Disclaimer:
Aber Albus, ich sehe doch genauso aus wie diese nette junge Dame, der Harry Potter gehört. Sieh mal, wenn ich das Licht drehe, so...
Ich fürchte, dann leuchtest du mir nur ins Gesicht, pilarius. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, warum du unbedingt jemand anders sein willst, wenn du selbst doch auch einzigartig und wunderbar bist, wie jeder Mensch einzigartig und wunderbar ist...
Grrr.
Schatten der Wahl
16. Auf dem Weg nach Hogwarts
„Du hast mich in der Öffentlichkeit gedemütigt! Du hörst nie auf mich, wie viel ich auch auf dich einrede! Du hast dich mit diesen widerlichen Rotschöpfen gegen mich verbündet! Du hast mich in eine Katze verwandelt! Du hast mich gelähmt und gefesselt und beleidigt! Du hast uns alle beinahe umgebracht!"
Tigris schnappte nach Luft und brach in die Knie, als Draco schließlich seine Verteidigung durchbrach und ihm seinen Stab mit ungedämpfter Kraft in die Seite schlug. Tigris war inzwischen recht gut im Stockkampf geworden – gut genug sich Dracos wütende Attacken eine Weile vom Leib zu halten - aber nicht im Entferntesten so gut wie Draco. Ein erfreulicher Gedanke zu wissen, dass sich Draco für diese Waffe entschieden hatte, weil er selbst darin die geringste Erfahrung besaß. Sein Bruder hielt inne und stützte sich außer Atem auf seinen Stab auf.
„Gut, jetzt geht es mir besser."
„Schön zu wissen." Tigris zuckte zusammen, als er seine Seite berührte und kam wieder auf die Füße. Das würde eine böse Prellung geben.
„Aber vergessen wir nicht, dass du gedroht hast, mich umzubringen."
„Wozu du mir allen Grund gegeben hast."
„Ja, ja, das hatten wir schon. Fein, ich entschuldige mich. Frieden?"
Draco ergriff seine Hand. „Frieden."
„Wozu trägst du überhaupt diese Dolche mit dir herum?"
„Sie geben mir ein Gefühl der Sicherheit. Außerdem sind sie von entscheidendem Vorteil, wenn man angegriffen wird. Die wenigsten Zauberer erwarten eine nichtmagische Attacke."
„Du nimmst sie aber nicht mit nach Hogwarts, oder?"
„Es ist verboten, Waffen mit nach Hogwarts zu bringen. Wirklich, Bruder, ich dachte du hättest inzwischen ‚Hogwarts, eine Geschichte' gelesen."
Tigris lachte. „Ja, aber ich erinnere mich nicht an alle Details. Woran ich mich erinnere ist, dass irgendwann im achtzehnten Jahrhundert Duelle auf Leben und Tod verboten wurden."
„Du hast Vaters alte Ausgabe aus der Bibliothek gelesen. Ich hatte gedacht, du hast die neusten Ausgaben zum Geburtstag bekommen."
„Ja, das stimmt. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen."
Draco warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Sie hatten inzwischen aufgeräumt und machten sich auf den Weg zu ihren Zimmern. „Du musst irgendwann über diese Abneigung hinwegkommen. Sie haben es nur gut gemeint, weißt du?"
Tigris seufzte. „Ich weiß, ich weiß. Ich bemühe mich. Ich muss ohnehin noch meine Truhe packen, wenn wir morgen zum Bahnsteig 9 ¾ wollen."
Draco verzog das Gesicht. „Erinnere mich nicht. Ich verstehe nicht, warum Mutter darauf besteht, wenn es genauso gut die Hauselfen erledigen könnten."
„Vielleicht, weil es dir in Hogwarts auch keine Hauselfen abnehmen?", meinte Tigris spöttisch.
„Was ich genauso lächerlich finde. Ich meine, wie viele Hauselfen hat Hogwarts, hundert?"
Tigris lachte. „Manchmal bist du wirklich ein verzogenes Balg."
Draco grinste zurück und verneigte sich spöttisch. „Das bin ich, von Kopf bis Fuß."
