Tigris bereits einen persönlichen Stab, auch wenn das keiner wissen durfte. Fanden Zauberer nur einmal im Leben einen vollkommen passenden Stab? Aber was, wenn der Stab aus irgendeinem Grund unbrauchbar wurde? Sicher gab es eine Lösung?

Ollivander kam wieder zum Vorschein, eine sehr verstaubte Kiste in den Händen.

„So sehr ich es auch bedaure, einzugestehen, dass keiner meiner Stäbe für Sie passt... es hat noch nie jemand Ollivander's ohne einen Stab verlassen." Er öffnete die Kiste.

„Versuchen Sie diesen. Eine Gregorovich- Kreation. Erkling- Knochen, Eiche, 13 Inch."

Der Stab fühlte sich bereits falsch an, als er Tigris berührte. Ollivander schauderte und riss ihn ihm förmlich aus der Hand. „Auf keinen Fall, nein, nein." Er wühlte in der Kiste herum und zog eine andere Schatulle hervor. „Vielleicht dieser... von Hoshi, Thestral- Herzfaser, Ginko, 11 ½ Inch." Ollivander schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. „Ich frage mich..." Er wühlte tiefer in der Kiste und zog schließlich einen in Leder eingeschlagenen Stab hervor. „Das ist ein recht alter Stab. Mein Großvater kaufte ihn von Nadua. Das war eine exzentrische Stabmacherin, wenn es je eine gab. Bereiste die ganze Welt, um seltene Bestandteile für ihre Stäbe zu finden. Er kaufte drei von ihr und dieser hier fand nie einen Besitzer." Er hielt Tigris den Stab hin. „Mantikor- Herzfaser, Sequoia, 13 ½ Inch. Versuchen Sie Ihr Glück."

Im Moment, als Tigris den Stab in die Hand nahm wusste er, dass dies der Stab war, den er suchte. Er schwang ihn und ein Streifen Licht in allen Farben des Regenbogens folgte der Bewegung. Ollivander klatschte begeistert in die Hände.

„Ich wusste, wir finden etwas für Sie. Glückwunsch, Mister Malfoy. Das wären 16 Galleonen und 3 Sickel für einen wirklich besonderen Stab."

Tigris gab noch weitere Fünf Sickel für ein Stab - Holster aus, wie es sein Vater benutzte, mit dem er den Stab an seinem Unterarm befestigen konnte. Als sie das Geschäft verließen, ließen sie einen sehr zufriedenen Ollivander zurück.

„Also, was machen wir jetzt?", fragte Tigris, geistesabwesend über den Stab an seinem linken Unterarm streichend. Er gab ihm ein lang vermisstes Gefühl der Sicherheit, von dem er wusste, dass es trügerisch war. Er begrüßte es trotzdem.

Draco grinste ihm zu. „Wir haben noch eine Menge Zeit. Ich denke, es wird Zeit, nach den interessanten Sachen zu sehen. Warum gehen wir nicht zu Quality Quidditch Supplies? Ich könnte einen neuen Schnatz gebrauchen, Theodore hat mir geschrieben, sie haben eine neue Sorte herausgebracht. Hast du überhaupt ein Set Bälle?"

Tigris schüttelte den Kopf.

„Das müssen wir natürlich ändern."

„Haben wir noch genug Geld dafür? Immerhin war der Stab ziemlich teuer."

Draco lachte und schlug Tigris gutmütig auf die Schulter. „Wir könnten neue Besen kaufen, wenn wir wollten. Aber ich brauche keinen, ich habe das neuste Modell zum Geburtstag bekommen. Was ist mit dir?"

„Ich auch, wenn du den Firebolt Advanced meinst." Tigris fand plötzlich die Pflastersteine vor sich sehr faszinierend. Der Besen erinnerte ihn an Sirius, und er wollte nicht an Sirius erinnert werden.

„Fantastisch. Ich brenne darauf, sie auszuprobieren. Ich bin seit Anfang der Ferien nicht mehr auf dem Quidditchfeld gewesen." Draco runzelte die Stirn, als er Tigris' Gesichtausdruck sah.