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Tigris brauchte das gesamte vierte Fach seiner Truhe allein für Kleidung. Seine Mutter bestand darauf, dass er fast seine gesamte Garderobe mit nach Hogwarts nahm. Tigris hatte keine Ahnung, wann er das alles tragen sollte, vor allem, da er die meiste Zeit ohnehin Schuluniform tragen würde, aber gut. Ein weiteres für Bücher, eines für Zaubertrankzutaten. In das oberste Fach packte er die Dinge, die er am häufigsten brauchen würde. Ein paar Bücher für die Fahrt, Süßigkeiten, welche die Hauselfen freudig zur Verfügung stellten, Spiele. Es hatte seinen Nutzen, mehrere Fächer zur Verfügung zu haben. Selbst sein Besen und Sceolaings Käfig passten hinein. Tigris war dankbar, dass sein Vater Sceolaing akzeptiert hatte, wenn auch mürrisch. Als er seine Bücher in das zweite Fach stapelte, fiel ihm ‚Von Taliesin über die Hexen von Salem: Die Historie von Zauberern und Muggeln von der Antike bis zur Gegenwart' in die Hände. Tigris hatte ganz vergessen, dass er dieses Buch aus der Bibliothek genommen hatte. Die Elfen mussten es mit auf das Bücherregal gestellt haben. Schulterzuckend packte er es mit in die Truhe. Sein Vater würde es sicher nicht vermissen, und er hatte noch immer vor, es zu lesen. Der Titel klang interessant. Als er mit Packen fertig war, war es Zeit zum Abendessen.
Als Tigris später in seinem Bett lag und sich darauf vorbereitete, zu meditieren, wie er es sich angewöhnt hatte, spürte er seine Aufregung. Morgen würde er nach Hogwarts zurückkehren. Hogwarts, das im Grunde immer sein wahres Zuhause gewesen war. Morgen würde er alle seine alten Freunde wieder sehen. Würden sie überhaupt mit ihm reden? Würden sie ihn hassen? Was erwartete ihn? In welches Haus würde er eingeteilt werden? Dumbledore hatte vor langer Zeit gesagt, es wäre die persönliche Entscheidung, die am Ende ausschlaggebend sei. Tigris war sich nicht sicher, ob er noch immer nach Gryffindor gehörte. Um die Wahrheit zu sagen, er fürchtete sich davor, nach Gryffindor eingeteilt zu werden. Würde das den entscheidenden Unterschied machen?
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„Ich erwarte vorbildliches Verhalten von euch. Ich werde dieses Jahr ein Auge auf euch haben. Ein Brief pro Woche, Draco. Ich will auf dem Laufenden gehalten werden. Sorg dafür, dass dein Bruder sich benimmt. Tigris, ich hoffe, du enttäuscht mich nicht. Und lass dich nicht in Gryffindor einteilen. Verstehen wir einander?"
„Ja, Vater."
„Umgebt euch mit der richtigen Sorte Leute und haltet euch fern von dem alten Narren. Zweifelt nicht daran, dass ich es erfahre, wenn ihr euch mir widersetzt."
„Komm, Lucius, das reicht." Ihre Mutter gab jedem von ihnen einen Kuss auf die Stirn.
„Bis Weihnachten. Vergesst nicht zu schreiben. Ich werde euch Pakete schicken. Grüßt Severus von mir. Habt ihr auch alle eure Sachen eingepackt?"
„Ja, Mutter. Auf Wiedersehen. Ich schreibe dir, sobald wir angekommen sind."
Sie lächelte ihnen zu. „Gute Fahrt. Und vergesst eure Übungen nicht."
„Nein, Mutter. Wir schreiben dir."
„Kommt.", sagte ihr Vater. „Es wird Zeit. Nehmt den Portschlüssel."
Sie ergriffen das Medallion, das ihr Vater ihnen hinhielt und wenige Sekunden später standen sie und ihr Gepäck auf Bahnsteig 9 ¾.
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Der Bahnsteig war überfüllt mit den abreisenden Schülern und den Familien, die sie verabschiedeten. Tigris ertappte sich dabei, wie er unwillkürlich nach einer Gruppe Rothaariger Ausschau hielt, oder einem Schopf buschiger brauner Haare. Draco hatte seinen Blick ebenfalls über die Menge wandern lassen.
„Warum suchst du uns nicht schon mal ein Abteil weiter hinten? Ich sehe zu, dass ich Vincent und Gregory finde."
„Was?", fragte Tigris, aus den Gedanken gerissen. „Oh... Ja, natürlich."
Es war ein eigenartiges Gefühl. Da stand der alte rote Zug vor ihm, Dampfwolken in die Luft blasend wie all die Jahre zuvor. Um ihn herum erklangen die Stimmen der Leute. Es war alles so vertraut – und doch so vollkommen anders.