„Was ist los?"

Tigris seufzte. „Nichts. Es ist nur... erinnerst du dich an meinen alten Besen? Er war ein Geschenk von meinem Paten."

„Oh." Draco lächelte ihm mitfühlend zu. Tigris hatte ihm von Sirius erzählt. Draco kümmerte sich nicht halb so viel um das Schicksal des Black- Vermögens wie ihre Mutter. Er hatte nur ironisch bemerkt, dass er sich nun wohl neue Wege ausdenken müsse Weasley zu beleidigen. Nun legte er Tigris die Hand auf die Schulter. „Denk nicht so viel darüber nach. So, wie du ihn mir beschrieben hast, würde er nicht wollen, dass du seinetwegen weniger gerne Quidditch spielst."

Tigris nickte. „Das stimmt. Aber andererseits würde er mich möglicherweise ohnehin hassen, wenn er wüsste, wer ich bin. Er hat mich immer als eine jüngere Kopie seines besten Freundes gesehen." Tigris presste die Lippen zusammen. Es schmerzte, über Sirius nachzudenken. Er wollte nicht über ihn nachdenken. Er hatte es so lange Zeit geschafft, nicht über ihn nachzudenken. „Ich bin nicht sicher, ob ich Quidditch noch so gut mag, wie früher. Ich werde in Hogwarts ohnehin nicht spielen. Ich bin zu gut, es würde Argwohn erregen. Ginevras hat keine Quidditch- Teams."

„Arrgh... heißt das ich muss den Rest meiner Schulzeit gegen die kleine Weaselette spielen?", rief Draco gespielt entsetzt.

Tigris lachte leise und schaffte es, Sirius aus seinen Gedanken zu verdrängen. „Ich bezweifle ohnehin, dass ich nach Gryffindor eingeteilt werde."

Draco rollte mit den Augen. „Ja, du kommst wahrscheinlich nach Ravenclaw. Ich hatte eher gehofft, du würdest mich als Sucher ablösen, damit ich endlich die Stelle als Treiber bekomme, die ich von Anfang an wollte."

Tigris sah ihn überrascht an. „Du wolltest gar nicht Sucher werden?"

Draco grinste schief. „Ich würde es keinem anderen sagen, aber wir wissen doch beide, dass ich bestenfalls ein zweitklassiger Sucher bin. Wenn ich kein Glück mit den anderen Suchern gehabt hätte, hätte Slytherin kein einziges Match gewonnen. Vater hat dafür gesorgt, dass ich ins Team gekommen bin, und er wollte, dass ich diese Stelle bekomme, weil sie die prestigeträchtigste ist."

„Also hat er dich ins Team eingekauft.", stellte Tigris fest.

„Nein, er hat dem Slytherinteam nur aus Wohltätigkeit neue Besen geschenkt. Was denkst du wohl? Ich werde leider nie erfahren, ob ich es auch ohne seine Hilfe ins Team geschafft hätte. Selbst wenn wäre ich sicher nicht Sucher geworden. Einer der Gründe, warum das Slytherinteam so schlecht ist."

„Du würdest zugunsten des Teams auf deine Position verzichten?" Trotz allem was Tigris inzwischen über Draco wusste, fiel es ihm sehr schwer, sich das vorzustellen.

„Wenn es dafür sorgt, dass wir endlich einmal den Hauspokal gewinnen? Hundertprozentig. Es gibt keine Möglichkeit, dich zum Spielen zu überreden? Wir könnten sagen, du hast bei uns geübt. Wir könnten sagen, du bist ein Naturtalent. Schließlich bist du wirklich ein Naturtalent. Ich habe nie jemanden das erste Mal so fliegen sehen wie dich."

„Kann es sein, dass du ein wenig von einem Hufflepuff in dir hast?"

„Hey! Ich will nur, dass wir gewinnen. Verlass dich darauf, dass ich das alles bestreite, wenn du ein Ravenclaw wirst."

„Definitiv zuviel ‚wir'. Du hast etwas von einem Hufflepuff in dir."