Tigris griff nach seiner Truhe, die verzaubert war, über den Boden zu gleiten, und bestieg den Zug. Obwohl sie früh dran waren, befanden sich bereits etliche Leute in den Gängen, sich unterhaltend, oder einfach nach einem Abteil suchend. Tigris machte sich auf den Weg in den hinteren Teil des Zuges und fand schnell ein leeres Abteil. Nachdem er ein Buch aus seiner Truhe genommen hatte, schob er sie zur Seite und setzte sich ans Fenster. Anstelle zu lesen beobachtete er die Leute auf dem Bahnsteig. Er sah weder die Weasleys noch Draco, aber da war Justin Finch- Fletchley mit seinen Eltern und die Creevey Brüder. Neville verabschiedete sich von seiner Großmutter. Seine Nase kam Tigris ein wenig schiefer vor als früher. Er lächelte, als Nevilles Großmutter ihm nachrannte, um ihm noch etwas in die Hand zu drücken. Manche Dinge änderten sich nie. Dann schüttelte Tigris den Kopf. Er musste sich abgewöhnen, so zu denken. Keiner dieser Leute sollte ihm bekannt sein. Der Gedanke war ein Stich in seiner Brust. Er konnte keinen seiner alten Freunde begrüßen. Stattdessen würde er die Fahrt mit Crabbe und Goyle... Vincent und Gregory... Tigris verzog das Gesicht. ...verbringen. Wem noch? Pansy Parkinson, Millicent Bulstrode? Er schauderte. Kein erfreulicher Gedanke. Vielleicht würden sie ihn in Ruhe lassen, wenn er sich einfach in sein Buch vertiefte, aber er machte sich keine Hoffnungen. Höchstwahrscheinlich würden sie unausstehlich neugierig sein und ihn die gesamte Fahrt mit Fragen löchern. Tigris seufzte und strich abwesend über sein Buch. Je mehr er darüber nachdachte, desto weniger freute er sich auf die Fahrt. Die Stimme seines Vaters klang in seiner Erinnerung nach. ‚Ich hoffe, du enttäuscht mich nicht...' Es trug nicht dazu bei, Tigris' innere Unruhe zu mildern. Er war nicht so naiv zu bezweifeln, dass ihr Vater seine Wege hatte zu erfahren, was in Hogwarts vorging. Selbst wenn es nur die Kinder der unwichtigeren Todesser waren, die dankbar die Gelegenheit wahrnahmen, sich in die Gunst eines Mitglieds aus dem Inneren Kreis des Dunklen Lords zu bringen. Tigris ballte unwillkürlich die Fäuste. Er konnte ihm nicht entkommen... aber das hieß nicht, dass er ihn nicht hassen konnte. Er lächelte grimmig. UND ICH HASSE DICH MIT GANZEM HERZEN, VATER...
Die sich öffnende Tür riss Tigris aus seinen Gedanken. Er stand reflexartig auf und erstarrte, als er sein Gegenüber sah. RON... Einen Moment lang war Tigris von seinen Gefühlen überwältigt. Er begriff schlagartig, dass er sich noch lange nicht so unter Kontrolle hatte, wie er gern hätte.
Zu seinem Glück bemerkte Ron Tigris' Blick nicht, denn er hatte sich zu jemandem hinter ihm umgewandt.
„Kommt, hier ist noch Platz."
Tigris trat in die Tür, erfolgreich seine Gefühle in die hinterste Ecke seines Geistes schiebend.
„Es tut mir leid, aber dieses Abteil ist besetzt."
Hinter Ron standen Seamus und Dean. Tigris fühlte sich merkwürdig kalt. Eine unbeteiligte leise Stimme in seinem Inneren fragte sich, ob er in seiner Hast seine Gefühle zu verdrängen nicht zu gründlich gewesen war.
Ron drehte sich zu ihm um, die Stirn gerunzelt. „Ich habe nur eine Truhe gesehen."
„Das ist richtig, aber mein Cousin und seine Freunde müssen jeden Moment hier sein."
In Rons Augen blitzte es ärgerlich auf. „Du kannst nicht einfach ein ganzes Abteil für dich beanspruchen! Wer bist du überhaupt? Ich habe dich noch nie zuvor hier gesehen!"
„Ich bin von Ginevras gewechselt.", sagte Tigris ruhig und maß Ron mit einem absichtlich abschätzenden Blick. „Du musst ein Weasley sein... der Jüngste, Ron, nehme ich an? Mein Cousin hat mir von dir erzählt."
„Und wer, darf ich fragen, ist dein Cousin?", entgegnete Ron ärgerlich. Dann trat er einen Schritt zurück und musterte Tigris mit verengten Augen. „Aber vielleicht muss ich gar nicht fragen... Ein weiterer Möchtegern- Todesser für die Schlangengrube, scheint es."
Trotz seiner Selbstbeherrschung fühlte Tigris Wut in sich aufflammen. „Du musst verzweifelt Feinde brauchen, Weasley, wenn du herumläufst und Leute beleidigst, die du nicht einmal kennst... Oder vielleicht bist du einfach nur selten dumm..."
Bevor Tigris reagieren konnte, hatten die drei ihre Zauberstäbe auf ihn gerichtet. „Leg dich nicht mit uns an, Schlange.", sagte Ron mit einem drohenden Unterton. „Du wirst es bereuen. Wir haben keine Geduld mit Voldemorts Anhängern, wie du bald bemerken wirst."
Tigris zuckte unwillkürlich zusammen, was ein triumphierendes Grinsen auf Rons Gesicht hervorrief.
„Du scheinst eine Menge über mich zu wissen, dafür dass wir uns kaum eine Minute kennen." Es gelang Tigris nicht, den sarkastischen Unterton aus seiner Stimme fernzuhalten. „Ich bin fasziniert. Fahr fort, erzähl mir ein wenig mehr über meine Ansichten. Es kann nie schaden, etwas Neues hinzuzulernen."
Ron betrachtete ihn verächtlich. „Ich brauche dich nicht zu kennen. Es reicht aus, dich anzusehen, um zu wissen, wo deine Ansichten herkommen."
Tigris fühlte, wie seine Lippen sich zu einem spöttischen Lächeln verzogen. „Oh bitte, Weasley, erleuchte mich..."
„Probleme, Tigris?"
Er wandte sich um und sah, dass Draco in den Gang getreten war, Crabbe und Goyle im Gefolge.
„Nicht im geringsten, Cousin. Diese drei freundlichen Kollegen wollten gerade gehen."
Dracos Blick wanderte von Tigris zu Ron, und sein Gesicht verzog sich zu dem ihm nur allzu bekannten überheblichen Grinsen, das er in den letzten Wochen vermisst hatte.
„Sieh an... Wenn das nicht das Wiesel ist... Es muss ein merkwürdiges Gefühl für dich sein..."
„Was, Frettchen?", fauchte Ron.
Dracos Grinsen verstärkte sich. „Deine Robe natürlich. Es muss doch ungewohnt für dich sein, zum ersten Mal im Leben etwas zu tragen, das nicht aus der Mülltonne stammt. Sag mir, ist deine Mutter nicht vor Schock gestorben, als sie einen Blick in euer Verlies geworfen hat?"
Ron war purpurrot angelaufen. „Pass auf, was du sagst, Malfoy!"
Draco lachte spöttisch. „Hör auf, Wiesel. Du glaubst doch nicht wirklich, dass du es mit mir aufnehmen kannst? Dieses Jahr hast du keinen Potter, um dich hinter ihm zu verstecken."
Ron hob seinen Stab, zitternd vor Zorn. „Wage es nicht... Wage es nicht seinen Namen in deinen dreckigen Mund zu nehmen, du abstoßende Kreatur... Wir hätten deinen Vater und seine Komplizen erledigen sollen, als wir die Gelegenheit dazu hatten. Bring mich nicht in Versuchung, den Fehler mit dir zu korrigieren."
Tigris hatte seinen Stab in der Hand, bevor er sich bewusst wurde, dass er eine Bewegung gemacht hatte. Draco, Vincent und Gregory zogen ihre ebenfalls.
„Unterstehe dich, meine Familie zu bedrohen, Weasley." Tigris war von der Kälte seiner eigenen Stimme überrascht. „Glaub mir, du willst mich nicht zum Feind haben."
Ron sah zu ihm, und was immer er sah sorgte dafür, dass er ein wenig zurückwich. Sein Gesicht verzog sich zu einer Fratze ungezügelten Hasses. „Folgst du bereits den Fußstapfen deines Onkels, Malfoy? Es sollte mich nicht überraschen."
„Geh, Weasley.", sagte Tigris kalt. „Wir wollen alle nichts anderes, als in Ruhe unsere Fahrt verbringen. Also nimm deine kleinen Freunde und suche... mit welcher Gesellschaft auch immer du dich umgibst."