„Mach so weiter, und du kannst lange auf ein neues Set Bälle warten, Gryffi. Vergiss nicht, dass ich die Geldbörse habe."

„Ah, da ist der Draco den wir kennen und lieben. Ich fing schon an, zu befürchten, du wärst verhext worden."

Draco warf Tigris einen gespielt bösen Blick zu. „Ha, ha. Ich kann schließlich nicht ständig mit Beleidigungen um mich werfen. Das perfekte Slytherin - Image ist Arbeit, weißt du?"

„Hätte ich doch fast nicht gedacht... Sieh dir das an." Sie standen vor Quality Quidditch Supplies. Tigris trat ans Schaufenster, vor dem schon etliche andere Leute standen. Darin war der neue Firebolt ausgestellt und verschiedene Sets Bälle.

„Komm, Tigris.", sagte Draco amüsiert, in die Hände klatschend, als würde er einen Hund rufen. „Malfoys drängen sich nicht unter das gewöhnliche Volk."

Tigris grummelte vor sich hin, folgte ihm aber in den Laden. Draco ging zielstrebig zur Theke, die anderen Leute, die im Laden anstanden ignorierend. „Tacitus!"

Ein braunhaariger keiner Mann wandte sich ihnen zu. Als er Draco sah, verzog sich sein Gesicht zu einem gekünstelten Lächeln. „Ah, guten Tag Mister Malfoy. Was kann ich für Sie tun?" Die korpulente Hexe, die er gerade bedient hatte, warf ihnen einen entrüsteten Blick zu. Draco widmete ihr ein süffisantes Lächeln.

„Ich habe gehört, es gibt einen neuen Schnatz auf dem Markt?"

Tigris war sich nur zu sehr der bösen Blicke bewusst, die ihnen von den anderen Kunden zugeworfen wurden, aber Draco bemerkte sie entweder nicht, oder war ein Meister darin, sie zu ignorieren. Tigris vermutete das zweite.

„Das ist richtig, das Modell 224, schneller und ein wenig aggressiver als der alte 223er. Es ist bisher noch nicht für die Weltmeisterschaft zugelassen."

„Exzellent, ich nehme ihn. Mein Cousin hier braucht ein neues Set Bälle. Haben sie noch die Irland - Sonderedition im Programm?"

Sie verließen den Laden mit Dracos neuem Schnatz, einem unverschämt teuren Set Quidditchbälle und einer Menge aufgebrachter Leute hinter sich. Draco hatte ein sehr selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht.

„War das wirklich nötig?", fragte Tigris, als sie wieder auf der Straße standen.

Draco verdrehte die Augen. „Wirklich, Tigris, du musst dich von diesem ganzen ‚bescheiden und nobel' - Gryffindor – Quatsch trennen. Tacitus Ludicrum steht bei Vater in der Schuld, seit er das Dutzend Nimbus bei ihm gekauft hat. Es ist nicht wirklich zu erwarten, dass wir in seinem Geschäft anstehen."

„Es wäre höflich gegenüber den anderen Kunden gewesen."

Draco seufzte. „Du musst noch ein paar entscheidende Dinge lernen, wirklich. Diese Leute stehen im Rang weit unter uns. Sie sind ärmer, weniger einflussreich und möglicherweise nicht einmal reinblütig. Höflichkeit wäre verschwendet ihnen gegenüber."

Tigris warf Draco einen ärgerlichen Blick zu. „Du weißt, dass ich nichts von diesem Unsinn halte."

Draco trat einen Schritt auf Tigris zu, bis er dicht vor ihm stand. „Es ist mir egal, was du davon hältst.", flüsterte er. „Wenn du zu sehr Gryffindor bist, um die Macht zu genießen, die dir gegeben ist, ist das nicht mein Problem. Aber wir haben einen Ruf aufrecht zu erhalten. Also versuch wenigstens, so zu tun als ob."