„Ja.", sagte Draco. „Deine Schlammblut Freundin weint sich wahrscheinlich schon die Augen nach dir aus."
„Das reicht!", sagte Tigris scharf. „Diese ganze Diskussion ist sinnlos. Ich würde es vorziehen, mein Buch weiter zu lesen."
Draco wirkte einen Augenblick lang ärgerlich, aber dann nickte er. „Er hat Recht. Wir haben Besseres zu tun. Verschwinde, Weasley."
Ron schien einen inneren Kampf auszufechten, aber schließlich senkte er seinen Stab. „Das war nicht das letzte Wort, Malfoy!" Damit drehte er sich um und ging. Seamus und Dean folgten ihm.
„Es scheint das Wiesel hat seine Idiotie über die Ferien kultiviert.", meinte Draco, als er sich Tigris gegenüber setzte.
„Du liebst es, ihn zu provozieren, nicht wahr?", meinte er kühl.
Draco grinste. „Natürlich. Vor allem, da es so lächerlich einfach ist. Er ist wirklich das Paradebeispiel eines Gryffindor."
Vincent und Gregory kicherten. Tigris musste sich zusammenreißen, um Draco keinen ärgerlichen Blick zuzuwerfen.
Er lehnte sich zurück und schlug sein Buch auf. ‚Alte Runen, ein tieferer Blick.' Nicht gerade geeignet ihn abzulenken. Nun, als das Adrenalin und die Anspannung abklangen, traf Tigris das Erlebnis mit voller Wucht. Was in aller Welt war Rons Problem? Er hatte Tigris beleidigt... angegriffen... ohne jeden Grund! Fein, Tigris sah etwas aus wie Lucius Malfoy. Na und? Ron hatte ihm nicht einmal zugehört! Die Warnung der Zwillinge kam ihm wieder ins Gedächtnis. Konnte Ron sich wirklich in so kurzer Zeit so viel verändert haben? Andererseits, vielleicht kam es ihm nur so vor, weil er jetzt auf der anderen Seite stand. Tigris scheute sich davor, es zuzugeben, aber Ron war immer impulsiv gewesen, leicht zu provozieren. Er und Hermione hatten ihn etliche Male zurückgehalten. Was wäre gewesen, wenn sie es nicht getan hätten? Der Gedanke gefiel Tigris nicht. Dann kam ihm zu Bewusstsein, was er gerade gedacht hatte... er stand nun auf der anderen Seite. Das tat er wirklich. Es war erschreckend, wie wenig ausreichte, um das zu bewerkstelligen. Tigris hatte gehofft, er könnte irgendwie neutral bleiben. Nun wurde ihm klar, dass er diese Wahl niemals gehabt hatte. Es würde keinen Unterschied machen, ob er in Slytherin eingeteilt wurde oder nicht. Sein Aussehen und sein Name bestimmten, zu welcher Seite er gehörte. Es würde sein Leben nur einfacher machen, wenn er in Slytherin eingeteilt würde. Tigris lächelte bitter. Ironisch, wirklich, dass es sein ehemaliger bester Freund war, der eine Entscheidung zementierte, die er nie gewollt hatte...
„Probleme mit den Gryffis?"
„Nicht mehr als gewöhnlich. Grüß dich, Theodore. Komm rein."
Ein schmächtiger, braunhaariger Junge betrat ihr Abteil und hievte seine Truhe in die Ecke zu den anderen. Er schüttelte Draco die Hand, dann wanderte sein Blick zu Tigris.
„Jemand, den ich kennen sollte?"
Draco grinste flüchtig.
„Tigris, das ist mein alter Freund Theodore Nott. Theodore, mein Cousin Tigris."
„Freut mich." Sie reichten sich die Hand.
Theodore setzte sich neben Draco. „Du hast die Schule gewechselt, nehme ich an?"
Tigris nickte. „Von Ginevras Institut für Magie."
„Ist das eine Schule? Ich dachte immer, es ist mehr eine Gruppe Privatlehrer."
Tigris lachte leise. „Wenn man es genau nimmt, ist es das auch. Ich denke, Madame Rosier gefällt der Gedanke, sich mit Hogwarts zu vergleichen. Ihr Haus ist groß genug, um alle Schüler unterzubringen. Wir waren nie mehr als dreißig."
„Du musst Agrippinilla Malfoys Sohn sein, sonst hätte ich bestimmt von dir gehört."
„Das ist richtig.", sagte Tigris überrascht. „Vor zwei Monaten wusste ich noch nicht, dass ich mit den Malfoys verwandt bin."
„Das dachte ich mir. Lust auf eine Partie Schach?"
Tigris schüttelte den Kopf. „Nein danke, ich war noch nie sehr gut in Schach."
„Schade. Draco?"
Sein Bruder blickte zum Bahnsteig, wo einige letzte Nachzügler sich von ihren Eltern verabschiedeten.
„Tut mir leid, aber ich muss zum Vertrauensschüler- Abteil."
„Ach komm, es wird nicht länger als zehn Minuten dauern.", sagte Theodore grinsend.
Draco stand auf. „Ich bedaure es, euch meiner Gesellschaft zu berauben, aber ich muss gehen. Ich bin in einer Stunde wieder da, vorausgesetzt die neuen Vertrauensschüler sind nicht zu idiotisch."
„Lass dich nicht aufhalten.", sagte Tigris mit einem leichten Grinsen. Nott musste ein ziemlich guter Schachspieler sein, wenn Draco ein Spiel mit ihm ablehnte. Er würde kein Spiel ablehnen, in dem er die Chance hatte, zu gewinnen.
Draco nickte ihm zu und ging.
Theodore lehnte sich zurück und musterte Tigris abschätzend.
„Wie kommt es, dass du und Draco euch so gut kennt?"
„Meine Zieheltern starben im Sommer. Lucius Malfoy hat mich adoptiert."
„Eigenartig. Ich hätte nie gedacht, dass er ein Schlammblut in seine Familie aufnehmen würde."
Vincent und Gregory wechselten einen verwirrten Blick.
„Du bist ein Schlammblut?", fragte Vincent.
Tigris widerstand der Versuchung, mit den Augen zu rollen. Diese beiden waren wirklich in jeder Hinsicht so dämlich, wie er sie immer gehalten hatte. Stattdessen sah er Nott ärgerlich an.
„Mein Vater war ein reinblütiger Zauberer, nur zu deiner Information. Es gibt Tests, die das beweisen."
Vincent und Gregory schienen beruhigt und widmeten sich wieder ihrer Sammlung Schokofroschkarten.
„Wirklich. Wer?"
„Das geht dich nichts an." Tigris schlug sein Buch wieder auf und gab vor, zu lesen.
Theodore grinste. „Sie wissen es nicht? Wie... eigenartig."
Tigris stieß ärgerlich die Luft aus und ließ sein Buch sinken.
„Es spielt nicht die geringste Rolle. Lucius Malfoy hat mich adoptiert und ich trage jetzt seinen Namen. Wenn mein leiblicher Vater irgendein Interesse an meiner Mutter oder mir gehabt hätte, hätte er mich nach dem Tod meiner Mutter gefunden, meinst du nicht?"
„Man sollte es denken. Aber es ist nicht anzunehmen, dass er ein Interesse an dir hatte. Nicht, wenn man bedenkt, dass es normalerweise einfach ist, die Namen der Eltern eines Zauberers zu ermitteln. Außer natürlich, das betreffende Elternteil trifft gewisse Vorkehrungen um das zu vermeiden. Nun ja, besser ein Bastard als ein Schlammblut, nehme ich an."
Tigris' Augen verengten sich ein wenig. Er war nicht einmal zehn Minuten mit diesem Jungen in einem Abteil und verspürte bereits das Bedürfnis, ihn zu erwürgen. Das musste eine Art Rekord sein. Selbst Draco hatte mindestens einen Tag gebraucht. „Wenn es dir nichts ausmacht...", sagte er in einem sehr kalten Tonfall. „Ich würde gerne mein Buch weiter lesen."
„Natürlich nicht.", erwiderte Theodore mit übermäßiger Freundlichkeit. „Ich bin sicher, du hast eine Menge aufzuholen."
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Draco kam nach etwas über einer Stunde zurück, Arm in Arm mit Pansy Parkinson. Sie ließ sich auf seinem Schoß nieder, nachdem er sich gesetzt hatte und hatte offensichtlich nicht vor zu gehen. Tigris war stolz darauf, dass er Draco inzwischen gut genug kannte, um seinen gut verborgenen Widerwillen zu erkennen.
„Ihr glaubt nicht, wie froh ich bin, wieder hier zu sein.", sagte Draco. „Sie haben das jüngere Wiesel und diese Plage Creevey zu Vertrauensschülern gemacht. Oh, und diese Irre, Loony Lovegood. Ich bemitleide die Erstklässler."