„Ich habe noch vor ein paar Wochen mit einer Familie geiziger, niederträchtiger Muggel gelebt.", flüsterte Tigris wütend zurück. „Niemand kann ernsthaft erwarten, dass ich mich bereits wie ein arroganter Reinblut – Idiot verhalte."

„Fein.", zischte Draco. „Tu was du willst. Hilf armen alten Muggeln über die Straße, wenn es dir Spaß macht. Aber gib nicht mir die Schuld, wenn wir heute Abend vor Vater auf den Knien liegen."

Sie starrten sich an. Schließlich atmete Tigris tief durch und sah zu Boden. „Es tut mir leid."

Draco trat einen Schritt zurück. „Nein, mir tut es leid. Ich habe überreagiert, entschuldige."

Tigris zuckte nur mit den Schultern. „Es wird noch eine Weile dauern, bis ich mich daran gewöhne. Bis dahin ist es eben ein empfindliches Thema zwischen uns."

Draco nickte. „Vermutlich. Wie wär's, wenn wir zu Florean Fortescue's gehen und ein Eis essen. Ich versuche auch etwas"– er verzog das Gesicht – „HÖFLICHER zu sein."

„Oh, lieber nicht. Du könntest dem Namen Malfoy permanenten Schaden zufügen. Am Ende freuen sich die Leute noch, wenn wir kommen."

Draco grinste flüchtig. „Und wäre das nicht ein Skandal?"

Tigris wollte zurückgrinsen, aber die Auslage von Eeylops hatte seinen Blick eingefangen. In einem der Käfige saß eine Schneeeule, die ihn schmerzhaft an Hedwig erinnerte. Draco folgte seinem Blick. „Willst du hineingehen?"

„Mach dich nicht lustig über mich.", sagte Tigris bitter. „Ich weiß, dass Vater mir nie eine Eule erlauben würde."

Draco warf ihm einen erstaunten Blick zu. „Warum in aller Welt nicht? Es ist schließlich nicht so, als ob du damit mehr Unsinn anstellen könntest, als mit einem Zauberstab." Er wurde ernst. „Du würdest sie nicht für den falschen Zweck benutzen, oder?"

Tigris lächelte zynisch. „Vor drei Wochen hätte ich meine rechte Hand für eine Eule gegeben, aber jetzt? Nein, ich würde sie nicht gegen ihn missbrauchen."

„Gut. Also warum gehen wir nicht hinein?"

„Aber nur, wenn du nicht wieder an die Theke vorstürmst."

Draco seufzte. „Eeylops hat keine Theke, an die man ‚vorstürmen' kann. Man sieht sich im Laden um, lässt sich beraten und bezahlt bei einem Angestellten, wenn man sich entschieden hat."

„Du kennst dich offenbar aus."

Sie betraten den dunklen Laden, der mit Käfigen voller Eulen angefüllt war. Es war zu warm und stickig. Die Eulen flatterten, als sie an ihnen vorbei gingen und gaben leise Schuhu – Laute von sich.

„Die meisten unserer Uhus kommen von Eeylops.", erklärte Draco, der ein oder anderen Eule einen kritischen Blick zuwerfend. „Vater kauft hin und wieder neue Zuchttiere, wenn Appageon einen besonderen Vogel im Sortiment hat."