„Wen aus Slytherin?", fragte Theodore, von seinem Buch aufsehend.
„Evan Larkey und Helena Wilkes."
„Nun, das war absehbar. Hufflepuff?"
Draco zuckte gelangweilt mit den Schultern. „Die Namen hab ich mir nicht gemerkt."
Theodore warf ihm einen etwas missbilligenden Blick zu, aber widmete sich wieder seinem Buch. Inzwischen hatte Pansy ihren Blick auf Tigris gerichtet.
„Du hast mir nicht gesagt, dass jemand neues hier ist, Drakie.", flötete sie und zwinkerte Tigris zu.
„Das ist mein Cousin Tigris. Tigris, das ist Pansy, ich habe dir von ihr erzählt."
In Wahrheit hatte Draco Pansy kein einziges Mal erwähnt, aber Tigris kannte sie schließlich ohnehin.
„Ich erinnere mich. Es ist mir eine Freude, dich kennen zu lernen."
„Die Freude ist ganz meinerseits.", schnurrte sie, und ließ ihren Blick einen Augenblick zu lange über Tigris wandern.
„Gefällt dir mein Cousin, Pansy?", fragte Draco gedehnt, mit dem Finger ihren Nacken entlang fahrend. Pansy wandte sich zu ihm um und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.
„Er sieht dir SEHR ähnlich, mein Süßer." Sie lehnte sich vor und zog Draco in einen überaus ausgiebigen Kuss.
Theodore kicherte leise. „Wirklich... könnt Ihr nicht warten bis wir in Hogwarts sind?"
Pansy drehte den Kopf zu ihm herum und zog Dracos Hand provozierend von ihrer Hüfte zu ihrem Busen.
„Neidisch, Nott? Vielleicht würde es dir nicht so viel ausmachen, wenn du ein Mädchen finden würdest was dich länger ansieht als wie die Antwort auf eine Arithmantikfrage dauert."
Theodores Blick wurde kalt. „Nicht dass du wirklich das Wort Arithmantik verstehen würdest, oder, Parkinson?"
„Du armer kleiner Junge. Irgendwann wirst auch du erkennen, dass es interessantere Dinge im Leben gibt als Zahlen und Gleichungen." Sie grinste boshaft. „Oder auch nicht."
Draco grinste und massierte mit seinen Fingern ihre Brust. „Na na, Kinder. Kein Grund gehässig zu werden."
Er zog Pansy zu sich um sie erneut zu küssen. Theodore entschied sich offenbar, sie zu ignorieren und Tigris folgte seinem Beispiel.
Etwas später machten sich Pansy und Draco auf, um die Gänge zu patrouillieren und Gregory und Vincent folgten ihnen. Nach einiger Zeit kamen sie ohne Pansy zurück.
„Sie ist gegangen, um sich mit Millicent und den anderen Mädchen zu unterhalten.", sagte Draco auf Tigris' fragenden Blick hin.
„Warum gibst du dich überhaupt mit dieser Schlampe ab?", meinte Theodore, ohne von seinem Buch aufzusehen.
Draco zuckte mit den Schultern. „Wir sind verlobt. Sie hat ihren Nutzen."
„Ja, wenn du eine schnelle Nummer willst."
„Sie hat dir nie diesen Gefallen angeboten, oder?", entgegnete Draco spöttisch.
Theodore klappte sein Buch mit einem hörbaren Knall zu. „Hast du vor weiterzumachen, wo sie aufgehört hat?"
„Ruhig." Draco lächelte gutmütig. „Du hast es herausgefordert und du weißt es. Schlechte Ferien gehabt?"
„Das weißt du doch." Theodore warf Draco einen ärgerlichen Blick zu. „Vater ist noch immer in Askaban. Und Libentina...du kennst Libentina."
„Ah ja...", erwiderte Draco mit einem leicht abwesenden Gesichtsausdruck. „Wie könnte ich diese Frau vergessen."
„Sie ist eine billige Hure.", zischte Theodore. „Ich werde nie verstehen, was Vater an ihr findet."
„Pass auf.", entgegnete Draco tadelnd. „Sie ist deine Stiefmutter."
„Das macht es nicht weniger wahr."
Draco seufzte und lächelte Theodore zu. „Es wird besser werden, du wirst sehen. Bevor du es denkst ist er wieder draußen."