Tigris betrachtete die Uhus, zu denen Draco ihn geführt hatte. Sie beäugten ihn von oben herab. Keiner von ihnen sprach ihn besonders an. Tigris vermisste Hedwig. Sie war so lange Zeit seine einzige ständige Vertraute gewesen. Sie hatte ihn durch alle seine Abenteuer hindurch begleitet und hatte die Dursleys mit ihm ertragen. Er hatte mit ihr über seine innersten Gedanken geredet und hatte immer das Gefühl gehabt, sie verstünde ihn. Andere Leute mochten es seltsam finden, mit einer Eule zu reden, aber er kam sich nicht albern dabei vor. Er hoffte, dass es ihr bei Ginny gut ging. Tigris ging an Schleiereulen und Käuzchen vorbei. Eeylops hatte eine schier unendliche Auswahl an Eulen. Einige von ihnen waren sogar so klein wie Pig. Draco begann, sich mit einem der Angestellten über Alter und Herkunft der Uhus zu unterhalten und Tigris wanderte weiter im Laden herum. Der Laden ging wie ein langer Schlauch weit in das Haus hinein. Je weiter er nach hinten kam, desto älter und unglücklicher sahen die Eulen in ihren Käfigen aus. Einige hatten nicht einmal Käfige, sondern saßen angekettet auf schmalen Holzstangen. Eine mittelgroße Eule in der hintersten Ecke erweckte Tigris' Aufmerksamkeit. Sie hatte ihren Kopf zur Wand gedreht und war beinah nicht zu bemerken. Ihr geschecktes Gefieder ließ sie vor den unbehandelten Holzbalken verschwinden. Tigris streckte die Hand nach ihr aus und strich ihr vorsichtig über die Flügel. Ihr Kopf fuhr blitzartig herum und sie hackte nach ihm. Tigris zog hastig die Hand zurück.

„Du bist aber ganz schön unfreundlich."

Die Eule starrte Tigris böse an, als wollte sie sagen: ‚Was willst du? Du kaufst mich ja doch nicht.'

„Ich denke, ich mag dich.", sagte Tigris. Die Eule blinzelte und drehte den Kopf wieder weg.

Jemand räusperte sich hinter ihm. Als Tigris sich umdrehte, sah er, dass Draco und der Verkäufer ihm gefolgt waren.

„Kommen Sie wieder nach vorne, Mister Malfoy.", sagte der Verkäufer. „Hier hinten finden Sie nichts, was Ihrem Anspruch genügt."

Draco betrachtete Tigris mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck, so als sei er sich nicht sicher, ob er lachen oder ihn anschreien wollte.

Tigris deutete auf die gescheckte Eule. „Wie viel wollen Sie für diese hier haben?"

„Die da?", fragte der Verkäufer schockiert. „Aber Sir, diese Eule ist viel zu minderwertig für Sie! Wir wissen nicht einmal, welche Rasse es ist. Es ist eine unbekannte Mischung aus einer Zwergohreule und weiß Merlin was. Kommen Sie nach vorne und lassen sie uns die besser geeigneten Tiere ansehen. Ich bin sicher, es ist etwas für Sie darunter." Er klang fast flehentlich.

Tigris straffte sich und sah ihn von oben herab an. „Ich habe gefragt, wie viel diese Eule kostet."

Der Verkäufer schrumpfte ein wenig. „12 Galleonen... Aber Sir, diese Eule ist wirklich..."

Draco unterbrach ihn mit einem Wink. „Lassen Sie mich einen Moment alleine mit meinem Cousin sprechen, Ikarus."

„Ja, Sir.", sagte der Verkäufer mit einer erleichterten Verbeugung und ging.

Um Dracos Mundwinkel zuckte es leicht. „Du willst diese Eule da haben?"

Tigris nickte trotzig. Er hatte bemerkt, dass die Eule sich während ihres Gesprächs zu ihnen umgedreht hatte und sie beobachtete.

Draco schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich hätte mich darauf verlassen können, dass du von allen Eulen in diesem Laden die Unmöglichste aussuchst."

Tigris presste die Lippen zusammen. Draco sah auf und begegnete seinem Blick, dann lachte er. „Du bist der mit Abstand furchtbarste Bruder, den ich je hatte. Was muss ich tun, um dich davon abzubringen?"

„Ich will keine andere Eule.", sagte Tigris. „Ich will diese Eule."

Draco seufzte und betrachtete die Eule resigniert. „Ja, du willst diese hässliche, billige, absolut nicht standesgemäße Mischlingseule. Ich sollte mich weigern."

Tigris wusste, dass Draco auf dem besten Weg war, nachzugeben. „Bitte... Ich schwöre feierlich, dass ich dich nie mehr als einen Hufflepuff bezeichnen werde."

Draco hob die Hände zum Himmel. „Also gut. Zwölf Galleonen... Im Zweifelsfall können wir sie noch immer im Wald aussetzen."

Tigris grinste ihn an. „Danke!" Er wusste selbst nicht, warum er so glücklich darüber war, diese Eule zu bekommen, aber er mochte sie einfach. Vielleicht, weil sie so hoffnungslos und unglücklich aussah.

Draco machte eine ungehaltene Handbewegung. „Ja, ja... Ich fange schon an, es zu bedauern. Um Merlins willen, rede wenigstens nicht mit ihr in der Öffentlichkeit."

„Aye, Sir!"

Draco schüttelte den Kopf und winkte dem Verkäufer. „Wir nehmen diese Eule. Ist es ein Männchen oder Weibchen?"

„Männchen.", murmelte der Verkäufer. Er sah ausgesprochen unglücklich aus. Sobald er die Eule losgebunden hatte, krächzte sie zufrieden und flatterte auf Tigris' Schulter, wo sie sich bequem zurechtsetzte und den Kopf unter den Flügel steckte.

„Senden sie einen der üblichen Käfige und das restliche Zubehör zum Malfoy Herrenhaus. Hier, eine Galleone für ihre Umstände."

„Ja, Sir. Danke, Sir." Der Verkäufer warf der Eule noch einen Blick zu und seufzte tief. „Noch einen angenehmen Tag den jungen Herrn."

Draco nickte nur. Tigris strich seiner neuen Eule über das Gefieder. Sie knabberte vertrauensvoll an seinem Finger, wie es Hedwig oft getan hatte. „Es ist eine wunderbare Eule."

Der Verkäufer seufzte erneut und ging in den Laden zurück. Tigris folgte Draco hinaus, mit seiner Eule auf der Schulter.

„Hast du dir schon überlegt, wie du sie nennst?", fragte Draco, als sie den Laden verlassen hatten.

„Sceolaing.", antwortete Tigris ohne zu zögern. Der Name kam ihm spontan in den Sinn, und er wusste einfach, dass er passte.

Draco zog die Brauen hoch. „Meine Eule heißt Bran."

Tigris erwiderte seinen Blick verblüfft. „Das ist eigenartig."

Draco nickte nachdenklich. „Ja... Lass uns zu Florean Fortescue's gehen, ich habe Lust auf ein Eis. Abgesehen davon können wir etwas Aufmunterndes gebrauchen, bevor Vater deine neue Eule sieht."

„Denkst du, er wird ärgerlich sein?", fragte Tigris schlagartig besorgt.

„Nicht wirklich, aber glücklich sicher auch nicht. Wir werden sehen. Wahrscheinlich sterilisiert er sie nur, damit sie unsere Züchtung nicht versaut."

Sceolaing kreischte empört und warf Draco einen bösen Blick zu.

Sie waren ein Stück Diagon Alley hinunter gegangen, als Tigris ein neues Geschäft ins Auge fiel. Es war in allen Farben des Regenbogens angestrichen und etliche Kinder standen vor der Auslage. Tigris ging näher, um es sich genauer anzusehen. Aufregung erfasste ihn, als er das Schild las. Es war Weasley's Wizard Wheezes! Er packte Dracos Hand, der für einen Moment verblüfft war, und sich mitziehen ließ. Dann las er das Schild und begann, sich gegen Tigris' Griff zu sträuben.

„Nein, Tigris, wir können nicht..."

„Komm, Draco, ich will nur einen Blick hineinwerfen." Mit diesen Worten hatte Tigris ihn auch schon mit sich in den Laden gezogen.


Vielen Dank für eure Reviews an: rah-chan, Kissymouse, Momochan, Deedochan, Esta

Esta: Wow, du hast alle meine Geschichten gelesen. Ich bin sprachlos. Wow. /auf den Bildschirm starrt, bis eine impertinente Katze auf der Tastatur herumtrampelt/ ‚Kreuzwege' war eigentlich nie als etwas anderes als eine Kurzgeschichte gedacht, aber das galt für ‚Ursprünge' auch... vielleicht schreibe ich irgendwann ein Sequel und mache eine Triologie daraus ;-)