„Das hast du auch schon vor den Ferien gesagt.", erwiderte Theodore mit einem verlorenen Gesichtsausdruck. „Und selbst wenn... er wird nicht in der Lage sein mich zu sehen. Ich sage dir, Libentina ist glücklich genug... Ein paar Jahre, und von Vaters Vermögen ist nichts mehr übrig." Er schüttelte den Kopf. „Ich will nicht darüber reden. Erzähl mir lieber, wie deine Ferien waren."
„Nicht viel anders als sonst. Es gab ein wenig Aufregung wegen Tigris, aber das war's auch schon."
„Was ist mit Potter?"
„Was soll mit ihm sein?"
„Hat dein Vater dir etwas erzählt?"
„Theodore, du weißt doch er erzählt mir nie wirklich etwas. Überhaupt, was ist das für eine Frage?"
Theodore zuckte mit den Schultern. „Nur neugierig. Ich bekomme nicht viele Neuigkeiten mit, nun da Vater... du weißt schon."
„Nichts gegen deinen Vater,", sagte Draco kalt, „aber er redet zuviel."
Theodore grinste flüchtig. „Vielleicht. Also was hast du zum Geburtstag bekommen?"
Von diesem Punkt an drehte sich die Unterhaltung der beiden nur noch um völlig normale Themen, wie Schule, Freunde und Quidditch. Tigris' Meinung von Theodore stieg ein wenig... was nicht schwer war, nachdem sie zuvor ins Bodenlose gesunken war. Schließlich war es Zeit, in die Schulroben zu wechseln.
Tigris fürchtete den Moment, in dem sie ihre Roben ausziehen mussten, aber Draco wirkte vollkommen gelassen. Es erwies sich, dass er Recht damit hatte. Keiner der anderen Jungen fragte sie nach den Narben auf ihren Rücken, obwohl Theodores Augen sich ein wenig verengten. Ein erfreulicher Unterschied zwischen Gryffindors und Slytherins. Tigris war sicher, Dean und Ron hätten ihn auf der Stelle mit Fragen überfallen, ihn möglicherweise zu überzeugen versucht mit McGonagall zu reden, entsetzte Blicke gewechselt... Vincent und Gregory ignorierten sie einfach. Möglicherweise waren sie aber auch schlicht zu dumm, sie zu bemerken.
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Als sie den Zug verließen, fiel Tigris' Blick auf Hermione und Neville. Hermione versuchte Neville zu beruhigen, der mit schreckgeweiteten Augen zu den Kutschen starrte. Tigris folgte seinem Blick zu den Thestralen, die ungeduldig mit den Hufen scharrten. Ein kalter Schauer durchlief ihn. Der letzte Beweis... Sirius war wirklich tot. Falls er auch nur die kleinste Hoffnung gehabt hatte, dass dieser Vorhang ihn nicht umgebracht hatte, war sie hiermit verschwunden. Es hatte etwas seltsam Endgültiges. Draco zog an seinem Ärmel.
„Worauf wartest du? Komm weiter."
„Du da drüben! Komm hier rüber!", ertönte Hagrids laute Stimme über die Schüler hinweg. „Ja, du, Malfoy! Du solls' mit den Erstkläss'ern mitgeh'n."
Tigris verzog das Gesicht. Der Gedanke mit den Boten über den stürmischen See zu fahren behagte ihm nicht gerade.
„Wunderbar. Ich hätte es erwarten sollen. Also dann... bis später."
Draco grinste ein wenig schadenfroh. „Bis später, Cousin. Ich halte dir einen Platz frei."
Tigris nickte nur und ging hinüber zu den Erstklässlern. Hagrid warf ihm nur einen flüchtigen Blick zu und winkte ihnen, in die Bote zu steigen. Tigris murmelte einen Wasser abweisenden Zauber und kletterte mit drei nervösen Elfjährigen in ein Boot. Es legte ab und er blickte mit einer Mischung aus Aufregung und Beklommenheit auf die näher kommende Burg, die über ihnen aufragte. Auf eine seltsame Weise fühlte er sich, als würde er sein erstes Jahr noch einmal erleben.
Vielen Dank für eure Reviews an: blub, anni kiddo, Stupor, rah- chan, Lyonessheart, Kissymouse, auxia, the-memory-remains, Esta
Ihr wollt wissen, was ich geplant habe? lol Erwartet ihr darauf wirklich eine Antwort? Aber ich habe ein paar Hinweise gegeben... Diese Geschichte ist jedenfalls noch lange nicht zuende.
